16.02.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Urchristliche Ideen sind gefragt“

Der Bestsellerautor Bodo Kirchhoff ("Schundroman") über Banker und die Bankenkrise, den Erfolg von Charlotte Roches Roman „Feuchtgebiete“, das Schreiben über Sexualität und seinen neuen Roman „Erinnerungen an meinen Porsche“
SPIEGEL: Herr Kirchhoff, in Ihrem Roman "Erinnerungen an meinen Porsche" trifft ein junger Banker in einem Sanatorium auf eine Autorin namens Helene, die einen "Hämorrhoidenbestseller" geschrieben hat und danach in Depression gefallen ist. Neid auf den Erfolg des Romans "Feuchtgebiete" von Charlotte Roche?
Kirchhoff: Nein, die Frechheit der Autorin Roche hat mir durchaus imponiert. Was mich stört: dass ein Buch, das in einer teils kindlichen, teils polymorph-perversen Popelsprache geschrieben ist, zu einer feministischen Offenbarung erklärt wird.
SPIEGEL: Aber Sie haben keine moralischen Einwände?
Kirchhoff: Ich bitte Sie - seit 30 Jahren bemühe ich mich, sexuelles Schicksal zu erzählen. Das habe ich stets mit einigem Ernst getan. Das hat anfangs sogar dazu geführt, dass mein damaliger Verleger Siegfried Unseld Briefe bekam, in denen stand:
"Wenn ich ein Buch Ihres Autors Kirchhoff lese, muss ich danach duschen." Überlegen Sie mal, wie viele Leute da heute duschen müssten, nachdem sie "Feuchtgebiete" gelesen haben.
SPIEGEL: Was hat sich geändert?
Kirchhoff: Das Bewusstsein der Öffentlichkeit. Außerdem verschwimmt durch das Fernsehen zunehmend die Grenze zwischen Ernst und Unernst.
SPIEGEL: Spielt es eine Rolle, dass dieses Buch von einer Frau stammt?
Kirchhoff: Ja, von einer äußerlich nonnenhaft wirkenden Frau, die dazu noch aus dem Fernsehen bekannt war. Ich will das überhaupt nicht kritisieren. Jeder hat seinen Erfolg auf seine Weise verdient. Aber interessant ist schon, dass der Roche-Roman jetzt so einfach durchgewinkt wird, während ich jahrelang mit einer Art Vorstrafenregister zu kämpfen hatte.
SPIEGEL: Und nun wollen Sie mit einem neuen "Schundroman" dagegenhalten? So heißt ein sehr erfolgreiches Buch von Ihnen, das vor sieben Jahren erschien.
Kirchhoff: Nein, ich bin zwar immer wieder gefragt worden, warum ich nicht einen zweiten "Schundroman" schreibe, aber es musste etwas Neues dazukommen.
SPIEGEL: Das war dann die Bankenkrise?
Kirchhoff: Schon die ersten Meldungen aus den USA haben mich elektrisiert. Nicht weil ich dort Geld angelegt hatte, sondern weil ich als junger Mann eine Zeitlang in Amerika gelebt und als Eisverkäufer in Wohnvororten gearbeitet habe. Ich gewann den Eindruck: Das ist alles Schrott, das steht auf tönernen Füßen, das zieht noch etwas nach sich.
SPIEGEL: Haben Sie für Ihren Roman mit Bankern gesprochen?
Kirchhoff: Ja. Meine Frau und ich geben seit Jahren Schreibkurse am Gardasee, wo wir ein Haus haben. Und im letzten Sommer waren zwei Banker dabei, zwei Ex-Vorstände. Ich habe Fragen gestellt und sehr genau bei den entspannten abendlichen Gesprächen zugehört.
SPIEGEL: Banker, die bei Ihnen das Schreiben lernen wollen?
Kirchhoff: Wer so einen Job gemacht hat, muss ja nicht unbegabt sein.
