30.03.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH„Ich will, bitte schön, geliebt werden“

Die rumänische Sängerin Angela Gheorghiu über ihren Ruf als „Draculette“ der Oper, eine neue Aufnahme der „Butterfly“ und ihre Konkurrenz mit Anna Netrebko
Gheorghiu, 43, ist eine der gefragtesten Sopranistinnen der Welt. Die Tochter eines Lokomotivführers und einer Schneiderin lebt in der Schweiz.
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SPIEGEL: Frau Gheorghiu, Sie werden als Sängerin mit einer der schönsten Stimmen der Welt gefeiert, aber ...
Gheorghiu: ... aber? Ich ahne, was jetzt kommt.
SPIEGEL: Sie gelten, mit Verlaub, auch als eine der größten Zicken der Branche. Eine der letzten überlebenden Diven. Zu Recht?
Gheorghiu: Diva ist falsch. Das klingt, als verhielte ich mich absichtlich so. Dabei bin ich so geboren, wie ich bin: anders als die anderen. Ich spiele nicht die Diva, ich bin einfach eine Künstlerin. Als ich jung war, habe ich noch darunter gelitten, dass ich anders bin. Nun nicht mehr. Ich habe mich inzwischen an meine Art gewöhnt. Als ich 16 oder 17 war, habe ich in Bukarest mein erstes Konzert gegeben,
seitdem stehe ich auf der Bühne und im Rampenlicht.
SPIEGEL: Mit 14 verließen Sie Ihren kleinen rumänischen Heimatort und gingen nach Bukarest ins Internat, um Gesang zu studieren. Wie war das?
Gheorghiu: Es gab in Rumänien für klassische Musik nur diese eine Akademie und pro Jahr nur fünf freie Plätze. Als ich mich bewarb, gab es rund hundert Kandidaten. Damals herrschte in Rumänien eine wirtschaftlich schreckliche Zeit, die letzte Phase des Kommunismus. Ich habe manchmal im Schlafsaal vor Hunger geweint. Die erste Aufnahme, die ich überhaupt je gemacht habe, war übrigens ein patriotisches, kommunistisches Lied.
SPIEGEL: Als Sie dann Ihre ersten Erfolge im kapitalistischen Westen feierten, sollen Sie die Schaufenster fotografiert haben, um Ihren Eltern beweisen zu können, dass es diesen Überfluss auch wirklich gibt.
Gheorghiu: Das ist richtig. Es war ein Festival der Sinne für mich: Blumen, Lebensmittel, Lichter und Farben. Ich war entsetzt, dass die Leute das im Westen für normal hielten.
SPIEGEL: Sie bekommen längst Höchstgagen und werden sich sicher an den Luxus gewöhnt haben.
Gheorghiu: Eigentlich nicht. Wenn ich eine schöne Landschaft sehe, gutes Essen auf dem Teller habe oder herrliche Musik höre, macht mir das alles noch eine Gänsehaut. Ich kann mich nicht daran gewöhnen.
SPIEGEL: Wenn man Sie erzählen hört, mag man gar nicht glauben, dass Sie im Opernbetrieb als ausgesprochen schwierig und fordernd gelten. Wie kommt das?
Gheorghiu: Sie lassen sich doch hoffentlich auch nicht alles gefallen. Ich entscheide mich nicht, plötzlich schwierig zu sein. Fragen Sie mal meine Sänger-Kollegen oder Dirigenten, was die von mir halten.
SPIEGEL: Lieber nicht. Was bringt Sie denn am schnellsten auf die Palme?
Gheorghiu: Ignoranz und Gleichgültigkeit.
SPIEGEL: Sie haben sehr genaue Vorstellungen davon, wie eine Oper inszeniert und aufgeführt sein muss, in der Sie mitwirken?
Gheorghiu: Aber sicher. Seit ich 18 bin, habe ich mich nicht mehr mit Gesangstechnik beschäftigt. Ich beherrsche sie. Ich bin meine eigene Lehrerin. Ich bereite meine Rollen alleine vor.
SPIEGEL: Sie nehmen von niemandem Ratschläge an?
Gheorghiu: Nein, nein, nein. Ich hatte eine wunderbare Gesangslehrerin, Mia Barbu - bis ich 18 war. Wenn ich heute eine Entscheidung treffen muss, denke ich, was sie mir wohl raten würde, und richte mich danach. Meine Philosophie war von Anfang an: Selbst wenn ich falsch liege, möchte ich es auf meine Art machen. Ich bin für mich selbst verantwortlich.
