23.03.2009

Gesellschaft„Kapital is' alle“

Ortstermin: Wie der Berliner Dietz Verlag den plötzlichen Ruhm seines Autors Karl Marx verkraftet
Kein Marx an der Wand, nirgends, nur Rosa Luxemburg, er könne den Mann nicht mehr sehen, jetzt gerade jedenfalls nicht, sagt mit halbem Lachen Jörn Schütrumpf, Marx-Verleger im Dietz Verlag, gerade habe er sich mit Jenny beschäftigt, Jenny Marx, wenn man bedenkt, wie Jennys Leben war mit diesem Ehemann - "das Problem", sagt Jörn Schütrumpf, "das ist dieser Heldensockel". Der von Marx. Da muss er runter.
Schütrumpf kommt gerade mit Hektik und Rollkoffer von der Leipziger Buchmesse zurück, dort hat er aus seinem kleinen, schmalen Band über Jenny gelesen, Jenny von Westphalen, schlecht dokumentiert, ihr Leben mit dem vier Jahre jüngeren Karl, aber manches weiß man und wollte es lange nicht wissen, über die Liebschaften, die er hatte, und die Abtreibungen der Frauen und dass Jenny sich arrangierte, notgedrungen, Jenny, eine Scharfsinnige, eine Kluge - aber das will ja keiner hören. Wer hierherkommt, der will nicht Jenny oder Rosa, der will Karl.
CNN war da, als alles losging, und viele andere und nun das russische Fernsehen auch. Sie haben gefilmt in diesem Verlagsbüro mit Lenin, Trotzki, Luxemburg, Marx im Regal und Luxemburg an der Wand, 5. Stock am Franz-Mehring-Platz in Friedrichshain, in jenem Block aus den siebziger Jahren, der früher randvoll mit "Neuem Deutschland" war. Das "ND" ist immer noch da, aber jetzt auch Dietz und die DKP und die Rosa-Luxemburg-Stiftung und Wand an Wand mit ihnen Unternehmensberater und Event-Agenturen, der Kapitalismus, die neue Zeit.
Die Neugierigen kommen, weil Jörn Schütrumpf und sein Verlag jetzt als Gewinner gelten. Weil die Welt in der Krise ist, und Dietz verlegt Marxens dreibändiges "Kapital". Verlegt die MEW, die gesammelten Werke von Marx und Engels, jene blauen Bände, die früher im Osten von Staats wegen und im Westen als Zeichen der Rebellion in den Regalen standen und spätestens mit der Wende daraus verschwanden. Und plötzlich verkauft sich das "Kapital", als wäre es lesbare Nachttischlektüre und nicht ein wissenschaftliches Werk mit dem Untertitel "Kritik der politischen Ökonomie". Was als Erfolg verstanden wurde bei Dietz und als Problem.
Schütrumpf ist ein beredter Herr mit rundgeschnittenem Kinnbart und gestresster Erinnerung an den vergangenen Herbst. Lehman war pleite, und alle wussten: Jetzt ist Krise, und aus dem Auslieferungslager kam die Durchsage: "'Kapital' is' alle." Es war vor Weihnachten, es gab kein Papier auf dem Markt. Und sechs Wochen lang kein "Kapital" bei Dietz, aber kurz vor dem Fest dann doch wieder, in Tschechien frisch gedruckt. 3600 Exemplare verkauften sie im Jahr 2008 vom 1. Band des "Kapital". Gegenüber 1300 im Jahr 2007. Gegenüber 750 im Jahr 2006. Der Absatz steigt weiter, immer noch. Obwohl sie im Januar die Preise erhöht haben, von 19,90 auf 24,90 Euro pro Band.
Jörn Schütrumpf, 52, Historiker, hat in Leipzig studiert und in Berlin promoviert und übernahm 2005 die Geschäftsführung beim Karl Dietz Verlag, der jetzt der Rosa-Luxemburg-Stiftung gehört und wohl nur deswegen noch am Leben ist. Bei der MEW-Ausgabe insgesamt zahlen sie drauf.
Schütrumpf blickt auf seine Computerzahlen und dann auf die Welt da draußen, Wohnblocks, früher grau, jetzt teilweise himmelblau, die Straße der Pariser Kommune, um die Ecke die Karl-Marx-Allee. Vor hundert Jahren war hier Zilles Milieu, jenes Proletarierelend in Absteigen und Mietskasernen, dessen Entstehung Marx im "Kapital" beschrieben hat, im "Geheimnis der ursprünglichen Akkumulation".
Der neue Geschäftsführer erbte deutsche Geschichte, auf verblichenem orangefarbenem Karton: Die Druckkarten des "Kapital" registrieren den Zustand der Welt. 1966: 10 000 Exemplare, 1968: 12 000, 1969: 24 000, das war Dutschke, 1975: 50 000 Stück. Ab 1976 fiel die Kurve, das war der Niedergang der K-Gruppen. Nach der Wende lag die Ware Marx praktisch unverkäuflich im Regal. Und jetzt - jetzt gieren sie wieder nach Marx. Die Banker, die den Kapitalismus verstehen wollen. Die Jungen, die Achtziger-Jahrgänge, die wieder die blauen Bände wälzen und tapfer in ihren Universitätsstädten in Lesekreise ziehen und mit Misstrauen auf diese Weltwirtschaftsordnung blicken, die sich unbesiegbar gab und jetzt implodiert.
Die Akkumulation geht weiter, Geld gebiert Geld und löst sich plötzlich in Luft auf. Könnte Marx sich bestätigt fühlen? "Aber sicher." Hilft er dem Kapitalismus aus der Krise? "Nö."
Aber was ist dann der Gebrauchswert? Warum soll man es kaufen, das "Kapital"?
"Der Gebrauchswert ist: Denken lernen. Die Methodik. Die Analyse. Und der Krimi hintendrin."
Der Krimi, das ist die "ursprüngliche Akkumulation". Das ist sein Lieblingskapitel, sagt Schütrumpf, eine Geschichte von Eroberung, Raubmord, Gewalt. Von der Geburt des Kapitals, laut Marx kam es "blut- und schmutztriefend" auf die Welt.
Das war sein Thema, darüber grübelte er, vor 150 Jahren, und Jenny versuchte, Geld aufzutreiben fürs Überleben, "und mein Mann ist auf der Bibliothek und schlägt da seine Zeit todt", schrieb sie an Engels, Schütrumpf nimmt den schmalen Band über Jenny und blättert. Jenny, eine hübsche Frau, eine, die im Alter von 46 stolz darauf war, "noch bei Zahn und Taille" zu sein, wach und gebildet und völlig auf diesen Kerl fixiert, dem sie und die Töchter die Texte ins Reine schrieben, weil seine Klaue praktisch unlesbar war.
"Übrigens", sagt Schütrumpf. "Sie hat eine ganze Menge redigiert." BARBARA SUPP
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 13/2009
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