20.04.2009

ESSAYSCHULE BRAUCHT RELIGION

GLAUBE UND ETHIK SIND KEINE GEGENSÄTZE / VON CHRISTOPH MARKSCHIES
Markschies, 46, Theologe, ist Präsident der Humboldt-Universität und lehrt Ältere Kirchengeschichte. Nach der erfolgreichen Unterschriftensammlung der Bürgerinitiative Pro Reli findet kommenden Sonntag in Berlin ein Volksentscheid über die Einführung von Religion als Wahlpflichtfach neben Ethik statt. Zuvor hatte die Schriftstellerin Julia Franck Ethik als Pflichtfach für alle Schüler verteidigt und Pro Reli "Misstrauen dem Staat gegenüber" unterstellt (SPIEGEL 4/2009).
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Seit Jahrzehnten dürfen viele Schüler in Deutschland wählen - ein gutes Gymnasium lässt in der Oberstufe etwa die Wahl zwischen Rudern und Handball, zwischen Gymnastik und Basketball zu. Wenn ich recht sehe, ist hierzulande noch niemand auf die Idee gekommen, dass deswegen das Verständnis der Schüler, die Basketball bevorzugen, für die Handball-Anhänger zusammengebrochen ist. Es gibt sogar eine Menge Pädagogen und Eltern, die für separate Erziehung von Jungen und Mädchen in bestimmten Lebensphasen votieren (und damit gegen die Gemeinschaftsschule der Nachkriegszeit). Wer eine solche reine Jungen- oder Mädchenschule besucht, muss nicht zur Nachschulung geschickt werden, um mit dem anderen Geschlecht auszukommen, sondern ist unter Umständen sogar besser darauf vorbereitet. Wenn bei aller Unterschiedlichkeit bestimmte Grundwerte vermittelt werden, gefährdet eine Wahl zwischen alternativen Angeboten nicht die Einheit der schulischen Bildung, sondern ermöglicht die optimale Vorbereitung auf ein Leben in einer differenzierten Gesellschaft. Nicht nur im Sportunterricht.
Seit vielen Jahren differenziert sich auch die religiöse Landschaft der Bundesrepublik. Waren nach 1945 durch Flucht und Vertreibung viele Katholiken in traditionell evangelische Gegenden gekommen und umgekehrt, so strömten seit den Sechzigern muslimische Migranten nach Deutschland und wurden allmählich Mitbürger. Anstelle von Hinterhofmoscheen bauen sie nun repräsentative Gebäude mitten in den Städten, genauso wie katholische Christen im frühen 20. Jahrhundert in streng evangelischen Territorien ihre Kirchen errichteten. Und natürlich blieb es nicht bei den drei sogenannten abrahamitischen Religionen Judentum, Christentum und Islam. Ein buddhistisches Haus gibt es in Berlin seit 1924, ein Hindu-Tempel ist geplant. Und die Konfessionslosen, die gerade einen Dachverband gegründet haben, darf man auch nicht vergessen.
In vielen Bundesländern hat sich daher die Situation an der Schule dieser neuen Vielfalt von Religion und Religionslosigkeit angepasst: Es gibt unterschiedliche Angebote eines Religionsunterrichts unter staatlicher Aufsicht und einen Ethikunterricht für die Konfessionslosen. Nach dem Vorbild der Ausbildung von jüdischen und christlichen Religionslehrern gibt es in Münster einen Studiengang für muslimische Lehrkräfte.
Ethikunterricht wurde eingeführt, damit niemand hierzulande die Schule abschließen kann, ohne über grundlegende Werte des menschlichen Lebens orientiert worden zu sein. Schließlich kann es durchaus passieren, dass man irgendwann im Krankenhaus vor der Frage steht, ob man einer lebensverlängernden Behandlung zustimmen möchte oder lieber nicht - wer darüber nachgedacht hat, wozu er lebt, und sich einmal ausführlicher mit dem Sinn des Lebens beschäftigt hat, ist nicht unvorbereitet auf solche schwierigen Entscheidungen. Natürlich werden die Antworten beim Unterrichten von Weltanschauungen - im Religions- wie im Ethikunterricht - verschieden ausfallen. Wenn der katholische oder evangelische Religionslehrer die Ansicht des Schriftstellers Jean Améry vorstellt, dass der Selbstmord die höchste Form der menschlichen Würde sei, wird er keinen Zweifel daran lassen, dass er diese Position nicht teilt. Aber auch der Ethiklehrer wird diese These ja nicht einfach referieren, sondern die Schüler zur Diskussion anhalten.
