21.02.2009

Deutschland„Ich würfele nicht“

Der Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa, Manfred Güllner, über seine FDP-Umfrage und die Vorwürfe, er arbeite nicht seriös
SPIEGEL: Herr Güllner, Sie haben mit Ihren jüngsten Zahlen, den 18 Prozent für die FDP, für großes Aufsehen gesorgt. Sind Sie zufrieden?
Güllner: Mit den 18 Prozent?
SPIEGEL: Mit dem Aufsehen.
Güllner: Ich kann doch nicht vorhersehen, wann irgendetwas für Aufsehen sorgt.
SPIEGEL: Doch. Keine Zahl wird seit Jürgen Möllemanns "Projekt 18" und Guido Westerwelles berühmter Schuhsohle so sehr mit einer Partei verbunden wie die 18 mit der FDP.
Güllner: Aber wenn unsere Messungen 18 ergeben, dann müssen wir das auch so berichten - Schlagzeile hin, Schlagzeile her. Alles andere wäre unseriös. Wenn ich nächste Woche 19 messe, dann muss ich 19 sagen. Die Zahlen sind, wie sie sind.
SPIEGEL: Während Sie auf 18 Prozent kommen, misst die Forschungsgruppe Wahlen für die FDP eine Zustimmung von 12 Prozent. Das ist bei einer Kleinpartei eine gehörige Differenz. Wer soll Ihre Branche eigentlich noch ernst nehmen?
Güllner: Seien Sie doch froh, dass es noch mehrere Institute gibt, auch wenn die Vielfalt nicht mehr so groß ist wie früher. So können Sie entscheiden, wem Sie glauben.
SPIEGEL: Kann man da nicht gleich zum Würfel greifen?
Güllner: Sehr witzig. Ich würfele nicht. Ich habe Vertrauen in meine Befunde. Sie können natürlich sagen, Forsa übertreibt und stattdessen der Forschungsgruppe glauben. Aber mir scheint unsere Zahl sehr plausibel und sehr richtig zu sein.
SPIEGEL: Was erklärt in Ihren Augen den Höhenflug der FDP? Mögen die Menschen jetzt Guido Westerwelle?
Güllner: Es ist momentan völlig egal, ob sie Westerwelle mögen oder für welche Inhalte die FDP steht. Die 18 verdankt die FDP dem schlichten Umstand, dass sie existiert. Der Schlüssel ist die Schwäche der Union. 40 Prozent derjenigen, die derzeit FDP wählen würden, gehören eigentlich zum Reservoir der Union.
SPIEGEL: Ihre andere Spezialität sind Minusrekorde für die SPD. Kein anderes Institut misst für die Genossen geringere Werte, aktuell sind es 22 Prozent. Wie kommen Sie dazu?
Güllner: Ich habe nichts gegen die SPD. Leider aber hat die SPD seit langem nicht mehr hören wollen, wie die Realität ist. Für die SPD ist zwei mal zwei nicht mehr vier, sondern neun.
SPIEGEL: Als Kurt Beck noch Parteivorsitzender war, sagten Sie, er verschärfe die Krise der SPD dramatisch. Jetzt ist er schon ein halbes Jahr weg, aber die Zahlen für die SPD sind gleich geblieben.
Güllner: Beck musste weg, das war eine notwendige Voraussetzung dafür, dass die SPD wieder Vertrauen gewinnen kann. Aber es war allein nicht hinreichend.
SPIEGEL: "Ich kann diesen Scheiß langsam nicht mehr hören", sagt SPD-Fraktionschef Peter Struck über Ihre und andere Umfragen.
Güllner: Das ist eine menschliche Reaktion. Wenn die Zahlen schlecht sind, werden die Leute frustriert. Die meisten Politiker in Deutschland gehen im Übrigen nicht richtig mit Umfragen um, sie werten sie häufig als Angriff auf sich. Sie sollten aber wissen, dass wir Stimmungen messen, und sich dann überlegen, was sie ändern können oder müssen. Panisch zu reagieren ist das Falsche.
SPIEGEL: Ihre Zunft hat vor der letzten Bundestagswahl eine peinliche Leistung abgeliefert. Wird es in diesem Jahr besser werden?
Güllner: Das kann man so nicht versprechen. Wir werden vor einer Wahl niemals präzise Prognosen abgeben können, wir können nur die jeweils aktuelle Stimmung messen. Diese Stimmungen können sich drehen. Und das ziemlich rasch.
SPIEGEL: Wann wird die FDP die SPD bei Forsa einholen?
Güllner: Für mich war undenkbar, dass die SPD mal nahe den 20 Prozent rangiert. Das ist geschehen. Wenn die FDP nicht nur ein Zwischenhoch hat, wenn der Höhenflug anhält, dann könnte sie auch die SPD überholen. Da kann man nichts mehr ausschließen.
INTERVIEW: MARKUS FELDENKIRCHEN
Von Markus Feldenkirchen

DER SPIEGEL 9/2009
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