30.03.2009

NAHOSTEinträgliche Reisen

Die massive Unterstützung Teherans für Extremistengruppen in deren Kampf gegen Israel scheint ungebrochen zu sein. In einem 20-seitigen Dossier des israelischen Geheimdienstes, das dem SPIEGEL vorliegt, heißt es dazu, Iran habe "seine operative Hilfe an palästinensische Terrorgruppen verstärkt". Die Militärhilfe soll Waffen und Munition, Geld sowie Ausbildung und Training von Kämpfern umfassen. Zu den gelieferten Waffen sollen unter anderem iranische Mörsergranaten und panzerbrechende Raketen des Typs Raad aus iranischer Produktion zählen. Die Waffen würden zu Wasser, zu Lande und in der Luft transportiert. Damit die reibungslose Lieferung garantiert sei, bezögen Abgesandte aus Teheran entlang der Schmuggelrouten Posten.
Auch Erkenntnisse anderer nahöstlicher Geheimdienste legen nahe, dass Iran sowohl die libanesische Hisbollah wie auch die palästinensische Hamas im Gaza-Streifen mit Waffen und Sprengstoff versorgt. Jüngste Hinweise für eine solche Unterstützung lieferte ein gescheitertes Attentat auf ein Einkaufszentrum in Haifa. In der israelischen Hafenstadt konnten Sicherheitskräfte nur mit Glück verhindern, dass ein mit mehreren Dutzend Kilogramm Sprengstoff beladener Personenwagen explodierte. Palästinensische wie israelische Experten, die in diesem Fall zusammenarbeiteten, glauben, der versuchte Anschlag geht auf das Konto der Hisbollah, die von Teheran aufgerüstet wird.
Um eine besonders umfangreiche Waffenlieferung - darunter Raketen mit bis zu 70 Kilometer Reichweite, die vom Gaza-Streifen aus selbst Tel Aviv erreichen würden - an die Hamas zu stoppen, flog Israel im Januar sogar Angriffe auf den Sudan. Ziele der israelischen Luftwaffe waren Schiffe und ein Konvoi aus 17 Lastwagen, der über Ägypten den Gaza-Streifen erreichen sollte. Der Beschuss forderte vermutlich mehr als 30 Tote, unter ihnen Sudanesen, Eritreer und Äthiopier. Am vergangenen Donnerstag bestätigte ein hoher Regierungsbeamter in Khartum den Angriff.
Wie sehr Iran auch politisch interveniert, zeigen die bislang vergeblichen Bemühungen um eine innerpalästinensische Aussöhnung zwischen der radikalen Hamas und der gemäßigten Fatah-Bewegung von Autonomie-Präsident Mahmud Abbas. Mehrfach, so heißt es aus dem Umfeld ägyptischer Vermittler, sei eine Übereinkunft zwischen den Israel-Hassern aus dem Gaza-Streifen und der friedenswilligen Abbas-Fraktion zum Greifen nahe gewesen. Sogar die Freilassung von fast 450 palästinensischen Gefangenen aus israelischen Gefängnissen im Austausch gegen den von der Hamas verschleppten Soldaten Gilad Schalit war schon beschlossen. Doch die altgedienten Vermittler vom Nil hatten den Einfluss des neuen Players Iran unterschätzt.
Als Teherans Mann in der Hamas wird vor allem Politbürochef Chalid Maschaal angesehen. Offiziell hat der aus Ramallah im Westjordanland stammende Palästinenserführer seine zweite Heimat in Damaskus gefunden. Doch gerade in den vergangenen Monaten war Maschaal viel unterwegs, und Iran gehörte zu den wichtigsten Reisezielen. Etliche Fatah-Funktionäre wie Ibrahim Abu al-Nascha aus Gaza-Stadt, der Maschaal schon seit über 30 Jahren kennt, sind davon überzeugt, dass der Hamas-Mann auf Druck aus Iran die Gespräche in Kairo hat scheitern lassen. Als Erklärung für Maschaals plötzliche Verweigerungshaltung reibt der Fatah-Veteran vielsagend Daumen und Zeigefinger - das Zeichen für Geld, mit dem Iran sich die harte Haltung erkauft habe. Dennoch soll in dieser Woche ein neuer Einigungsversuch beginnen.

DER SPIEGEL 14/2009
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