16.03.2009

NS-VERBRECHENMord nach Vorschrift

Im Vernichtungslager Sobibór töteten zwei Dutzend SS-Männer und ihre Schergen bis zu 250 000 Juden. Jetzt bietet sich die wohl letzte Chance, einem der mutmaßlichen Täter in Deutschland den Prozess zu machen: John Demjanjuk. Zu spät? Der Mann ist alt und angeblich unheilbar krank.
Das Dorf Sobibór ist nicht leicht zu finden. Abseits der Hauptstraße von Wlodawa nach Chelm, zwischen ausgedehnten Wäldern und sumpfigen Wiesen, direkt an der Grenze Polens zur Ukraine. Es war diese versteckte Lage, die entscheidend dazu beitrug, dass Sobibór zum Ort eines der schrecklichsten Verbrechen der Menschheit wurde.
Die Unterkunft des SS-Lagerkommandanten steht noch, eine grün gestrichene Holzvilla, in der heute Einheimische wohnen. Auch die Rampe an den Bahngleisen ist erhalten. Und wer in dem Kiefernwäldchen der kleinen Gedenkstätte nach Spuren sucht, findet zwischen den Bäumen gespannten Stacheldraht. Überreste des Lagerzauns.
1942 stand vor der Rampe ein Schild mit der Aufschrift "SS-Sonderkommando". Dahinter erhoben sich Wachtürme und Baracken. Die "Himmelfahrtsstraße" konnte man von diesem Vorplatz freilich nicht einsehen. So bezeichnete die SS den eingezäunten Weg, der zu den Gaskammern im hinteren Teil des Geländes führte.
"Eigentlich ging die Vergasung sehr schnell", sagte ein SS-Mann aus Sobibór nach dem Krieg aus. "Mit einem Transport konnte man an einem Tag fertig werden."
Es gibt wenige Plätze auf der Welt, von denen sich sagen lässt, dass dort eine Todesfabrik stand. Sobibór ist einer davon. Wie Auschwitz oder Belzec, Chelmno oder Treblinka.
Häufig starben hier mehr als 2000 Menschen am Tag, Zehntausende im Monat; bis zu 250 000 Juden kamen in Sobibór zwischen April 1942 und November 1943 ums Leben.
Wäre es nach den Nazis gegangen, hätte die Menschheit nie erfahren, was nahe dem kleinen Dorf geschah. Doch am 14. Oktober 1943 wagten die Häftlinge einen Ausbruch; und da 47 von ihnen das Kriegsende überlebten, konnten sie bestätigen, dass etwa 150 Männer den Massenmord betrieben hatten: 20 bis 30 SS-Angehörige sowie rund 120 ehemalige sowjetische Kriegsgefangene, die den Deutschen zur Hand gingen - oder gehen mussten.
Das Verbrechen liegt nun über 65 Jahre zurück, und die Täter sind inzwischen wohl alle tot - mit einer Ausnahme: Iwan Demjanjuk, gebürtiger Ukrainer, wohnhaft bei Cleveland, Ohio, und heute die Nummer 2 auf der Liste der NS-Verbrecher, die das Simon-Wiesenthal-Center führt.
Seit 1948 sind Ermittler dem breitschultrigen Mann mit den grauen Augen auf der Spur, der nach Kriegsende in Süddeutschland lebte und 1952 in die USA auswanderte, wo er sich als John Demjanjuk registrieren ließ. Doch erst jetzt wird sich der 88-Jährige wohl wegen seiner Zeit in Sobibór verantworten müssen - vor dem Landgericht in München. Es wäre vermutlich der letzte große Prozess gegen einen NS-Verbrecher in Deutschland.
Der Haftbefehl ist vergangene Woche erlassen worden; jetzt ist noch eine amtsärztliche Untersuchung vorgesehen. Und da Demjanjuk staatenlos ist, muss geklärt werden, welche Reisepapiere er benötigt. Deswegen saßen am Freitagmorgen voriger Woche in Berlin Spezialisten des Auswärtigen Amts, des Innen- und des Justizministeriums beisammen. Sie waren sich einig darüber, wie er denn abzuschieben sei. Die Amerikaner müssten ihm ein Dokument ausstellen, das ihn "identifizierbar" mache, auch wenn es nur Gültigkeit habe für die Dauer des Flugs. Und: Demjanjuk dürfe nur in einer Linienmaschine hierher gebracht werden, mit an Bord ein Arzt und ein Polizist, das ist Bedingung der Bundesregierung.
