20.04.2009

BIOGRAFIENUnerlaubte Leidenschaft

Eine neue Studie bricht in Spanien mit einem Tabu: Federico García Lorcas Homosexualität wird zum Schlüssel der Interpretation seiner Werke.
Er ist der bedeutendste Dichter der Spanier im 20. Jahrhundert: Federico García Lorca, geboren 1898 im andalusischen Weiler Fuente Vaqueros nahe Granada. Seine "Zigeunerromanzen" gehören zu den auf der ganzen Welt am meisten gelesenen Gedichten, seine Stücke wie "Bluthochzeit", "Yerma" und "Bernarda Albas Haus" leben über 70 Jahre nach seinem Tod immer noch auf den Bühnen von New York bis Berlin.
Doch bis heute wissen seine Landsleute nur wenig über ihn - und dabei überwiegen Klischees: Für die einen war er der "rote Poet", der Bischöfe und Generäle nicht ehrte. Für die anderen ist er das sozial engagierte Opfer der nationalistischen und erzkatholischen Franco-Diktatur. Tatsächlich wurde García Lorca 1936, einen Monat nach dem Putsch von General Francisco Franco gegen die Regierung der Zweiten Republik, erschossen und anonym verscharrt, wie Zehntausende Linke.
Jetzt stellt der renommierte, aus Irland stammende Hispanist Ian Gibson, 70, einen für das Verständnis von García Lorcas Werk entscheidenden, lange verdrängten Zug in der Persönlichkeit des Autors heraus. In seinem vor kurzem in Spanien erschienenen Buch "Lorca y el mundo gay" ("Lorca und die schwule Welt") unternimmt Gibson eine Neuinterpretation der Texte und des Lebens des berühmten Verschollenen - und zwar im Lichte von dessen Homosexualität. Auf 386 Textseiten zeichnet er "das Drama des großen Poeten der dunklen Liebe".
"Es war die schlimmste Tragödie zur damaligen Zeit, als Schwuler in Spanien geboren zu sein", erklärt Gibson. Noch dazu in Granada, der rückständigsten Stadt Andalusiens, aus der Geist und Sinnesfreude mit den Muslimen und Juden nach 1492 vertrieben worden waren. Darum verbarg Lorca seine innerste Neigung vor der Öffentlichkeit. Seine Geschwister leugneten stets, dass er ein Homosexueller war. Sie haben vermutlich Belegtexte vernichtet.
Auch die meisten Briefwechsel mit Federicos großen Freund- und Liebschaften wurden zerstört. Aus Angst, die Familie könne den Zugang zum Nachlass des Dichters verschließen, sparten spanische Lorca-Forscher bis Mitte der achtziger Jahre die heikle Frage nach der sexuellen Orientierung völlig aus. In der Werkausgabe von 2006, die spanische Literaturstudenten benutzen, bleibt das Thema ebenfalls tabu.
Es sei jetzt "der richtige Moment", meint Gibson, um in Spanien eine Debatte über den schwulen García Lorca anzufachen. Die Gesellschaft habe sich unter der Regierung des Sozialisten Rodríguez Zapatero geöffnet. Auch hat nun endlich die Nichte und Präsidentin der Lorca-Stiftung, Laura García Lorca de los Ríos, eingeräumt, dass es für ihren Vater "schwierig war, die Homosexualität seines Bruders zu akzeptieren".
Der Ire Gibson, verheiratet mit einer Spanierin und spanischer Staatsbürger, verfiel dem Dichter, als er 18 war. Bereits 1971 hatte er sich in einem Buch mit dessen gewaltsamem Tod beschäftigt, der auch Hauptthema einer Lorca-Biografie von 1997 war. Mit der neuen Studie will er nun die Persönlichkeit des Vielbewunderten erhellen.
Ohne sein Leiden am sexuellen Ausgeschlossensein, an der unerfüllten Liebe, die er zu Kunst sublimierte, ist Lorcas geniales Werk nicht verständlich. Das belegt Gibson mit Gedichten, Prosa und Dramen aus den Jugendjahren, die erst 1994 vollständig veröffentlicht wurden. Das Hauptthema taucht schon da auf: Leidenschaft, die nicht sein darf.