SPIEGEL: Haben Sie auch die Wirtschaftsteile der Zeitungen studiert?
Kirchhoff: Intensiv. Das hat mich plötzlich viel mehr interessiert als das Feuilleton. SPIEGEL: Verstehen Sie Ihr neues Buch als Abrechnung mit der Bankenwelt?
Kirchhoff: Nein, es ist ein Reflex auf die Tatsache, dass mit Sprache immer schlampiger umgegangen wird. Wenn man einen Schuldschein zu einem Wertpapier deklariert, mit allen Folgen, die das hat, dann finde ich das doch bemerkenswert.
SPIEGEL: In Ihrem Roman wird auch gefragt, was es bedeutet, dass aus dem guten alten Bankier nun der Banker geworden ist. Ein Buchstabe macht einen wesentlichen Unterschied?
Kirchhoff: Ja, wie etwas bezeichnet wird, hat Folgen. Menschen vertrauen darauf, dass sie bekommen, was auf der Verpackung steht. Die Literatur kann auf ihre Weise zeigen, dass es sich hierbei um eine Sprache handelt, die der Täuschung und Propaganda dient.
SPIEGEL: Ihr Roman ist in einem sehr leichten Ton geschrieben - alles andere als ein Untergangsszenario. Geht das Leben nach der Krise einfach so weiter?
Kirchhoff: Wenn man ein gewisses Alter hat, weiß man, dass es immer weitergeht. Wichtig
ist herauszufinden, auf welchen Ebenen die Schäden eingetreten sind. Es gibt die Ebene der riesigen Verschuldung, das trifft unsere Kinder und Kindeskinder. Dann gibt es die der narzisstischen Kränkung: Viele sind reingefallen und haben gelitten. Diese Ebene hat mich in meinem Roman interessiert, verknüpft mit meinem Hauptthema Sexualität.
SPIEGEL: Was hat das miteinander zu tun?
Kirchhoff: Kurz gesagt: das Potenzgehabe. Der Quickie beim Sex hat mit dem Quickie des Geldes viele Gemeinsamkeiten, davon bin ich überzeugt.
SPIEGEL: In Ihrem Roman ist der Held an seinem empfindlichsten Teil schwer lädiert und hofft im Sanatorium auf Heilung. Wenn er sich an seinen Porsche erinnert, ist damit nicht nur das Auto gemeint. Gleichzeitig sinnt er sehr romantisch und sprachgewandt einer gemeinsamen Nacht mit jener Ex-Freundin nach, die ihm den Schaden zugefügt hat.
Kirchhoff: Warum nicht? Die Banker, die ich kenne, sind persönlich einfühlsam und sprachlich nicht unbegabt. Es scheint da eine Art Schizophrenie vorzuherrschen: Sie sind einerseits Teil des Systems, andererseits in der Lage, das alles und sich selbst zu durchschauen. Es sind sehr kultivierte Leute darunter.
SPIEGEL: Einige Kollegen Ihres Helden Daniel Deserno allerdings lieben die Zote.
Kirchhoff: Natürlich, diese Seite gibt es, und die wollte ich keineswegs unterschlagen. Aber ich habe mir bewusst vorgenommen, in dem Buch mit einem Minimum an Kraftausdrücken auszukommen. Ich habe das auch meiner Mutter versprochen.
SPIEGEL: Das Ausmaß der Verletzung an Desernos empfindlichem Körperteil wird allerdings detailliert beschrieben.
Kirchhoff: Das Buch ist deutlich, vielleicht sogar deftig. Aber es ist eben keine kalkulierte Provokation wie "Feuchtgebiete", schon gar nicht ein Gegenstück dazu. Das hätte mich gelangweilt. Die Sprache muss das Sexuelle aus der Dunkelheit holen, ohne ihm das Dunkle zu nehmen. Kraftausdrücke verschleiern das Dunkle, indem sie es scheinbar benennen, aber eben nur blitzlichtartig.
