DER SPIEGEL



Kultur

Go-go-Girls für die Götter

Von Becker, Tobias

Nahaufnahme: Das Performance-Duo Signa verstört die Besucher in einem verruchten Vergnügungspark mit der "Hades Fraktur".

Das Tor zum Totenreich öffnet sich am Rande der Kölner Altstadt, am Heumarkt, an dem die ehemalige Travestiebar "Hotel Timp" steht. Die Fenster sind mit Nacktfotos verklebt, sphärische Musik wabert heraus. Drinnen ist das Haus bis ins kleinste Detail umdekoriert, über mehrere Stockwerke hinweg: mit Porzellantierchen und Pferdepostern in grotesk bunten Zimmern, mit Kippenstummeln auf den Treppenstufen, mit verklebtem Kaffeegeschirr samt vergilbten Zuckerpäckchen, die kyrillische Schrift tragen.

Das Setting ist halb Puff und halb Räuberhöhle, mit Anleihen beim Agentenfilm: eine verkitschte Ostblock-Folklore aus den Siebzigern. Geschaffen hat sie das Performance-Duo Signa: der Österreicher Arthur Köstler, 36, und die Dänin Signa Sørensen, 33, die einst als Champagnergirl und Stripperin jobbte.

Seit einiger Zeit feiern Kunst- und Theaterfans die beiden für ihre verstörend realen Parallelwelten, an denen Besucher aktiv teilnehmen können. Es sind verrückte Rollenspiele, begehbare Filme ohne passive Zuschauer. Das Ziel ist die totale Illusion.

"Die Hades Fraktur" heißt ihr neuester Streich, produziert vom Schauspiel Köln. Das Paar zeigt die Unterwelt als eine Art Disneyland mit den Figuren antiker Mythen, als verruchten Vergnügungspark, freigegeben erst ab 18. Mit harter Hand regieren Hades (Köstler) und Persephone (Sørensen) den gruslig versifften Geheimclub, in dem auch Achill und der Fährmann Charon umhergeistern. Sie halten sieben Frauen gefangen, die sich in Paillettenbikinis um Stangen winden. Gogo-Girls für die Götter der Unterwelt.

Wer Einlass begehrt, bekommt Asche auf die Stirn und das erste von vielen Gläsern Pflaumenlikör in die Hand. Der schmeckt wie der Fusel vom China-Imbiss, heißt aber hier "Lethe", das "Getränk des Vergessens". Später folgen Rotwein, Whiskey, Wodka - bis der Schädel brummt und man tatsächlich so einiges vergisst.

Schärpen in sieben verschiedenen Farben unterteilen die Gäste in sieben gegnerische Gruppen, weshalb zumindest die Männer unter ihnen an Burschenschaftler erinnern. Und ein bisschen männerbündisch benehmen sie sich auch alsbald: Manch einer bekommt seine Hände kaum noch weg von den Pos der Performerinnen, als wäre dies ein Rotlicht-Ausflug von Kegelbrüdern, nur hochkulturell veredelt, mit der bestdenkbaren Absolution: Mitspielen ist Gesetz in Signas Theater-Totenreich.

Wer sich verweigert, wird als Spielverderber beschimpft, vor allem aber hat er keine Chance, mit seiner Gruppe das perverse Spiel der Götter zu gewinnen - und als Belohnung eine der sieben gefangenen Frauen bis zum Morgengrauen mit rausnehmen zu dürfen. Punkte gibt es vor allem für Gehorsam: Persephone streift mit Reitgerte umher und erteilt Befehle, ebenso wie die anderen Götter, während Hades in dem riesigen Bett eines goldenen Zimmers liegt, von dort wie ein James-Bond-Schurke alles über Schwarzweißmonitore beäugt und den Gruppen mit altmodischen Telefonhörern seinen Willen zuraunt.

So kommt es, dass ein Besucher eine Frau schlagen soll, sie dann aber nur streichelt. Dass ein anderer ihr eine Kanne Wasser über den Kopf gießt. Dass eine Besucherin mit Dionysos knutscht und eine andere sich unter Gruppendruck ein Dessous überstreift, um mit einem der Go-go-Girls zu tanzen. Kurz darauf geht sie.

Bis zum Schluss harrt ein junger Mann aus, den die meisten für einen der Signa-Akteure halten, der sich aber als Besucher

entpuppt: Komplett nackt hat er sich ausgezogen, obendrein in ein Glas gepinkelt, denn Befehl ist Befehl und Köln ist Köln. "Das ist wie Karneval: Wenn man schon da ist, muss man auch mitmachen", sagt er.

"Die Hades Fraktur" erfüllt eine uralte Künstlersehnsucht: Die Grenzen zwischen Werk und Leben wanken, aus dem Konsumenten wird der Teilnehmer. Er muss Verantwortung ergreifen - für einen gelungenen Abend, aber auch für seine eigene moralische Integrität. Und so muss sich jeder fragen, wie weit er gehen will: Eine Frau streicheln? Küssen? Schlagen?

Für Furore sorgte Signa schon vergangenes Jahr mit dem Experiment "Die Erscheinungen der Martha Rubin": In einem Hüttendorf gerieten die Besucher zwischen die Fronten streng religiöser Bewohner und diktatorischer Besatzer; die Akteure lebten ihre Rollen Dutzende Stunden lang, ohne Pause, Tag und Nacht, und die Besucher konnten mit ihnen leben. Ein raffiniertes Psychospiel, das Signa zuletzt noch zu toppen versuchte mit der Aktion "Komplex Nord" beim Grazer Festival "Steirischer Herbst": Die Besucher ließen sich in eine Anstalt für Amnesiekranke einweisen, auf Wunsch ebenfalls tagelang. Ihre Identität mussten sie am Eingang abgeben - und mit ihr alle privaten Dinge: Uhren, Handys, Unterwäsche.

Signas soziale Installationen drehen sich um Macht und Moral, um Begehren und Identität: Wer bin ich und wenn ja, warum? Permanent geht es um die Kontrolle schwer kontrollierbarer Dinge: Alkohol, Sex, Macht und Gewalt. Und um die Kontrolle der Realität.

Wirklichkeit und Fiktion verschränken sich mitunter so stark, dass den verstörten Gästen noch Stunden nach ihrem Abschied aus der Signa-Szenerie der Kopf brummt. Eine andere Welt scheint möglich.

Die neue Performance leistet das leider nicht ganz: vielleicht, weil sich während der viel kürzeren Aufenthaltsdauer kein Alltagsgefühl einstellt, weder bei den Gästen noch bei den (Laien-)Akteuren, von denen sich einige alles andere als souverän in ihrem Rollenprofil bewegen.

Für das Dröhnen im Kopf sorgt dieses Mal eher der Alkohol. TOBIAS BECKER

* Arthur Köstler, Signa Sørensen.

DER SPIEGEL 16/2009
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