Sie war fast schon in Vergessenheit geraten, die islamistische Untergrundorganisation Abu Sayyaf. Vor neun Jahren hatte sie auf der Insel Jolo im Süden der Philippinen 21 Menschen, darunter die Göttinger Familie Wallert und einen SPIEGEL-Redakteur, in Gefangenschaft gehalten. Später bezeichnete die US-Regierung das Vorgehen gegen Abu Sayyaf als "zweite Front im Kampf gegen den Terror". Und vor drei Jahren behauptete die philippinische Regierung, sie habe die Aufständischen besiegt.
Nun haben sich die Abu Sayyaf auf dramatische Weise zurückgemeldet: Mit der Entführung dreier Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) und einem Ultimatum an die Regierungstruppen, sie sollten sich aus allen größeren Ortschaften der Insel Jolo zurückziehen. Die nur etwa 400 Mann starke Gruppe kämpft um territoriale Herrschaft im vorwiegend muslimischen Süden. Der Rest des Landes ist katholisch.
Der Italiener Eugenio Vagni, 62, der Schweizer Andreas Notter, 38, und ihre philippinische Kollegin Mary Jean Lacaba, 37, waren am 15. Januar in Patikul auf Jolo aus ihrem Auto heraus entführt worden. Seitdem stellte Al-Bader Parad, einer der Anführer der Gruppe, immer neue Forderungen. Zuletzt drohte er damit, eine der Geiseln zu enthaupten - doch nach Ablauf eines Ultimatums ließ er die philippinische IKRK-Ingenieurin Lacaba am vergangenen Donnerstag unverletzt frei. Sie gab an, auch die beiden Europäer seien noch am Leben.
"Auf der Insel Jolo herrscht mittlerweile wieder Anarchie", räumt der philippinische Anti-Terror-Chef Juancho Sabban gegenüber dem SPIEGEL ein. Für den Zwei-Sterne-General ist das eine besondere Schmach - er hatte 2006 den Sieg im Kampf gegen die Terroristen gemeldet. Unterstützt von gut 70 US-Soldaten, die seit Januar 2002 im Rahmen der Operation "Enduring Freedom" auf Jolo stationiert sind, hatten Sabbans 800 Marines in den vergangenen acht Jahren Straßen, Schulen und Brunnen in den abgelegenen Weilern der verarmten Insel gebaut. So wollten sie den Extremisten ihre soziale und ideologische Basis entziehen. Seit 2003 gab es zudem Verhandlungen über ein Friedens- und Autonomieabkommen zwischen der philippinischen Regierung und der Moro Islamic Liberation Front (MILF), die noch immer weite Landstriche im Süden kontrolliert. Seit die Gespräche im August vergangenen Jahres scheiterten, griff die Abu-Sayyaf-Gruppe wieder vermehrt zu den Waffen - sie ist erheblich militanter als die MILF.
Die Entführung der IKRK-Mitarbeiter zeigt womöglich, dass Abu Sayyaf eine neue Strategie verfolgt: Bisher hatte sie sich auf Lösegeld-Entführungen spezialisiert, nun scheint sie auch territoriale Ansprüche zu verfolgen - das könnte an ihrem neuen Oberhaupt liegen: Ustaz Yasser Igasan wurde in Afghanistan, Syrien, Libyen und Saudi-Arabien militärisch und religiös geschult.
DER SPIEGEL 15/2009
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