16.03.2009

Titel 113 Kugeln kalte Wut

Was muss geschehen, damit ein junger Mann Amok läuft? Was können Eltern tun, gibt es Schutz? Tim Kretschmer, 17, liebte Waffen und Computerspiele - und stürzte sich in eine Orgie der Gewalt, eine Serie von Exekutionen. Er tötete 15 Menschen und am Ende sich selbst.
Um 9.15 Uhr war es noch ein normaler Mittwoch in Winnenden, und die Kleinstadt, rund 20 Kilometer nordöstlich von Stuttgart, war einfach eine Kleinstadt in der schwäbischen Provinz. Wolken hingen über Residenzschloss und Fachwerkhäusern, Schneematsch lag im Schatten der Stadtmauer.
Ein junger Mann, Brillenträger, dunkel gekleidet, die Haare kurz, das Gesicht bleich, marschierte auf die Albertville-Realschule zu.
Um 9.45 Uhr war in Winnenden nichts mehr, wie es gerade noch gewesen war. Die Unvorstellbarkeit eines achtfachen, zehnfachen, zwölffachen Mordes erreichte die gekehrten Straßen. Eine Welle, eine Flut, ein Tsunami? Es war einer dieser Tage, an denen der Republik die Metaphern ausgehen, weil es keine Vergleiche mehr gibt: unvorstellbar eben. Was da kam, fegte den schwäbischen Alltag hinweg, die ganze heile Vorstadtwelt, und auch den Glauben ihrer Bürger, dass der Mensch im Kern gut sei.
Und das Leben unter Menschen so sicher.
Für Patrik S., 15, hatte der Schultag früh begonnen. Erste Stunde, 7.30 Uhr, Französisch bei Frau Kuhn-Collenot. Thema: "Deutsch-französische Unterschiede", die Vorbereitung für einen Schüleraustausch mit der Partnerstadt Albertville, das reinste Vergnügen vor der zweiten Stunde, der Mathearbeit bei Herrn Wilhelm, Parabeln und Prozentrechnung. Patrik gab auf den letzten Drücker ab, er schaute auf die Uhr, 9.09 Uhr, in einer Minute würde die Deutschstunde bei Frau Braun beginnen.
Er rannte hinüber in den Raum 305, gerade noch pünktlich. Patrik setzte sich auf seinen Platz, zweite Reihe, zweiter Platz von rechts, schräg gegenüber der Tafel.
Die Schüler diskutierten einen Text über "Probleme der Jugendlichen bei der Lehrstellensuche". Was war die These? Und welche Argumente stützten sie? Nicht so interessant für Patrik, der einer jener deutschen Teenager ist, die ihren Weg längst vor sich sehen, die wissen, wie sie sein und was sie werden wollen: Flugkapitän, am liebsten in einem Airbus A320, auf europäischen Mittelstrecken. Der Unterricht plätscherte dahin, noch knapp eine halbe Stunde durchhalten bis zur großen Pause.
Dann geht die Tür auf. Im Rahmen steht eine dunkel gekleidete Gestalt, in der Hand eine Pistole. "Fasching ist doch vorbei", scherzt Patriks Banknachbar, als die Gestalt zu schießen beginnt. Ganz ruhig, ganz gezielt, "richtig konzentriert", sagt Patrik. Zuerst nimmt der Schütze die Schüler in den letzten Reihen ins Visier, jene, die mit dem Rücken zur Tür sitzen. Er schießt drei Mädchen von hinten in den Kopf.
Schreie, Chaos, "Runter!", ruft Frau Braun. Die Schüler reißen die Tische um, werfen sich auf den Boden, suchen Deckung hinter den Pulten. Holz splittert, Querschläger fliegen durch die Luft, Patrik ist verletzt und merkt es nicht. Die Splitter eines Projektils haben ihn links am Hals, am Rücken und am linken Unterarm erwischt. Ein viertes Fragment wird er später in einer Hemdfalte finden.
10, vielleicht 15 Sekunden, sagt Patrik, dauert der Feuersturm. Dann verschwindet der Schütze. Frau Braun rennt zur Tür und schließt sie ab. Alle kauern sich hinter das Lehrerpult, verbarrikadieren sich, schieben den Overheadprojektor in den Schusswinkel.
Sie kramen nach Telefonen, wählen 110, versuchen, sich um die Verletzten zu kümmern. Ein, zwei Minuten später kehrt der Schütze zurück. Wieder Schüsse, wieder suchen alle Deckung. Die Tür wird von Projektilen durchlöchert, und Frau Braun steht im Klassenzimmer, sie wird von Projektilen gestreift.
Und dann hört das Feuer auf.
Und die Glocke läutet zur großen Pause.
Jemand klopft. "Nicht aufmachen!", schreit eine Klassenkameradin, dann sind Männerstimmen zu hören: "Alles gut, hier kommt Hilfe!" Mit vereinten Kräften stemmen sie die verkantete Tür auf. Patrik erkennt den Hausmeister inmitten von Leuten vom Roten Kreuz und uniformierten Streifenpolizisten, die die Schüler rausbringen, runter zur Schwimmhalle. Sie müssen über den leblosen Körper einer Mitschülerin steigen.
Jana, Chantal und Kristina sind tot. Jan hat einen Bauchschuss erlitten und schafft es aus eigener Kraft nach unten, wo er zusammenbricht. Elena ist viermal in Hals und Schulterbereich getroffen worden und kann gerettet werden.
Was da geschehen ist an einem Mittwoch in Deutschland, das fassen Ermittler so zusammen:
Gegen 9.30 Uhr betrat ein 17-Jähriger die Albertville-Realschule und suchte das Obergeschoss auf. Dort schoss er mit einer Pistole, 9 mm, auf Lehrer und Schüler. Hierbei verletzte er neun Schüler und drei Lehrer tödlich. Beim Eintreffen der ersten Streifen ... sahen die Beamten den 17-Jährigen kurz am Ende der Treppe. Er schoss sofort und flüchtete aus dem Gebäude. Bei seiner Flucht über das angrenzende Gelände einer psychiatrischen Klinik erschoss er einen Mitarbeiter des Krankenhauses.
Gegen 9.50 Uhr kidnappte der Täter ein Auto, am Steuer des dunkelgrünen VW Sharan saß Igor Wolf, 41; der Täter stieg auf den Rücksitz, hielt Wolf die Waffe an die rechte Schläfe und sagte: "Auf, fahr los!" Sie fuhren Richtung Tübingen, dann wieder zurück, auf der B 297 vorbei an Reutlingen, Metzingen, nach Nürtingen, dort auf die B 313 bis zum Autobahnkreuz Wendlingen. Ein Streifenwagen stand am Straßenrand, der Täter befahl dem Fahrer, auf die Autobahn A 8 abzubiegen, Wolf lenkte den Wagen auf den Grünstreifen und schmiss sich aus dem noch rollenden Fahrzeug. Er floh mit dem Zündschlüssel, "ich bin in Winnenden gekidnappt worden", das war das Erste, was die Polizeibeamten hörten.
Der Täter brauchte ein neues Auto. Er rannte ins Gewerbegebiet Wertstraße. Er kam zu einem Autohaus. Er erschoss einen Angestellten und einen Kunden, die sich in einem Verkaufsgespräch befanden.
Und nun, endlich, ist es vorbei.
Tim Kretschmer geht wieder ins Freie, er steht auf dem Parkplatz. Ganz lässig steht er dort, ein wenig schlaksig, schlenkernd, es gibt ein Video, das die letzten Sekunden zeigt. Ein Polizist bemerkt ihn. Schüsse. Tim Kretschmer wird zweimal in die Beine getroffen. Er hat 15 Menschen getötet, er setzt sich den Lauf an die Schläfe, er drückt ein letztes Mal ab. 12.30 Uhr, ein Mittag in Deutschland.
