30.03.2009

ESSAYWELT OHNE GOTT

Respekt ist eine Haltung, die am häufigsten von Religionsvertretern und schlechten Rappern eingefordert wird. Wofür eigentlich? Für hinter zusammengebissenen Zähnen hervorgenuschelte Verbalinjurien? Für Inquisition und jahrzehntelange Fernsehfolter durch "Das Wort zum Sonntag"? Für die arrogante Sicherheit, im Besitz der allein selig machenden Wahrheit zu sein? Oder soll man bloß deswegen Respekt zeigen, weil man sonst physisch bedroht wird? Im Fall hysterisch empfindsamer Muslime mit einer Brutalität, zu der sich seit dem Mittelalter keine Religion mehr verstiegen hat.
Nun ist nicht jedem einsichtig, dass religiöser Autorität der absolute Vorrang gebührt, dass sie die Verletzung diplomatischer Immunität rechtfertigt, die Ermordung friedlicher Schriftsteller und Filmemacher oder die Ersetzung des Biologieunterrichts durch das bibeltreue Gefasel der Kreationisten. In Spanien und England ließen Freigeister die Botschaft "Wahrscheinlich gibt es keinen Gott. Entspannt euch und genießt das Leben" auf Busse plakatieren, und gleich zwei Bücher - Richard Dawkins' "Der Gotteswahn" und Christopher Hitchens' "Der Herr ist kein Hirte" - erreichten Bestsellerstatus, indem sie Religion als irrational, wissenschaftsfeindlich, gefährlich und ethisch bedenklich brandmarkten.
Dass sie außerdem auch noch überaus lächerlich sein kann, zeigt nun der Film "Religulous - Man wird doch wohl fragen dürfen", der diese Woche in den deutschen Kino startet - passenderweise kurz bevor am Palmsonntag die ersten Konfirmationen gefeiert werden und mürrische, in Blazer gestopfte Vierzehnjährige - "Jeans sind okay, aber keine Turnschuhe!" - in die evangelischen Kirchen strömen, um öffentlich jenen Glauben zu bekräftigen, der ihnen durch die Taufe wie ein Eimer über den Kopf gestülpt wurde.
"Religulous" ist ein mitreißender Dokumentarfilm mit einem scheinbar einfachen Konzept: Der Polit-Talker und Stand-up-Comedian Bill Maher reist zu einigen mehr oder weniger heiligen Orten, spricht mit Gläubigen und Vertretern großer und kleiner Religionen und stellt so lange die richtigen Fragen, bis die Nepper, Schlepper, Bauernfänger des Übersinnlichen ihr eitles, dummes, selbstgefälliges oder gieriges Gesicht zeigen. Unterbrochen werden die Interviews durch quietschbunte Szenen aus religiösen Erbauungsfilmen, durch Nachrichteneinspielungen von Atomexplosionen, Selbstmordattentaten und was sich sonst noch anbietet, um die eigentlich bestürzende Bestandsaufnahme dessen, was so geglaubt wird, witzig und rasant daherkommen zu lassen. Sympathische Gesprächspartner gibt es auch, und das führt zu den ersten Fragen, die Bill Maher uns stellt: Wie kommt es, dass so viele nette Leute etwas Gutes tun wollen und dann so schlimme Dinge dabei herauskommen, und zwar richtig schlimme Dinge wie Inquisition oder Kindesmissbrauch? Wieso glauben Menschen, die ansonsten alles völlig rational betrachten, dass Jona drei Tage in einem Fischbauch überleben konnte? Und warum denken sie, es sei gut, etwas ohne Beweis einfach zu glauben? Zum Beispiel, dass ein persönlicher Gott die Welt, Tag und Nacht, Sonne, Mond und Sterne und die Erde mit allem, was darauf wächst, kreucht und fleucht, einzig zu dem Zweck erschaffen hat, um sie dem Menschen, dem weit über allen Tieren stehenden Superstar seiner Schöpfung, zu übereignen und an ihm seine Heilslehre zu vollziehen?
Möglicherweise liegt es daran, dass diese abwegige Vorstellung ganz fatal dem ähnelt, was der Schriftsteller David Foster Wallace unsere Standardeinstellung genannt hat: Da ich, der Mensch, keine Erfahrungen machen kann, deren Mitte nicht ich selbst bin, stützt alles, was ich erlebe, meine tiefste Überzeugung, dass ich das absolute Zentrum bin, die wirklichste, lebendigste und wichtigste Person, die es gibt.
Die Standardeinstellung sagt mir, dass es bei der ganzen Chose eigentlich nur um mich geht, und ein religiöses Weltbild, dass derselben Meinung ist und mich in den Mittelpunkt göttlicher Aufmerksamkeit stellt, fühlt sich richtig an. Kann etwas falsch sein, das sich so richtig anfühlt?