SPIEGEL: Eine Opernproduktion ist nun mal Teamwork. Andere, etwa der Regisseur, haben auch ihre Vorstellungen. Wie weit geben Sie nach?
Gheorghiu: Ach, ich bin recht flexibel, was die Ideen von Regisseuren angeht. Ich diskutiere mit ihnen.
SPIEGEL: Da gibt es aber anderslautende Berichte.
Gheorghiu: Einmal habe ich nicht mal diskutiert, da bin ich tatsächlich einfach gegangen. Das war bei einer "Traviata" in Madrid. Die Produktion sollte in einem SS-Ambiente spielen. Das habe ich nicht eingesehen. Es hatte nichts mit Alexandre Dumas' Romanvorlage zu tun und auch nichts mit Verdis Musik. Da konnte ich nur sagen: Ciao. Arrivederci.
SPIEGEL: Was haben Sie aus dem spanischen Nazi-Debakel gelernt?
Gheorghiu: Ich informiere mich jetzt gründlich vorher über eine Produktion. Das erspart allen Beteiligten Peinlichkeiten. Besonders dem Publikum. Die kommen ja nicht, um mich in einem besonders absurden Kostüm zu sehen oder in einer verunglückten Inszenierung, die wollen mich vor allem hören. Wegen meiner Stimme sind ja auch Sie schließlich hier.
SPIEGEL: Stimmt. Andererseits ist die Oper ja kein Museum und vor allem kein Institut zum Vorführen schöner Stimmen. Es geht immer noch um ein Zusammenspiel aus Musik und zeitgemäßer Inszenierung.
Gheorghiu: Ja sicher, geschenkt. Aber es gibt so viele Opernsänger, die an den modernen Inszenierungen leiden, sich jedoch nicht trauen, etwas zu sagen, weil
sie Angst haben, nicht wieder engagiert zu werden.
SPIEGEL: Sie sehen sich als Gewerkschaftsführerin für unterdrückte Sänger?
Gheorghiu: Ich bin die Pionierin, warum nicht? Im Ernst: Wenn die Umgebung nicht stimmt, kann ich nicht frei singen. Ich gehe nie auf die Bühne, wenn ich nicht voll überzeugt bin.
SPIEGEL: Es gab einen Abend, 1994 in Covent Garden in London, da erreichten Sie auf einen Schlag Weltruhm - mit einer "Traviata" unter dem Dirigenten Georg Solti.
Gheorghiu: Moment: Ich war schon berühmt. Dieser Abend brachte das Massenpublikum, weil die Produktion im Fernsehen übertragen wurde und es DVDs und CDs davon gab.
SPIEGEL: Sie sollen sich später mit Solti übers Singen gestritten haben.
Gheorghiu: Er hat mich angebetet. Er hat vor Rührung geweint, als er mich gehört hat.
SPIEGEL: Warum singt Ihr Mann, der Tenor Roberto Alagna, nicht auf Ihrer neuen Aufnahme von Puccinis "Madama Butterfly" den Pinkerton, sondern Jonas Kaufmann?
Gheorghiu: Roberto hat die Plattenfirma EMI, die diese Aufnahme herausbringt, verlassen. Und ich habe EMI dann Jonas vorgeschlagen, der phantastisch ist und wunderbar für die Rolle passt.
SPIEGEL: Ihr Mann und Sie galten lange als das Traumpaar der Oper. Neuerdings sind Sie nicht mehr so oft zusammen zu hören. Was ist passiert?
Gheorghiu: Wir singen seltener zusammen, stimmt. Aber gelegentlich tun wir das noch, zum Beispiel an der Met in Puccinis "La Rondine" - und mit großem Erfolg. Er singt jetzt Rollen, die nicht unbedingt zu meinem Repertoire passen. Ich möchte nicht in "Aida" oder im "Troubadour" singen. Wir respektieren die Entscheidungen des anderen.
SPIEGEL: Haben Sie auch seinen berühmten Abgang 2006 mitten in einer "Aida" in der Mailänder Scala respektiert, als er wütend von der Bühne stürmte, weil ihn das Publikum ausgebuht hatte?
Gheorghiu: Roberto und ich haben viele Anrufe von Kollegen bekommen, die alle sagten: gut gemacht. Als Sänger, der auf der Bühne seine Seele entblößt, kann man sich ein solches Verhalten nicht gefallen lassen. Das ist ein terroristischer Akt. Besonders unmöglich ist es, wenn schon gebuht wird, bevor man überhaupt gesungen hat. Ich finde Buhen sowieso nicht angemessen. Wenn man eine Darbietung nicht mag, soll man einfach nicht applaudieren. Jeder Sänger gibt doch sein Bestes auf der Bühne. Niemand kommt heraus, um das Publikum zu betrügen. Wenn jemand Stimmprobleme hat oder sonst patzt, sollte man ihn als Publikum unterstützen und nicht so respektlos sein.