Und natürlich bleibt Ratlosigkeit. Es bleiben die Fragen, die immer gestellt werden nach Taten wie dieser. Warum?
Wer war Tim Kretschmer?
Wie kann das sein, dass Eltern nicht mitbekommen, wenn ihr Kind einen Massenmord plant? Wie ist das möglich, dass Jugendliche mitten in Deutschland derart aus der Gesellschaft fallen, dass sie der Gesellschaft den Krieg erklären?
"Die Zahl der Toten ist schlimm genug, aber getroffen ist ganz Baden-Württemberg", sagte Ministerpräsident Günther Oettinger. Innenminister Heribert Rech berichtete von Schülern, die zusammengesunken, erschossen, an ihren Pulten saßen - dann wandte er sich mit Tränen in den Augen ab. Und es war still, für Sekunden.
Gestorben sind vor allem Mädchen, die meisten in Raum 301, Klasse 10D.
Gestorben ist Stefanie K., sie spielte Querflöte in einem Jugendorchester.
Gestorben ist die Referendarin Sabrina Schüle aus Backnang-Maubach, Jahrgang 1984, eine Lebensretterin. Sie war bei der DLRG, auch an diesem Morgen wollte sie helfen und die Tür schließen, sie stand vor dem Schüler Daniel H. - und wurde von zwei Kugeln getroffen. Sie sackte mit offenen Augen zu Boden, Schüler versuchten, der jungen Lehrerin einen Druckverband anzulegen, zu spät.
Gestorben ist Nina Mayer, Referendarin, am 17. März wäre sie 25 Jahre alt geworden. Auch sie wohnte im Backnanger Ortsteil Maubach, in ihrer Freizeit engagierte sich die junge Frau mit den dunklen Haaren und dem feinen Seitenscheitel beim Verein Lebenshilfe für geistig behinderte Menschen.
Gestorben ist die Mathe- und Physiklehrerin Michaela Abele-Köhler, 26; ihre Hobbys: Lesen, Schwimmen, Skifahren. Vor kurzem hatte sie standesamtlich geheiratet, im Mai sollte die kirchliche Hochzeit sein. Die Lehrerinnen und Lehrer, sagt Stuttgarts Regierungspräsident Johannes Schmalzl, "haben sich heldenhaft verhalten und ein noch größeres Blutbad verhindert".
Gestorben ist auch Denis Puljic, Verkäufer bei Hahn Automobile in Wendlingen, wo es Neu- und Gebrauchtwagen gibt, hauptsächlich von VW. Puljic war im Schauraum, als die Schüsse fielen.
Wozu? Warum? Es gibt Zahlen, es sind eine Menge Zahlen, doch was sagen Zahlen an Tagen wie diesem?
Zwei Waffenschränke hatte Tims Vater, gesichert durch Schlösser mit achtstelligem Zahlencode. In den Schränken lag Munition für 4600 Schuss. 14 Waffen verwahrte er in einem Tresor. 60 Schüsse gab Tim in der Schule ab, 9 vor der psychiatrischen Klinik, 44 am Autohaus in Wendlingen, als es zu Ende war. 109 Kugeln hatte er noch.
Es gibt noch mehr Fragen: Hätten Psychologen etwas tun können? Aufmerksame Lehrer? Haben wir zu viele Waffen in diesem Land?
Und welche Wirkungen haben Computerspiele? Das ist eine lästige Frage, eine Modefrage, alle paar Jahre stellt sie sich aufs Neue. Wer läuft Amok und wer nicht? Ist das Zufall?
Tim Kretschmer, so viel wurde schnell klar, wuchs gut behütet im Elternhaus auf, er hatte eine drei Jahre jüngere Schwester. In Weiler zum Stein ging er in die Grundschule, dann in Winnenden zur Realschule, zuletzt aufs Berufskolleg einer kaufmännischen Privatschule in Waiblingen. Er war Tischtennisspieler und Kraftsportler, seit drei Jahren hatte er seine Arme trainiert, die Beine weniger.
Man könnte auch sagen, dass dies der Titel der Ermittlungsergebnisse sein müsste: alles normal. Ein ganz normaler Teenager. Oder ist das nur der erste Eindruck?
Er hatte bei der Musterung erklärt, wegen Depressionen in psychiatrischer Behandlung zu sein; fünf Sitzungen hatte es gegeben. Lässt sich eine solche Tat also vielleicht doch wissenschaftlich erklären? Gibt es so etwas wie die Psyche des Amokläufers?
Viele Experten melden sich in diesen Tagen zu Wort, einer der kompetentesten ist der Münchner Jugendpsychiater Franz Joseph Freisleder, der als Gerichtsgutachter mit gewalttätigen Jugendlichen zu tun hat. "Man kann zwei Typen von Amokläufern unterscheiden", sagt Freisleder. Einfach zu identifizieren sei der laute, der aggressive Typ - Jungs, die schon vor der Tat gewalttätig werden oder jedenfalls mit Gewalt drohen. "Da ist die Eskalation häufig absehbar", so Freisleder.
Und dann, sagt der Psychiater, gebe es die eher ruhigen, introvertierten Jungen, die im Rückblick als unauffällig beschrieben werden - Tim Kretschmer war so einer. "Häufig sind diese Täter sozial isoliert", sagt Freisleder. "Entweder waren sie es schon immer, oder es gab irgendwann eine schwere Kränkung, einen Knick in ihrem Leben." Bei diesen Jungen spiele sich die Gewalt zunächst nur in der Phantasie ab.
Beide Typen sind männlich, Amokläuferinnen gibt es höchst selten. "Wir Männer sind eher gefährdet, weil uns das Testosteron aggressiver macht", sagt Freisleder. Hinzu komme das Rollenverständnis: Ein Mann reagiert offensiv auf Konflikte und nicht mit Rückzug. Der Jugendpsychiater beobachtet allerdings, dass auch Mädchen zunehmend gewaltbereit würden. "Die Rollenbilder gleichen sich an, irgendwann wird es auch Amokläuferinnen geben", prophezeit er.
Bei vielen Tätern diagnostizieren Fachleute einen übersteigerten Narzissmus, der sich bei Misserfolgen und Kränkungen in Ohnmacht und Selbsthass verwandeln kann. "Sie haben hohe Wunschvorstellungen, was sie Tolles werden wollen, aber es klappt alles nicht so richtig", so Freisleder. Und dann entwickelten potentielle Amokläufer nicht nur Aggressionen gegen die vermeintlich Schuldigen in ihrer Umgebung, sondern auch Depressionen - wie Tim Kretschmer.
"Der Amoklauf ist eine besondere Form des Suizids, bei dem der Selbstmörder vor dem Abgang noch ein Fanal setzen will", sagt Freisleder.
In den Akten der Ermittler wird Tim als "zurückhaltend, still, verschlossen" beschrieben. Er sei "nie spontan" gewesen, heißt es in den Papieren; was er auch getan habe, er habe es stets "strategisch geplant". Bei der Auswertung von Tims Computer stießen die Ermittler auf rund 200 Pornobilder, mehr als 120 davon sogenannte Bondage-Motive, die nackte, gefesselte Frauen zeigen.
Er war Mitglied in Netzwerken, bei der regionalen Web-Seite Kwick ist er unter "JawsPredator1" und "garbagetalker" registriert, auch bei MyVideo hatte er ein Profil eingerichtet.
Angekündigt hat er die Tat dennoch nicht - auch wenn das die Ermittler vorige Woche vorschnell behauptet hatten. Ein Bekennerbeitrag in einem Web-Forum stellte sich als Fake heraus - und blamierte Innenminister Rech, der die Nachricht verbreitet hatte.