Aber ja doch! Michael Schmidt-Salomon, der bereits 2005 sein "Manifest des evolutionären Humanismus" herausgebracht hat, um der Gefahr, die von religiösen Rabauken im Atomwaffenzeitalter ausgeht, eine zeitgemäße Aufklärung entgegenzusetzen, skizziert die Bedeutung des Homo sapiens folgendermaßen: ein "unbeabsichtigtes, kosmologisch unbedeutendes und vorübergehendes Randphänomen eines sinnleeren Universums".
Die Tristesse dieser Einschätzung erklärt vielleicht, warum immer noch 2,2 Milliarden Christen und 1,4 Milliarden Muslime vor sich hinfrömmeln, während das überaus scharfsinnige und brennend aktuelle "Manifest des evolutionären Humanismus" in einem Kleinverlag erscheinen musste. Wen interessiert es schon, wenn sämtliche ernstzunehmenden, wissenschaftlichen Erkenntnisse dem Mann recht geben: Aller Wahrscheinlichkeit nach wird die Menschheit irgendwann ausgestorben sein, so wie bereits 99 Prozent aller anderen Tierarten, die jemals existiert haben, ausgestorben sind. Die Intelligenz, auf die wir uns so viel einbilden, ist nicht das Ziel, sondern nur ein weiteres Überlebensexperiment der Evolution, so wie Schwimmflossen oder ein Horn auf der Nase. Mal sehen, wie weit sie damit kommen, hähä.
Immerhin ist es der erste Versuch der Evolution, der beinhaltet, dass die Versuchsobjekte selber schon ahnen, woran sie scheitern könnten: an mangelhafter Beherrschung des Aggressionstriebes, Geltungssucht, Rücksichtslosigkeit und religiöser Verblendung. "Glaubst du noch, oder denkst du schon?", schleudert Schmidt-Salomon seinen Leserinnen und Lesern entgegen. Aber eine Überzeugung, zu der man nicht durch Argumente gefunden hat, lässt sich durch Argumente auch nicht so schnell erschüttern.
Bleibt die Frage, warum ein Gott sich eigentlich für meine öde Existenz, meine kleinen gierigen Wünsche, erbärmlichen Hoffnungen und Shopping-Touren interessieren sollte. Bleibt das Erstaunen, dass demokratisch erzogene Europäer und Amerikaner offenbar die Vorstellung attraktiv finden, in allen Aspekten ihres öffentlichen und privaten Lebens permanent von einem gütigen, himmlischen Diktator überwacht zu werden. Daran, dass Gott gut ist, besteht natürlich auch kein Zweifel. Einen Beweis für gütiges göttliches Einschreiten sahen viele tausend Menschen zum Beispiel darin, dass kurz nach dem verheerenden Tsunami vom 26. Dezember 2004 ein lebendes Kleinkind auf einer Luftmatratze im thailändischen Khao Lak angespült wurde. Das beweist aber höchstens, dass Logik nicht die Stärke der Gläubigen ist. Wer Gott für die glückliche Ausnahme dankt, ohne ihn für den Tod jener 210 000 Menschen verantwortlich zu machen, die beim Tsunami elend verreckt sind, benimmt sich wie ein Kind, das verzweifelt am idealisierten Bild seiner in Wirklichkeit saufenden und prügelnden Eltern festhält.
Auch die Existenz von Ungeziefer, Pest und Gendefekten lässt auf eine weniger freundliche Gottheit schließen. Dem Weltenlenker in seiner unerforschlichen Weisheit scheint es zu gefallen, die Erde bevorzugt in sowieso schon verzweifelt armen Regionen beben zu lassen und dafür zu sorgen, dass selbstsüchtige Banker, die die Welt in die Finanzkrise gestürzt haben, ihre Boni ausgezahlt bekommen. Glücklicherweise bebt die Erde aber nicht deswegen, weil irgendwo die Scharia nicht eingehalten wurde. Katastrophen, Leid und Ungerechtigkeit sind etwas vollkommen Normales in einer Welt ohne Gott.
Gegen Ende seines Kreuzzugs gegen den folgenschweren Blödsinn sagt Bill Maher: Die Religion muss sterben, damit die Menschen leben können. Soweit es um junge Männer geht, die das technische Know-how des 21. Jahrhunderts besitzen, eine Boeing 767 zu steuern, und dieses Wissen nutzen, um solche Flugzeuge entsprechend eines aus dem Mittelalter stammenden Religionsverständnisses in die Türme des World Trade Center zu lenken, sind wir bereit, ihm zu folgen. Aber was ist mit den beiden großen Kirchen in Deutschland? Einen weitverbreiteten christlichen Fundamentalismus wie in Amerika gibt es hierzulande doch gar nicht. Wie viele Konfirmanden, die sich jetzt segnen lassen, wird man nach dem schicken Fest noch im Gemeindegottesdienst antreffen? Ist die evangelische Kirche nicht eher ein sozialer Verein? Selbst die katholische Kirche bestreitet doch nicht mehr, dass Darwins Lehre von der Entstehung der Arten Gültigkeit besitzt. Warum sollen die Priester und Pastoren also nicht in Ruhe ihren Job machen und den Menschen durch tröstliche, bunte Kindergeschichten die Angst vor dem Tod nehmen?