Auch der Zielflughafen wurde bestimmt: München. Hier soll er dann von Bundespolizisten in Empfang genommen werden, die ihm den Haftbefehl verkünden werden, dann kann er auch schon als Beschuldigter vernommen werden. Anschließend die Anklage vorzulegen sei nur eine Frage von Tagen, sagt ein Kenner der bayerischen Justiz. Wohl gab es auch schon Gespräche mit den für Demjanjuk zuständigen Richtern, den Fall so schnell wie möglich anzuberaumen; ein Pflichtverteidiger aus München ist ihm bereits beigeordnet.
Gegen dieses flotte Vorgehen könnte nur eines sprechen: sein Gesundheitszustand. Offenbar leidet Demjanjuk an Myelodysplasie, einer Vorform von Leukämie, er ist auf regelmäßige Bluttransfusionen angewiesen, zumindest behaupten das sein Sohn und sein US-Anwalt gegenüber dem SPIEGEL. Der Vater liege zwar aufgrund guter medizinischer Versorgung "im Moment nicht auf dem Sterbebett", erklärt John Jr. Das würde sich aber ändern, "wenn er in einer Gefängniszelle sitzt".
Und er fügt hinzu: "Mein Papa ist kein Mörder. Er ist eine sehr sanfte und freundliche Person."
Die Vorwürfe gegen den mutmaßlichen früheren KZ-Wächter, wie sie im Haftbefehl formuliert sind, wiegen schwer: Beihilfe zum Mord in mindestens 29 000 Fällen. Darunter sind auch 1939 Deutsche.
Die Staatsanwälte machen Demjanjuk nicht den Vorwurf, eigenhändig KZ-Häftlinge umgebracht zu haben - sondern in seiner Funktion als Wachmann in einem Vernichtungslager dazu beigetragen zu haben, dass sie getötet werden konnten. Das Vorgehen erinnert viele Juristen an das Rechtskonstrukt der "terroristischen Vereinigung", mit der einst die deutsche Justiz gegen die RAF vorging. Ein juristisches Novum.
Mit Demjanjuk könnte somit jemand aus dem "Fußvolk der Endlösung" vor Gericht kommen, wie der amerikanische Historiker Peter Black die sogenannten Trawnikis beschreibt. Ungefähr 5000 dieser Männer, vorwiegend Rotarmisten, hatte sich die SS aus den Kriegsgefangenenlagern der Wehrmacht geholt und sie am Rande der Ortschaft Trawniki bei Lublin zu Helfern beim Massenmord ausgebildet.
Trawnikis trieben in den Ghettos die Opfer zusammen und halfen beim Transport in die Vernichtungslager, sie erschossen dort jene Ankömmlinge, die zu schwach waren, um bis zur Gaskammer zu laufen. Sie prügelten jene in die angeblichen Duschkabinen, die ihnen nicht schnell genug waren.
Ohne die Trawnikis hätte es den Holocaust im von den Deutschen besetzten Polen so nicht geben können.
Doch Demjanjuk gehörte mit seinem Trawniki-Dienstrang Wachmann zur untersten Hierarchiestufe, noch weit unter allen anderen kleinen SS-Angehörigen, die in den Nachkriegsprozessen ihren Richtern mit Erfolg klarmachen konnten, lediglich auf Befehl gehandelt zu haben - und damit straffrei blieben.
Wie also geht Deutschland um mit einem Mann, der erst im Zuge des deutschen Staatsverbrechens zum Täter wurde? Was ist die gerechte Strafe für einen Handlanger, der sich als Kriegsgefangener in die Dienste der SS stellte, um nicht wie Millionen seiner Kameraden in deutschen Lagern zu krepieren? Und wie wird die deutsche Justiz eine Verurteilung Demjanjuks begründen, wo doch 1966 zahlreiche SS-Leute aus Sobibór freigesprochen wurden?
Aller Voraussicht nach wird die strafrechtliche Aufarbeitung des Holocaust mit einem Prozess gegen eine der kleinsten Chargen enden - ein Umstand, der das jahrzehntelange Versagen der deutschen Justiz verdeutlicht. Der Publizist und Holocaust-Überlebende Ralph Giordano hat es die "zweite Schuld" genannt.