SPIEGEL: Ist Oper für Sie eine Art Gladiatorenkampf?
Gheorghiu: Nein, die Leute zahlen ja nicht so viel Geld, um einen schlechten Abend zu erleben. Wir sind nicht in einer Arena. Letztlich bin ich Entertainerin. Ich möchte, bitte schön, geliebt werden. Sonst könnte ich ja in meinem Badezimmer trällern.
SPIEGEL: Ihr Mann und Sie haben sich in der Opernwelt wegen Ihrer Capricen den nicht sehr schmeichelhaften Beinamen "Bonnie und Clyde" erworben.
Gheorghiu: Danke vielmals, dass Sie das ansprechen. Ich habe mir, als ich 1996 erstmals davon hörte, die DVD dieses Films mit Faye Dunaway und Warren Beatty besorgt, ein schöner Film. Ich habe ja noch einen zusätzlichen Spitznamen abbekommen, "Draculette". So nennt man mich, weil ich aus dem Heimatland des Blutsaugers Dracula komme. Ein amerikanischer Komponist hat mir nun angeboten, für mich eine Oper mit dem Titel "Draculette" zu schreiben. Toll, nicht? Und es kommt noch besser: Jetzt schreibt auch noch der berühmte Filmkomponist Vladimir Cosma für Roberto und mich eine Oper. Ihr Titel: "Bonnie and Clyde". Was will man mehr?
SPIEGEL: Eine Erklärung für die mysteriöse Geschichte um die blonde Perücke in Japan.
Gheorghiu: Ach die. Da war ich mit der Met auf Tournee und sang die Micaëla in "Carmen". Die Perücke, die ich tragen sollte, war nicht das Original aus New York, sondern ein schlechter Ersatz. Dieses Ding wollte ich partout nicht aufsetzen. Ich fragte Joseph Volpe, den damaligen Met-Chef, ob er die Perücke oder mich haben wolle. Er sagte: die Perücke. Da antwortete ich: Dann nehmen Sie sie doch. Und ich ging. Die Japaner wollten mich aber unbedingt hören. Und so sang ich die zweite Vorstellung - sogar mit der schrecklichen Perücke. Aber: Ich hatte mir eine Kapuze über den Kopf gezogen, so dass man nur ein winziges Stück vom falschen Blondhaar sah.
SPIEGEL: Sie werden - stimmlich - mit Anna Netrebko verglichen. Über Ihre russische Kollegin sind allerdings keine Skandalgeschichten im Umlauf. Sie verhält sich makellos nach den Regeln des Marketing.
Gheorghiu: Ich habe den Eindruck, dass sie das tut, was andere ihr raten. Was Angela Gheorghiu angeht: Die tut nur das, was sie selber will. Das ist der Unterschied zwischen uns beiden.
SPIEGEL: Die britische Fachzeitschrift "Gramophone" hat Sie und die Netrebko aufs Titelbild gebracht mit der Frage: "Wer ist die Primadonna von heute?"
Gheorghiu: Ach ja? Und wer von uns beiden ist besser?
SPIEGEL: Das lässt die Zeitschrift offen.
Gheorghiu: Ich mag Anna. Sie mich auch, denke ich. Wir sollen gemeinsam in der Met bei einer Gala auftreten.
SPIEGEL: Anna Netrebko soll gesagt haben, sie wolle so viel Geld wie möglich kassieren.
Gheorghiu: Geld ist mir nicht wichtig; ich brauche es für ein angenehmes, komfortables Leben. Singen ist mir wichtiger.
SPIEGEL: Was bedeutet der Gesang für Sie?
Gheorghiu: Er ist lebenswichtig. Ich würde zwar nicht zugrunde gehen, wenn ich nicht mehr singen könnte. Aber ich würde dann Unterricht geben oder inszenieren. Alles tun, was in Verbindung mit Gesang steht.
SPIEGEL: Singen Sie mit Ihrem Mann zu Hause?
Gheorghiu: Natürlich. Ich habe ihm rumänische Volkslieder beigebracht. Die beherrscht er inzwischen ganz gut.
SPIEGEL: Frau Gheorghiu, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führte der Redakteur Joachim Kronsbein.
* Links: in "Faust" mit Adrian Eröd, Wien 2008; rechts: in "La Traviata", Salzburg 2005.
Von Joachim Kronsbein

DER SPIEGEL 14/2009
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