13.11.1963

DIE DAHLBUSCH -BOMBE

Die Technik zur Rettung verschütteter Bergleute wurde vor acht Jahren, im Mai 1955, auf der Grube "Dahlbusch" in Gelsenkirchen-Rotthausen revolutioniert. Damals ging in Gelsenkirchen in 855 Meter Tiefe ein Schacht zu Bruch, und drei Bergleute wurden verschüttet. Die Eingeschlossenen konnten zwar durch eine dünne Versorgungsleitung, die vom darunterliegenden Stollen aufgebahrt worden war, mit Lebensmitteln versorgt werden. Aber die Rettung schien aussichtslos: Die Bergleute hätten nur durch einen breiten Bohrschacht nach oben oder unten aus ihrem Gefängnis ausgeschleust werden können. Das aber war im Bergbau noch nie versucht worden; Rettungsgerät für ein derartiges Unterfangen gab es nicht. Über Tage sann Diplom-Ingenieur Eberhard Au, damals 34jähriger Wirtschaftsingenieur der Grube, auf Abhilfe. Er fand sie: Beräten von Betriebsdirektor Molwitz und den Technikern Bischoff und Mosblech, entwarf er auf einem Fetzen Papier ein zigarrenförmiges, zweieinhalb Meter langes Gebilde mit einem Durchmesser von 40 Zentimetern und einer Wandung aus vier Millimeter starkem Stahlblech. Es ging unter dem Namen "Dahlbusch-Bombe" (Bild) in die Geschichte der Rettungstechnik ein. In Tag- und Nachtarbeit wurde der Rettungstorpedo zusammengeschweißt und oben und unten mit Halte-Ösen versehen. Dann ließ der Ingenieur durch das Gestein ein 406 Millimeter weites Loch zu den Eingeschlossenen bohren; die Bombe wurde eingeschoben: Nacheinander kletterten die Bergleute - sie mußten sich schmal machen und ihre Arme wie beim Kopfsprung nach oben strecken - in die Bombe. Ein Flaschenzug holte sie aus ihrem Verlies. Zechen in aller Welt kopierten das Rettungsgerät, das allein in Lengede 14 Bergleuten ans Tageslicht verhalf. Ingenieur Au, heute Betriebsinspektor auf der Ahlener Grube "Westfalen", weiß nicht, wie viele Knappen insgesamt damit bereits gerettet werden konnten. Er hat die "Dahlbusch-Bombe" nicht zum Patent angemeldet: "Hauptsache, die Kerle kommen 'raus."

DER SPIEGEL 46/1963
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