Dabei schien der Fall Demjanjuk schon vor Jahren abgeschlossen zu sein. Die USA hatten ihn 1986 an Israel ausgeliefert, weil Überlebende aus dem Lager Treblinka behaupteten, er sei identisch mit jenem sadistischen Ukrainer, den die Häftlinge als "Iwan den Schrecklichen" fürchteten.
Im Gerichtssaal in Jerusalem spielten sich ergreifende Szenen ab. "Genug Gericht gehalten, hängt ihn auf", schrie der Zeuge Eliahu Rosenberg, der sich seiner Sache sicher war. Demjanjuk wurde zum Tode verurteilt. Aber dann brach die Sowjetunion auseinander, und damit ergaben sich für die Verteidiger ganz neue Möglichkeiten der Recherche. Nun stellte sich heraus, dass "Iwan der Schreckliche" bereits im Zweiten Weltkrieg gestorben war. Nach sieben Jahren Untersuchungshaft sprach der Oberste Gerichtshof Israels Demjanjuk 1993 frei. In der Business-Class von El Al flog er zurück in die USA.
Und Sobibór?
Er sei da nie gewesen, hat Demjanjuk stets erklärt, doch die Beleglage ist recht eindrucksvoll. Nicht etwa traumatisierte Opfer, sondern andere Trawnikis haben ausgesagt, gemeinsam mit ihm dort gemordet zu haben. Die Aussagen stammen aus sowjetischen Geheimverfahren; Dutzende Trawniki-Männer waren in der Sowjetunion zum Tode oder zu langen Haftstrafen verurteilt worden.
Zudem weisen mehrere Dokumente Demjanjuk als Wachmann in Sobibór aus. Sein wenig überzeugender Einwand: Ein Cousin habe sich seiner Daten bedient. Doch der Vetter war dunkelhaarig, Demjanjuk hingegen blond; und in dem Trawniki-Dienstausweis 1393, der auf Iwan Demjanjuk ausgestellt ist, klebt ein Foto, das eindeutig den Mann in Cleveland zeigt.
Der Dienstausweis ist heute ein Schlüsseldokument der Ermittler, weil darauf die Einsatzorte verzeichnet sind.
Demjanjuks Weg in den Holocaust begann mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion 1941. Der damals 21-jährige Traktorist aus einem Dorf südwestlich von Kiew absolvierte gerade seinen Wehrdienst, als die Wehrmacht in der Nacht zum 22. Juni die Grenze überschritt.
Bei den Kämpfen um Kiew wurde der bullige Artillerist von einem Granatsplitter verwundet. Nach einigen Monaten kehrte er an die Front zurück, und es gibt keinen Grund, an seiner Version zu zweifeln, der zufolge er im Frühjahr 1942 auf der Krim in deutsche Hände fiel. Rund 170 000 Gefangene machte die Wehrmacht dort am Anfang ihres Feldzugs im Südosten. Demjanjuk kam in ein Kriegsgefangenenlager bei Chelm im heutigen Ostpolen. "Die Bedingungen waren grauenhaft", berichtete er später. Es gab nicht genug Baracken; die Gefangenen mussten im Freien auf der Erde schlafen. Zum Schutz vor der Kälte gruben sie Erdlöcher, die bei Regen vollliefen.
Das Oberkommando des Heeres hatte befohlen, die Rationen für die Gefangenen niedrig zu halten. In ihrer Verzweiflung aßen die Männer Gras und Laub, sogar Kannibalismus hat es gegeben.
Jüdische Rotarmisten wurden systematisch ermordet, aber auch die Überlebenschance eines nichtjüdischen Kriegsgefangenen lag bis zu diesem Zeitpunkt unter 50 Prozent. Und das war gewollt. Die Pläne für Hitlers Rasseimperium sahen nicht nur den Holocaust, sondern auch den Tod von Millionen Slawen vor.
Angesichts der Zustände in dem Lager ist unglaubwürdig, dass Demjanjuk die Kriegsjahre im Wesentlichen dort überlebt hat, wie er behauptet. Dabei könnte der Ukrainer die schrecklichen Bedingungen durchaus strafmildernd für sich in Anspruch nehmen, denn sie lassen die Historiker bis heute streiten, ob Kriegsgefangene wirklich eine Wahl hatten, wenn die SS ihnen anbot, sie in ihre Dienste zu nehmen.
Viele Trawnikis räumten ein, dass die Männer vom Totenkopforden sie nicht gezwungen haben mitzukommen; sie hätten auch im Lager bleiben können. Den Hungertod vor Augen, folgten viele der Aufforderung. "Für einen Laib Brot hätte ich meine Seele gegeben", räumte später auch Demjanjuk ein.
