20.04.2009

MISSBRAUCH

Unter Brüdern

Von Wensierski, Peter

Im Bistum Würzburg schickte ein wegen Kindesmissbrauchs verurteilter Pfarrer seinen Opfern Detektive ins Haus. Der Fall offenbart das jahrelange Versagen der katholischen Kirche.

Es regnete stark an diesem Märztag in Sonnefeld, deshalb öffnete Joyce Kaitesi nach dem Klingeln hilfsbereit ihre Haustür und ließ die beiden Männer ins Treppenhaus. Ob denn ihr Sohn zu sprechen sei, wegen der Sache mit dem Pfarrer, fragte einer der beiden. Die Sache mit dem Pfarrer, das war ein zehn Jahre zurückliegender sexueller Übergriff.

Wer die Herren denn seien, wollte die Mutter des missbrauchten Schülers wissen. "Wir sind neutral", antworteten die Fremden.

Dann wurde das Duo bestimmter: Der Pfarrer könne unschuldig sein, der Junge sei damals doch sehr jung und leicht beeinflussbar gewesen, vielleicht sehe er die Tat ja heute anders. Mutter Kaitesi begriff langsam, worum es ging. "Hat euch der Pfarrer geschickt? Dieser Kinderschänder hat sich bis heute nicht entschuldigt! Zwei Jahre lang habe ich mein Kind betreuen und beruhigen müssen, und jetzt kommt ihr einfach her und wühlt alles wieder auf? Schämen solltet ihr euch!"

Es war nicht der einzige Besuch, den die Herren im dunklen Anzug ehemaligen Missbrauchsopfern jüngst abstatteten. Die Detektive, die im Auftrag des katholischen Geistlichen Wolfdieter Weiß in der bayerischen Provinz unterwegs waren, forschten noch nach weiteren Jugendlichen, deren Aussagen dem Pfarrer eine Verurteilung wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern eingetragen hatte. Mit Hilfe neuer Aussagen, in denen die Opfer ihre alten Angaben widerrufen, will der Kirchenmann eine Neuaufnahme seines Falls betreiben.

Das ist nicht nur ein erstaunlich dreistes Vorgehen für einen Diener Gottes, dessen Verurteilung zuletzt 2001 vom Bundesgerichtshof bestätigt wurde, es wirft auch ein Schlaglicht auf eine Kultur des Wegschauens, die bis heute die katholische Kirche an einer konsequenten Aufarbeitung des Kindesmissbrauchs in ihren Reihen hindert - und nicht wenige Pädophile offenbar ermuntert, ihre Neigungen unter dem Dach der Kirche auszuleben.

Bis vor kurzem durfte sich Pfarrer Weiß jedenfalls auf die Unterstützung seiner Mitbrüder verlassen. Obwohl das Bistum Würzburg vor Gericht zusichern musste, den Pfarrer niemals mehr mit Kindern in Berührung kommen zu lassen, hatte er noch in jüngster Zeit in Gottesdiensten von befreundeten fränkischen Pfarrern gepredigt und die Messe zelebriert - auch an der Seite von Ministranten.

Trotz Anzeigen, Elternprotesten und Verurteilungen wurde Weiß jeweils nur stillschweigend von einem Ort zum anderen versetzt. Dieses langjährige Entgegenkommen der Kirche bestärkte ihn im Glauben, unschuldig zu sein. Erst jetzt, nach den von ihm angeordneten Detektiveinsätzen, geschah das, was die Opfer schon längst erwartet hatten: Der Pfarrer im Ruhestand wurde auch als Priester suspendiert, seine Bezüge wurden um 20 Prozent gekürzt. Eine immer noch halbherzige Reaktion, findet Opfermutter Kaitesi: "Warum ringt sich die Kirche nicht endlich durch, seinen Priesterstatus ganz aufzuheben?"