SPIEGEL: Die Kurklinik "Waldhaus" in Ihrem Roman beherbergt nicht nur den Banker und die Bestsellerautorin, sondern auch jede Menge "Prominentenleichen", die Rückschläge und Niederlagen erlebt haben. Der Leser glaubt die TV-Damen Sabine Christiansen und Elke Heidenreich, den ehemaligen Post-Chef Klaus Zumwinkel und manch anderen zu entdecken.
Kirchhoff: Prominenz ist ein Leben mit falscher Münze, ein Handel mit falschen Papieren. Auch wer ein Buch verkaufen will, muss sich heute mit seiner Person zeigen, ins Fernsehen gehen. Die Prominenz des Schriftstellers ist freilich minimal: In der Talkshow ist er der Reservegast. In meinem Roman stimmt im Übrigen keine der Figuren mit realen Personen überein - es sind nur Randfiguren, "supporting characters", wie es in Hollywood heißt. Damit haben diese Personen auch die Rolle, die ihnen zusteht.
SPIEGEL: Wie muss sich heute ein Schriftsteller präsentieren, um Erfolg zu haben?
Kirchhoff: Ich bin noch so aufgewachsen, dass man erst einmal etwas leistet, dass man schreibt und schreibt und schreibt - und irgendwann lädt einen dann das Fernsehen ein. Die machen es heute genau andersherum. Erst kommt die Fernsehlaufbahn und dann der Bestseller. Unsere Buchhandlungen sind gierig nach diesen Fernsehmenschen, denn da kommen die Leute in die Lesungen, weil sie die bekannten Gesichter sehen wollen. Ich habe schon irgendwo Lesungen gemacht und musste durch regelrechte Spaliere von Büchern dieser Fernsehleute hindurch, um dann an mein Tischchen zu kommen, und da saßen nicht 1000 Zuhörer, sondern auch mal nur 3 oder 30. Vor einem Jahr war ich in einer Talkshow. Man kann feststellen, wie die Quote runtergeht, wenn der Schriftsteller redet, und wie sie wieder hochgeht, wenn der Volkssänger kommt. Das sind Dinge, die nicht spurlos an einem vorübergehen.
SPIEGEL: Verspüren Sie Groll?
Kirchhoff: Ich versuche, das nüchtern zu sehen. Viele dieser TV-Prominenten wären früher Rummelplatzgrößen gewesen.
SPIEGEL: Hören wir da ein Stück Kulturpessimismus heraus? Von John Updike gab es schon vor Jahren die Befürchtung, dass er eigentlich ein Produkt herstelle, "für das es keinen richtigen Markt gibt".
Kirchhoff: Es wird immer diesen Kreis von Autoren geben, er wird sich immer wieder neu formieren. Aber es existieren immer weniger Menschen, denen die Autoren etwas zu sagen haben. An Bedeutung haben wir längst verloren.
SPIEGEL: Würden Sie sich jetzt in eine Talkshow zum Thema Finanzkrise trauen?
Kirchhoff: Mit Mut hat das gar nichts zu tun. Ich traue mir jederzeit zu, eine Talkshow aufzulockern und meine Meinung zu sagen. Die Frage ist nur, ob das die Sache weiterbringt. Und das wäre wohl nicht der Fall, es sei denn, man würde sich wirklich einmal über Sprachprobleme unterhalten.
SPIEGEL: Gab es nicht beim Schreiben einen kleinen Zwiespalt in Ihrem Kopf? Einerseits der Wunsch nach Sorgfalt, andererseits der Gedanke: Das Thema ist jetzt gerade heiß, soll ich diesmal nicht ein bisschen schneller machen?