SS-Chef Heinrich Himmler hatte seinen Untergebenen befohlen, Gefangene auszuwählen, "die besonders vertrauenswürdig erscheinen". Zunächst versuchten die SS-Führer, in den Gefangenenlagern überwiegend Deutschstämmige zu rekrutieren, dann insbesondere antikommunistisch eingestellte Ukrainer. Stalins Kollektivierungspolitik hatte Anfang der dreißiger Jahre in der Kornkammer seines Imperiums eine Hungerkatastrophe mit mehreren Millionen Toten ausgelöst. Auch ein Onkel Demjanjuks war verhungert.
Demjanjuk war für die SS ein perfekter Kandidat.
Lastwagen brachten die Rekruten nach Trawniki, wo sie auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerfabrik kaserniert wurden, in deren Räumen heute Unterwäsche hergestellt wird. Zwangsarbeiter mussten damals in der Fabrikhalle das Eigentum ermordeter Juden sortieren. Die Neuankömmlinge bekamen zunächst schwarz gefärbte Uniformen, die aus Beständen der polnischen Armee stammten, dazu Gewehre und vereinzelt Lederpeitschen. Alte Einwohner Trawnikis erinnern sich noch an "die Schwarzen", die deutsche Lieder singend marschieren übten.
Himmler träumte davon, das eroberte Osteuropa mit einem Netz von Wehrsiedlungen zu überziehen, und da für den riesigen Raum nicht genug deutsches Personal zur Verfügung stand, befahl er dem selbst für Nazi-Verhältnisse auffällig brutalen SS-Führer von Lublin, Odilo Globocnik, die Hilfstruppe zu rekrutieren.
Doch als der Blitzkrieg vor den Toren Moskaus scheiterte, geriet das Siedlungsprojekt in den Hintergrund. Wie andere regionale Machthaber drängte nun auch Globocnik darauf, die Juden in seinem Distrikt umzubringen. Fortan mussten die Trawnikis beim Holocaust helfen - in einer durchaus "entscheidenden Rolle" (Historiker Black).
SS-Männer brachten den Hiwis bei, wie man verhindert, dass Häftlinge aus Lagern fliehen. In den Orten des Umlands übten sie Razzien. Man sei mit 60 Mann in eine nahe Kleinstadt gefahren und habe dort Juden mit Gewehrkolben aus den Häusern geprügelt, erzählte später ein Trawniki.
Jakow Klimenko, der wie Demjanjuk im Sommer 1942 in Trawniki eintraf, sagte aus, dass die Männer gemeinsam in den nahen Wald gefahren seien. In Zehnergruppen traten sie an, ihnen gegenüber mussten sich zehn Juden aufstellen. Und dann ertönte der Feuerbefehl. Die Deutschen hätten sich auf diese Weise "unsere Loyalität sichern wollen", glaubt Klimenko - wohl eine berechtigte Vermutung.
Die Nazis waren sich bewusst, dass Verbrechen eine integrierende Wirkung haben. "Blut kittet aneinander", beschrieb Hitlers Propagandachef Joseph Goebbels diesen Mechanismus.
Und die Trawnikis lernten schnell. Viele nutzten die Gelegenheit, um sich auf Kosten der Opfer in Ghettos und Lagern zu bereichern. "Oftmals übertrafen die Trawnikis ihre deutschen Herren noch an Grausamkeit", urteilt die Historikerin Barbara Distel. Ihr Diebesgut versetzten die Männer dann in den umliegenden Dörfern, meist für Alkohol und Frauen.
Demjanjuk scheint von der SS systematisch an das Verbrechen herangeführt worden zu sein. Und mit jedem neuen Einsatzort stieg die Wahrscheinlichkeit, dass der schlichte Typ aus dem Dorf Dubowije Makarensy zum Mordhelfer wurde.
Zuerst kommandierte ihn die SS zu ihrem Gut Okszów in der Nähe von Chelm. Dies war eine jener Wehrsiedlungen, die als Stützpunkte in Himmlers Rasseimperium dienen sollten. Trawnikis verrichteten vor allem Wachdienste und beaufsichtigten jüdische Feldarbeiter.
