09.03.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH „Der Schmutz bleibt“

Die Autorin Susanne Schädlich über ihre DDR-Kindheit und ihre Familie, die jahrelange Stasi-Bespitzelung durch ihren Onkel und ihr Erinnerungsbuch „Immer wieder Dezember“
SPIEGEL: Frau Schädlich, im Januar 1992 entdeckte Ihr Vater, der Schriftsteller Hans Joachim Schädlich, in der Gauck-Behörde, dass sein Bruder ihn und Ihre ganze Familie für die Stasi bespitzelt hatte. Wie haben Sie davon erfahren, und wann haben Sie selbst diese Akten eingesehen?
Schädlich: 1992 studierte ich noch in den USA, als ich durch meine Mutter von der Bespitzelung informiert wurde. Erst Jahre später, nach meiner Rückkehr 1999, habe ich mir die Stasi-Akten das erste Mal angeschaut. Mein Vater hatte Kopien. Darin war allerdings vieles geschwärzt, etliche Seiten fehlten auch. Als ich mich Jahre später an mein Buch machte, bin ich erneut in den Keller hinabgestiegen. Ich habe mich wieder eingelesen, vieles hatte ich auch schon vergessen. Ich merkte schnell, dass ich nachordern musste. Das habe ich dann gemacht, und ich konnte auch die IM-Akten einsehen.
SPIEGEL: Also die Täterakten. Und hatten Sie jemals das Bedürfnis, mit dem Spitzel selbst zu reden? Sie hatten Ihren Onkel Karlheinz ja eigentlich als liebevollen, Ihnen zugewandten Menschen erlebt. Hat Sie dieser Widerspruch nicht verfolgt?
Schädlich: Ich finde, dass er den Schritt hätte unternehmen müssen. Er wohnte viele Jahre nicht weit von mir in Berlin, er kannte meine Adresse, wahrscheinlich auch meine Telefonnummer. Er hat sich aber niemals in meine Richtung bewegt. Und es war ja doch nicht meine Aufgabe, bei ihm anzuklopfen und zu fragen, ob er so gnädig wäre, mit mir zu sprechen.
SPIEGEL: Ihr Onkel hat sich Ende 2007 in Berlin auf einer Parkbank erschossen. Haben Sie bereut, nie mehr mit ihm gesprochen zu haben?
Schädlich: Es gab ambivalente Gefühle, natürlich. Die Art, wie er sich das Leben genommen hat, war schockierend. Er war ja immer noch der Onkel, aber eben auch der Verräter - das wiegt am Ende schwerer.
SPIEGEL: Sehen Sie in dieser öffentlichen Selbsttötung auch einen Akt der Aggression gegen Ihre Familie?
Schädlich: Zunächst ist mir das gar nicht in den Sinn gekommen. Andere haben es
dann so gesehen. Vielleicht steckt ein Fünkchen Wahrheit darin. Es war ein Selbstmord in aller Öffentlichkeit. Er war immer jemand, der auf Effekt aus war.
SPIEGEL: Wollte Ihr Onkel sich damit als Opfer hinstellen?
Schädlich: Das ist ihm teilweise gelungen. Es gab entsprechende Stimmen, auch in der Presse. Da wurde gefragt, warum wir gar nicht verzeihen könnten. Er hat erreicht, was er wollte. Am liebsten wäre es ihm natürlich gewesen, seine Arbeit für die Stasi wäre niemals ans Tageslicht gekommen.
SPIEGEL: Er hatte offenbar gehofft, dass seine Täterakte vernichtet worden war.
Schädlich: Dem war aber nicht so.
SPIEGEL: Bekannt wurde IM "Schäfer" vor allem, als 2006 herauskam, dass er auch Günter Grass bespitzelt hat.
Schädlich: Ja, damit wurde es öffentlich und der Onkel bekannt. Jetzt wird meine Schwester sogar schon gefragt, ob sie die Tochter von IM "Schäfer" sei.
SPIEGEL: Eine bittere Pointe. Haben Sie sich mit Ihrem Buch Ihre eigene Geschichte gewissermaßen zurückgeholt, sie der Interpretation durch andere entrissen?