Das geordnete Nebeneinander von Religion und Ethik in den meisten Bundesländern entspricht der weltanschaulichen Auffächerung in diesem Land. Gelegentlich hört man das Argument, dass sich ja auch niemand vom Mathematikunterricht abmelden darf. Aber es gibt nur eine Mathematik - und dafür reicht auch ein einziger Unterricht. Die Behauptung, alle Schüler müssten zwangsweise einen einheitlichen Ethikunterricht besuchen, damit in der multikulturellen Gesellschaft die wechselseitige Toleranz befördert wird, verkennt, dass die ganze Schule Lernort eines toleranten Zusammenlebens von Kulturen sein sollte - der Schulhof ebenso wie der Deutschunterricht. Es hat noch niemand belegen können, dass in Essen oder Duisburg das Zusammenleben von Menschen verschiedener Kultur und Religion schlechter ist, weil einige Schüler den Ethik- und andere den Religionsunterricht besuchen, in Berlin dagegen besser, weil alle am Ethikunterricht teilnehmen.
Warum braucht es aber überhaupt Religionsunterricht in der öffentlichen Schule? Im Musikunterricht wird Musik nicht nur in Form von CDs und Schallplatten gehört. Der Musiklehrer sitzt am Klavier und spielt, wenn er schon mit seinen Schülern nicht singt, Elemente einer Partitur vor. Er hebt einzelne Stimmen heraus oder das Leitmotiv, damit seine Klasse versteht, warum Mussorgski seine "Bilder einer Ausstellung" so komponiert hat und nicht anders. Musik kann nicht vermittelt werden, ohne dass musiziert wird. Darüber besteht kein Streit.
Mit der Religion ist es etwas anders, aber nicht sehr viel. Sie kann nicht vermittelt werden, wenn der Pädagoge religiös völlig unmusikalisch ist. Die kämpferisch atheistischen Lehrer aus dem Osten Deutschlands, die Religion für das Opium des Volkes hielten und ihren aktiven Beitrag zum Absterben dieses Rests der Feudalgesellschaft leisten wollten, wird man in einer demokratischen Gesellschaft nicht für Religionsunterricht heranziehen wollen. Religion kann deutlich besser durch jemand vermittelt werden, der sie praktiziert.
Wer je einmal versucht hat, die Ge- und Verbote für Speisen im Judentum und im Islam zu erklären, weiß das. Deswegen ist es längst üblich geworden, dass die einen religiösen Experten an der Schule die anderen einladen, Christen Juden und umgekehrt, zunehmend auch Muslime und Vertreter anderer Glaubensrichtungen. Entsprechend haben die christlichen Kirchen in Berlin vorgeschlagen, immer wieder einmal einzelne Themen gemeinsam im Ethik- wie im Religionsunterricht zu behandeln oder jedenfalls die Lehrer auszutauschen.
Über den Sinn des Lebens und die Grundwerte, die unser Zusammenleben prägen, kann man nicht einfach nur informieren. Man muss Position beziehen, um in einer komplexen Welt zu überleben. Wer entscheiden will, ob am Krankenbett des Partners die Herz-Lungen-Maschine abgestellt wird oder weiterläuft, muss eine eigene Haltung formulieren können. Sonst entscheiden andere für ihn. Wenn der Betroffene nur abstrakt weiß, was die unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen darüber denken, hilft ihm das zwar bei der eigenen Urteilsbildung, ersetzt diese aber nicht. Eine eigene Position auszubilden muss gelernt werden.
Natürlich haben auch Religionen sehr unterschiedliche Ansichten zu einzelnen ethischen Problemlagen, aber die Grundprinzipien sind in aller Regel unstrittig. Der Staat, in dessen Namen der schulische Ethikunterricht stattfindet, hat definitionsgemäß nur sehr wenige solcher Prinzipien (wie die Grundrechte), er ist weltanschaulich neutral und schließt durch sein Strafrecht lediglich bestimmte Extrempositionen aus. Aus guten Gründen muss insbesondere im staatlichen Ethikunterricht darauf geachtet werden, dass der Lehrer bestimmte ethische Normen nicht als Positionen des Staates vermittelt - mindestens die Großeltern erinnern sich noch daran, dass nach 1933 für Euthanasie geworben wurde.