Wenige Monate später kam er nach Majdanek, ein KZ am Rande der Stadt Lublin auf einer Fläche so groß wie 380 Fußballfelder. Gut möglich, aber nicht erwiesen, dass Demjanjuk schon dort Opfer in die Gaskammer prügelte - so wie der vor sowjetischen Richtern geständige Grigorij Garus, der zeitgleich mit Demjanjuk und anderen Trawnikis in Majdanek Dienst tat.
Und dann - am 27. März 1943 - schickten ihn die Nazis in das Vernichtungslager von Sobibór, in dem kein Aufseher unschuldig blieb.
Woche für Woche, Monat für Monat rollten in den Jahren 1942 und 1943 Züge an die Rampe. SS-Leute und ihre Helfer zerrten die erschöpften Menschen aus den Viehwaggons. Ein Oberscharführer hielt eine Ansprache: Das Lager sei lediglich ein Zwischenstopp auf dem Weg in die Ukraine, sie mögen jetzt erst einmal duschen. Einige sollen vor Erleichterung gejubelt haben.
Die SS wählte wenige kräftige Männer und Frauen aus - für Fronarbeit im Lager. Die anderen Juden aus Hamburg und Kassel, Amsterdam und Lublin, Rotterdam oder Warschau mussten sich ausziehen. Den Frauen wurden die Haare geschoren. Dann trieben die Täter ihre Opfer in die als Duschräume getarnten Gaskammern.
Die Trawnikis waren in alle Stationen der Vernichtung eingebunden: Sie bewachten das Lager, begleiteten Häftlingskommandos, die außerhalb des Lagers arbeiten mussten, trieben die Ankömmlinge in die Gaskammern. Und sie erschossen schwache, kranke und widerwillige Häftlinge, ohne dass dafür jedes Mal ein gesonderter Befehl nötig gewesen wäre.
Thomas Blatt, der das Grauen überlebte, ist der Empfang noch in genauer Erinnerung. Ein Leidensgenosse spähte nach draußen und sagte auf Jiddisch: "Ys schwarz fyn Ukrainer" ("Es ist schwarz von Ukrainern"), und meinte damit die dunklen Uniformen der ukrainischen Wachleute. "Sie stürzten sich auf uns", berichtet Blatt. An Demjanjuk hat er allerdings keine Erinnerung.
Als "Kette von Funktionen" beschrieb der SS-Mann Werner Dubois später den Ablauf der Lagermaschinerie. "Wenn nur ein Glied dieser Kette entfällt, stockt der ganze Betrieb." Und alle Wachmänner mussten helfen. "Jeder sprang da ein, wo er gerade benötigt wurde", sagte der Oberscharführer Erich Bauer aus. Alles habe wie "ein Uhrwerk funktioniert".
An den Gaskammern prangten Blumen, ein Davidstern und die Inschrift "Badehaus". Mehrere hundert Menschen trieben und pressten die Trawnikis hinein, die Schwingtüren schlossen sich, im Motorraum nebenan warf Bauer einen 200-PS-Motor an, dessen Abgase durch ein Leitungssystem in die Kammern strömten. Der Todeskampf der Opfer dauerte bis zu eine halbe Stunde.
Es gibt Berichte, wonach die SS eigens eine Herde Gänse hielt. Ihr Geschnatter sollte die Schreie der Sterbenden übertönen und Panik unter den draußen Wartenden vermeiden helfen.
SS-Chef Heinrich Himmler ließ sich im Februar 1943 das Verfahren zeigen. Da an diesem Tag kein Transport erwartet wurde, brachten seine Untergebenen mehrere hundert Mädchen und Frauen aus Lublin nach Sobibór, um an ihnen das Töten demonstrieren zu lassen. Der "Reichsführer SS" war von der mörderischen Effizienz der Anlage so begeistert, dass er ein Bankett gab und die Henker auszeichnete.
Und Demjanjuk?
Der Wachmann blieb laut Dienstausweis vermutlich bis Mitte September 1943 in Sobibór. Über 29 000 Menschen trafen während dieser Zeit allein mit Zügen aus dem niederländischen Lager Westerbork ein. Ihre Namen sind bekannt, weil die Judenräte auf Befehl der dortigen SS-Lagerverwaltung Listen führten. Deutsche Juden waren darunter, die vor den Nazis nach Holland geflohen waren. Wie viele Polen, Russen, Tschechen, Slowaken oder Menschen anderer Nationalität zu Demjanjuks Zeit in Sobibór ebenfalls starben, lässt sich nicht genau ermitteln.
