21.02.2009

AUSSTELLUNGEN

Geheimnisvolle Gesichter

Dass die Briten für einen Deutschen ihre ehrwürdige National Portrait Gallery freiräumen, kommt nicht alle Tage vor. Doch für Gerhard Richter, den man in London als einen der führenden Künstler der Welt ankündigt, ist das nicht zu viel der Ehre. Vom kommenden Donnerstag an werden seine magischen, oft geheimnisvollen Porträts in der britischen Hauptstadt zu sehen sein (bis 31. Mai, deutsche Katalogausgabe im DuMont Verlag). Richter, 77, greift stets auf fotografische Vorlagen zurück, auf Motive, die ihn nicht loslassen, und er überträgt seine Faszination so gekonnt wie kein anderer auf die Leinwände - das gilt auch und gerade für seine Porträts. In den sechziger Jahren hat der Kölner Künstler etwa das ganze Drama um den Mord an John F. Kennedy, die ungewisse Zukunft der amerikanischen Nation, in einem Bild der trauernden Witwe Jackie zusammengefasst. Das Politische im Privaten klammert er auch in der eigenen Familiengeschichte nicht aus: "Onkel Rudi" (1965) etwa zeigt den Bruder von Richters Mutter in Wehrmachtuniform, entstanden ist auch dieses Porträt nach einer alten Fotografie. Immer wieder hat der Künstler seine Familie gemalt, hat Irritationen eingebaut, die jeder sehen und keiner außer ihm selbst genau erklären kann. Das rätselhafte, 1988 entstandene Bild von Betty, seiner Tochter aus erster Ehe, wurde zu einem der berühmtesten Gemälde der jüngeren Kunstgeschichte. Es verwirrt schon deshalb, weil die junge Frau ihr Gesicht abwendet, so dass man über ihr Aussehen nur spekulieren kann. Anfangs habe er wegen dieser Komposition Bedenken gehabt, gestand Richter vor ein paar Jahren: "Es schien mir zu filmisch, so in Richtung Hitchcocks ,Psycho'." In London präsentiert er nun ein Porträt seiner jüngsten Tochter Ella. Ein Mädchen von großer Schönheit, das den Blick nachdenklich nach unten richtet. Wieder liegt eine fast unerklärbare Spannung im Bild - und wieder kündigt sich eine kunsthistorische Ikone an.


DER SPIEGEL 9/2009
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