16.03.2009

KIRCHESchmutzige Hände

Der Papst hat Fehler im Umgang mit dem Holocaust-Leugner Williamson eingeräumt. Doch schon als Kardinal ließ er sich von Rechtsextremisten ausnutzen.
Wochenlang war wenig von ihm zu hören. Zu den Piusbrüdern, zu deren Bischof Richard Williamson, dessen Schwachsinn zum Thema Holocaust und zur vehementen Kritik vieler Katholiken am Vatikan. Vergangenen Dienstag hat sich Papst Benedikt XVI. zu Wort gemeldet, in einem Brief an die "lieben Mitbrüder im bischöflichen Dienst".
Seitdem weiß die Welt: Auch der Papst kann irren. Das ist menschlich, aber für das Amt nicht unbedingt gut. Denn bei einem, der nach kirchlicher Lehre beim Verkünden von Dogmen als unfehlbar gilt, hinterlassen auch undogmatische Irrtümer Schrammen.
"Eine für mich nicht vorhersehbare Panne", so Benedikt XVI., "bestand darin, dass die Aufhebung der Exkommunikation (von vier Piusbrüdern -Red.) überlagert wurde von dem Fall Williamson." So sei unglücklicherweise der Eindruck entstanden, "der leise Gestus der Barmherzigkeit" sei eine "Absage an die christlich-jüdische Versöhnung". Dies könne er "nur zutiefst bedauern".
Doch der Fall Williamson ist nicht der erste, in dem sich der Theologe Joseph Ratzinger mit irritierender Sorglosigkeit vom rechten Rand einfangen ließ, wie bislang unveröffentlichte Dokumente belegen.
1997 überließ Ratzinger - damals noch Chef der Glaubenskongregation - dem österreichischen Aula-Verlag einen von ihm verfassten Text für eine Aufsatzsammlung zum deutschen Revolutionsjahr 1848. Herausgeber des Werks mit dem Titel "1848 - Erbe und Auftrag" waren Otto Scrinzi und Jürgen Schwab, zwei unter deutschsprachigen Rechtsextremisten seit Jahren bekannte Größen, die aus ihrer Gesinnung nie einen Hehl gemacht hatten.
Als Anfang Februar Karl Öllinger, Grünen-Abgeordneter im österreichischen Nationalrat, Ratzinger wegen der Veröffentlichung im Aula-Verlag kritisierte und befand, die Stellung von Benedikt XVI. in der Debatte um die rechte Piusbruderschaft müsse jetzt völlig neu bewertet werden, wies der Pressesprecher der Erzdiözese Wien die Vorwürfe zurück.
Die Herausgeber, so die österreichische katholische Nachrichtenagentur Kathpress, hätten Ratzinger "offenbar nicht um Erlaubnis gefragt, seinen Artikel wiedergeben zu dürfen".
Das Gegenteil ist wahr, wie ein dem SPIEGEL vorliegender Schriftverkehr zwischen dem damaligen "Aula"-Redakteur Gerhoch Reisegger und dem Vatikan belegt.
Am 18. September 1997 bat Reisegger "Sr. Eminenz Prof. Joseph Kardinal Ratzinger" um "Abdruckerlaubnis" für den in der Zeitschrift "Communio" 1995 veröffentlichten Aufsatz: "Die Monatsschrift ,Aula' der freiheitlichen Akademikerverbände Österreichs" wolle Ratzingers "vorzügliche Darlegungen" der "Verwirrung" im 150. Gedenken an die Revolution von 1848 entgegenhalten.
Nur zwölf Tage später gab Ratzingers damaliger Sekretär, Monsignore Josef Clemens, Reisegger grünes Licht: "Bezugnehmend auf Ihr freundliches Schreiben ... darf ich Ihnen im Auftrag von Herrn Kardinal Ratzinger mitteilen, dass er mit dem Abdruck seines Aufsatzes ... in der Monatsschrift ,Aula' der freiheitlichen Akademikerverbände Österreichs einverstanden ist".
Von einem Buchprojekt war zunächst nicht die Rede, doch Reisegger ließ Monsignore Clemens am 6. Oktober 1997 wissen, dass statt eines Abdrucks im Monatsheft auch eine "Sondernummer zum Thema 1848" denkbar sei, um sich "mit dem Liberalismus, der Freimaurerei" und "der Revolution 1848 kritisch auseinanderzusetzen". Über die späteren Herausgeber verlor Reisegger kein Wort.
Doch schon die Nennung des Grazer Verlags hätte im Vatikan alle Alarmglocken schrillen lassen müssen. Denn nur drei Jahre zuvor hatte die "Aula" über Österreich hinaus für Schlagzeilen gesorgt. Herausgeber Herwig Nachtmann hatte für den Holocaust-Leugner Walter Lüftl Partei ergriffen. In seinem Artikel "Naturgesetze gelten für Nazis und Antifaschisten" hatte der "Aula"-Chef Lüftls 1992 erschienenen Report "Holocaust, Glaube und Fakten" als "Meilenstein auf dem Weg zur Wahrheit" gelobt. Sogar Jörg Haiders FPÖ, als deren Parteiorgan "Die Aula" bis dahin fungiert hatte, distanzierte sich von Blatt und Verlag und drehte den Geldhahn zu.
Ob all dies im Vatikan unbemerkt geblieben war, steht dahin. Fest steht, auch der Ratzinger-Text selbst enthält befremdliche Passagen. Unter der Überschrift "Demokratiekritik" schreibt der Kardinal: "Das Gefühl, dass die Demokratie noch nicht die rechte Form der Freiheit sei, ist ziemlich allgemein und breitet sich immer mehr aus ... Wie frei sind Wahlen? ... Gibt es nicht die Oligarchie derer, die bestimmen, was modern und fortschrittlich ist, was ein aufgeklärter Mensch zu denken hat. ... Und wie ist es mit der Willensbildung in den Gremien demokratischer Repräsentation? ... Wer könnte an der Macht von Interessen zweifeln, deren schmutzige Hände immer häufiger sichtbar werden? Und überhaupt: Ist das System von Mehrheit und Minderheit wirklich ein System der Freiheit?"
So viel Misstrauen gegenüber der Demokratie war für die "Aula"-Redaktion offenbar der Beginn einer wunderbaren Freundschaft. Als der Kardinal 2005 zum Papst gewählt wurde, jubelte sie: "Heil Deinem Kommen, Schützer der Frommen. Als Hitlerjunge und Flakhelfer schützte er sein Volk vor dem angloamerikanischen Bombenholocaust! Kämpft er als Heiliger Vater nun entschlossen gegen den Babycaust?" GUNTHER LATSCH
Von Gunther Latsch

