06.04.2009

GRIECHENLAND

Das nimmt uns die Luft

Von Ertel, Manfred

Athen steht vor dem Staatsbankrott, obwohl die Wirtschaftskrise noch gar nicht mit voller Wucht über das Land hereingebrochen ist. Jetzt rächt sich der alte Schlendrian.

Seit 33 Jahren verkauft Dionisis Sargentis, 58, medizinische und orthopädische Produkte an Krankenhäuser: Schrauben und Klammern für kaputte Wirbelsäulen oder gebrochene Gelenke, Implantate, Operationsbesteck. Er hat klein angefangen, heute beschäftigt er 13 Mitarbeiter und macht knapp sieben Millionen Euro Umsatz im Jahr.

Eigentlich ein krisenfestes Gewerbe, Operationen gibt es immer, zumal die großen staatlichen Krankenhäuser in Athen zu seinen Stammkunden zählen.

Doch Sargentis ist am Ende, so ziemlich jedenfalls. "Ich liebe meine Arbeit", sagt er, "aber es lohnt sich nicht mehr." Seit viereinhalb Jahren haben die staatlichen Kliniken ihre Rechnungen nicht bezahlt, auf 4,5 Millionen Euro belaufen sich inzwischen seine Außenstände, das ist mehr als die Hälfte des Jahresumsatzes.

Jetzt hat er genug. Gemeinsam mit einigen Kollegen fuhr er vor dem KAT vor, der größten orthopädischen Klinik der Hauptstadt. Anstatt neue Waren auszuliefern, räumte er das Kliniklager aus. "Die Sachen gehören uns", sagt er, "die waren nur geliehen." Nun hoffen Sargentis und seine Kollegen, dass die Regierung das Signal verstanden hat - und endlich bezahlt.

Den 75 Unternehmen des Panhellenischen Berufsverbandes für medizinische Artikel, dessen Vorsitzender Sargentis ist, schuldete die Regierung zum 31. Dezember vorigen Jahres ziemlich genau 800 Millionen Euro, ein ganzer Wirtschaftszweig steht vor dem Ruin. "Allen steht das Wasser bis zum Hals", sagt er.

Das System hat in Griechenland Methode. Die Händler liefern den Kliniken ihre Waren quasi in Kommission: bezahlt wird nach Verbrauch und meist mit großer Verzögerung. Zwei bis zweieinhalb Jahre Frist sind normal und eigentlich eingeplant. Die Bestellungen der Krankenhäuser dienen den Firmen als Sicherheit für Bankkredite, zur Zwischenfinanzierung von Gehältern und für neue Aufträge bei den Produzenten. So läuft das Geschäft - so lief es zumindest bislang.

Neuerdings aber machen die Banken nicht mehr mit, sie geben keine neuen Kredite, und das ganze System kollabiert. "Das nimmt uns die Luft", sagt Sargentis, "wir ersticken in Schulden" - allerdings nicht in den eigenen. Denn es ist der hochverschuldete Staat und nicht der einzelne Betrieb, der den Geldinstituten nun, mitten in der Krise, nicht mehr kreditwürdig erscheint. Die Unternehmen haben es lediglich auszubaden.

Kein Wunder, dass sich der Volkszorn gegen den Staat und die Regierung richtet. Arbeiter und Beamte rufen seit Wochen immer wieder landesweite Streiks aus. Am vorigen Donnerstag protestierten Zehntausende wieder in den großen Städten und legten das öffentliche Leben lahm. Züge, Busse und Fähren standen still, in Athener Krankenhäusern wurden die Patienten nur von Notdiensten versorgt, in staatlichen Schulen fiel der Unterricht aus.

"Für die Krise können nicht die Arbeitnehmer zahlen", riefen wütende Demonstranten. Sie machen die Regierung von Kostas Karamanlis für beides verantwortlich: für den alten Schlendrian und die neue Krise.

Krise? Die Lage zwischen Ägäis und Ionischem Meer sehe doch ganz sonnig aus, beteuert zum Beispiel Panos Livadas. Die Straßencafés seien voll, die Einkaufsstraßen auch, die griechische Wirtschaft sei "wirklich unverwüstlich, ich verstehe die internationalen Bewertungen nicht".

Livadas ist Generalsekretär seiner Regierung für Information und damit von Berufs wegen zuständig für rosige Bekanntmachungen. Sein Land habe 2008 mit 3,2 Prozent "eine der höchsten Wachstumsraten in der Euro-Zone gehabt", sagt er. In den letzten vier Jahren sei das Wachstum sogar doppelt so hoch gewesen wie im Durchschnitt der Währungsunion.

Auch der griechische Bankenplatz sei "im Wesentlichen gesund", vor allem aber deutlich "besser aufgestellt als in der EU und in den USA". Als erstes EU-Land habe Griechenland die privaten Spareinlagen bis zu einer Höhe von 100 000 Euro staatlich abgesichert. Nichts kann die Zufriedenheit des Propagandisten erschüttern.

Kann so eine Krise aussehen?

Man muss auch Glück haben können, vor allem in schweren Zeiten. Auf den Krisengipfeln der EU-Mitgliedsländer in Brüssel hatte Regierungschef Karamanlis Glück. Der Handlungsdruck war vor allem wegen des Absturzes in Osteuropa so groß, dass die Griechen allzu große Aufmerksamkeit nicht fürchten mussten.