Vor allem die Aussagen des inzwischen verstorbenen Trawniki Ignat Daniltschenko belasten ihn schwer: "Als SS-Wachmann hatte Demjanjuk teil an der Massenvernichtung von jüdischen Zivilisten im Lager Sobibór. Er begleitete sie als Bewacher zu den Gaskammern."
Daniltschenkos Aussage stammt aus einem Verfahren, das 1949 in Dnjepropetrowsk durchgeführt wurde. Gerichtsprozesse aus der Stalin-Zeit sind zwar grundsätzlich mit Vorsicht zu bewerten. Doch als in den USA erstmals gegen Demjanjuk ermittelt wurde, bekräftigte Daniltschenko 1979 vor einer sowjetischen Staatsanwältin seine Aussage: "Ich habe Demjanjuk und andere Wachen die Juden mit dem Gewehr stoßen und schlagen sehen; das war ein übliches Vorgehen beim Entladen." Demjanjuk sei als "erfahrener und effizienter Wachmann angesehen" worden.
Und die SS-Lagerleitung sorgte dafür, dass die Aufgaben wechselten, so dass das gesamte Personal in der Komplizenschaft des Massenmordens vereint war. "Unsere Beteiligung an der Judenvernichtung kam derartig oft vor, dass es sich um eine Art gewohnter Tätigkeit handelte", berichtete ein anderer Kamerad Demjanjuks, "es war eine eintönige Beschäftigung."
Mord nach Vorschrift.
Gab es für Demjanjuk eine Alternative? Oder verrichtete er den Vernichtungsjob mit sadistischer Lust? Quälte er vielleicht seine Opfer zusätzlich, wie es andere Trawnikis taten?
Viele von ihnen wurden von der SS befördert, einige ausgezeichnet, Demjanjuk hingegen blieb bis zum Ende nur Wachmann, der niedrigste Dienstgrad. Spricht das für Widerstreben, oder dokumentiert es die Grenzen dieses einfach gestrickten Mannes, der auch nach 50 Jahren in den USA nur gebrochen Englisch spricht?
Dass Demjanjuk nicht immer tat, was die Deutschen von ihm verlangten, ist belegt. Anfang 1943 erhielt er als Strafe 25 Stockschläge, weil er das KZ Majdanek ohne Erlaubnis verlassen hatte. Eine Typhus-Epidemie wütete unter den Häftlingen, und der Kommandant hatte für die Wachen eine Ausgangssperre verhängt. Angeblich war Demjanjuk mit drei Kumpeln Salz und Zwiebeln kaufen, vermutlich besuchten sie jedoch einen nahen Puff.
Es war nicht seine einzige Chance, sich abzusetzen, und viele seiner Kameraden nutzten solche Möglichkeiten. Etwa ein Drittel der Trawniki ist desertiert.
Demjanjuk hingegen blieb in deutschen Diensten. Auf Sobibór folgte der Wachdienst im KZ Flossenbürg in der Oberpfalz und zum Schluss noch einige Wochen bei der sogenannten Wlassow-Armee, einer Truppe von ehemaligen Rotarmisten, die auf deutscher Seite kämpften.
Wo sich Demjanjuk bei Kriegsende aufhielt, wann er sich vom SS-Helfer in einen angeblich unschuldigen Kriegsflüchtling verwandelte, weiß nur er selbst.
Seine Spur lässt sich erst wieder in einem Flüchtlingslager für Displaced Persons in Landshut aufnehmen. Er heuerte bei der U. S. Army in Regensburg als Mechaniker an. Später ging es nach Ulm, Ellwangen, Bad Reichenhall und Feldafing im Landkreis Starnberg. Und dann der große Sprung: Im Januar 1952 setzte der Ex-Trawniki von Bremerhaven in die USA über, wo er rasch Fuß fasste. Arbeiter bei Ford, respektierter Familienvater, angesehenes Mitglied der ukrainisch-orthodoxen Kirchengemeinde St. Wladimir bei Cleveland.
Was Demjanjuk nicht wusste: Schon 1948 suchten sowjetische Ermittler nach ihm. Ausgerechnet ein Brief von Demjanjuks Ehefrau in die alte Heimat informierte sie offenbar über sein neues Lebens jenseits des Atlantiks.