Die Dateien auf seiner Festplatte zeigen, dass Tim tief eingetaucht war in die virtuelle Welt der Ballerspiele, die erst enden, wenn Freund oder Feind tot ist. Oder beide. Er hatte auf seinem Rechner "Counter Strike" installiert, den Klassiker unter den sogenannten Ego-Shootern, bei denen man aus Sicht eines Kämpfers mit gezückter Waffe tödliche Missionen erledigen muss. Er spielte auch "Tactical Ops", bei dem man wahlweise auf der Seite einer Spezialeinheit oder der Terroristen steht. "Verhindere die Geiselrettung, lege Bomben, sabotiere die Kommunikation der Spezialeinheiten, infiltriere die Rettungszonen", das ist eine der Missionen.
Tim Kretschmer, 17, war anders als seine Vorgänger. Er war kein gescheiterter Gymnasiast wie der Erfurter Amokläufer Robert Steinhäuser, der seinen Eltern bis zum Schluss vorgegaukelt hatte, er lerne fleißig fürs Abitur. Er war auch kein Psychofreak wie Bastian Bosse aus Emsdetten, der seine reale Existenz um ein virtuelles Alter Ego ergänzt hatte und dann alle vermeintlichen Demütigungen dieser Welt mit Hilfe selbstgebastelter Rohrbomben in Stücke reißen wollte.
Tim Kretschmer war einer, der sich keine Sorgen machen musste. Einer, um den sich niemand sorgen musste, eigentlich. Einer, dem alle Türen offenstanden, so dachten die, die ihn kannten.
Es war eine bürgerliche Welt. Die Firma des Vaters bietet "Industrielle Lohnverpackungen/Montagearbeiten an techn. Bauteilen", so steht es auf dem Schild an diesem schlichten, grauen, flachen Quader, der nur eines sein sollte: zweckmäßig.
"So können wir mehr Arbeitsplätze schaffen und die Produktivität steigern", sagte Vater Kretschmer anlässlich der Einweihung des Neubaus. Er sei der Erste, der komme, und der Letzte, der gehe, berichtet ein Nachbar. In den Ferien jobbte auch Tim in der Firma, er schraubte Halterungen für Gartengeräte zusammen.
Es war wohl eine dieser schwäbischen Familienkarrieren. Anfang der achtziger Jahre war das Unternehmen noch eine kleine Sieb- und Offsetdruckfirma in Waiblingen, nichts Besonderes, dann stieg Tims Vater ein, ein gelernter Dekorateur, und wurde Geschäftsführer. Bald bedruckte der Betrieb kein Papier mehr; Kretschmers Firma bietet heute Verpackungen für die Metall- und Autoindustrie an. Mehr als hundert Leute stehen im Lohn, die alte Mitgeschäftsführerin ist lange ausgeschieden, es ist jetzt Kretschmers Laden.
In seinem Elternhaus, diesem zu Stein gewordenen Bausparvertrag mit weißen Wänden, rotem Spitzdach und Wintergarten, bewohnte Tim ein zweistöckiges Maisonette-Ensemble. Das obere Zimmer, unter dem Giebel, war nach den Worten eines Schulfreunds der "Spaßraum", mit Sofa und Kickertisch. Darunter: das Jugendzimmer, Bett, Schreibtisch.
Tim war gut am Computer. Er hatte einen Desktop-Rechner, dazu zwei Flachbildschirme und die übliche Unterhaltungselektronik: die neueste Playstation, die gängigen Ballerspiele.
An den Wänden, nach Modellen geordnet, hing eine Sammlung von Waffen, zum Teil Nachbildungen, Pistolen an der einen Seite, MPs daneben, und die Sturmgewehre - AK 47 und M4 - hatten einen gut ausgeleuchteten Ehrenplatz. Die Jungs im Dorf, so erzählen sie jedenfalls, haben sich von ihrem Taschengeld alle irgendwann mal "so eine Softair-Knarre" gekauft; Tim habe "mindestens 20" gehabt, angeblich "vom Vater bezahlt".
Das Einzige, was der postmodernen Spielwiese fehlte, waren die guten alten Spielkameraden. Meistens jedenfalls. Hin und wieder, wenn es spektakuläre Einladungen gab, dann kamen sie.
Einmal, das erzählen sie hier, gab es eine Pokerrunde in den Sommerferien. Tim lud ein paar Jungs aus der Nachbarschaft zum Zocken ein. Er spielte ja gern: Es geistern inzwischen Geschichten durchs Dorf, und in diesen Geschichten ist Tim, das Kerlchen mit dem ersten Flaum am Kinn, ein Zocker. Einer, der "Kamikaze spielt", mit hohen Einsätzen und wenig Emotionen, und dabei eine Menge riskiert. Legenden?
Damals gingen sie in den väterlichen Hobbyraum, direkt unter der Garage für den schwarzen Mercedes CLS, ein getuntes Geschoss mit 6,3 Liter Hubraum. Sie spielten "Texas Hold'em", fünf Karten aufgedeckt, zwei auf der Hand. Es sei nicht wirklich um Geld gegangen, nur um zwei Euro Gesamteinsatz pro Mann, aber Tim zockte hart, mit kühler Berechnung. Zwischen den Runden sorgte sich der Vater um das Wohl der Mitspieler. Belegte Brötchen brachte er und eine Kiste Beck's Lemon, Tim belegte den zweiten Platz. Die Ausgeschiedenen durften den Rest des Kellers besichtigen, die "Waffenkammer" vor allem, direkt rechts neben dem Hobbyraum.
Gleich hinter der Tür habe ein Waffenschrank gestanden, berichtete ein Teilnehmer jener Pokerrunde, und der Schrank sei an diesem Abend nicht abgeschlossen gewesen. Die Tür habe man einfach so aufmachen können. Drinnen: ein waffenstarrendes Arsenal an Feuerkraft, aber keine Munition. Auf der Werkbank nebenan habe eine Art Wasserspender gestanden, mit Schießpulver gefüllt, zum Auffüllen von Patronenhülsen. Tim muss sehr stolz auf diese Waffenkammer gewesen sein.
In ihrer ersten Vernehmung sagte seine Mutter aus, Tim habe "selten" Freunde mit nach Hause gebracht. Ihr Sohn habe sich zwar für Mädchen interessiert, sei aber offensichtlich nicht gut angekommen. Er war in eines aus der Nachbarschaft verliebt, vor zwei Jahren sei das gewesen, aber das Mädchen mochte nicht recht. Auch zur jüngeren Schwester habe er "kein Vertrauensverhältnis" gehabt, so heißt es in der Familie. Die Vernehmung musste abgebrochen werden, weil die Mutter von ihren Emotionen überwältigt wurde.
Es wird viel berichtet und noch mehr erzählt nach Tagen wie dem Mittwoch von Winnenden, aber die Geschichten ums andere Geschlecht sind oft zu hören. Bevorzugten die Eltern die Schwester, die Gymnasiastin, der alles gelang? Mit Mädchen tat Tim sich offenbar schwer, auch wenn die Mutter aussagte, er habe ein "normales Verhältnis" zu ihnen gehabt. Nur einmal, das erzählen Bekannte, habe er ein Mädchen in den Keller geführt und die Knarren präsentiert.
Den männlichen Kumpels demonstrierte Tim ganz gern seine Schießkünste mit der Softair-Pistole. Im Korridor zur Waffenkammer stellte er einen Pappkameraden auf, eine menschliche Silhouette mit aufgemalten Treffer-Zonen in Kopf- und Brustbereich. Von zehn Schüssen habe er "mindestens acht voll ins Schwarze gelandet", sagt einer, der dabei war. Er habe "grundsätzlich in den Kopf" geschossen.