Es entspricht also nicht nur der weltanschaulich-religiösen Pluralität dieses Landes, dass man an der Schule zwischen verschiedenen Formen von Religionsunterricht wählen kann und der Staat für die, die das nicht wollen, einen weltlichen Ersatzunterricht anbietet - dieses Nebeneinander ist auch Voraussetzung dafür, dass sich möglichst viele Schüler eine begründete eigene Meinung über den Sinn des Lebens bilden können.
Warum wird aber, wenn das so ist, in Berlin so heftig über die Möglichkeit gestritten, frei zwischen Ethik und Religion zu wählen? Warum fürchten kluge Menschen, dass der Staat und die Glaubensgemeinschaften künftig aggressiv gegeneinander vor Gericht ziehen? Warum wird behauptet, dass die Entscheidung für Religionsunterricht die interkulturelle Kompetenz der Schüler und damit das Zusammenleben in der multikulturellen Gesellschaft gefährdet?
Vielleicht liegt es an der besonderen Geschichte dieser lange geteilten Stadt, dass dort wie in einem Museum viele Positionen konserviert sind, deren Vertreter anderswo schon längst ausgestorben sind. So gibt es in Berlin Freidenker, die gegen die Religion wüten, als bestünde noch heute ein enges Bündnis zwischen Thron und Altar, das man um der Freiheit willen sofort sprengen müsste.
Wahrscheinlich haben in Berlin auch viele Menschen berechtigte Angst, dass bestimmte Stadtviertel kippen und Auseinandersetzungen zwischen Bevölkerungsteilen eskalieren; deswegen erscheint dann der Ethikunterricht als das Allheilmittel. Dabei entstehen viele scheinbar ethnisch oder religiös begründete Auseinandersetzungen in Berliner Schulen eher, weil es zu wenig gute Lehrer gibt und weil nicht nur die Schulgebäude vollkommen verwahrlost sind.
Vielleicht wird aber auch deswegen so heftig in Berlin gerungen, weil in unserem Land Menschen, die ein Grundrecht einfordern, immer noch etwas unbequem sind. Religionsunterricht zu besuchen ist in den meisten Bundesländern ein Grundrecht. In Berlin nicht. Man glaubte, hier nach der Katastrophe der deutschen Bildungseinrichtungen im Nationalsozialismus kirchliche Parallelstrukturen aufbauen zu müssen, um solche fürchterlichen Entwicklungen künftig verhindern zu können.
Heute wissen wir besser als unsere Großväter und Väter, dass man sich innerhalb des bestehenden Erziehungssystems für religiöse Werte einsetzen kann und muss, wenn man einen eigenen Beitrag zur Bewahrung der demokratischen Gesellschaft leisten will.
Außerdem wissen wir besser als die unmittelbare Nachkriegsgeneration, dass man auf Grundrechte niemals verzichten sollte. Es ist vielmehr recht und billig, dass in Berlin wie in den meisten Bundesländern die Wahlmöglichkeit für Religionsunterricht eingeführt werden soll.
Das gegenseitige Verständnis in einer pluralen Gesellschaft wird nicht schlechter, wenn ein Teil der Klasse zu seinem jeweiligen Religionsunterricht geht und ein anderer zum Ethikunterricht - es wird wahrscheinlich sogar besser. Denn die religiös sozialisierten oder interessierten Schüler werden nicht von außen über Glauben belehrt, sondern diskutieren mit religiösen Experten. Sie gewinnen ein vertieftes Verständnis ihrer eigenen Religion und anderer Religionen dazu. Sie erkennen, dass Toleranz ein Wert ist, der nicht von der aufgeklärten Welt gegen die Religionen durchgesetzt werden muss, sondern letztlich durch die Religionen in die europäischen Verfassungsordnungen gekommen ist.
Der weltanschaulich neutrale Staat muss also auch in Berlin ein Interesse daran haben, dass an allen Schulen auf höchstem Niveau ausgebildete Religionslehrer tätig sind und dass überall die verschiedenen Formen von Religionsunterricht gewählt werden können - nicht nur evangelischer Unterricht in erzkatholischen Gegenden, sondern natürlich auch islamischer Religionsunterricht überall.
Und er muss ein Interesse daran haben, dass sich die Ethiklehrer zumindest in den östlichen Bundesländern nicht aus oberflächlich gewendeten Staatsbürgerkundelehrern der alten DDR rekrutieren, die ihren kämpferischen Atheismus immer noch so propagieren, als ob die Mauer nie gefallen wäre.
Von Christoph Markschies

DER SPIEGEL 17/2009
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