27.04.2009

Titel Unheimliche Parallelen

Geschichte wiederholt sich womöglich doch. Die heutige Krise der Weltwirtschaft erinnert in vielem an die Große Depression in den Jahren nach 1929. Sie könnte die Volkswirtschaften ähnlich hart treffen wie damals - wenn die massiven Rettungspakete der Regierungen nicht greifen.
Die Deutschen haben immer gern nach Amerika geschaut, um in die Zukunft zu blicken.
Sie bestaunten die Mondmission der Raumfähre "Apollo 11". Sie bewunderten die grauen, aber endlich bezahlbaren Computer vom Typ Commodore. Sie ließen sich von der Internet-Firma mit dem seltsamen Namen Google verzaubern.
Jetzt schauen die Deutschen wieder über den Atlantik, aber sie sehen Bilder, die sie an ihre eigene Vergangenheit erinnern. Menschen, die sich in langen Schlangen nach Arbeit anstellen, traurige Menschen.
Einer von ihnen heißt Michael Sheehan, er war bis Februar Techniker einer großen Firma. Vor kurzem hat er noch selbst Leute eingestellt, nun stellt er sich selbst vor. So wie die anderen 900 Menschen, die vor ihm, hinter ihm, neben ihm stehen auf dieser Jobmesse in einem tristen Hotelsaal in Philadelphia.
"Bleib positiv" heißt es auf einem der ausliegenden Flugblätter. Sheehan aber ist nicht positiv, sondern empört. Jemand hat ihn nach seinem Lebenslauf gefragt. "Ich habe keinen Lebenslauf", sagt er. "Ich habe über 30 Jahre bei einer Firma gearbeitet."
Nicht weit von ihm steht Natalie Ingelido, 21. Sie muss ihren zweijährigen Sohn beruhigen. Er kräht. Es gefällt ihm hier nicht. "Ich suche irgendeinen Job, in einem Restaurant, in einer Bar, putzen, ganz egal", sagt sie.
Früher, erzählt sie, hingen an den Türen der Geschäfte und Bars weiße Zettel mit der Aufschrift: "Arbeitskräfte gesucht". Früher, das war letzten Sommer. Das war die Zeit, als Natalie und ihr Mann noch in der eigenen Wohnung lebten. Jetzt sind sie bei seinen Eltern untergekommen.
Überall in Amerika stehen sie derzeit, wartend und hoffend. Bei einer Jobbörse in New York reichte die Schlange um mehrere Häuserblöcke. Viele drehten sich schamvoll weg, als die TV-Kameras ihr Schicksal ausleuchten wollten.
Über fünf Millionen Menschen haben ihren Arbeitsplatz verloren, seit die Krise wütet; wie in einem großen Fieberschub wurden allein im vergangenen Monat über 650 000 auf die Straße geschleudert.
Deutschland wird den USA auf dieser abschüssigen Bahn folgen. Davon sind die meisten Experten mittlerweile überzeugt, und wer, wie mancher Politiker, das bislang nicht glauben mochte, der wurde in der vergangenen Woche eines Besseren belehrt.
Am Mittwoch war für die Verantwortlichen der Großen Koalition in Berlin ein schwarzer Tag. All ihre Hoffnungen, der Himmel über Deutschland könnte sich schnell - und rechtzeitig vor dem Wahltag - aufhellen, verflogen. Die Prognose der führenden Wirtschaftsforschungsinstitute wurde bekannt, und sie fiel noch düsterer aus als erwartet: Die deutsche Wirtschaft schrumpft in diesem Jahr um sechs Prozent - und wird auch im nächsten Jahr nicht wachsen.
Die Zahl der Arbeitslosen wird stark ansteigen, noch in diesem Herbst dürfte sie auf über vier Millionen steigen und im nächsten Jahr auf knapp fünf Millionen. Spätestens dann wird die Krise für Millionen erlebbar, sie wird die privaten Haushalte erreichen, sie wird weitere Unternehmen in die Insolvenz zwingen und zahllose Kredite zum Platzen bringen, was wiederum die ohnehin angeschlagenen Banken belasten dürfte.
Überall auf der Welt müssen die Politiker mit ansehen, wie die Wirtschaftskrise von einem Sektor zum nächsten überspringt und immer weitere Kreise der Gesellschaft erreicht. Sie sind Zeitzeuge einer Realität, die ihre schlimmste Prognose ständig als allzu optimistisch entlarvt.
Sie beschließen Konjunkturpakete und Bankenrettungspläne in Billionenhöhe, sie pumpen immer mehr Geld in die Wirtschaft, um den Kreislauf wieder in Schwung zu bringen. Aber niemand weiß, ob diese Medizin auch wirklich wirkt - und wenn doch, wann?
So klammern sich die Politiker in ihrer Verzweiflung an jeden noch so kleinen Hoffnungsschimmer. Das Schlimmste sei wohl überstanden, verkündete Bundeskanzlerin Angela Merkel zur Eröffnung der Hannover-Messe Anfang vergangener Woche, dabei war die Zahl der Aussteller gerade mal einigermaßen stabil geblieben.