Einmal, erzählt ein Nachbarjunge, hätten sie sich bei der alten Obstwiese verabredet, um "Tactical Ops" im wirklichen Leben nachzuspielen. Live, mit Softair-Knarren. Tim sei am besten ausgerüstet gewesen, wie immer.
Es sind Geschichten, wie sie nach so einer Tat stets zu erzählen sind. Sie erklären manches, ein bisschen. Sie lassen vieles offen. Sie führen in eine Richtung, es ist wie bei einem Indizienprozess, manchmal sind es auch unterschiedliche Richtungen.
Warum also? Gibt es nicht Tausende, Zehntausende Jugendliche wie Tim in Deutschland? Wieso Tim? Und wieso all die anderen nicht? Was war der Auslöser?
Immer bleiben Rätsel. Ein Opfer, das Täter wurde? Ein krankes Hirn?
Im April 2008 stellte sich Tim das erste Mal zur psychologischen Behandlung vor, im Klinikum am Weissenhof bei Heilbronn. Anfangs habe es einige Diagnosesitzungen gegeben, sagt Matthias Michel, der Ärztliche Direktor des Hauses; Tim Kretschmer wurde in der Kinder- und Jugendpsychiatrie behandelt, er war ja erst 16 damals. Eine richtige Therapie wurde es nicht: Schon im September, nach der fünften Sitzung, sollte Tim nach Winnenden wechseln, in jene psychiatrische Klinik, auf deren Gelände er dann einen Gärtner erschoss.
War es Rache? Machte er die Ärzte, Pfleger, ja sogar den Gärtner für seinen Seelenzustand verantwortlich? Die Therapie brach Tim ab, er ging einfach nicht mehr hin. Bei der Hausdurchsuchung fanden die Fahnder jenes Schreiben an das Kreiswehrersatzamt Schwäbisch Gmünd aus dem Dezember, in dem Tim mit Depressionen argumentiert.
Zwei, die ihn kannten, sind seine ehemaligen Klassenkameradinnen Larissa Claire Pressburger, 17, und Sara Nieslony, 18. Die beiden haben mit Tim zusammen 2008 die mittlere Reife gemacht. Im Oktober 2007 gab es eine Abschlussfahrt: eine Woche Berlin, ein erinnerungswürdiger Besuch im "Q-Dorf", einer Großraumdisco für Gäste aus der Provinz, inklusive. Das Abschlussmotto des Jahrgangs prangt am Tag des Amoklaufs auf Saras Kapuzenpulli: "Vom HUGO zum BOSS".
Die beiden Mädchen beschreiben Tim als zurückhaltenden Typen, der damals wenig Alkohol getrunken und nicht geraucht habe, aber trotzdem kein Außenseiter gewesen sei. "Der war kein Typ, der Ärger suchte." Tim habe bei Klassenfahrten mehr Geld als alle anderen dabeigehabt, auch gern etwas geliehen. Kein "Protzer" also.
Larissa kannte Tim seit der fünften Klasse, sie hat im vergangenen Sommer für die "Fächerübergreifende Kompetenzprüfung" mit ihm zusammen gelernt - "ohne Probleme". Konnte Tim also nicht nur Ego-Shooter, sondern auch Teamplayer sein? Sara sagt: ja. Im letzten Halbjahr spielte sie mit Tim im Schulsport Tischtennis-Mixed. "Er wollte nicht verlieren und hat sich angestrengt."
Die Abschlussparty von Tims Jahrgangsstufe fand im Domino statt, wo auch sonst, draußen im Industriegebiet in Birkmannsweiler, dort feierten sie immer. Es gab einen DJ, es floss reichlich Alkohol. "School's Out Forever"-Stimmung; ein paar Mädchen tanzten im blauen Licht auf Podesten. Die Jungs blieben cool und tranken ihr Bier. Nur einer soll nicht wirklich ins Bild gepasst haben: Tim.
Als Denisa Frei, die Wirtin des Domino, das Bild des Amokschützen im Fernsehen sah, sagt sie, habe sie sich sofort an diesen Jungen erinnert - und daran, wie er dort saß, allein am Marmortresen neben der Tanzfläche, seine ganzen Leute hätten "quasi um ihn herum gefeiert".
Was aber sagt so etwas aus? Es gehört zur Pubertät, zum Aufwachsen, dass Jugendliche sich ausgeschlossen fühlen und minderwertig. Man kann nur immer weiter nach Spuren suchen, nach Menschen, die Tim Kretschmer kannten, Menschen wie Eckehard Weiß.
Weiß, 47, dunkelblaue Jogginghose, Kippe in der Hand, wurde vom beständigen Klingeln des Telefons aus seinem Mittagsschlaf gerissen. Erst da hat er von der Bluttat in Winnenden erfahren - und auch, wer der Täter war. Weiß arbeitet für eine Gärtnerei auf dem Großmarkt in Stuttgart, er muss früh raus - dafür bleibt ihm Zeit für sein Hobby: Tischtennis. Seit 21 Jahren ist er im TTV Erdmannhausen engagiert, momentan als Jugendleiter und zweiter Vorsitzender.
Er kennt Tim, seit dieser nach seinen ersten Schlägen beim TSV Leutenbach 2001 zum TTV Erdmannhausen wechselte; der Verein hatte damals 110 Mitglieder und erlebte eine Art Hochphase. Es gab einen bezahlten Trainer, Tim hatte Talent und machte gute Fortschritte, "der war einfach schnell auf den Beinen", sagt der Jugendleiter. Weiß beschreibt Tim als "sehr ehrgeizig", und "dann wollte er, dass alle nach seiner Pfeife tanzen, aber eigentlich war er ein Umgänglicher".
Tim habe in der Jugendmannschaft U18 gespielt und sei mit seiner Mannschaft "durchgestiegen bis in die Verbandsklasse", er spielte bald in der Regionalliga-Herren. Als sie sich den Profi-Trainer nicht mehr leisten konnten, zog Tim weiter, zum TV Oeffingen.
Ein Sportler? Einer also, der geregeltes Training kannte, der Mannschaftsgeist kannte, der ein Talent war und auch noch gelernt hatte, mit Siegen und Niederlagen zu leben? Soll nicht gerade der Sportverein Deutschlands Kinder vor der Isolation retten? Und vor der Verdummung?
Tim spielte nicht nur Tischtennis, es gab da noch diesen anderen Sport.
80 Euro kostet die Familienmitgliedschaft im Sportschützenverein Leutenbach e. V., das rot-weiße Vereinswappen mit der Zielscheibe kann man zum Aufnähen beim Vereinsvorsitzenden bestellen. Der Schießstanddienst ist nach Kalenderwochen eingeteilt, ein Pott Wintertee kostet 1,70 Euro, die Wirtin zapft schon mittags manches Pils.
In der Vereinsgaststätte, wo schwere Holzteller mit Auerhähnen an der Wand hängen und kalter Rauch in der Luft liegt, erzählt sie dann von "diesem schmalen, hübschen jungen Mann", der seinen Vater mal auf eine Cola hierher begleitet habe. Der Vater sei ein mäßiger Schütze, er habe leidenschaftlich Waffen gesammelt und den Verein unterstützt: "Wenn der Verein was brauchte, hat der Kretschmer es bezahlt!" Am Vatertag etwa wurde auf dem "Grundstückle" der Kretschmers gegrillt.
Verführten Tim die Waffen? Es gibt keine Zweifel, dass die Nähe zu Waffen, schon die physische Nähe, aber auch die Begeisterung, die meisten Amokläufer eint.