Schon 1985 fiel Weiß im Bistum Würzburg erstmals auf, nachdem er im fränkischen Miltenberg mehrere Kinder geküsst und ihnen in die Hose gefasst hatte. Es kam zu einer ersten Verurteilung, dann zur Zahlung einer Geldbuße von 8000 Mark gegen Einstellung des Verfahrens. Dennoch wurde Weiß kurz darauf mit Hilfe des damaligen Limburger Generalvikars Raban Tilmann 170 Kilometer entfernt wieder Seelsorger.

Wenige Jahre später musste Pfarrer Weiß seine neue Gemeinde in Ransbach-Baumbach im Bistum Limburg verlassen, nachdem Messdiener erneut von sexuellen Übergriffen berichtet hatten. Weiß gab gegenüber der Kirche zu, dass er auch in seiner neuen Pfarrstelle "Kinder streichelt, weil er sie gernhat". Generalvikar Tilmann verzichtete jedoch auf ein Disziplinarverfahren und steckte ihn als Seelsorger in ein Frankfurter Krankenhaus, ungeachtet der Vorwürfe, dass er bei Krankenbesuchen Kinder unsittlich berührt haben soll. 1992 übergab Limburg den Seelsorger ins Bistum Bamberg - mit angeblich guten Referenzen.

Der damals zuständige Generalvikar Alois Albrecht kritisiert die Verantwortlichen deswegen jetzt ungewöhnlich scharf. Der Bamberger Kirchenmann fühlte sich von seinen Limburger Brüdern "ein Stück weit reingelegt", denn man habe "ihn nicht umfassend informiert", obwohl der dortigen Personalabteilung die "Tragweite der Vergehen" bekannt gewesen sei.

1998 vergriff sich Weiß als Pfarrer in Ebersdorf bei Coburg und an St. Marien in Sonnefeld erneut an Kindern. Ein Vater stellte sich am Anfang eines Weihnachtsgottesdiensts an den Altar und rief der Gemeinde zu: "Dieser Mann hat meinen Sohn schon mehrere Male missbraucht." Der Rest ging im Orgelspiel unter.

Wieder kam es zur Anklage. Im Urteil des Landgerichts Coburg heißt es, Weiß habe zwei Kinder "am nackten Gesäß gestreichelt" und ein anderes "am Po und an den Genitalien über den Kleidern betastet", um "sich jeweils sexuell zu erregen". Die Folge beim Sohn von Joyce Kaitesi, der zu den Opfern gehörte, waren laut Gericht "gravierende psychische Schädigungen nach der Tat ... mit Angstzuständen". Gesamtfreiheitsstrafe: zwei Jahre auf Bewährung.

Weiß selbst sagt von sich, er gebe den Kindern, "wenn ich sie streichle, nur väterliche Zuneigung", Missbrauch will er das nicht nennen. Er gibt zu, ihnen Geld angeboten zu haben, wenn sie sich auf seinen Schoß setzten. "Ich habe aber immer die Grenze erkannt zwischen sexueller Handlung und Zärtlichkeit", beteuert er. "Es kann sein, dass ich einmal auch den Pobereich berührt habe, aber der Po ist für mich kein Sexualbereich."

In seiner Würzburger Wohnung hat er sich seine eigene Welt geschaffen. Überall stapeln sich Kopien und Akten, mit denen Weiß seine Unschuld beweisen will. Gern führt er auch einen ganzen Stoß Post seiner Anhänger vor. Die jahrelange innerkirchliche Verharmlosung und Unterstützung des Täters nährte offenbar nicht nur bei Pfarrer Weiß den Wahn, unschuldig zu sein.

"Selbst innerhalb der Kirche findet sich bis heute ein breiter Unterstützerkreis von Priestern und Ordensleuten", gibt der heutige Würzburger Generalvikar Karl Hillenbrand zu. "Diese Leute ermuntern und unterstützen ihn sogar finanziell." Die 8000 Mark Geldbuße wurden von gutgläubigen Katholikinnen für Weiß bezahlt, und nicht einmal die 12 000 Mark Schmerzensgeld für den Sohn von Kaitesi sollte Weiß selbst aufbringen. Das erledigte die gesetzliche Unfallversicherung, weil die Tat in der Schule geschah. Angesichts des geringen Leidensdrucks mochte sich beim Täter offenbar kein Unrechtsbewusstsein einstellen.