Schädlich: Das kann man so sehen. Die positive Darstellung meines Onkels in Teilen vor allem der Berliner Presse hat mich sehr beschäftigt. Allerdings war mein Buch schon im Werden, als ich von seinem Selbstmord erfuhr. Ich musste die ganze Dramaturgie ändern, auch um meiner Empörung Ausdruck zu verleihen: Jetzt ist aber Schluss - von wegen "der arme Onkel"! Ich wollte nun erzählen, wie es wirklich war.
SPIEGEL: Als Chronistin?
Schädlich: Nein, dann hätten es auch andere schreiben können. Mir ging es immer um die eigene Perspektive, um die der Kinder. Und um die Rehabilitierung meiner Familie, die am Pranger stand. Plötzlich war er das Opfer. Und wir die Bösen, die ihm nicht verziehen haben.
SPIEGEL: "Versuchte Nähe", das erste literarische Buch Ihres Vaters, erschien 1977 im Westen. Noch im selben Jahr konnte Ihre Familie die DDR verlassen. Im Jahr zuvor hatte sich Ihr Vater dem Protest gegen die Ausbürgerung Wolf Biermanns angeschlossen. Waren Sie damals zu jung, um das alles zu verstehen?
Schädlich: Ich war zwölf Jahre alt, da versteht man schon einiges. Es wurde auch offen geredet, wenn Freunde und Kollegen zu Besuch waren - obgleich meine Eltern ahnten, dass die Stasi alles beobachtete und Telefone abgehört wurden.
SPIEGEL: Waren Sie also nicht überrascht, als es plötzlich in den Westen ging?
Schädlich: Was mich überraschte, war die Schnelligkeit, mit der das geschah - innerhalb einer Woche. Die Gründe dafür waren mir aber klar.
SPIEGEL: Gibt es bei Ihnen nostalgische Gefühle, wenn Sie an Ihre Kindheit denken?
Schädlich: Ich bin froh, dass die DDR nicht mehr existiert, dass es keine Grenze mehr gibt, sondern nur ein Deutschland. Andererseits haben mich die zwölf Jahre in diesem Staat natürlich geprägt. In dieser Zeit habe ich offenbar auch eine gewisse innere Festigkeit entwickelt.
SPIEGEL: Waren Sie aufsässig?
Schädlich: Meine Freunde und ich haben lieber Musik gehört, als zum 1. Mai aufzumarschieren. Aber ich war auch Thälmann-Pionier ...
SPIEGEL: ... also Mitglied der Pionierorganisation "Ernst Thälmann", der in der DDR fast alle Schüler in Ihrem damaligen Alter angehörten. Gab Ihnen das Halt?
Schädlich: Es gab zumindest den Zusammenhalt mit Gleichaltrigen. Im Westen war das alles weg, meine jüngere Schwester und ich waren in der Erwachsenenwelt völlig auf uns gestellt. Selbst die Sprache erschien uns wie eine andere, es gab viele Schwierigkeiten bei der Verständigung. Es war ja nicht wie 1989, als die DDR-Bürger willkommen geheißen wurden.
SPIEGEL: Sie lebten zunächst in Hamburg.
Schädlich: Ja, und ich kam mir wie ein zweigeteilter Mensch vor: Die eine Seite war hier, die andere drüben. Es hat lange gedauert, diese beiden Hälften zusammenzufügen.
SPIEGEL: Sind Sie deshalb in die USA gegangen?
Schädlich: Ich wollte die Entfernung! Weit weg von den deutschen Ost-West-Problemen: Das war wie ein Befreiungsschlag.
SPIEGEL: Ihre Eltern haben sich später getrennt. Erscheint Ihnen das heute auch als Folge dieser Umbrüche?
Schädlich: Die Frage, ob es in der DDR auch so gekommen wäre, ist ja hypothetisch. Auch dort gab es Trennungen, und nicht wenige. Aber ich kann mir vorstellen, dass dieser Umzug zu den Schwierigkeiten beigetragen hat. Die Entwurzelung hat Folgen gehabt, die keiner geahnt hat.