"Der Junge muss ein exzellenter Schütze gewesen sein", sagt Ludwig Fischer, lizenzierter Schießausbilder aus Schwalmtal. Der Umgang mit der großkalibrigen Beretta 92, die über 15 Schuss verfügt, bedürfe besonderer Übung, da sowohl der "Rückstoß der Waffe" als auch die "Zielerfassung" für Laien schwierig seien, ebenfalls das Nachladen aus der Bewegung heraus. "Das war kein Amoklauf, sondern die Abfolge gezielter Exekutionen eines erfahrenen Schützen", sagt Fischer.
Dieser "clean head shot kill", der gezielte Todesschuss in den Kopf, wie ihn der Schüler Tim offenbar beherrschte, werde an amerikanischen Polizeischulen gelehrt. "Dazu brauchen Sie eine ruhige Hand und die innere Ruhe oder Kaltblütigkeit, um nicht danebenzuballern", sagt Fischer. Nach Meinung des Fachmanns muss Tim eine regelrechte Schulung durchlaufen haben.
Bei seiner ersten Befragung durch die Polizei gab der Vater an, Tim sei "mindestens dreimal" mit in den Schützenverein gekommen. Sie hätten dort gemeinsam das Schießen mit Faustfeuerwaffen geübt. Das letzte Mal, so erinnerte sich Vater Kretschmer, sei vor knapp drei Wochen gewesen. Sein Sohn sei ein mittelmäßiger Schütze gewesen, er habe darauf gedrängt, üben zu dürfen. Hatte Tim da schon einen Plan im Kopf? Wartete er nur darauf, die Waffe zu beherrschen?
Vater und Sohn übten mit der Beretta. Es war jene Waffe, mit der Tim 15 Menschen und sich selbst tötete. Das Landratsamt Rems-Murr-Kreis hat die Waffenbesitzkarte für Vater Kretschmer ausgestellt. "Er hat die Voraussetzungen stets im vollen Umfang erfüllt", sagt Landrat Johannes Fuchs. Alle drei Jahre sei die Eignung des Vaters überprüft und die Waffenbesitzkarte verlängert worden, zuletzt am 17. Januar 2007, ohne Beanstandungen.
Und auch die Computerspiele tauchen in den Ermittlungen nun wieder auf. Natürlich, es gibt keine Kausalität; Millionen spielen, ohne zu töten, aber andersherum stimmt es eben auch: Wer irgendwann tötet, hat in der Regel vorher gespielt.
So war es in Littleton, Colorado, bei Dylan Klebold und Eric Harris, die zwölf Schüler und einen Lehrer erschossen.
So war es in Kauhajoki, Finnland, bei Matti-Juhani Saari, der in einer Berufsschule zehn Personen umbrachte.
So war es bei Robert Steinhäuser in Erfurt, der in nur zehn Minuten 16 Menschen erschoss.
So war es jetzt. In Winnenden.
Ego-Shooter gehören zu den Lieblingsspielen deutscher Jugendlicher, und keines ist so angesagt wie "Counter Strike", das Ballerspiel, mit dem Tim seine Freizeit verbrachte.
In Deutschlands größter, noch unveröffentlichter Jugendstudie zum Computerspiel-Verhalten (siehe Seite 48) hat das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen 44 610 Neuntklässler befragt; bei den Jungen liegt "Counter Strike" auf Platz eins; 27 Prozent der Schüler, die drei Lieblingsspiele angeben sollten, nannten diesen Titel. In der Top-Ten-Liste stehen zwei weitere Ego-Shooter, "Call of Duty" mit 7,8 Prozent und "Battlefield" mit 5,1 Prozent. Und auch "Grand Theft Auto" (GTA), eine Ein-Mann-Gewaltorgie, ist beliebt: Platz vier. Von den 15-jährigen Jungen, die "Counter Strike" spielen, schießt sich jeder Vierte (23,4 Prozent) länger als viereinhalb Stunden pro Tag durch die virtuelle Spielwelt.
Im Netz war Tim in Web-Gemeinschaften unterwegs und auch in Foren für Ballerfans. Als "tim.kretschmer91" meldete er sich im Juni 2008 auf einer Seite an, wo sich Mannschaften zusammenfinden. Tim wählte ein deutsches Team an.
Unter dem Pseudonym "JawsPredator1" beschäftigte er sich offenbar schon vor Monaten mit dem Gedanken an seine Tat. Als auf MyVideo eine Slideshow zu Amokläufen an Schulen mit Bildern und Videoclips mit Bildern von Erfurt und Emsdetten veröffentlicht wurde, begann im Netz eine ziemlich lebhafte Debatte darüber, ob ein Zusammenhang zwischen Morden und Computerspielen existiere.
Nur weil man "Counter Strike" oder "Hitman" spiele, werde man doch kein Amokläufer, schrieb ein Teilnehmer. "JawsPredator1" antwortete am 23. August 2008 um 16.20 Uhr: "Das witzige ist ja selbst wenn diejenigen es ankündigen glaubt es ihnen niemand". Das war Tims Pseudonym, die Ermittler müssen nun prüfen, ob er den Eintrag persönlich geschrieben hat. Unterlegt ist das Forum mit Musik von Christina Stürmer, "Mehr Waffen, mehr Feinde" heißt das Lied. Im Refrain: "In deiner Cyberwelt bist du der Superheld." Im Internet suchte Tim dann auch Austausch über "Armwrestling", das war inzwischen sein drittes Hobby neben Schießen und Tischtennis. Im wirklichen Leben trainierte Tim beim KSV Ispringen, jeden zweiten Montag, und er war ein guter Armdrücker; bei den Deutschen Meisterschaften der Junioren wurde er 2008 Vierter in der Klasse über 70 Kilogramm mit dem linken Arm.
Er verlor bloß nicht gern. Er lachte auch nicht so oft. Einige im Verein fanden ihn "harmlos", andere "mürrisch", auch "dominant". Ein kleiner Besserwisser?
Als jemand in einem Forum zwei Videos von starken Männern einstellte und die Filme mit "Armdrücken" betitelte, meldete sich "JawsPredator1" zu Wort: "Ich denke du solltest es Armwrestling nennen. Aber super Videos kenn ich zwar schon alle von YouTube, aber trotzdem gut das die mal jemand hier reinstellt."
Er sprach aber auch ganz ruhig über seinen Kraftsport, lakonisch, geduldig erklärte er im Internet die Regeln: "Man darf seinen Körper benutzen. Warum soll das verboten sein. Das einzigste was man nicht darf ist den Ellbogen zu heben."
Tim spielte im Internet "Vier gewinnt", das alte Kinderspiel, bei dem vier Steine in eine Reihe zu bringen sind; er war nicht sonderlich erfolgreich, von 33 Spielen gewann er 6. Was er beherrschte, auch online, das war Schießen. Im November 2008 trat er in einem Online-Spiel an, seine Lieblingswaffe war eine Glock 18, zwölf Gegner konnte er töten, davon drei per Kopfschuss, zweimal nur wurde er getötet. Damit war er, in der virtuellen Welt, dem Amoklauf in der wirklichen Welt ziemlich nahegekommen.
In diesem anderen Leben, dem wirklichen, hatte Tim im September 2008 in der Berufskolleg-Klasse 1A angefangen; 24 Schüler waren sie, es kostete 195 Euro Schulgeld im Monat. Die Schule liegt in einem Gewerbegebiet am Stadtrand von Waiblingen, ein viergeschossiges Bürogebäude, weiße Fassade, es sieht aus wie ein Business-Center, Konferenztische, grauer Teppichboden, auch in den Klassenzimmern.
