20.04.2009

TERRORISMUSDer fünfte Mann

Wenn diese Woche der Sauerland-Prozess beginnt, fehlt ein schillernder Hintermann: Er beschaffte Zünder, pflegt ein Islamistennetz in Deutschland - und ist V-Mann.
Wenn seine Kontaktleute in Ludwigshafen und Bad Harzburg über ihn sprachen, dann unterwürfig und voller Respekt. Sie nannten ihn "Chef" oder "Arbeitgeber", sie tauschten seine Telefonnummer nur codiert aus, getarnt als Lottozahlen. Und wenn es Dringendes zu besprechen gab, dann flogen sie zu ihm, in "die Stadt mit I", wie Ahmed H. sie nannte, ein 27-jähriger Somalier, der seit 1990 in Deutschland lebt.
Der "Chef", das ist der türkische Staatsbürger Mevlüt K., 30, geboren in Ludwigshafen, wo er zuletzt als arbeitsloser Schweißer lebte. Im August 2002 verließ er Deutschland, weil ihm das Bundeskriminalamt (BKA) auf den Fersen war. Er galt als führender Kopf einer deutschen Terrorzelle mit direktem Draht zum späteren Irak-Chef der Qaida, Abu Mussab al-Sarkawi.
Die "Stadt mit I", das ist K.s Wohnort Istanbul. Von dort pflegt er offenbar immer noch ein ganzes Netzwerk von radikalen Islamisten in Deutschland. Dazu zählen Ahmed H., der ebenfalls in Ludwigshafen lebte, und die serbischen Brüder Bekim und Blerim T. sowie Dzavid und Nedzad B., alle aus Bad Harzburg.
Wenn am Mittwoch vor dem Oberlandesgericht Düsseldorf der Mammutprozess gegen die Sauerland-Gruppe beginnt, dann wird es auch um Mevlüt K. und seine Balkan-Connection gehen. Seine Rolle ist nach Ansicht der Behörden zentraler als bislang bekannt. Nach Ermittlungen des BKA ist K. verantwortlich für die Beschaffung von 26 militärischen Zündern: "Unter der Regie von Mevlüt K. wurden 6 Zünder aus dem Kosovo und 20 Zünder aus der Türkei nach Deutschland geschmuggelt", so ein BKA-Bericht.
K. ist damit der fünfte Mann. Doch während Fritz Gelowicz, Daniel Schneider, Adem Yilmaz und Attila Selek von Mittwoch an auf der Anklagebank sitzen werden und die Bundesanwaltschaft fast ein halbes Dutzend angeblicher Unterstützer festnehmen ließ, bekommen die Ermittler K. einfach nicht zu fassen. Zwar haben die Ankläger in der Sache ein Ermittlungsverfahren gegen ihn eingeleitet (Aktenzeichen 2 BJs 66/07-4) und ein Rechtshilfeersuchen an die Türkei gestellt, doch abgesehen von einer mehrmonatigen Haft direkt nach seiner Einreise 2002 ließen die Behörden ihn erstaunlich frei agieren. Und das könnte mit einer Nebentätigkeit zu tun haben.
Denn der Türke arbeitet seit geraumer Zeit nicht nur für den Dschihad, sondern nach Angaben mehrerer deutscher Sicherheitsbehörden auch als V-Mann für den türkischen Geheimdienst, der K.s Insiderwissen mit der CIA teilt. Das Düsseldorfer Gericht wird deshalb auch der brisanten Frage nachgehen müssen, ob K. die Zünder womöglich im Auftrag oder mit Wissen der Behörden beschaffte und wie stark die Geheimdienste das Umfeld der Islamischen Dschihad Union infiltriert haben - jener Terrortruppe, der laut Bundesanwaltschaft Gelowicz und Co. angehören sollen. Wären die Angeklagten ohne Unterstützung von Mevlüt K. überhaupt in der Lage gewesen, mit dem Bombenbasteln zu beginnen? Für Attila Seleks Verteidiger Manfred Gnjidic sind das "entscheidende Fragen, die das Gericht dringend klären muss".
Tatsächlich brauchte die deutsche Zelle Hilfe, um an Zünder zu kommen. Selek, der sich im Februar 2007 in die Türkei abgesetzt hatte, wandte sich dem BKA zufolge deshalb an einen gewissen "Sut" - die Ermittler glauben, dass sich hinter diesem Namen Mevlüt K. verbirgt.
Und K. konnte helfen. Von der Türkei aus aktivierte er sein Netzwerk in Deutschland und auf dem Balkan - für die Ermittler ein überraschender Beifang. Mindestens zehn Personen spannte er dem Dossier zufolge in den folgenden Wochen ein, gegen drei seiner mutmaßlichen Helfer ermittelt das Landeskriminalamt Niedersachsen wegen Terrorverdacht. Auch serbische Behörden haben K.s Balkan-Connection im Blick.
Am 23. Juli 2007 reiste ein Verwandter von Nedzad und Dzavid B. dem BKA-Bericht zufolge mit dem Bus aus dem Kosovo nach Deutschland, im Gepäck wohl sechs Sprengzünder aus serbischer und bulgarischer Produktion. Elf Tage später soll Ahmed H., ein Vertrauter von K., diese Zünder in Mannheim offenbar an Gelowicz übergeben haben, dem die Lieferung indes nicht reichte. Er orderte via E-Mail an Selek nach: "Ein bisschen mehr wäre gut."
Mevlüt K. hatte da längst eine zweite, größere Ration organisiert. Die Ermittler gehen davon aus, dass es sogar er selbst war, der in einer Istanbuler Moschee eine Plastiktüte einem damals 15-jährigen Deutsch-Tunesier aus Wolfsburg aushändigte, der später als Zeuge aussagte. In der Tüte befand sich ein Paar Schuhe der Marke "Spice", in deren Sohlen je zehn tschechische Zünder eingeklebt waren. Der Junge erhielt 100 Euro, fuhr mit dem Bus gen Heimat und übergab Gelowicz die heikle Fracht am 26. August in Braunschweig.
Bei der Festnahme in Oberschledorn wurden alle 26 Zünder gefunden, in einer roten und in einer gelben Tüte, die Schmuggel-Schuhe entdeckten die Beamten im Mietwagen. Spezialisten des BKA haben sie getestet, nur drei waren voll funktionsfähig, die übrigen feucht geworden oder sowieso ungeeignet. Zufall oder Sicherheitsmaßnahme von K.s V-Mann-Führern? Ein beteiligter Ermittler zieht einen in jedem Fall beunruhigenden Schluss: "Drei hätten gereicht." YASSIN MUSHARBASH,
MARCEL ROSENBACH, HOLGER STARK
Von Yassin Musharbash, Marcel Rosenbach und Holger Stark

DER SPIEGEL 17/2009
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