Freilich herrschte Kalter Krieg zwischen Ost und West, und die Sowjets unternahmen zunächst einmal nichts. Erst 1975 brachte ein moskaufreundlicher US-Journalist von einer Reise in die Sowjetunion eine Liste mit Namen von ukrainischen Kriegsverbrechern mit, die in den USA lebten, darunter auch Demjanjuks. Die Vermutung liegt nahe, dass das KGB damit auch die lautstarken antisowjetischen Exilukrainer diskreditieren wollte.
Das Papier landete bei der zuständigen US-Immigrationsbehörde, die nun Demjanjuks Einwanderungsakte aus dem Archiv holt. Ein Detail machte die Beamten stutzig: Er hatte in seinen Papieren angegeben, nach 1937 in "Sobibór, Poland" gelebt zu haben. Ausgerechnet Sobibór: Wahrscheinlich war Demjanjuk kein anderer Ortsname eingefallen - außerdem war das Vernichtungslager bei Kriegsende so gut wie unbekannt. Danach befragt, erklärte Demjanjuk, der Einwanderungsbeamte habe ihm den Namen damals eingeflüstert.
Weiter kamen die Ermittler allerdings nicht.
Schließlich schickten sie sein Passfoto zusammen mit Aufnahmen von anderen Verdächtigen an ihre Kollegen in Israel, die es Holocaust-Überlebenden zeigten - und damit nahm ein absurder Justizirrtum seinen Lauf. Denn allein sechs Zeugen schworen, den Mann auf dem Foto genau zu kennen. Nicht etwa aus Sobibór, nein, aus Treblinka, einem anderen Vernichtungslager nordöstlich von Warschau. "Das ist Iwan!", rief ein Zeuge, "Iwan Grozny", "Iwan der Schreckliche".
Ein Verfahren in den USA kam nicht in Frage, denn die US-Rechtssystematik wurzelt in der Überzeugung, auf amerikanischem Boden dürften nur Menschen angeklagt und verurteilt werden, deren Taten einen Bezug zu den USA haben. Nur die US-Staatsbürgerschaft wurde ihm aberkannt mit der Begründung, er habe bei der Einwanderung seine Zeit als SS-Mann in Treblinka unterschlagen.
Doch dann ging es Schlag auf Schlag, denn das Office of Special Investigations (OSI) - eine neu gegründete Sonderdienststelle im US-Justizministerium, die Ex-Nazis auf amerikanischem Boden jagen soll - brauchte damals Erfolge. Und da das OSI gerade mit den Israelis über die Auslieferung von Nazi-Verbrechern verhandelte, fiel die Wahl auf Demjanjuk. Dabei wussten Anwälte im OSI, dass Demjanjuk nicht Iwan der Schreckliche sein konnte. Während jener wütete, war Demjanjuk höchstwahrscheinlich in Sobibór.
Der Prozess in Jerusalem wurde zu einem internationalen Medienereignis; das israelische Fernsehen berichtete live aus dem Gerichtssaal. Und zunächst lief auch alles wie von der Anklage gewünscht. Treblinka-Überlebende beschrieben den unfassbaren Horror des Vernichtungslagers und die ungezügelte Brutalität des schrecklichen Iwan.
Demjanjuk wurde zum Tode verurteilt, eine britische Firma baute vor seiner Zellentür schon den Galgen auf. Alles schien entschieden, nur die Berufungsverhandlung galt es abzuwarten.
Aber dann verübte ein empörter Überlebender der Shoah ein Säureattentat auf einen der Verteidiger und verletzte diesen schwer. Das Verfahren verzögerte sich infolgedessen um zwei Jahre - dieser Zeitaufschub rettete Demjanjuk das Leben.
Denn man schrieb das Jahr 1990, und in den nun zugänglichen Archiven der Sowjetunion entdeckten Journalisten und Verteidiger neue Dokumente. Und sie fanden die Ex-Freundin von Iwan dem Schrecklichen, auch dessen Töchter. Es gab bald keinen Zweifel mehr: Demjanjuk und Iwan der Schreckliche waren zwei verschiedene Personen. 1993 hob der Oberste Gerichtshof in Israel das Todesurteil auf, 1998 erhielt Demjanjuk auch die US-Staatsbürgerschaft zurück - Vergleichbares war in der Geschichte der USA noch nie geschehen.
Für das OSI war der Freispruch eine böse Schlappe; es gab eine offizielle Untersuchung und Neubesetzungen.
Wahrscheinlich hat nichts die OSI-Führung so motiviert wie der Wunsch, die Scharte auszuwetzen. Und das israelische Verfahren lieferte für einen zweiten Anlauf genügend Material. Zum Beispiel über Sobibór.
