02.03.2009

KRIMINALITÄTIm Magnetfeld des Meisters

Nächste Woche beginnt der Prozess gegen Helg Sgarbi, den mutmaßlichen Erpresser der Milliardärin Susanne Klatten. Doch die entscheidende Frage bleibt wohl unbeantwortet: War der Gigolo nur ein Werkzeug in der Hand des italienischen Gurus Ernano Barretta?
Das also soll er werden, der erfolgreichste Tag im Leben des Helg Sgarbi, der 14. Januar 2008. Sgarbi sitzt in seinem 300er-Mercedes, auf dem Autobahnrastplatz in Vomp, Österreich, und er wartet auf 14 Millionen Euro. Auf seine Beute. Auf das Geld, das er von der reichsten Frau Deutschlands erpressen will, Susanne Klatten. Er rechnet fest damit, dass sie zahlt, er ist ein Gigolo, ein Meister darin, reiche Frauen auszurechnen, ihre Sehnsüchte, Hoffnungen, Schwächen, er hat sich selten verrechnet. Bis zu diesem Tag. Bis zu Klatten. Klatten schickt kein Geld. Klatten schickt die Polizei.
Damit endet - so zumindest die Sicht der Ermittler - auf einem tristen Parkplatz die kriminelle Karriere eines Frauenflüsterers, der sich in die einsamen Herzen wohlhabender Damen schlich. Der mit großen Gefühlen dealte, sie damit süchtig, abhängig machte, bis der Rausch der Sinne in einen Horrortrip umschlug, in Drohung, Erpressung, Geldforderungen. Nicht nur bei Klatten, auch bei anderen Frauen, die sich freikauften von der Angst, dass heimlich gedrehte Bilder amouröser Treffen in die Öffentlichkeit gelangen könnten.
Die Abrechnung dafür folgt nun am 9. März: In München, im Landgericht I, beginnt das Strafverfahren, vor mehr als 100 akkreditierten Journalisten, angekündigt als Prozess des Jahres. Der Schweizer Sgarbi, 44, wird dann auf der Anklagebank sitzen, als böser Verzauberer, einer aber wird im größten Saal des Gerichts fehlen: sein Zaubermeister. Der Mann im Hintergrund, der mutmaßliche Drahtzieher Ernano Barretta, 63.
Der Italiener bleibt außen vor, und damit die vielleicht wichtigste Frage, auch für das Strafmaß: War Sgarbi voll verantwortlich für die sieben Taten gewerbsmäßigen Betrugs, versuchten gewerbsmäßigen Betrugs und versuchter gewerbsmäßiger Erpressung, die ihm die Anklage vorwirft? Oder war er nur eine Art ferngelenktes Präzisionsinstrument, kontrolliert von Barretta, jenem Guru aus den Abruzzen, der seinen Jüngern gern mal erzählte, dass er übers Wasser laufen könne?
Der Anklagesatz der Staatsanwaltschaft liest sich auf zwölf Seiten so, als existiere dieser Barretta gar nicht; der Name taucht keinmal auf. Und auch Sgarbi hat alles getan, damit der in Italien unter Hausarrest stehende Barretta in München keine Rolle spielt. Keine Aussage von Sgarbi, also auch keine, die Barretta belastet hätte. So geht es jetzt nur um den Herzensbrecher, nicht den Kopfverdreher. Um Ergebnis statt Erkenntnis. Um Aburteilen statt Ausermitteln.
Als Helg Sgarbi festgenommen wurde, in Vomp, war er nicht allein. Auf dem Parkplatz, in einem neuen Audi Q7, wartete auch Barretta. Und in seinem Auto fanden die Ermittler einen Zettel, darauf nicht nur der Name "Klatten", sondern auch noch die Namen von drei Frauen, die nun ebenfalls in München aussagen könnten. Als Zeugen für Sgarbis Talent, sie zu erobern. Und für die miese Tour, mit der er auch sie nach Überzeugung der Staatsanwaltschaft um ihr Geld bringen wollte.
Das aber ist noch nicht alles, was Barretta belastete: Nach Erkenntnissen der Ermittler hatte er am 21. August 2007 das Zimmer 630 des Holiday Inn in München bezogen. Nebenan, in Zimmer 629: Sgarbi und Klatten. Es war der Tag, an dem der heimlich gedrehte Film entstand, für den die BMW- und Altana-Großaktionärin später 14 Millionen Euro zahlen sollte.