SPIEGEL: Ihr Vater hat im Westen weiter geschrieben und Bücher veröffentlicht.
Schädlich: Ja, selbstverständlich. Er hat bis auf sein erstes Buch "Versuchte Nähe" alle seine Bücher in der Bundesrepublik geschrieben. Sein literarischer Gegenstand beschränkte sich doch nicht auf die DDR. Der Weggang war natürlich ein biografischer Einschnitt, die spätere Enttarnung meines Onkels als IM dagegen ein Schock.
SPIEGEL: Das kam für Sie überraschend?
Schädlich: Niemand hatte damit gerechnet.
SPIEGEL: Ein Plan der Stasi war, Ihrem Vater die Rückkehr in die DDR schmackhaft zu machen.
Schädlich: Ein absurder Plan. Den gab es schon 1978, ein halbes Jahr nach unserer Ausreise. Das wissen wir natürlich jetzt erst. Mein Onkel hat daran mitgewirkt.
SPIEGEL: Fast wären Sie 1985 selbst auf einen Lockruf Ihres Onkels hereingefallen. Sie fanden im Westen keine Lehrstelle, und er wollte Ihnen in Ost-Berlin eine Lehre als Schneiderin vermitteln. Sie sind sogar hingefahren und landeten in einem Stasi-Büro, wo man Sie überreden wollte, auf die bundesdeutsche Staatsbürgerschaft zu verzichten. Waren Sie so naiv?
Schädlich: Ich bin ja noch rechtzeitig aufgewacht. Heute frage ich mich natürlich, wie ich so blöd sein konnte. Selbst bei dieser Geschichte kam mir nicht der Gedanke, dass mein Onkel eine andere als eine vermittelnde Rolle gespielt haben könnte. Ich habe ihm vollkommen vertraut.
SPIEGEL: Haben Sie je erwogen, dass Ihr Onkel Sie alle in den Osten zurückholen wollte, weil er an die DDR geglaubt hat?
Schädlich: Nein, daran habe ich nicht gedacht. Den Akten nach ist es eindeutig: Karlheinz Schädlich hatte den Auftrag vom Ministerium für Staatssicherheit, "Ansatzpunkte für eine Rückkehr von Hans Joachim Schädlich", wie es so schön hieß, zu finden. Später hat er es bei mir versucht.
SPIEGEL: Sie sagen, er war gern Spitzel?
Schädlich: Er hat sich sogar angedient und selbst Vorschläge unterbreitet. Er hat nur an sich selber gedacht. Er hatte durch die Spitzelarbeit Vorteile, er hat sich auch geschützt. Er hat es gemacht, weil er es so wollte. Dennoch bleibt die Frage, warum er es ausgerechnet uns - seinen engsten Verwandten - angetan hat.
SPIEGEL: Auch das Telefon Ihrer Familie wurde abgehört, es gibt Abschriften von Telefonaten in den Akten. Was ist das für ein Gefühl, auf eine so indiskrete Chronik des eigenen Lebens zu stoßen?
Schädlich: Wolf Biermann hat treffend gesagt: Die Stasi ist mein Eckermann. Das Studium dieser Akten birgt tatsächlich ein Stück Faszination. Die eigene Erinnerung ist sehr subjektiv und ausschnitthaft. Wenn es um konkrete Ereignisse ging, konnte ich meine Mutter oder meinen Vater anrufen und melden: "Ich weiß jetzt, wann genau das war. Ich habe es schwarz auf weiß."
SPIEGEL: Aber das Vergnügen daran war wohl doch begrenzt?
Schädlich: Allerdings. Der Duktus dieser Protokolle ist widerwärtig, besonders bei den Telefonabschriften. Auf diesen Eckermann hätte man gern verzichten können.
SPIEGEL: Über Probleme mit der Erinnerung lässt sich in Ihrem Buch einiges lernen. So haben Sie etwa Ihre Eltern gebeten, sich an den Tag vor der Ausreise zu erinnern. Das Ergebnis ist ein bühnenreifer Dialog: Jeder erzählt etwas anderes. Hat Ihnen das Spaß gemacht?