Hierher kommen die, die das Abitur an einer normalen Schule nicht schaffen. Hier zahlt man und darf in kleineren Klas- sen mit Rundumbetreuung lernen. Tims Stammplatz war hinten, direkt an der Wand. Er überstand die Probezeit, sechs Monate, der erforderliche Mindestdurchschnitt liegt bei 4,0. Sein Problemfach war Mathe, er bekam Nachhilfe.
Tim galt auch hier als zurückhaltend, still, in den Pausen spielte er mit drei, vier anderen Jungs in der Cafeteria Poker. Die Zockerei sieht die Schulleiterin nicht gern, aber solange die Jungs nur um Plastikchips spielen, was soll's. Beim Pokerspiel wurde aus Tims Schwäche, seiner Verschlossenheit, eine Stärke. Es gewinnt, meistens, der mit dem besten Pokerface, der also, der sich zu verschließen weiß.
Anfang Februar behandelte Tims Klasse im Deutschunterricht "Die neuen Waffengesetze" und "Amoklauf in Erfurt". Tim diskutierte mit, er kannte sich mit Gesetzen und Regeln aus, eine sei: nicht auf Menschen zielen. Von Depressionen wusste hier keiner etwas.
Es wurde Dienstag, noch 24 Stunden.
Tim kam wie jeden Morgen aus Leutenbach. 8 Uhr bis 8.45 Uhr Ethik. 8.50 Uhr bis 9.30 Uhr Rechnungswesen, dann Kaffeepause. Um 10.50 Uhr Gesamtwirtschaftslehre, sie schrieben eine Klassenarbeit. 12.30 Uhr: Spaghetti mit Putenstreifen. Dann Englisch und BWL.
Es kam der Abend, noch 14 Stunden. Tim war allein, wie meistens, er startete seinen Rechner, um 19.30 Uhr spielte er "Far Cry 2". Es ist ein Kampfspiel der modernen Generation, seit Oktober 2008 auf dem Markt, mit sehr realistischer Grafik.
Die Aufgabe ist es, in einem fiktiven Land in Afrika einen berüchtigten Waffenhändler, genannt der Schakal, aufzuspüren und zu exekutieren. Man hat Faustfeuerwaffen, Macheten, Raketen- und Flammenwerfer zur Verfügung, und um sich dubiose Machthaber gewogen zu halten, muss man gelegentlich einen kleinen Auftragsmord begehen. Das Spiel ist nicht mehr und nicht weniger schlimm als andere, durchschnittlich blutrünstig.
Es ist eine virtuelle Welt, die nicht viel mit der realen Welt gemein hat, so jedenfalls sollte es sein. Sie ist dafür geschaffen, sich zu verlieren und zu isolieren vom Grau des Alltags. Sie ist aber auch geeignet, verdammt gut geeignet, wenn man sich in Stimmung bringen will, bevor man ein Blutbad im wahren Leben beginnt.
Tim Kretschmer spielte an diesem Abend nicht sehr lange, er war noch kurz im Internet, ehe er den Rechner gegen 21.40 Uhr wieder herunterfuhr.
Es waren noch knappe zwölf Stunden bis zum ersten Schuss.
Seinen Eltern soll er an diesem Vorabend der Tat gesagt haben, er könne morgen ausschlafen, er müsse erst zur dritten Unterrichtsstunde erscheinen.
Ein Jahr nach Erfurt, ein Jahr nach dem Todeszug ihres Sohnes Robert durch die Flure des Gutenberg-Gymnasiums, saßen Christel und Günter Steinhäuser Seite an Seite in ihrem Wohnzimmer. Es war still. Es war kalt. Es war beängstigend.
Christel und Günter Steinhäuser, ruhige, kluge Menschen, sagten, wie schwierig, wie unmöglich es sei, um den Sohn zu trauern nach solch einer Tat. Wie soll das auch gehen, wenn die Welt eine Welt der Experten ist, wenn alle Ratschläge geben, wenn alle sehen, was vorher niemand sah? Und wie auch trauern, wenn die ganze Stadt mit den Angehörigen leidet, den Opfern des Sohnes, der als Mörder starb?
Wenn irgendwer in Deutschland weiß, was die Kretschmers fühlen, jetzt, in den Tagen nach Winnenden, dann dürften es Christel und Günter Steinhäuser sein.
Die Steinhäusers erzählten dann, wie sie täglich, "morgens nach dem Aufwachen" und "abends vor dem Einschlafen", nach Fehlern suchten, nach überhörten Andeutungen, nach verpassten Chancen. Einmal habe Robert gesagt: "Es hat alles keinen Sinn." Und Christel rief: "Was redest du für einen Quatsch?" Was wäre geschehen, was für ein Leben würden sie heute führen, wenn sie in jener Sekunde anders reagiert hätte? Was wäre, wenn - diese Frage quält die Steinhäusers, diese Frage werden sich auch die Kretschmers stellen.
Oder, in aller Schärfe: Hätten die Eltern die Taten der Kinder verhindern können?
Es sei normal, "dass Jugendliche in der Pubertät für ihre Eltern scheinbar unerreichbar werden", sagt Joachim Bensel, Verhaltensbiologe im baden-württembergischen Kandern, "Pubertierende tauchen ab in Innenwelten, von denen Eltern nichts ahnen." Entwicklungspsychologisch gesehen ist das folgerichtig: Pubertät bedeutet Ablösung - dazu gehören Geheimnisse und Rebellion. Läuft es schlecht, verlieren Eltern in dieser Zeit den Überblick über Nöte, Fragen und all die Leidenschaften, die ihre Kinder bewegen.
"Verläuft eine Entwicklung gut, haben sich Eltern vom ersten Tag an antrainiert, ihr Kind zu beobachten und zu verstehen", sagt Gabriele Haug-Schnabel, die Leiterin der verhaltensbiologischen Forschungsgruppe in Kandern. Selten geben die Jugendlichen eindeutige Signale: Sie stecken ja mitten in diesem elementaren Selbstfindungsprozess, sie ringen um eine Identität und sind in ihrem Kampf um größtmögliche Unabhängigkeit doch so verunsichert, dass sie dringend Orientierung und Zuspruch, Geborgenheit und Anerkennung brauchen. Und viel davon. "Sie zelebrieren Coolness um jeden Preis, um emotional unangreifbar zu bleiben. Gleichzeitig wollen sie in den Arm genommen werden", so beschreibt Haug-Schnabel die heikle Gemütsverfassung. Reagieren Mütter und Väter verletzt, halten sie ihre Kinder für undankbar, dann wächst das Missverständnis.
Mit zunehmender Pubertät steige auch die Angst vor der Zukunft - und männliche Jugendliche wie Tim reagierten darauf eher mit Resignation und Depression, wie die Berliner Verhaltensforscherin Christiane Tramitz in einer Studie herausfand. Beide Geschlechter eine offenbar aber die Todessehnsucht. Fast alle 14- bis 15-Jährigen, mit denen Tramitz sprach, leiden unter diffusen, wellenartigen Depressionen. "Viele malen sich ihre eigene Beerdigung aus" - auch das sei der Spiegel einer "unglaublichen Sehnsucht nach Liebe." Und ein Moment der Rache stecke darin: "Jetzt bestrafe ich euch dafür, dass ihr mich nie verstanden habt."
Wie jedes Verhalten sind natürlich auch diese anstrengenden Gemütszustände während der Pubertät Ausdruck von Aktivität im Gehirn. Es erfährt nun einen zweiten großen Reifeschub, der im Idealfall dazu führt, dass sich der Mensch sozial angemessen verhalten kann. Auf dem Weg dorthin wird das Geflecht der neuronalen Netze neu geordnet. Die Folge ist ein Chaos auf der Baustelle: Die Amygdala, eine Art Gefühlszentrum im Gehirn, braucht jetzt stärkere Reize, um Erlebnisse als positiv zu bewerten, gleichzeitig kann sie negative Gefühle schlechter kontrollieren.