In Vomp nahm die Spezialeinheit Cobra beide fest, Sgarbi und Barretta. Doch während die Österreicher Sgarbi nach Deutschland auslieferten, ließen sie Barretta gehen, zurück in sein Bergdorf Pescosansonesco. Italienische Fahnder verwanzten sein Telefon, sein Auto, legten sich auf die Lauer, warteten ab. Im Mai schließlich die Verhaftung: Ein Barretta-Vertrauter hatte versucht, 120 000 Euro nach Ägypten zu schmuggeln, die Fahnder hatten den Plan abgehört. Am Flughafen Rom nahm die Polizei ihn fest, außerdem Barretta, Barrettas Sohn Marcello und dessen Verlobte. Hinterher fanden die Ermittler auf Barrettas Grundstück 1,7 Millionen Euro.
Damals hätten die Deutschen Barretta gern gehabt, doch eine Auslieferung lehnten die Italiener ab. Seitdem gibt es zwei Hauptbeschuldigte, aber nur einen, auf den die Staatsanwaltschaft München ihr Visier eingestellt hat: Sgarbi, den Frauenbetörer und -betäuber aus der Schweiz.
Es gebe keinen Deal mit Sgarbis Anwälten, stellt Behördensprecher Anton Winkler klar. Die Höchststrafe beträgt 15 Jahren, die Vorstellung der Ankläger lag wohl nicht weit genug darunter, um überhaupt dealen zu können. Von "zweistellig" ist in Münchner Justizkreisen die Rede.
Damit kommt es nun auf die Verteidiger an, muss die Staatsanwaltschaft abwarten, wie der Frankfurter Anwalt Egon Geis und sein Schweizer Kollege Till Gontersweiler am 9. März eröffnen. Legt ihr Mandant trotzdem ein Geständnis ab? "Dann geht alles schneller", sagt Winkler von der Staatsanwaltschaft. Und wenn er schweigt? Dann bleibt nur die Beweisaufnahme. "Dann kommen die Damen", kommt Klatten. Aber auch nur dann. Ein Geständnis, und ihr bliebe der peinliche Auftritt als Zeugin erspart.
Alles starrt also auf den Auftakt, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten: das Geständnis, das Sgarbi ein paar Jahre Strafrabatt bringt - oder doch ein langer Prozess, in dem die Verteidiger das Gericht ermüden, Zeugen unglaubwürdig machen, auf Formfehler warten könnten.
Für den dritten Weg scheint sich dagegen niemand zu interessieren, obwohl er so naheliegt. Bisher haben nicht mal Sgarbis Anwälte versucht, ihren Mandanten zu entlasten, indem sie den mutmaßlichen Komplizen Barretta in den Vordergrund rücken. Weil Sgarbi es nicht zulässt? Frühere Wegbegleiter behaupten, dass er nie etwas tun könnte, was Barretta schaden würde; gerade das zeige schon seine Abhängigkeit. Sgarbi-Anwalt Geis äußert sich vor Prozessbeginn grundsätzlich nicht mehr zu dem Fall.
Aber auch die Staatsanwaltschaft hat keinen Versuch gemacht, das Verhältnis der beiden auszuleuchten, zumindest keinen, der sich im Anklagesatz niedergeschlagen hätte. Wie die Verteidigung hat sie auf einen Antrag verzichtet, Sgarbis Psyche begutachten zu lassen. Auch eine Expertise aus dem Prozess heraus ist Behördensprecher Winkler zufolge "nicht beabsichtigt". Und dass Barretta im Anklagesatz überhaupt nicht auftaucht, trotz der Festnahme zur selben Zeit, am selben Ort? "Wir gehen von einer Komplizenschaft aus", sagt Winkler. Umso merkwürdiger, dass er dann im Anklagesatz fehlt.
Weil er in Italien sitzt, weit weg? Oder weil herauskommen könnte, dass Sgarbi ihm hörig war - und sich so etwas strafmildernd auswirken könnte? "Im Verfahren angeklagt ist Herr Sgarbi, nicht Herr Barretta", teilt Winkler schlicht mit.
So sieht es nun ganz danach aus, als sei das, was beide verbindet, nicht der Rede wert. Und das, obwohl Sgarbi schon seit fast 20 Jahren im Magnetfeld seines Meisters festhängt und es Indizien zuhauf für Hörigkeit gibt. Denn so wie Sgarbis Charme reine Magie war, so war Barrettas Wirkung reine Manipulation.