Während Pfarrer, die sich öffentlich zu einer Frau bekennen, schleunigst vor die Tür gesetzt werden, durfte der Pädophile Weiß trotz der Vorfälle auch weiterhin im Priesterstand bleiben. Obendrein versorgte ihn das Würzburger Bistum mit einer großzügigen Kirchenwohnung. So lebt er gut und günstig unter einem Dach mit verdienten Klerikern des Bezirks. "Wie soll man sich bei so viel Wertschätzung schuldig fühlen?", fragt Matthias Wimmer, eines seiner ehemaligen Opfer in Miltenberg. "Ich hab immer noch das Bild seines Pfarrbüros vor Augen. Dorthin hat er uns eingeladen, mich und andere Kinder auf den Schoß genommen, am Ohr liebkost und dabei am nackten Hintern gestreichelt. Er hat uns Geld geboten. Wir waren neun und zehn Jahre alt und wussten nicht, was da geschah, aber es war unangenehm."

Wie weit die Fürsorge einiger Kirchenleute für den gefallenen Bruder ging, macht auch die Aktenlage deutlich. So kümmerte sich der Würzburger Personalchef Heinz Geist kurz nach der Verurteilung von Weiß im Jahre 2000 hingebungsvoll um die Erstattung der Umzugskosten des Täters und ermunterte ihn, zu Hause ein paar Archivarbeiten zu erledigen, da er weiterhin seine alten Bezüge erhalte. O-Ton des frommen Mannes: "Der Generalvikar hat Bedenken, dass irgendein Zeitungsfritze rausbekommt, dass du dich weigerst, im Archiv tätig zu sein, und daraus einen Artikel macht. Dann geht das Ganze wieder los."

Die Einbildung, unschuldig zu sein, setzte ihm wohl auch der lange für die Priesterausbildung in Würzburg zuständige Pater Josef Grotz in den Kopf. Grotz schrieb verständnisvolle, der Entlastung dienende Worte an den "lieben Wolfdieter". 1993 etwa - da war Weiß bereits an zwei Orten aufgefallen - nahm er dessen Jugendarbeit in Schutz: "Du denkst nichts Böses, aber andere legen es Dir sofort zum Bösen aus, allzu leicht wird Dir aus kleinsten Fäden ein Strick zu drehen versucht. Und Du weißt, wie dumm Kinder sich äußern können, wenn sie entsprechend von Argwöhnischen ausgefragt werden."

In einem Brief an Weiß brüstete sich Spiritual Grotz 1999 damit, wie er den "lieben Wolfdieter" vor der Presse schütze: "Der Anrufer wusste auch von dem Urteil des Landgerichts Obernburg. Ich behauptete, Du seist damals freigesprochen worden ... Ich könnte mir denken, dass da irgend so ein Journalist wieder eine Sendung über Fälle von sexuellen Vergehen katholischer Priester zusammenschmieden möchte und nun allen Spuren nachgeht, die er gerade in die Nase bekommt, wie immer er diese Spur erschnüffelt haben mag."

Generalvikar Hillenbrand ist angesichts des stillen Einverständnisses in seiner Kirche nachdenklich geworden. "Mir ist am Fall Weiß deutlich geworden, dass Missbrauchstäter immer ein schützendes Umfeld brauchen. Sympathisanten und Personen in ihrem Umkreis, die sie tolerieren."

Seine eigene Null-Toleranz-Linie habe Hillenbrand dem Pädophilen, der jegliche Therapie verweigert, erst neulich klar gezeigt, wie er berichtet: Da habe er ihn in Würzburg auf dem Rathausplatz gesehen, wie er ein Kinderfest des Bayerischen Rundfunks und der Stadt beobachtet habe. Weiß habe sich herausgeredet, er warte nur auf jemanden aus dem Gottesdienst. Der Generalvikar glaubte seinem Untergebenen nicht und befahl ihm, den Ort zu verlassen - denn die Messe war schon seit Stunden vorbei. PETER WENSIERSKI


DER SPIEGEL 17/2009
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