09.03.2009

KABINETTDer Gegen-Glos

Der neue Wirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg hat wie sein Vorgänger von Ökonomie wenig Ahnung, erlebt aber bislang einen Höhenflug ohne Beispiel. Von Christoph Schwennicke
Der BMW bügelt die A 9 Richtung Berlin glatt, als Karl-Theodor zu Guttenberg zwischen Leipzig und Dessau die letzten Tage schließlich doch einholen. "Boah", sagt er und reckt sich auf der Rückbank, so gut es geht. "Jetzt kommt aber die Müdigkeit!" Solange man keine wirklichen Pausen habe, merke man das gar nicht so sehr. Erst wenn man sich mal wieder zu Hause im eigenen Bett ausgeschlafen habe. Er greift in eine Tüte saurer Stäbchen und schiebt ein Dextro Energy hinterher.
Erschöpfung, Unterzucker. Auf Höhe des Schkeuditzer Kreuzes ist schließlich der physiologische Beweis erbracht, worum es sich beim neuen Wirtschaftsminister handelt. Er wird müde. Er hat Hunger. Er muss also doch ein Mensch sein.
Was für eine Erleichterung. Man hätte schon der Idee erliegen können, dass es irgendwo in diesem Land ein Labor geben könnte, in dem Guttenberg am Reißbrett entworfen und im Windkanal optimiert wurde. Es ging alles so schnell. Die steilste politische Karriere der vergangenen Jahre, der jüngste Wirtschaftsminister des Landes.
Guttenberg muss selbst Schwierigkeiten haben, mental mit seiner eigenen Karriere Schritt zu halten. Zehn Jahre ist es her, da hätte er noch nicht sagen können, wo in seiner Heimatstadt Kulmbach überhaupt die CSU-Geschäftsstelle liegt. Hundert Tage hatte er als CSU-Generalsekretär Zeit, sich die Partei anzuschauen, für die er künftig sprechen sollte. Und vor vier Wochen machten ihn die Umstände nach dem Rücktritt des gramgebeugten Michael Glos zum Bundesminister für Wirtschaft - in einer Situation, in der auch Karl Schiller oder Ludwig Erhard tief hätten durchatmen müssen.
Guttenberg ist 37 Jahre alt. Er ist Oberfranke, was für die CSU-Personalstatik unglaublich wichtig ist. So kam er zu dem Job.
Kein PR-Stratege hätte sich so eine Figur ausdenken können, ohne sich lächerlich zu machen. 800 Jahre Adelsgeschichte in die Wiege gelegt, eine vornehme Vornamenskette, einen Verbündeten der Hitler-Attentäter um Stauffenberg und einen Staatssekretär im Stammbaum. Er ist mehrsprachig, heimatverbunden und weltläufig, hat eine Bismarck zur Frau und eine Dogge, die Freddy heißt.
Die Anzüge sehen an ihm aus, als hätte ein Herrenausstatter in der Londoner Savile Row Maß genommen, stammen aber von der Stange, Größe 98, für die schlanken Großen. Parkettsicher, wortgewandt, beste Manieren.
Die Arroganz, die viele an ihm feststellen, könnte im Auge des Betrachters liegen. Man kann ihn anders kaum ertragen. Guttenberg ist das männliche Pendant zu Familienministerin Ursula von der Leyen. Ein wandelnder Vorwurf, eine Zumutung an Perfektion.
Und diese Zumutung sitzt an diesem Samstag auf dem Weg zurück nach Berlin in seinem Dienstwagen und sagt, das mit der Arroganz sage ihm zwar kaum jemand ins Gesicht, aber er lese öfter davon. An einem der vergangenen Abende habe er sich deshalb darüber einige Gedanken gemacht, weil er sich frage, woher das komme. Schließlich sei ihm schon in der Schule, im Gymnasium, jedweder Anflug von Dünkel ausgetrieben worden. "Die hätten mich doch sofort fertiggemacht."
Und dann sagt er, es sei komisch, manche Vorwürfe träfen ihn, aber jener der Arroganz, "der trifft mich gar nicht".
Er selbst nennt sich auch lieber demütig. Ja, er empfinde Demut. Demut, weil sich sein Ehrgeiz mit Fügung paare. Demut, weil er Deutschland dienen dürfe. Demut vielleicht auch davor, dass der Zufall oft ein wunderbarer Regisseur ist.
So wie an einem Donnerstagmorgen um kurz vor neun am Osteingang des Reichstags. Es ist kalt, es schneit, und es ist noch acht Minuten bis zu dem Augenblick, in dem Guttenberg vor Bundestagspräsident Norbert Lammert stehen wird, die rechte Hand zum Schwur erhoben, um neuer Wirtschaftsminister zu werden. Jetzt läuft er dem Mann in die Arme, der gleich sein Vorgänger im Amt werden wird.