DER SPIEGEL 12/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 12/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KIRCHE:
Schmutzige Hände

Video 02:27

Berlusconi-Film Loro Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft

  • Video "Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer" Video 01:24
    Einmalige Aussicht: Mit dem Gyrocopter über das Tote Meer
  • Video "Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen" Video 13:47
    Pfusch am Bau: Kleiner Fehler, fatale Folgen
  • Video "Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung" Video 01:47
    Debatte im Unterhaus: Theresa May verteidigt Brexit-Einigung
  • Video "Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten" Video 00:41
    Waldbrände in Kalifornien: Forensiker suchen nach menschlichen Überresten
  • Video "Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken" Video 01:11
    Nach Kollision: Norwegisches Kriegsschiff gesunken
  • Video "Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-Aliens" Video 00:38
    Bisher unbekannte Spezies: Forscher filmen kuriose Tiefsee-"Aliens"
  • Video "Phänomen Trumpy Bear: Commander in Plüsch" Video 01:11
    Phänomen "Trumpy Bear": Commander in Plüsch
  • Video "Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun" Video 01:11
    Tijuana: Migranten erklimmen US-Grenzzaun
  • Video "Michelle Obama im TV-Interview: Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben" Video 01:46
    Michelle Obama im TV-Interview: "Ich hatte das Gefühl, versagt zu haben"
  • Video "Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone" Video 01:15
    Game of Thrones - Staffel 8: #ForTheThrone
  • Video "88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur" Video 00:42
    88-Meter-Segeljacht: Auf der Überholspur
  • Video "Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen" Video 04:51
    Anruf bei Krankenschwester im Jemen: Der Hunger ist so groß, dass die Menschen Blätter essen
  • Video "Meinungen zur Super League: Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen" Video 03:10
    Meinungen zur "Super League": "Sollen die Idioten doch machen, was sie wollen"
  • Video "Endstation Bataclan: Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde" Video 21:45
    "Endstation Bataclan": Wie ein Busfahrer zum Massenmörder wurde
  • Video "Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee" Video 00:45
    Aus Eritrea nach Kanada: Kinder sehen zum ersten Mal Schnee
  • Video "Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron" Video 00:44
    Merkel-Besuch in Frankreich: 101-Jährige verwechselt Merkel mit Madame Macron
  • Video "Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft" Video 02:27
    Berlusconi-Film Loro: Willkommen in der dauergeilen Gesellschaft