23.03.2009

IRAN

Chatami hat sich geopfert

Der Teheraner Publizist und politische Berater Mohammed Atrianfar, 55, über die Kandidaten für die Präsidentschaftswahl am 12. Juni

SPIEGEL: Für das Amt des Staatschefs bewirbt sich nun auch der frühere Ministerpräsident Hossein Mussawi, 67. Welchem politischen Lager rechnen Sie Mussawi zu?

Atrianfar: Er ist ein Konservativer, der die Prinzipien der Revolution achtet: Gerechtigkeit, Unabhängigkeit. Aber er zählt nicht zu jenen Konservativen, für die Präsident Mahmud Ahmadinedschad steht. Er war nie ein Hardliner. Das passt gar nicht zu ihm. Er ist ein Künstler, ein Modernist, ein Mann aus der Welt der Kultur. Mussawi steht daher eher für das Lager der Technokraten und Pragmatiker. Manche seiner Stellungnahmen, etwa wenn er mehr Offenheit fordert, klingen sogar reformorientiert.

SPIEGEL: Es war viele Jahre vergleichsweise still um Mussawi. Was hat ihn bewogen, nun wieder in die Politik einzusteigen?

Atrianfar: Er sagte neulich, er habe das Gefühl, das Land werde zugrunde gerichtet, wenn das Missmanagement der gegenwärtigen Regierung weitergehe. Er kandidiert, um Iran, die Revolution und das System vor dem Niedergang zu bewahren.

SPIEGEL: Hat Mussawi die Rückendeckung des religiösen Führers Ajatollah Ali Chamenei, oder sind sie zerstritten?

Atrianfar: Die Auseinandersetzungen liegen fast 30 Jahre zurück. Da ging es um die Kompetenzverteilung zwischen dem damaligen Premier Mussawi und Chamenei, der seinerzeit Präsident war. Jetzt aber wird ein Wahlsieg Mussawis die Flügelkämpfe beenden, die durch die Kandidatur von Mohammed Chatami verschärft worden waren. Diese Entspannung wird die religiöse Führung sicher begrüßen. Außerdem hat Chamenei bei kulturellen und außenpolitischen Themen mehr Gemeinsamkeiten mit Mussawi als mit Chatami.

SPIEGEL: Nach Mussawis Bewerbung hat Ex-Präsident Chatami seine Kandidatur zurückgezogen.

Atrianfar: Chatami hatte sehr gute Siegeschancen. Sein Rücktritt erfolgte nicht aus Angst vor einer Niederlage. Aber viele behaupteten, seine Kandidatur führe zu Spannungen. Als verantwortungsvoller Politiker hat er sich mit seinem Rücktritt im Interesse des Landes geopfert. Und natürlich wurde ihm auch deutlich, welche persönlichen Gefahren ihm drohten. Seine Gegner versuchten, seinen Ruf zu ruinieren. Er musste sogar um sein Leben fürchten.

SPIEGEL: Sehen Sie Anzeichen dafür, dass der religiöse Führer Chamenei von seinem Schützling Ahmadinedschad abrückt?

Atrianfar: Direkt unterstützt die Führung keinen der Kandidaten. Es sind die Männer um Chamenei herum, die den einen Kandidaten fördern und den anderen ablehnen. Als Chatami der Kandidat war, favorisierten diese Männer Ahmadinedschad. Mit einem Kandidaten wie Mussawi haben diese Leute kein Problem. Ich glaube, für die Führung macht es jetzt keinen Unterschied, ob Ahmadinedschad noch einmal gewinnt oder ob Mussawi kommen wird. Der religiöse Führer wird beide begrüßen.


DER SPIEGEL 13/2009
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