Von einer Geliebten, die ihn verlassen hat, mit einer Haut, "so weiß wie eine Lilie", mit blauen Augen und blondem Haar, die im dünnen Kleid auf dem Flügel Chopin spielt, schwärmen die ersten Texte. Gibson deckt auf, wer Lorcas Angebetete war: María Luisa Natera Ladrón de Guevara, Tochter aus reichem Haus in Córdoba. 1916 traf der 18-jährige Federico, der seine Mutter zur Kur begleitete, die zarte 14-Jährige, die mit ihrer Großmutter reiste.
Da wusste Lorca noch nicht von seiner wahren Neigung. In der Schule in Granada verspotteten Mitschüler den schüchternen Jungen vom Land als "Federica". Er habe bei María Luisa "versucht, sich in ein Mädchen zu verlieben", glaubt Gibson. Doch sein Scheitern habe ihn in tiefe Verzweiflung gestürzt. Dieses Trauma prägt bereits sein Jugendwerk.
Die Briefe, die Lorca an María Luisa schrieb, können darüber nicht mehr Aufschluss geben. Ihr späterer Ehemann habe sie verbrannt, wohl aus Angst, dass die Hinweise auf eine wenn auch rein sentimentale Beziehung zu einem politisch Verfemten und Hingerichteten bei einer Haussuchung Francos Sicherheitskräften in die Hände hätten fallen können.
Gibson zeichnet nach, wie der Dichter ab 1919 in der Residencia de Estudiantes zu Madrid, einem besonders fortschrittlichen Studentenwohnheim, Freunde in der künstlerischen Avantgarde seiner Generation gewann. Doch sein Liebesleben bleibt unglücklich. Denn selbst "an diesem damals liberalsten Ort Europas", so der Forscher, wurde Homosexualität als "Defekt" gebrandmarkt. Lorca verliebt sich in den katalanischen Maler Salvador Dalí. Der bewundert das andalusische Dichtergenie zwar, gestaltet Bühnenbilder für dessen frühe Stücke. Aber er hat dem sexuellen Werben des Freundes nie nachgegeben. Luis Buñuel, lange Zeit der Dritte im Bunde, war sogar offen homophob.
Wie sehr die rätselhafte Dreiecksbeziehung noch heute interessiert und beunruhigt, zeigt der Film "Little Ashes" von Paul Morrison, der Anfang Mai in Spanien, Großbritannien und den USA anläuft.
Seine sexuelle Befreiung erlebte Lorca erst in New York und Kuba, wohin er nach einer weiteren amourösen Enttäuschung 1929 flüchtete. In den Bars von Harlem spielte er mit Schwarzen Klavier. Dennoch zeigen seine Texte, dass er weiterhin panische Angst hat, als weibisch zu gelten. In Kuba schreibt er ein Theaterstück mit "offen homosexuellem Thema", wie er einmalig deutlich einem Freund in einem (erst 1992 veröffentlichten) Brief ankündigt.
Zurück in seiner Heimat, wo die Zweite Republik ausgerufen worden war, erlebt Lorca ab 1931 eine Phase des Erfolgs und der Befreiung. Als Direktor der Schauspieltruppe La Barraca reist er durchs Land, um den Spaniern ihre Klassiker nahezubringen, dazu auch eigene Dramen, deren Helden Ausgegrenzte, oft Frauen, sind. Selbst ein privates Glück mit seinem Sekretär schien möglich. Dies alles zerstörte Francos Rebellion vom 18. Juli 1936. Wenige Tage zuvor war Lorca nach Granada zurückgekehrt.
Gibson weist nach, dass die Franquisten den Dichterstar gerade wegen seiner effeminierten Ausstrahlung jagten, nicht nur, weil sein Vater ein mit der Republik sympathisierender Landbesitzer war. Einer der Mörder hat sich in den Kneipen gerühmt, García Lorca zweimal "in den Arsch" geschossen zu haben, "weil er eine Tunte war".
Schon vor fast 50 Jahren hat Gibson mit Hilfe eines Zeugen die Stelle ausfindig gemacht, an der Lorcas Leiche liegen könnte. Nun hat sich die Familie mit einer Exhumierung einverstanden erklärt. Endlich soll die ganze Wahrheit ans Tageslicht kommen, fordert - und hofft - Gibson.
HELENE ZUBER
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 17/2009
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