Michael Glos hat die Arme vor der Brust verschränkt, nein, um den Leib geschlungen wie einen Schutzring. Glos, in diesem Bundestag seit anderthalb Jahrzehnten ein festes Möbel, ist von CSU-Chef Horst Seehofer gemobbt und am Ende aus dem Amt getrieben worden. Wirtschaftsminister neu und alt versuchen sich an einem Gespräch, dessen Beklemmung zu spüren ist.
Vielleicht geht die Karriere des Karl-Theodor von Makellos zu schnell, um bisher Schleifspuren hinterlassen zu haben. Vielleicht hat er nur das Glück gehabt, ganz schnell die nächste Aufgabe zu bekommen, bevor er in der vorigen einen Fehler machen konnte. Eine Art Teflon-Tempo. Bei der Geschwindigkeit bleibt nichts hängen.
Eben noch überraschend CSU-Generalsekretär geworden, und schon steht man vor Norbert Lammert, hat die rechte Hand erhoben, die linke auf Knopfhöhe ans Jackett gelegt und beschließt seinen Satz mit: "So wahr mir Gott helfe!"
Karriere, das Wort mag Enoch Freiherr zu Guttenberg nicht. Der Vater von Karl-Theodor hat die Vereidigung von der Tribüne des Bundestags aus verfolgt, die ersten anderthalb Reihen der Besucherränge waren mit Mitgliedern der Familie besetzt: Guttenbergs Frau, sein Bruder, der Vater, dessen zweite Frau. "Ich rede nicht so gern von Karriere", sagt der soignierte Herr hinterher, "ich sage lieber: Verantwortung." Und die habe "eine lange Tradition in unserer Familie".
Es ist eine Tradition, die in den sanften Hügeln Oberfrankens wurzelt. Der hartnäckige Winter hat die Höhen um Kulmbach noch einmal mit einer dicken weißen Decke versehen, es pfeift ein eisiger Wind. Die Orte tragen Namen wie Kaltenstauden oder Tannenwirtshaus. Hier residiert sie also, die Familie des Wirtschaftsministers.
"Der Baron ist da", sagt Wolfgang Protzner und zeigt zum Schloss. Wenn die gelbblaue Fahne auf dem Dach weht, sei der Hausherr anwesend. Protzner ist Professor für Regionalgeschichte, ehemaliger Bürgermeister von Kulmbach, Stadtrat für die CSU. Der ideale Reiseführer für den Ausflug in die Gegend um Guttenberg. Wenn er erzählt, sieht man die Ochsentrecks des Mittelalters wieder durch diese karge Gegend ziehen.
Protzner führt vorbei am Guttenbergschen Steinbruch. Er zeigt den Höhenweg, eine alte Handelsstraße nach Breslau, auf dem der Adelsclan weiland das Geleitrecht hatte. Der Weg geht durch die Wälder, in denen die Guttenbergs den Adel zur Jagd laden, vorbei an der Basilika von Marienweiher, deren Patron der Baron ist.
Finanzkrise ist anderswo. Es ist eine Welt, die fernab ist von Börsenkursen, Derivaten, Cashflows oder Bonusdebatten.
"Schauen Sie sich die Gegend an", sagt Protzner. "Da wird man als Bauer nicht reich und als Bauernbaron auch nicht." Die Guttenbergs seien "keine ostelbischen Junker, auch nicht von ihrer Mentalität her". Immerhin: Nach der Liste vom "manager magazin" schafft es die Familie mit geschätzten 600 Millionen Euro Vermögen immer noch in die Riege der 300 reichsten Deutschen.
Der Name Guttenberg hat Klang in dieser Gegend. Karl Theodor, der Großvater, lebt in der Erinnerung fort, nicht nur, weil sie ihm ein steinernes Denkmal an der Stichstraße hinauf zum Schloss errichtet haben. Er hat dem einstigen CSU-Regenten Franz Josef Strauß die Stirn geboten, davor haben sie Achtung.
Der Vater, der Dirigent, gilt zwar als exzentrisch, aber Respekt haben sie auch vorm "Baron", der wiederum früh dafür sorgte, dass ihn sein Sohn bei öffentlichen Auftritten vertrat und so in einem Alter die Publikumsscheu verlor, in dem andere noch mit der Puber-
tät und damit einhergehender Verklemmung kämpfen.
Guttenbergs Auftreten ist entsprechend geschliffen, das schon. Aber versteht er was von der Sache, mit der er jetzt betraut ist? Er wurde mitten hinein in die größte Wirtschaftskrise seit der Großen Depression geschubst. Kann zum Beispiel das Schicksal von über 25 000 Opel-Mitarbeitern in die Hände eines 37-Jährigen gelegt werden, der keinerlei ökonomische Vorbildung hat?