Schädlich: Ja, das für dieses Buch zu protokollieren hat mir in der Tat viel Spaß gemacht. Die Mitwirkung meine Eltern war entscheidend. Sie haben mir Dokumente gezeigt, Einblick in die Korrespondenz gegeben. Es gab viele Gespräche - unerlässlich, um dieses Buch zu schreiben.
SPIEGEL: Warum haben gerade Sie sich an diese Aufarbeitung Ihrer Familiengeschichte gemacht? Warum nicht Ihr Vater oder Ihre Mutter, die als Lektorin arbeitet?
Schädlich: Beide waren zu nah dran. Man muss abstrahieren können, das war schon für mich schwer genug. Beide haben mich aber sehr unterstützt. Meine Mutter hat das Buch sogar lektoriert, was mir eine große Hilfe war. Mein Vater hätte darüber gewiss kein ganzes Buch schreiben wollen, aber er hat diese Erfahrung literarisch umgesetzt.
SPIEGEL: Vor allem in seiner Erzählung "Die Sache mit B." aus dem Jahr 1992. Hat Ihr Vater darunter gelitten, dass es in der Bundesrepublik vor der Wende bei manchen Linken eine DDR-Verklärung gab?
Schädlich: Das war für uns Salon-Kommunismus. Die kannten sich ja nicht aus. Es scheint mir heute fast schon wieder vergessen zu sein, dass die DDR ein Unterdrückungsstaat war, der die Oppositionellen drangsaliert hat.
SPIEGEL: Sie sind 1999 aus den USA zurückgekehrt und leben jetzt mit Ihrer Familie im Osten Berlins. Haben Sie den Eindruck, dass Deutschland inzwischen wieder zusammengewachsen ist?
Schädlich: Es gibt immer noch eine Spaltung in Ost und West. Das spiegelt sich auch im Vokabular wider.
SPIEGEL: Ihr Buch heißt "Immer wieder Dezember". Was hat es damit auf sich?
Schädlich: Ich habe irgendwann festgestellt, dass folgenschwere Ereignisse immer im Dezember passiert sind. Im Dezember 1976 verlor mein Vater seine Existenzgrundlage in der DDR, alle Arbeitsverträge wurden gekündigt. Im Dezember 1977 kam unsere Ausreise. Im Dezember 1984 zerstreute sich meine Familie dann in alle Himmelsrichtungen. Im Dezember 2006 rückte IM "Schäfer" in den Blick der Öffentlichkeit, und im Dezember 2007 schließlich hat er sich erschossen.
SPIEGEL: In Ihrem Buch steht an einer Stelle, dass Sie versucht hätten, durch das Schreiben den Schmutz loszuwerden. Ist Ihnen das gelungen?
Schädlich: Ich habe es mir von der Seele geschrieben. Aber natürlich holt einen dieser Schmutz immer wieder ein.
SPIEGEL: Viele Menschen, die bespitzelt wurden, verlieren die Fähigkeit, anderen zu trauen. Wie ist das bei Ihnen?
Schädlich: Da wurde schon ein Urvertrauen erschüttert, ich habe an mir bemerkt, dass ich mich gar nicht öffnen konnte, aus Angst vor einer neuen Verletzung. Es brauchte eine Weile, um darüber hinwegzukommen, aber irgendwann geht es wieder.
SPIEGEL: Frau Schädlich, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Susanne Schädlich
wurde 1965 in Jena als Tochter des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich und der Lektorin Krista Maria Schädlich geboren. 1977 siedelte sie mit ihrer Familie in den Westen um, lebte in Hamburg, Berlin und elf Jahre lang in den USA. Heute wohnt sie mit ihrem Lebensgefährten und zwei Kindern wieder in Berlin. Sie arbeitet als Übersetzerin und Autorin.

Susanne Schädlich Immer wieder Dezember. Der Westen, die Stasi, der Onkel und ich Droemer Verlag, München; 240 Seiten; 16,95 Euro.
Das Gespräch führten die Redakteure Susanne Beyer und Volker Hage.
Von Beyer, Susanne, Hage, Volker

DER SPIEGEL 11/2009
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