"Eltern haben während der Pubertät ihrer Kinder einen Balanceakt zu bewältigen: Sie müssen einerseits die Grenzen ihrer Kinder akzeptieren, aber andererseits dürfen sie sich nicht zurückziehen", so benennt die Verhaltensforscherin Tramitz das Dilemma aller Erziehung. Sie fordert Eltern auf, ihren Söhnen und Töchtern vor allem gegen Ende der Pubertät eine neue Art von Beziehung anzubieten: "Kein erzieherisch-pädagogisches, sondern ein emotional begleitendes und unterstützendes Verhältnis. Die Jugendlichen müssen spüren, dass ihre Eltern sie trotz aller Überwerfungen als wertvoll schätzen."
Für einen Amoklauf lassen sich nicht und schon gar nicht ausschließlich die Abgründe der Pubertät verantwortlich machen, davon ist die Verhaltensbiologin Haug-Schnabel überzeugt. "Kein Jugendlicher schießt um sich, weil sein Leben plötzlich durcheinandergerät und er sich gerade schlecht mit den Eltern versteht", sagt sie.
Eltern von Amokläufern hätten in der Regel jahrelang versäumt wahrzunehmen, ob ihr Kind glücklich sei. Ob das Kind Freunde und Hobbys habe, Ideen für die Zukunft, einen Platz in der Welt. "Ein Amokläufer ist vorher mit absoluter Sicherheit durch ein Netz gefallen", sagt sie, "weder Eltern noch Großeltern noch Erzieher oder Lehrer haben gemerkt, was dem Kind fehlte."
Die meisten jugendlichen Amokläufer in den USA, so zeigten die psychologischen Gutachten, seien Einzelgänger gewesen: nicht geschätzt, sozial beschämt. "Unser Gehirn verarbeitet soziale Beschämung als Schmerz", sagt Haug-Schnabel, "der Mensch ist ein soziales Wesen. Es verursacht ihm Ängste und Qualen, wenn er nirgendwo richtig dazugehört." Am Ende habe Tim sich wahrscheinlich in seiner Einsamkeit so lange ins Unrecht gesetzt gefühlt, dass er Recht und Unrecht selbst gestalten wollte.
Abschließend. Nur dieses eine Mal.
Einen Täter in diesem Stadium zu stoppen ist schwierig: "Wenn sie sich entschieden haben, kommt man kaum noch an sie heran", sagt der Berliner Entwicklungspsychologe Herbert Scheithauer. "Die befinden sich in einem Jagdmodus kalter Wut und töten ohne Mitleid", sagt der Darmstädter Kriminalpsychologe Jens Hoffmann.
Ist die Mitleidlosigkeit antrainiert? Die Experten sind sich einig, dass Killerspiele zumindest für labile Jugendliche ein Risiko sind. Der Amerikaner Dave Grossman, ein früherer Militärpsychologe, der Soldaten für den Kampf ausbildete, sagt, Spiele wie "Counter Strike" glichen jenen Videosimulatoren, welche die US-Armee einsetzt, um die Treffsicherheit zu erhöhen - und Hemmungen vor dem Töten abzubauen.
Experimente amerikanischer Forscher belegen den Abstumpfungseffekt: Probanden, die ein Ballerspiel gespielt hatten, reagierten danach mit deutlich weniger Mitgefühl auf Bilder realer Gewalt als Versuchsteilnehmer, die passiv einen brutalen Film geschaut oder eine brutale Geschichte gelesen hatten. "Das ist ein systematischer Desensibilisierungsprozess", sagt der hannoversche Kriminologe Christian Pfeiffer, "Killerspiele sind ein Risikoerhöhungsfaktor."
Die meisten Amokläufer senden vor der Tat Signale aus, die im Rückblick als Warnungen gedeutet werden müssen. Würden sie rechtzeitig erkannt, könnten Katastrophen verhindert werden, vielleicht. In einem Forschungsprojekt untersucht der Berliner Psychologe Scheithauer das Phänomen des sogenannten Leakings, des Durchsickerns von Tatphantasien. Systematisch durchkämmen Scheithauer und seine Mitarbeiter darum die Amokläufe an deutschen Schulen und vergleichen sie mit Fällen in den USA.
"Viele Täter fallen vorher durch bizarres Verhalten auf, Anspielungen und Drohungen oder martialische Videos im Internet", sagt Scheithauer. Er hofft, aus den Daten irgendwann ein Kommunikationssystem entwickeln zu können, das es Eltern, Schulen und Polizei ermöglichen wird, kritische Fälle rechtzeitig zu identifizieren.
Der Kriminalpsychologe Hoffmann hat aus Ermittlungsakten und Fallstudien ein Online-Programm entwickelt, das es Lehrern, Schulpsychologen und Polizeibeamten erleichtern soll, verhaltensauffällige Schüler richtig einzuschätzen. Das Programm vergleicht die Informationen über solche Schüler mit den Daten früherer Amokläufer und bewertet, wie wahrscheinlich eine Gewalttat ist.
Auf ziemlich unheimliche Weise gleichen sich die Fälle, die da von den Wissenschaftlern durchleuchtet werden. "Das sind die Nachahmereffekte", sagt Hoffmann. "Junge Männer, die sich wertlos fühlen und Konflikte in sich hineinfressen, sehen in einem Amokläufer das Vorbild des großen Kriegers." Am Abend nach dem Amoklauf von Tim Kretschmer habe er schon die ersten Verehrungsvideos im Internet entdeckt, berichtet Hoffmann: "Das Amokrisiko steigt nach jeder Tat deutlich an."
Im politischen Berlin wurde nach Winnenden nicht wirklich debattiert, es waren eher Reflexe zu beobachten. Ratlosigkeit. Das Waffenrecht ist deutlich verschärft worden nach dem Amoklauf von Erfurt, reicht es nicht? Bundesjustizministerin Brigitte Zypries sagte, man müsse die Ermittlungsergebnisse abwarten: "Wenn sich daraus gesetzliche Defizite ergeben, werden wir handeln."
Von Forderungen, Sportschützen zu verpflichten, ihre Waffen nicht mehr zu Hause, sondern in den Schützenvereinen unterzubringen, hält sie wenig: Das würde nur "Waffendepots" schaffen. "Wir müssen aufmerksamer mit jungen Leuten umgehen, mit ihren Sorgen, Nöten und Problemen", so Zypries.
Und Innenminister Wolfgang Schäuble sagt: "Ich habe bisher keine Anhaltspunkte, dass ein noch strengeres Waffenrecht den Amoklauf in Wendlingen und Winnenden hätte verhindern können. Gleichwohl ist es Aufgabe der Politik, nach solchen Erfahrungen vorbehaltlos zu analysieren und zu überlegen: Muss ein Mitglied eines Schützenvereins wirklich so viele Waffen und so viel Munition zu Hause haben? Nehmen Waffenbesitzer ihre Verantwortung ernst genug? Darauf gilt es Antworten zu finden."
"Wenn nun vor allem gefordert wird, gewalthaltige Computerspiele zu verbieten, geht die öffentliche Diskussion in eine falsche Richtung", das sagt der Verhaltensbiologe Bensel. Wichtiger sei es, durch frühe Prävention in Kindergärten und Schulen dafür zu sorgen, dass kein Kind zum ewigen Außenseiter werde.