Nun aber hat die EU-Kommission ein Verfahren eingeleitet, weil Athens Haushaltsdefizit zum dritten Mal in Folge die Schwelle von drei Prozent überschritten hat. In Brüssel rechnet sich der Kassensturz eben ganz anders als in den Hochglanzbroschüren von Livadas.

In den EU-Statistiken schlägt die griechische Staatsverschuldung mit 94 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu Buche. Das ist so hoch wie sonst nur noch in Italien, dafür ist die Bonität so schlecht wie nirgendwo: Kein Land der Euro-Zone muss seine Staatsschulden zu so schlechten Konditionen finanzieren, ausgenommen Malta.

Alles also beim Alten: Griechenlands Wettbewerbsfähigkeit ist schlecht, der Reformstau hoch, die Staatsbürokratie überbordend und verfilzt, das Land lebt über seine Verhältnisse. Obwohl die Rentenkassen chronisch klamm sind, können Mütter minderjähriger Kinder im Staatsdienst mit 50 in den Ruhestand gehen.

Der gutausgebildete akademische Nachwuchs des Mittelstands hat kaum eine Perspektive und muss sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten. Viele junge Griechen wohnen deshalb bis weit über das 30. Lebensjahr zu Hause. Die Wut dieser "700-Euro-Generation" darüber entlud sich im Dezember in wochenlangen Krawallen im ganzen Land.

Nun will sich die EU das griechische Phlegma nicht länger bieten lassen. EU-Wirtschaftskommissar Joaquín Almunia fordert deutlich strengere Sparmaßnahmen, eine "umsichtige Lohnpolitik im öffentlichen Sektor" und größere Anstrengungen bei den Strukturreformen. Selbst der Chef der griechischen Zentralbank, Georgios Provopoulos, warnt vor "Selbstzufriedenheit" und spricht von einem drohenden Staatsbankrott. Und das, obwohl die Auswirkungen des globalen Wirtschaftseinbruchs noch gar nicht richtig angekommen sind.

"Man sieht nur die Altlasten", sagt ein EU-Diplomat, und die sind zum Großteil selbst verschuldet. Mit Sorge erwarten Wirtschaftsexperten den Sommer. Der Tourismus, mit 17 Prozent am Bruttoinlandsprodukt eine der wichtigsten Säulen des Wachstums, droht einzubrechen. Aus den USA wird ein Besucherrückgang von bis zu 50 Prozent gemeldet, die Zahl der britischen Urlauber, bislang mit 3 Millionen jährlich der größte Anteil vor 2,3 Millionen Deutschen, soll um bis zu 30 Prozent schrumpfen.

Heikel ist die Lage der Banken, die sich in Osteuropa und auf dem Balkan engagiert haben. Griechische Geldinstitute investierten Milliarden Euro in Bankübernahmen oder eigene Filialnetze bei den Nachbarn Rumänien, Bulgarien oder Serbien. Weil die Währungskurse dramatisch fallen, können die vermeintlich attraktiven Auslandsgeschäfte zu einem Milliardengrab werden.

Das ist sie, die Krise auf Griechisch. "Keiner will sie sehen, aber alle haben Angst vor ihr", sagt die junge Politikwissenschaftlerin Kalliope Amyg, das Land tanze auf einem Vulkan.

Das Wort für "sparen" gibt es in der direkten Übersetzung nicht, und genauso leben die Griechen.

Nach wie vor blüht nur die Schattenwirtschaft. "Sie hilft, das Einkommen und den Lebensstandard der Menschen zu stabilisieren", hat ein europäischer Unternehmer beobachtet, der in Griechenland arbeitet. "Man versucht als Familie, möglichst viele voneinander unabhängige Einkommensquellen zu haben."

Popi Kalogeropoulou, 48, hat 24 Jahre lang als Grafikerin in Verlagen gearbeitet, zuletzt für die Frauenzeitschrift "young". Ende vorigen Jahres wurde sie entlassen. Das Blatt musste Kosten reduzieren, das ging nicht ohne Personalabbau.

Sie hatte Glück und fand schnell etwas Neues, seit Mitte Januar entwirft sie das Layout für eine Wochenzeitung. Selbst der Verdienst schien vielversprechend, gut 2000 Euro sind abgemacht, das ist sogar noch etwas mehr als im alten Job.

Nur: Einen Vertrag erhielt sie nicht, zwangsläufig arbeitet sie schwarz. "Man zwingt mich, etwas zu tun, was ich nicht will", sagt die Grafikerin. Das erste Geld bekam sie genau acht Wochen und einen Tag nach ihrer Arbeitsaufnahme - gerade mal 1000 Euro, auf die Hand. "Die Firmen nutzen einfach die Krise aus", sagt sie.

Dass die Griechen so, mit dem alten Schlendrian, die Krise bewältigen können, wenn sie dann mit voller Wucht hereinbricht, glaubt eigentlich niemand. "Wir wissen nicht, was der nächste Tag bringt", sagt Medizin-Unternehmer Sargentis.

Er weiß nur, was geschehen wird, wenn der Staat weiter zahlungsunfähig ist und seine Branche auf ihren Produkten sitzen- bleibt. "Das wäre das Ende der medizinischen Hilfe im Land." Mindestens.

MANFRED ERTEL


DER SPIEGEL 15/2009
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