Die ersten Versuche, Guttenberg eine irgendwie wirtschaftspolitische Vita anzudichten, gerieten ungelenk. Er saß im Aufsichtsrat der Rhön-Klinikum AG, an der die Familie Anteile hatte. Dieser Sitz war mehr Formsache als Herausforderung oder gar Lebensaufgabe. Dass Guttenberg in der Firma der Familie tätig war, wird angeführt und nicht so laut dazu gesagt, dass es sich dabei nicht um eine Fabrik handelte, sondern um eine Vermögensverwaltung. Guttenbergs ökonomische Vorbildung besteht also darin, dass er sein eigenes Erbe verwaltet.
Der Wirtschaftsminister Guttenberg wird überdies darum bemüht sein müssen, den Außenpolitiker Guttenberg vergessen zu machen. Er galt als Hardliner und hatte klare Positionen zur Türkei, zu Russland und zu Iran. Bei der Türkei wird er die Linie beibehalten, bei Russland justiert er schon nach. Für die Ostsee-Pipeline hatte er stets scharfe Worte parat. Jetzt filibustert er von einer "vernünftigen Diversifizierung der Transitrouten" und sieht "interessante wirtschaftliche Potentiale" in einer Kooperation von Siemens mit einem russischen Atomunternehmen.
Es ist geschmeidig. Und er ist dabei immer in Bewegung.
Die Brille beschlägt schlagartig, als er zum Beispiel die Skihütte im Gewerbegebiet des oberfränkischen Orts Münchberg betritt. Lederhosen und lange Unterhosen hängen von einer Wäscheleine, die Mädchen stecken in rot-weiß karierten Blusen, die sie vor dem Bauch verknotet haben. Was man sich so unter dem Begriff urig vorstellt.
Als Generalsekretär war Guttenberg hier noch eingeladen worden. Als Wirtschaftsminister ist er gekommen.
Er kokettiert unverhohlen. Es gehöre zu seinen "unguten Eigenschaften", dass er halte, was er verspreche. Seine Leute im Ministerium hätten ihn gefragt: Muss Münchberg sein? Ja, Münchberg müsse sein. Das ist eine beliebte Politiker-Variante, sich auf Kosten der eigenen Leute beim Publikum beliebt zu machen.
"Wir denken, dass für dich der Weg nach oben weiterhin keine Grenzen kennt", sagt Guttenbergs Parteifreund Hans-Peter Friedrich in der Skihütte. Es ist der zehnte Arbeitstag des neuen Wirtschaftsministers. Am Aschermittwoch bemerkt Horst Seehofer seehoferisch, in der Generation Guttenberg habe er sich seine eigene Nachfolge organisiert.
"Ich darf heute Heimat spüren", sagt Guttenberg dann. Er spüre das schon daran, wenn sich im Goldenen Buch der Stadt der vorbereitete Eintrag auf zwei seiner Vornamen beschränke. "Dann weiß man, dass man zu Hause ist."
Das zieht. Und wie das zieht. Was der "stolze Oberfranke" nicht sagt: Ja, er hat die vergangene Nacht im ehemaligen Försterhaus verbracht, in dem seine Familie und er sich aufhalten, wenn sie in Guttenberg zu Besuch sind. Aber ansonsten wohnt die Familie fest im Berliner Westend. Sein Englisch ist besser als sein Fränkisch, definitely.
Es ist Donnerstagmorgen, Guttenberg hat die Frühmaschine nach Brüssel genommen, jetzt steht er im Wartezimmer von EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und parliert mit Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes. Seine Hände reden noch mehr als sein Mund, er wippt auf und ab in seinen schwarzen Wildlederschuhen. Als sich die Tür öffnet, stürzt Guttenberg auf Barroso zu. "Good to be here, Mr. President!"
In der anschließenden Pressekonferenz sagt er: "Ich plane, sehr häufig hierherzukommen." Es soll heißen: Ich bin der Gegen-Glos.
Nebenbei trifft er sich hinter verschlossener Tür in Brüssel mit Manfred Weber, dem CSU-Bezirkschef von Niederbayern. "Hat Seehofer sich schon gemeldet?", fragt er auf dem Weg vom Rat zur Kommission. Hier agiert einer nicht an den Grenzen seiner Möglichkeiten. Er verkrampft nicht, auch wenn sein Mund ein hartes, schiefes Loch wird, wenn er offiziell redet, das soll wichtig aussehen. Er gibt sich älter, als er ist, vielleicht ist sein inneres Alter auch seinem Äußeren enteilt. Obwohl: Wenn er lacht, dann bricht der Junge durch.
Guttenberg arrogant? Er ist ungebrochen. Es ist eine Arroganz des Intakten. Die Frage wird sein, wie er seinen ersten Bruch wegsteckt. Seinen ersten Fehler, seine erste Enttäuschung. All das wird kommen. Es sei denn, er wird schnell wieder was anderes. Verteidigungsminister zum Beispiel. Nach der Wahl.
* Zum Start des Münchner Oktoberfests am 20. September 2008.
Von Christoph Schwennicke

DER SPIEGEL 11/2009
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