06.04.2009

GesellschaftSchäubles Paradies

Ortstermin: Auf der Polizeifachmesse in Münster wird vorgeführt, wie ein perfekt überwachter Staat aussehen könnte.
Von der 16-MP-HDR von Avigilon, sagt Igor Balter, seien ja alle begeistert. Die nächste Generation der Überwachungskamera, Polizeiarbeit von übermorgen. 16 Megapixel. Drei Bilder pro Sekunde. Mit Infrarot-Scheinwerfern auch bei Dunkelheit einsetzbar. Eine einzige 16-MP-HDR in einem Stadion, nur so als Beispiel, und 50 hochauflösende, herkömmliche Überwachungskameras können einpacken. Es ist dann möglich, vom Computer aus, mittels digitalem Zoom, zu sagen, dass der Dauerkartenbesitzer von Block G, Reihe 5, Sitz 23 in dieser Woche tiefere Augenringe hat als beim vorigen Heimspiel. Nur so als Beispiel. Und sobald die Gesichtserkennungs-Software fertig ist, was nicht mehr lange dauern wird, kann man dann auch feststellen, ob die Frau neben dem Dauerkartenbesitzer in der vorigen Woche nicht neben einem anderen saß.
Das geht, sagt Igor Balter. Das ist die Zukunft. "Die Polizisten, die ich bisher gesprochen habe, sind alle fasziniert." Balter ist vor sieben Jahren aus Russland nach Deutschland gekommen. Ein hochaufgeschossener Mann, der klingt, als habe er sein Deutsch bei Wladimir Kaminer gelernt. Er brachte aus seiner Heimat Unternehmergeist mit und die tiefe Überzeugung, dass Vertrauen gut, eine Überwachungskamera aber besser ist.
Vor vier Jahren gründete er die Balter Security GmbH "Surveillance & Security Systems" in Düsseldorf, und jetzt steht er, der russische Einwanderer, auf einem der größten Stände der Ipomex, einer Polizeifachmesse in Münster, und erklärt einem Polizeihauptmeister nach dem anderen, wie man dieses Land sicherer machen kann.
Igor Balter hat sich eine gute Branche ausgesucht. Sicherheit ist krisenfest, sie ist wie Kinderglück, man kann gar nicht genug davon haben. Al-Qaida, die Russenmafia, Iran, Winnenden. Das sicherheitsgefährdende Angebot wächst stetig nach, also erhöht sich auch die Sicherheitsnachfrage.
Politiker wie Wolfgang Schäuble wollen die Dosis erhöhen. Online-Durchsuchungen, Zugriff auf elektronische Bürgerdaten, Vorratsspeicherung von Telefondaten, das sind die Waffen, um Bin Laden und die albanische Mafia zu schlagen. Dafür braucht man Lösungen. Auf der Ipomex, an über hundert Ständen in der Halle Münsterland, stehen Lösungen für Sicherheitsprobleme, die Schäuble noch nicht hat.
Schon zum vierten Mal findet die Messe statt, eine Fachausstellung für die "sicherheitsorientierte Wirtschaft", steht in der Info-Broschüre. Viele der sicherheitsorientierten Besucher sind ältere Herren in grüner Polizeiuniform mit einer Vorliebe zum Oberlippenbart. Sie informieren sich über Drogendetektionstechnik, Kriminaltechnik, Überwachungstechnik. Ihr Regierungspräsidium oder ihre Leitstelle hat sie nach Münster geschickt, um zu sehen, was denn ginge, wenn man könnte, wie man wollte. Theoretisch. Und theoretisch geht eine Menge. Eigentlich geht theoretisch fast alles. Das Schäuble-Paradies.
An einem kleinen Stand, nicht weit von Igor Balters Wunderkamera, stehen Lars Schmermbeck und Michael Prechtel. Schmermbeck verkauft kleine Handcomputer, Prechtel, links von ihm, kann diese programmieren. Prechtels Firma hat eine Software entwickelt, die sie als "die fortschrittliche und flexible Universallösung zur Ahndung von Ordnungswidrigkeiten" anbietet. Wie verteilt man möglichst effizient möglichst viele Knöllchen? Es geht um den perfekten Strafzettelstaat. Prechtel hat eine Lösung gefunden, ein Hightechgerät mit Online-Anschluss, eingebauter Kamera und GPS. Der Werbespruch: "Mit SC-Mobil machen Sie jede Menge Punkte".
Schmermbeck und Prechtel sind zwei sympathische und angenehme Menschen. Schmermbeck hat dunkle Haare und die fließende Stimme eines Mannes, der es gewohnt ist, seine Produkte vor Publikum zu präsentieren. Prechtel, ein freundlicher Münchner, beendet seine Sätze oft mit einem freundlichen Lächeln. Zwei nette Männer, von denen man hofft, dass ihnen niemals erlaubt wird, das zu tun, was sie könnten.
Schmermbeck, der Computerhersteller, holt ein kleines Gerät hervor, nicht größer als ein Handy. "Hier, halten Sie hier mal Ihren Daumen dran." Ein kleiner Sensor erkennt den Fingerabdruck, er erscheint binnen Sekunden auf dem Display. Wenn er grün umrahmt ist, wurde er erfolgreich gelesen. Dann kommt Prechtel ins Spiel. "Wir können mit dieser Information mobil auf verschiedene Datenbanken zugreifen. Kfz-Zulassung, Melderegister, theoretisch auf alle möglichen Daten. In der Regel braucht die Abfrage nicht mehr als zehn Sekunden."
Prechtel könnte auf alle Datenbanken zugreifen, die Schäuble einrichten will. Es wären nur ein paar Wochen Programmierarbeit. Kein Ding.
Kombiniert man alles, also Schäubles Wunsch nach großen Zentraldateien, Online-Durchsuchung und die mittlerweile erlaubte Vorratsspeicherung von Telefondaten, mit Prechtels Programm und Schmermbecks Gerät, dann könnte jeder Streifenbeamte nach wenigen Sekunden das komplette Leben der Person entschlüsseln, die er gerade überprüft. "Der Bildschirm ist so konzipiert, dass man auch bei Gegenlicht der untersuchten Person nicht den Rücken zudrehen muss. Sie könnte einem ja in den Rücken schießen", sagt Schmermbeck. Auch daran habe man gedacht.
Es ist so, als würde das Böse immer und überall lauern, es schläft nicht, außerdem kennt es sich mit Computern und Handys aus. Misstrauen ist die Basis dieser Messe. Eigentlich der ganzen Branche, der ganzen Debatten. Man würde gern durch die Reihen gehen und an jedem Stand ein Buch hinterlegen, das es schon gab, bevor man wusste, was Internet, Pixel und Handcomputer sind. Das Grundgesetz. Nur so zur Sicherheit. JUAN MORENO
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 15/2009
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