Barrettas Leben begann in Armut, als eines von zehn Kindern, aber es begann auch in Pescosansonesco, einem Wallfahrtsort; er sah die Pilger, die Inbrunst, mit der sie zum seligen Nunzio Sulprizio flehten. Offenbar zog er daraus die Lehre, Armut künftig besser zu vermeiden und sich dazu auf die segensreiche Wirkung tiefer Gläubigkeit zu verlassen. Er ging in die Schweiz, er wollte Geld verdienen, als Automechaniker, aber mehr als sein Beruf brachte seine Berufung ein: Er strahlte etwas aus, die Reinheit des einfachen Mannes vom Land, er reicherte das an, mit Versatzstücken des katholischen Volksglaubens; so sammelte er in Zürich schnell Anhänger. Besonders Akademiker waren entzückt und entrückt, wenn er sie, nach dem gemeinsamen Abendmahl, ins Nebenzimmer bat, um sie zu "heilen".
Glaubt man Aussteigern, teilte er den harten Kern seiner Gruppe bald in Ressorts ein: eine Abteilung, die sich um den Autohandel kümmern sollte, den er aufgezogen hatte, eine für die Mitgliederwerbung, eine für Inserate. Die sollte über Anzeigen in Zeitungen Spenden für angeblich wohltätige Zwecke sammeln, während die Sektion "Produktverkauf" Käse und Olivenöl aus Pescosansonesco losschlug. Die wichtigste Abteilung aber war die für "Finanzen". An ihrer Spitze, so Ex-Mitglieder der Gruppe, ein hoffnungsvoller Jura-Absolvent, der Anfang der neunziger Jahre zu ihnen gestoßen war: Helg Russak, der später nach einer Heirat Sgarbi heißen sollte.
Damit von seinen Jüngern keiner den Glauben daran verlor, dass Barretta dem Herrgott sehr nahestand, ließ er Wunder um Wunder geschehen. Besonders beliebt: Blutwunder. Vorzugsweise freitags, so erzählten frühere Anhänger dem Zürcher "Tages-Anzeiger", soll Barretta an Händen und Füßen geblutet haben, so wie Jesus am Kreuz. Seine Erklärung: Er leide Qualen, für die Sünden seiner Jünger. Mal habe Barretta auch betend in einer Blutlache gelegen, mal soll ein blutiges Kreuz wie von Geisterhand an der Wohnungstür erschienen sein. So hoch war der ständige Blutverlust, dass das nötige Rohmaterial dafür aus örtlichen Fleischereien kommen musste - behaupten Aussteiger.
Für die eine oder andere Trickserei erteilte sich Barretta gern mal die Absolution. Dagegen ahndete die irdische Gerichtsbarkeit 1990 eine fortgesetzte Auto-Hehlerei mit einer Bewährungsstrafe über 11 Monate und den Verstoß gegen einen Bebauungsplan 2001 mit knapp drei Monaten.
Und auch Aussteiger fühlten sich von Barretta geprellt, weil dem Scheinheiligen offenbar nur ihre Scheine heilig waren. 1994 ermittelte die Bezirksanwaltschaft Zürich, weil er Anhänger abhängig gemacht, dann ausgepresst haben soll. Die Sache versandete, nachdem Barretta in die Abruzzen zurückgekehrt war.
Ständig beschwor er seine Jünger, ihm Geld zu geben, von ihrem Gehalt, aus ihren Pensionsrücklagen. In Pescosansonesco kaufte er sich dann nach und nach ein Reich zusammen: Neun Immobilien gehören heute seiner Familie, darunter das großzügige Hotel Rifugio Valle Grande.
Barrettas besonderes Wohlgefallen ruhte schon in dieser Zeit auf Helg Russak, dem späteren Sgarbi. "In Italien war jeder von uns symbolisch ein Jünger Jesu", erinnerte sich ein Ex-Anhänger im "Tages-Anzeiger". Russak war Petrus, der Lieblingsjünger, der Fels, auf dem auch Jesus seine Kirche bauen wollte. Also durfte Russak auch den ersten Stein für das Fundament von Barrettas Hotel legen. "Er verspürte eine riesige Verantwortung für das Projekt. Mit Gehirnwäsche und Suggestion hatte Barretta ihn zu seiner rechten Hand gemacht. Russak war nicht mehr er selbst, er war Barretta", berichtet der Aussteiger. Schon damals soll er den Gigolo gegeben haben: "Barretta", so ein Ehemaliger, "sagte ihm, Geld sei Sünde. Um die reichen Frauen davon zu reinigen, müsse Russak es guten Zwecken zuführen." 2003 heiratete Russak eine Schweizerin. Auch sie lebt als Jüngerin in Pescosansonesco, eine von denen, über die es heute in Akten der Staatsanwaltschaft Pescara heißt: "Sie waren psychologisch konditioniert und wurden wie Sklaven für Arbeiten benutzt oder in den illegalen Geschäften Barrettas als Strohleute eingesetzt."