"Das ist die einzige Möglichkeit, die wir haben, um Amokläufe zu vermeiden", meint die Forscherin Haug-Schnabel: "Niemand darf dauerhaft am Rand stehen. Solche Kinder verbergen ihre Scham lange und lassen sich alle erdenklichen Demütigungen gefallen. Und irgendwann halten sie den Druck nicht mehr aus."
War es so?
Die, die es beantworten könnten, vielleicht, die Eltern Kretschmer, waren in den Stunden und Tagen danach für die Ermittler zu sprechen, für niemanden sonst. Gardinen vor den Fenstern, dunkel das Haus.
Es ist eine Gegend von Deutschland, in der die Städte und Dörfer noch klare Konturen haben. Wie Inseln liegen die Siedlungen zwischen den mit Äckern und Weiden bedeckten Hügeln Schwabens. Auch Weiler zum Stein ist eine solche Insel, 3000 Einwohner. Auf der Kirchturmspitze sitzt ein Hahn. Die Bäckerei wirbt nicht mit Leuchtreklame, sondern mit einer goldenen Brezel vor der Tür. Auf der Straße, zwischen parkenden Autos und Sträuchern, spielen drei Jungen Verstecken. Neben der Tür zum Brauhaus Lamm hängt eine Traueranzeige: "Es geschehen Dinge, die wir nicht verstehen können. Wir trauern. Das Lamm-Team."
Die Familie Kretschmer aus der kleinen Stichstraße wollte sich schützen, wovor auch immer. Das Eingangstor der weißen Villa wird von einer Kamera überwacht, unter dem Giebel hängt die rote Lampe einer Alarmanlage. Nun stehen Polizisten vor dem Gebäude. Die Beamten im Streifenwagen hüten nur noch das Haus, den Teich, die gelben und roten Primeln. Die Eltern waren in der Gerichtsmedizin, sie haben sich verabschiedet von Tim, dann floh die Familie an einen unbekannten Ort, vor den Journalisten, auch vor den Nachbarn.
Und ein paar Kilometer entfernt, in jener Turnhalle, in der sie Tim Kretschmer im vergangenen Sommer sein Abschlusszeugnis überreichte, steht nun Astrid Hahn, Schulleiterin. Tim hatte damals im ersten Durchgang alle Prüfungen bestanden. Er habe nie Ärger gemacht, "er war ein völlig unauffälliger Schüler", sagt sie. In dieser Halle haben die Schüler und Lehrer am Mittwoch die Stunden nach dem Massaker verbracht.
Massaker. Das ist das Wort, dass Astrid Hahn benutzt, wenn sie über den Mittwoch redet. "Ich habe das Massaker nicht hautnah miterlebt." Sie sah nicht, wie ihre Schüler und Lehrer starben. Eine Lehrerin meldete sich bei Astrid Hahn per Handy aus einem Klassenzimmer. "Hier schießt einer, bin getroffen", sagte die Lehrerin. So grausam sei gewesen, was sie dann sah, all die Spuren des Massakers, sagt die Schulleiterin, und für einen Moment bricht ihre Stimme. Dann zählt sie konzentriert drei Schritte auf, die sie sich überlegt haben. Es sind drei Schritte, um die Woche danach zu überstehen.
Sie wird die Eltern informieren, gemeinsam mit Psychologen, darüber, wie man mit traumatisierten Kindern umgeht. Am Wochenende standen Psychologen in einem Bildungszentrum zur Verfügung. In dieser Woche gibt es keine Schulpflicht, aber ein Betreuungsangebot, wieder mit Psychologen. Und wenn dann die Schule wieder aufmacht, soll sie 12 oder 13 Lehrer mehr haben; das Land wird bezahlen, was gebraucht wird.
Am Sonnabend, dem 21. März, wird es eine zentrale Trauerfeier geben, um elf Uhr, in der größten Kirche der Stadt Winnenden, St. Karl Borromäus. Vorigen Mittwoch, 20 Uhr, fand dort ein erster ökumenischer Gottesdienst statt, es ist eine moderne, große Kirche, an diesem Abend nicht groß genug. Hunderte Menschen drängten sich auf den Bänken und dahinter bis hinaus auf die Straße.
Ein Moment der Stille? Der Besinnung?
Der Trauer gar?
"Winnenden" ist nun ein Synonym wie "Erfurt" oder "Littleton", es steht schon heute auch für eine neue Stufe der Hysterie. Kamerateams belagerten die Stadt und ihre 28 000 Einwohner, Redaktionen luden Leser ein, das Neueste aus dem Kriegsgebiet per "Twitter" zu übermitteln, wenig wurde geprüft, kaum etwas bedacht, bevor es gesendet wurde.
Erst mal schnell sein und das Rattenrennen gewinnen - und wenn dann Dinge nicht stimmen, versenden sie sich, oder man nimmt sie halt wieder runter von den Websites. Auch der Journalismus scheint in der Postmoderne angekommen zu sein.
Nun jedoch ein Moment des Nachdenkens.
Viele Kinder und Jugendliche sind in die Kirche gekommen, die Gesichter blass oder rot vom vielen Weinen, sie stehen in Gruppen zusammen, sie liegen einander in den Armen. Familien sind da, junge Männer in der blauen Uniform der Freiwilligen Feuerwehr, Polizisten in Dienstkleidung. Vertreter der Griechisch-Orthodoxen und muslimischen Gemeinde stehen in der Kirche.
Und viele Kamerateams.
Eines filmt noch immer, als die Trauerfeier beginnen soll. Eine Frau erträgt das nicht, "was soll das?", ruft sie. Die Kameraleute sagen, es sei mit der Kirchenleitung abgesprochen. Die Frau wird lauter, "durch das Fernsehen", sagt sie, "bekommen die Kinder doch erst solche Ideen. Kameras raus", ruft sie, und viele nicken, ja, raus mit den Kameras. Ein paar Jungs versuchen, ihren Rücken vor der Kamera breit zu machen. Das Team geht.
Ein Ort des Schweigens, ein Ort des Weinens möge die Kirche sein, sagte ein Pfarrer. "Fassungslosigkeit überfällt uns am Ende dieses schrecklichen, blutigen Tages." Ein Unglück habe sich diesmal nicht in der Ferne ereignet, nicht in den Nachrichten, sondern mitten in der Stadt. Die Ansprachen der Pfarrer sind kurz, es gibt Tage, an denen die Worte ausgehen.
Ein Mädchen bekommt einen Weinkrampf und kaum mehr Luft. "Seelsorger sind da und wir auch", sagen die Pfarrer.
Vor dem großen Kreuz darf jeder, der es möchte, eine Kerze für die Opfer anzünden, "wir haben viele Kerzen, ich weiß nicht, ob sie reichen", sagt ein Pfarrer. Die Menschen stellen sich an, den Mittelgang hinunter, sie warten und singen. Wo Güte und Liebe ist, da wohnt Gott. Sie beten gemeinsam, für Schüler und Lehrer, für Angehörige, Ärzte und Schwestern und Rettungskräfte.
Dann beten sie für Tim Kretschmer, "den irregeleiteten jungen Mann", und seine Familie.
PETRA BORNHÖFT, KLAUS BRINKBÄUMER, ULRIKE DEMMER, WIEBKE HOLLERSEN, SIMONE KAISER, SEBASTIAN KNAUER, ANSBERT KNEIP, SVEN RÖBEL, SAMIHA SHAFY, HOLGER STARK, KATJA THIMM
Von Bornhöft, Petra, Brinkbäumer, Klaus, Demmer, Ulrike, Hollersen, Wiebke, Kaiser, Simone, Knauer, Sebastian, Kneip, Ansbert, Röbel, Sven, Shafy, Samiha, Stark, Holger, Thimm, Katja

DER SPIEGEL 12/2009
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