Weil man über Motorradgottesdiensten, Familienfreizeiten und ähnlichem Ringelpiez nicht vergessen darf, mit wem man es eigentlich zu tun hat. Über Jahrhunderte haben die Kirchen auf barbarische Weise Frauen unterdrückt, Minderheiten verfolgt und die Forschung behindert. Jetzt, wo sie zahnlos geworden sind, schmeicheln sie sich ein und versuchen, das, was sie bisher geleugnet oder behindert haben, so zu verbiegen und zu manipulieren, dass ihre Religion trotzdem irgendwie recht behält.
Aber wenn die Kirchen sich den Bedürfnissen der modernen Welt anzupassen versuchen, dann tun sie das nicht, weil sie zutiefst davon überzeugt sind, sondern weil sie es müssen. Selbst die zögerliche Offensive, mit der die katholische Kirche neuerdings ihre Pädophilenskandale angeht, musste erst massiv von außen erzwungen werden. Während dem Papst das Kondomverbot so am Herzen liegt, dass er es für angemessen hält, Millionen gläubiger Afrikaner dafür sterben zu lassen, begegneten seine Bischöfe den pädophilen Verbrechen ihrer Priester jahrzehntelang mit Achselzucken. Das also ist das Werteverständnis der katholischen Kirche: Kondom beim Sex? - um Gottes willen! Das Befummeln von Kindern, ihre systematische Vergewaltigung und Folterung? - nun ja, wir sind schließlich alle fehlbar, wenn die Eltern überhaupt keine Ruhe geben, müssen wir den Priester halt versetzen. Das Ganze fand und findet im 20. und 21. Jahrhundert statt. Man möchte gar nicht wissen, was die heiligen Männer sich in Zeiten geleistet haben, als ihre Macht noch ungebrochen war und ihnen noch keiner auf die Finger geschaut hat.
Bill Maher hat auch für Menschen, die meinen, es wäre in Ordnung, einer Religion anzugehören, wenn man nur gemäßigt religiös ist, folgende Antwort: "Wenn Sie einer politischen Partei oder einem Verein angehören würden, der mit so viel Gewalt, Bigotterie, Ignoranz, Frauenverachtung und Homophobie behaftet wäre, würden sie protestierend austreten. Wenn sie das nicht tun, sind sie ein Komplize." Religion bezieht ihre Legitimität aus Millionen von Mitläufern.
Aber selbst wenn die Kirchen sich nicht durch unterdurchschnittliche Moralität auszeichnen würden, so verböte es allein schon die intellektuelle Redlichkeit, einer Weltanschauung anzugehören, die sich die Welt gar nicht richtig anschaut. Wenn derart entscheidende Theorien wie der Aufbau des Universums, die Form der Erde und die Entstehung der Arten falsch sind und der ganze magische Schnickschnack nur irgendwie symbolisch gemeint ist - warum sollte man dann eigentlich noch den Rest glauben?
Es geht nicht darum, den Glauben an Gott durch den Glauben an die Wissenschaft zu ersetzen. Der Stand der modernen Forschung markiert letztlich auch nur den Stand der aktuellen Irrtümer. Aber ein gebildeter Mensch weiß, dass die wissenschaftlichen Erkenntnisse von heute nur Annahmen für den Moment sind und morgen schon widerlegt sein können. Und er weiß, dass die Religionsvertreter auch nicht schlauer sind, sooft diese auch behaupten mögen, im Besitz einer jahrtausendealten Wahrheit zu sein, die für alle Zeit Gültigkeit hat. Ein kultivierter Mensch zweifelt. Zweifel ist ein Ausdruck von Bescheidenheit.
Natürlich macht der Verlust des Glaubens traurig, so wie es auch traurig macht, kein Kind mehr sein zu dürfen. "Wenn ihr nicht umkehrt und wie die Kinder werdet, könnt ihr nicht in das Himmelreich kommen", sagt Jesus. Aber Kindheit gilt gemeinhin als ein frühmenschliches Stadium, das es zu durchlaufen gilt.
"Werdet erwachsen", sagt Bill Maher am Ende von "Religulous". Er steht wieder dort, wo er auch zu Beginn des Films gestanden hat, in Meggido, dem Ort, an dem nach den Offenbarungen des Johannes das Ende der Welt stattfinden wird. Und es ist sicherlich kein Zufall, dass neben ihm ein Busch brennt. Eben ist in einem furiosen Finale, zusammengeschnitten aus Atombombenexplosionen, Naturkatastrophen, für den Kampf trainierenden Gotteskriegern und religiös delirierenden Menschenmassen, die Apokalypse über den Kinozuschauer hereingebrochen.
"Werdet erwachsen", sagt Bill Maher so gelassen, als wäre ihm selber die Angelegenheit völlig gleichgültig. "Werdet erwachsen - oder geht unter."
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Duve, 47, lebt als Schriftstellerin in Schleswig-Holstein. Zuletzt veröffentlichte sie den Roman "Taxi" (Eichborn Verlag, Frankfurt am Main).
Von Duve, Karen

DER SPIEGEL 14/2009
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