Sgarbi arbeitete meist auswärts. Im Jahr 2003, er hatte gerade bei der 83-jährigen Comtesse Verena du Pasquier-Geubels aus Monaco gut sieben Millionen Franken abgeschöpft, wurde seine Verbindung zu Barretta erstmals gerichtsbekannt. Er hatte versucht, Christina Weyer, eine Freundin der Comtesse, mit Aufnahmen von einem gemeinsamen Seitensprung zu erpressen.
Die Frau des "schönen Konsuls" Hans-Hermann Weyer hatte Sgarbi nachspioniert und - so das Urteil des Schweizer Bezirksgerichts Bülach - Barretta auf dem Anrufbeantworter Vorwürfe gemacht. Über ihn sei Sgarbi in eine mafiöse oder sektenähnliche Organisation verwickelt, so Weyer schon damals.
Sie hatte hinter Sgarbis schöne Maske schauen wollen; Sgarbi machte trotzdem weiter. Wie Barretta war er ein begnadeter und gnadenloser Illusionist, kalkulierte den Effekt, und der Effekt zielte auf wohlsituierte Damen. Von älter bis steinalt, von reicher bis steinreich. Elegant, mit einer Spur Traurigkeit im jungenhaften Gesicht, weckte er bei vielen ein lange verwelktes Gefühl: gebraucht zu sein, begehrt zu sein, wertvoll zu sein. Nicht wegen ihres Geldes, sondern wegen des Menschen, der sie einmal waren, vor ihrem Reichtum, oder der sie immer mal sein wollten, trotz ihres Reichtums.
Ende 2005 lernte er im Schweizer Grand Hotel Quellenhof die 64-jährige Gattin eines Möbelhändlers aus Niederbayern kennen. Sgarbi stellte sich vor: in Rio geboren, ungewolltes Kind, mit 16 auf sich allein gestellt. Sie hatte Mitleid, es tat so gut, mit ihm zu leiden, "er war sehr faszinierend", gab die Frau später zu Protokoll.
Dann seine Lieblingsgeschichte: ein Autounfall in den USA, er sei schuld, müsse 1,2 Millionen zahlen, sonst gehe er ins Gefängnis. Sie gab ihm die Hälfte, aber er kam schon mit der nächsten Geschichte: In Rom habe man seinen Laptop gestohlen, mit intimen Bildern, die er von ihnen gemacht habe. Jetzt erpresse ihn die Mafia. Insgesamt soll die Frau Sgarbi 2,1 Millionen Euro gezahlt haben.
Das nächste Opfer gabelte Sgarbi im noblen Wellness-Hotel Lanserhof bei Innsbruck auf, jetzt sein bevorzugtes Jagdrevier. Zwischen Vollkornkost und Kräutertee betörte er im Sommer 2007 die 49-jährige Monika S., machte ihr das Herz leicht und das Konto laut Anklage um 294 000 Euro leichter. Von einer anderen Dame, Elfriede R., wünschte er sich angeblich ein Darlehen über 800 000 Euro - sie zahlte allerdings nicht.
Und dann kam Klatten, 46, in den Lanserhof. Sgarbi fand sie, fing sie, ging mit ihr wandern. Er erzählte von sich, erst ganz bescheiden, so von Mensch zu Mensch, über sein Jurastudium, seine frühere Arbeit in einer Bank. Später gab er sich geheimnisvoller, deutete an, Sonderberater der Schweizer Regierung zu sein, in Krisengebieten, mit Diplomatenpass und diskreten Aufträgen.