Kirchhoff: Diesen Druck habe ich mir gemacht, indem ich nicht nur acht, sondern zwölf Stunden am Tag geschrieben habe. Aber ich war in keiner Weise weniger sorgfältig. Es gibt Bücher, bei denen einem die Storyline sehr klar ist. Am Anfang stehen immer die Personen, nie die Geschichte. Plots interessieren mich nicht. Die Personen muss ich kennen, die muss ich finden, und dann entwickelt sich die Geschichte. Wie sie läuft und wie sie endet, das wusste ich diesmal nach der Rohfassung. Das ist ein Zustand, den ich bei anderen Romanen erst nach Jahren erreichte.
SPIEGEL: In Ihrem Roman gibt es ein versöhnliches Element, als der Banker einem Gärtner nach einer verlorenen Wette 50 000 Euro überweisen lässt, die der durch die Lehman-Pleite verloren hatte. Ist das Ihr moralischer Lösungsansatz für die Krise?
Kirchhoff: Ich glaube, dass in dieser Situation, in der wir sind, wirklich die urchristlichen Ideen gefragt sind. Diese gnadenlose Selbstbereicherung einiger weniger - da wäre persönliche Wiedergutmachung angezeigt.
SPIEGEL: Hoffen Sie in der Literatur auch auf eine heilsame Krise?
Kirchhoff: Eine interessante Parallele, von der ich bei Julien Green gelesen habe: Vor der Weltwirtschaftskrise Anfang der dreißiger Jahre gab es in Frankreich einen ungeheuren Boom junger Literatur. Alles wurde veröffentlicht, unterschiedslos. Das hörte dann radikal auf, Spreu trennte sich vom Weizen. Plötzlich wurden wieder ganz andere Dinge wichtig. Verlage werden in Zukunft mehr darauf sehen müssen, was und wen sie verlegen.
SPIEGEL: Ökonomisch gesprochen erwarten Sie eine Marktbereinigung?
Kirchhoff: Ja, richtig.
SPIEGEL: Das kann aber auch dazu führen, dass seriöse Autoren weniger gedruckt werden, dafür umso mehr TV-Prominente.
Kirchhoff: Das Risiko muss man wohl eingehen. Aber ich glaube das nicht. Die größte Katastrophe wäre die, dass eine junge Kritikergeneration nachwächst, die nicht mehr weiß, was früher geschrieben wurde. Ich schreibe seit 30 Jahren, und ich erwarte, dass diese Erfahrung in die Waagschale geworfen wird. Wenn das nicht mehr gilt, dann hat man ja sein Schreibleben umsonst gelebt.
SPIEGEL: Herr Kirchhoff, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Bodo Kirchhoff
erzählt in seinem neuen Roman "Erinnerungen an meinen Porsche", der an diesem Montag im Verlag Hoffmann und Campe erscheint (224 Seiten; 17,95 Euro), vom Schicksal eines jungen Bankers, den weniger die Finanzkrise als eine intime und äußerst schmerzhafte Attacke seiner Freundin außer Gefecht gesetzt hat. In einem Kurhotel in Badenweiler bemüht sich der Held und Ich-Erzähler inmitten von Prominenten um seine physische und psychische Rekonvaleszenz. Während sich die desaströsen Nachrichten aus der Wirtschaftswelt häufen, erinnert er sich wehmütig an die guten Zeiten, als er noch im Vollbesitz von Macht und Potenz war - der titelgebende Porsche ist zugleich ein Synonym für sein malträtiertes Geschlechtsorgan. Kirchhoff, 60, der mit den Romanen "Infanta" (1990), "Parlando" (2001) und "Schundroman" (2002) bekannt wurde, hat auch Drehbücher verfasst, unter anderem für die Krimi-Serie "Die Kommissarin". Er lebt in Frankfurt am Main und gibt zusammen mit seiner Frau regelmäßig Schreibseminare am Gardasee.
Das Gespräch führten die Redakteure Markus Brauck und Volker Hage.
* Porsche und Maserati (M.) in der Münchner Maximilianstraße.
Von Markus Brauck und Volker Hage

DER SPIEGEL 8/2009
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