Im Jahr 2001 verlor Demjanjuk erneut seine Staatsbürgerschaft, nach einem Spruch des Supreme Court im letzten Frühjahr dürfte es dieses Mal endgültig sein.
In vier Ländern haben die Amerikaner inzwischen angefragt, ob Interesse an Demjanjuk bestehe. Die Ukraine antwortete nicht, Polen und Israel lehnten ab. Übrig blieb: die Bundesrepublik Deutschland, ausgerechnet jenes Land, das noch in den neunziger Jahren bei anderen Ex-Trawnikis, die in den USA lebten, eine Auslieferung abgelehnt hatte.
Doch die Zeiten ändern sich, und die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen trug alle Verdachtsmomente gegen Demjanjuk zusammen; ihr Bericht war Grundlage für den Haftbefehl. "Wir mussten zügig handeln", sagt ein Ermittler.
Zügig schon deshalb, weil Demjanjuk so alt ist und der Bundesgerichtshof 2004 im Fall eines wenige Jahre älteren Ex-Sturmbannführers der SS eine Regel aufstellte, die Demjanjuk zugutekommen könnte. Sie lautet sinngemäß: In diesem hohen Alter sei ein Angeklagter bald nicht mehr verhandlungsfähig, dies bedürfe keines medizinischen Gutachtens. Es reiche bereits die Erwartung, in "absehbarer Zeit" könnte die Verhandlungsunfähigkeit eines Beschuldigten oder Angeklagten eintreten.
Doch die Frage der Verhandlungsfähigkeit wird nicht das einzige juristische Problem bleiben. Ein schwieriges Rechtsfeld tut sich auf bei der - notwendigen - Prüfung, ob Demjanjuk für sich den putativen Befehlsnotstand reklamieren dürfe, also die "irrtümliche Vorstellung über das Vorliegen einer Befehlsnotstandssituation", wie es die frühere Hamburger Oberstaatsanwältin und NS-Kennerin Helge Grabitz formulierte.
Soll heißen: Die Trawniki-Männer könnten überzeugt davon gewesen sein, sie hätten auf Gedeih und Verderb gehorchen müssen. Schließlich sind sie von ihren deutschen Chefs selbst bei geringfügigen Disziplinarverstößen über Gebühr bestraft worden, und die in solchen Fällen auch angedrohte Rückführung in ein Kriegsgefangenenlager, wo katastrophale Zustände herrschten, hätte vielleicht ihren Tod bedeutet.
Die Ermittler argumentieren nun, Demjanjuk hätte sich doch allem entziehen können - durch Flucht. So wie andere Trawnikis. Wahr ist freilich auch, dass etliche, deren Flucht scheiterte, ohne viel Federlesens erschossen wurden.
Auf jeden Fall haben die Strafverfolger mit dem Fall Demjanjuk rechtliches Neuland betreten. Denn bislang ist in Westdeutschland noch nie ein kleiner KZ-Wachmann verurteilt worden, und Demjanjuk ist "der kleinste der kleinen Fische", sagt Christiaan F. Rüter, Strafrechtsprofessor in Amsterdam und Herausgeber einer Sammlung von Urteilen gegen NS-Täter.
Rüter erinnert daran, dass die Ermittler der Zentralen Stelle selbst früher der Auffassung waren, "Angehörige der Erschießungs- oder Absperrkommandos sollten im Allgemeinen nicht unter Anklage gestellt werden". Dies gelte selbst für jene "letzten Glieder der Kette innerhalb der Mordmaschinerie, zum Beispiel die Todesschützen", befand 1976 das Landgericht Hamburg.
Und in Hagen wurden von 12 SS-Männern, die in Sobibór ihren Morddienst versahen, 5 freigesprochen - nur die Exzesstäter nicht.
In die Zelle müsste wohl auch Demjanjuk nicht, davor schützt ihn vermutlich sein hohes Alter. Er könnte, wenn der Haftbefehl ausgesetzt ist, in einem Seniorenheim einquartiert werden - mit einem Polizisten vor der Tür. Als Wachmann.
GEORG BÖNISCH, JAN FRIEDMANN, AXEL FROHN,
CORDULA MEYER, KLAUS WIEGREFE
Von Georg Bönisch, Jan Friedmann, Axel Frohn, Cordula Meyer und Klaus Wiegrefe

DER SPIEGEL 12/2009
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