Alles nur erfunden, und natürlich auch der plötzliche Schicksalsschlag, der übliche: Als er sie das nächste Mal anrief, kam er angeblich gerade aus den USA zurück. Er habe da ein Kind angefahren, müsse sich bei einer Mafia-Familie freikaufen, mit zehn Millionen Euro, drei habe er selbst. Es rührte Klatten an, sieben Millionen gab sie ihm in der Tiefgarage des Münchner Holiday Inn, als Darlehen. Doch das reichte ihm offenbar nicht. In Zimmer 629 des Hotels, so die Staatsanwaltschaft, soll Sgarbi am 21. August 2007 ab 16.12 Uhr heimlich Filmaufnahmen gemacht haben, mindestens 38 Minuten, die ihn mit Klatten in kompromittierender Situation zeigen. Laut Anklage drohte er, die delikaten Szenen zu verschicken. An Klattens Mann, die Presse, wohin auch immer.
Wenn es so war, tat Sgarbi das alles allein? Und was machte dann Barretta im Nebenzimmer 630, was in Vomp, bei der geplatzten Geldübergabe? Und wer kassierte Klattens sieben Millionen? Fest steht, dass Sgarbi jahrelang in der Schweiz in einer Ein-Zimmer-Wohnung lebte und einen alten Mercedes fuhr, trotz der vielen Millionen, die er schon bekommen hatte. Das Einzige, was er im Überfluss besaß, waren Jesus-Bilder und Heiligenfiguren.
Barretta dagegen residierte in einer Villa, fuhr Rolls-Royce, Lamborghini und Ferrari, und als er schon abgehört wurde, sagte er über den Fall Klatten: "Weißt du, wer das ist? Die reichste Frau Deutschlands. Die hat eine enorme Macht ... Ich habe den größten Fehler meines Lebens gemacht."
Am 24. März entscheidet das Gericht in Pescara über die Zulassung der Anklage gegen Barretta. Der sagte kürzlich einer Zeitung in Italien, er sei "hundertprozentig unschuldig", wisse nichts von Erpressungsgeld und habe sich jeden Euro ehrlich verdient. Als guter Katholik habe er auch nie eine Sekte geführt. Sein Anwalt Sabatino Ciprietti ergänzt, Sgarbi sei einfach nur ein Freund von Barretta, deshalb seien sie auch beide in Vomp gewesen und im Holiday Inn. Von Hörigkeit keine Spur. Und mit dem Fall Klatten habe sein Mandant gar nichts zu tun. Was früher in der Schweiz vorgefallen sei, in der angeblichen Barretta-Gruppe, dazu könne er nichts sagen. Barretta selbst wollte mit dem SPIEGEL nicht sprechen.
Staatsanwalt Gennaro Varone hält ihn dagegen für Sgarbis Anstifter. "Sgarbi ist einer, der sich von jemandem wie Barretta manipulieren lässt, da gibt es keinen Zweifel", sagt einer der Ermittler. Für den Münchner Prozess soll das alles aber offenbar nicht so entscheidend sein. Dort bleibt damit nur noch ein Rest an Unberechenbarkeit übrig: Was in Sgarbis Kopf vorgeht. Ansonsten spricht einiges für ein Geständnis: Es geht um sieben Straftaten. Allein der Fall Klatten, heißt es in der Justiz, könnte Sgarbi fünf Jahre einbrocken. Da ist die hohe Summe im mutmaßlichen Betrugsfall - 7 Millionen Euro. Hinzu kommt noch die versuchte Erpressung.
Selbst wenn seine Anwälte gegen den Betrugsvorwurf ankämpfen wollten, etwa mit der Frage, ob Klatten überhaupt mit der Rückzahlung ihrer Millionen gerechnet hatte - es bleiben wohl zu viele Vorwürfe übrig. Denn da gibt es noch die anderen Frauen, mit denen aus einem Einzelfall, Klatten, eine Masche wird, die vermutete Gewerbsmäßigkeit. Auf sieben bis acht Jahre taxiert ein erfahrener Strafverteidiger alles zusammen, aber nur, wenn Sgarbi gleich gestehen sollte. Ein Geständnis ist deshalb die sicherste Strategie, Strafrabatt zu bekommen - für seine Einsicht, vielleicht Reue, die Schonung der Zeugen. Und noch etwas hätte Sgarbi dann erreicht: Dass der Name Barretta in München keinmal fällt. JÜRGEN DAHLKAMP,
SVEN RÖBEL, ALEXANDER SMOLTCZYK
Von Jürgen Dahlkamp, Sven Röbel und Alexander Smoltczyk

DER SPIEGEL 10/2009
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