DER SPIEGEL



AUTISMUS

Picknick im Genitiv

Von Bethge, Philip

Kann ein Engländer binnen einer Woche perfektes Deutsch erlernen? In Hamburg tritt der Autist Daniel Tammet an, es zu beweisen.

Daniel Tammet mag die deutsche Sprache. Sie sei "wie ein sauberer Raum mit perfekt rechtwinkligen Ecken", "aufgeräumt und geradeaus", zugleich "poetisch, transparent und elegant".

"Nehmen Sie zum Beispiel Wörter wie ,bisschen' oder ,Löffelchen'; ich mag dieses angefügte ,chen'."

Oder das Wort "Gras": "Mir gefällt, dass der erste Buchstabe passt; Wörter mit ,G' sind für mich grün", sagt der Brite und lächelt dieses ihm eigene feine Lächeln. Es ist Donnerstag vergangener Woche im Hamburger Hotel Wedina, und der 30-Jährige hat noch vier Tage Zeit. Dann will er, nach nur einer Woche Training, genug Deutsch gelernt haben, um bei der Talkshow "Beckmann" im Fernsehen fließend über Hirnforschung, Autismus und sein neues Buch zu parlieren*.

Tammet ist ein Inselbegabter, ein Savant. Als Kind hatte er epileptische Anfälle. Ärzte diagnostizierten später das Asperger-Syndrom, eine milde Form von Autismus. Die Welt der Emotionen erschloss er sich durch hartes Training.

Fremde Wörter und Zahlen hingegen fliegen ihm zu. Der Autist sieht Farben und Formen, wo für die meisten nur graue Wörter oder spröde Zahlen stehen. Er lernte 22 514 Stellen der Kreiszahl Pi auswendig. Er weiß auf Anhieb, dass der 10. Januar 2017 ein Dienstag sein wird. Gleichzeitig wandert er leichtfüßig durch die kantigen Gebirge der Sprache.

Tammet beherrscht das Rumänische, Gälische, Walisische und noch sieben weitere Sprachen. Isländisch lernte er für eine TV-Dokumentation binnen einer Woche. Am Ende gab er ein Live-Interview im Fernsehen. Tammet war etwas nervös, parlierte aber recht flüssig mit den Moderatoren. Er riskierte sogar ein Witzchen in der weithin als besonders komplex gefürchteten Sprache. Bis heute beherrscht er sie.

In der vergangenen Woche nun spazierte Tammet durch deutsche Bandwurmsätze, picknickte im Genitiv, strolchte durch die verschiedenen Pluralformen. Rudimentäres Deutsch aus der Schulzeit hatte er zwar im Gepäck. Seine Begleiter waren dennoch fassungslos.

"Es ist faszinierend, wie er lernt, auch deshalb, weil es kaum nachvollziehbar ist", sagt Sprachcoach Christiane Spies, die Tammet die ganze Woche über beistand. "So etwas habe ich noch nie erlebt."

Tammet lernt Sprachen zunächst durch stundenlanges Lesen, vor allem von Kinderbüchern. Leise spricht er die Wörter vor sich hin, wirkt ruhig und hochkonzentriert. Nur pünktlich um 13 Uhr wird er nervös. Dann ist es Zeit für das Mittagessen.

Am Nachmittag flanieren die beiden durch die Stadt, unterhalten sich über hanseatische Geschichte, besuchen Museen und Galerien. "Er braucht wahnsinnig viel Futter", sagt Spies, "sonst wird ihm schnell langweilig." Neue Wörter vernetzt Tammet sofort mit Bekanntem. Wie heißt das in anderen Sprachen? Welche Ausdrücke sind ähnlich?

"Wolle - Baumwolle - Wolle spinnen", notiert er in seiner kleinen Schrift. So gehe das die ganze Zeit. Zwischendurch hält er inne, lauscht in sich hinein. "Er macht nicht den Eindruck, als würde ihn das Lernen anstrengen", sagt Spies. Doch wie ist das möglich?

Tammet versucht es zu erklären: "Ich lerne neue Sprachen intuitiv, ähnlich wie ein Kind." Grammatik interessiere ihn nicht. Stattdessen lasse er sich treiben, suche nach Mustern im Satzbrei, verschnüre die Wörter zu Paketen. "Kleine runde Dinge fangen in Deutsch häufig mit ,Kn' an", sagt er: "Knoblauch, Knopf, Knospe". Oder die langen, dünnen Sachen; sie beginnen oft mit "Str": "Strand, Straße, Strahlen".

"Ich versuche, ein Gefühl für die jeweilige Sprache zu entwickeln", sagt der Savant. Dabei helfe ihm, dass Regionen in seinem Gehirn ungewöhnlich verschaltet seien. Normale Menschen denken in isolierten Kategorien. Bei Tammet jedoch ist alles vernetzt: "Wenn ich über Wörter nachdenke, nutze ich Informationen aus allen Teilen meines Gehirns", sagt er. Gefühle, Farben und Formen verbinden sich mit den Wörtern. So lernt er rasend schnell.

Ist Tammet deshalb ein Sonderling? Seine Scheu ist auffällig. Und doch wirkt er auf fast unheimliche Weise sympathisch. Er spricht mit leiser, warmer Stimme. Seine Augen halten dauernden Blickkontakt, anders als erwartet.

Tammet will erklären, erfahrbar machen, wie er die Welt sieht. Er will Spaß am Lernen vermitteln, Freude an Zahlen, Wörtern und Gedanken: "Ich hoffe, dass meine Erfahrungen den Leuten helfen können, ihre eigenen Talente zu entdecken und zu fördern."

"Liebe ist die treffende Bezeichnung für das, was ich für Sprache empfinde", sagt Tammet. Wie weit ihn diese Liebe trägt? An diesem Montag wird er es unter Beweis stellen. Ende vergangener Woche war Tammets Deutsch noch etwas holprig. Die Herzen der Fernsehzuschauer wird er allerdings fast sicher erobern.

"Sein Wesen ist wirklich anrührend", sagt Sprachcoach Spies, "seine Art des Lernens, der Mensch als Ganzes."

"Wie klein muss ein Löffel sein, damit er ein Löffelchen ist?", fragt Tammet. Ein Teelöffel reicht ihm nicht. Der winzige Löffel aus einem Salzfass muss her.

So klein. Der verdient ein "chen".

PHILIP BETHGE

* Daniel Tammet: "Wolkenspringer". Patmos, Düsseldorf; 320 Seiten; 19,90 Euro. Sendetermin bei "Beckmann": Montag, 2. März, 22.45 Uhr, ARD.

DER SPIEGEL 10/2009
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