Wenige Tage später, beim Konjunkturgipfel im Kanzleramt, mochte keiner der 31 geladenen Wirtschaftsvertreter diesen Optimismus teilen. Pessimismus machte sich stattdessen breit und tiefe Ratlosigkeit. Es habe eher eine Stimmung geherrscht "wie bei einem Beerdigungskaffee", sagt einer der Teilnehmer.
Bundesregierung, Gewerkschaften und Arbeitgeber sind, so scheint es, am Ende ihrer Möglichkeiten angekommen. Entsprechend vorhersehbar war der Verlauf des Treffens. Die versammelten Verbandsvertreter nutzten die Gelegenheit, der Regierung ihre bekannten Forderungen vorzutragen. Die geladenen Ökonomen stritten um Begriffe und Prognosen. Die Regierungsmitglieder rüffelten jene Funktionäre, die sich zuletzt allzu lautstark zu Wort gemeldet hatten.
Vor allem Ifo-Chef Hans-Werner Sinn sorgte mit einer düsteren Wachstumsprognose dafür, dass sich die Stimmung in der Berliner Regierungszentrale weiter ver-
schlechterte. Das Schlimmste stehe noch bevor, sagte Sinn. Der Abschreibungsbedarf der Banken erreiche inzwischen 90 Prozent ihres Eigenkapitals, die meisten Unternehmen blickten pessimistisch in die Zukunft. Sinn hält sogar eine Deflation für möglich, also eine Situation, in der trotz fallender Preise die Nachfrage weiter sinkt.
Nicht alle der anwesenden Wirtschaftsprofessoren mochten die Thesen des Münchner Ökonomen teilen. Der Mannheimer Wirtschaftswissenschaftler Wolfgang Franz hielt es für denkbar, dass die Wirtschaft schneller wieder Tritt fasst. Bundesbank-Chef Axel Weber stellte klar, dass er die viel größere Gefahr in einer möglichen Inflation sieht. Am Ende der Ökonomenvorträge wussten die Teilnehmer der Runde nicht einmal mehr, gegen welche Gefahr sie nun eigentlich vorgehen sollten.
Deflation, Inflation, Massenarbeitslosigkeit - die Wörter erinnern an das dunkelste Kapitel der Wirtschaftsgeschichte. Und so nimmt es nicht wunder, dass unter Experten immer häufiger ein Wort fällt, von dem man glaubte, es sei ein totes Wort, eines, das ins Geschichtsbuch aber nicht in die Gegenwart gehört: Große Depression.
In Amerika hat sich die Depression längst in den Alltagssprachgebrauch zurückgeschlichen. Christina Romer mag den Vergleich mit der Vergangenheit nicht. Sie ist die von Barack Obama eingesetzte Vorsitzende des Wirtschaftsrats. Die Great Depression war Romers Spezialgebiet als Wirtschaftshistorikerin an der Universität Berkeley - bevor sie mit dem neuen Präsidenten ins Weiße Haus einzog.
Nun hat sie das Gefühl, dass die Geschichte mit ihr mitgezogen ist, dass die Vergangenheit wieder zu leben beginnt und an manchen Tagen schon so aussieht wie die Gegenwart. "In den vergangenen Monaten habe ich mich selbst zu oft sagen hören: 'Dies ist die schlimmste Entwicklung seit der Großen Depression'", sagt sie.
Und dann wiederholt sie all die traurigen Anklänge an das Gestern:
"Der schlimmste Jobverlust seit der Großen Depression."
"Die schlimmste Wirtschaftskrise seit der Großen Depression."
"Der schlimmste Anstieg von Zwangsräumungen seit der Großen Depression."
Auch Ben Bernanke, Präsident der amerikanischen Notenbank und von Berufs wegen zum Optimismus verpflichtet, tut sich schwer, die Melancholie dieser Tage zu vertreiben. Er war zuvor Professor in Princeton, hat über die Weltwirtschaftskrise ein dickes Buch geschrieben. "Ich war immer skeptischer als andere, welche Wirkung solche Krisen entfalten könnten", sagt er. "Manche dachten, das könne leicht verschmerzt werden."
Er lacht ein bitteres kleines Lachen, das auch ein Aufstöhnen gewesen sein könnte: "Ich hoffe, diese Ansicht hat jetzt keine Anhänger mehr. Die Folgen dieser Krise sind sehr real, sie sind sehr, sehr gewaltig."
Aber wie gewaltig? Das wüssten alle gern. Doch den weiteren Verlauf der Krise kann keiner vorhersagen; Romer nicht, Bernanke nicht und Peer Steinbrück auch nicht. Der deutsche Finanzminister bekannte in der vergangenen Woche so offen wie hilflos: "Ich weiß es nicht."
Das macht die Krise so unheimlich.
Wo sie herkommt, ist bekannt. Wo sie hin will, weiß keiner. Ob sie im selben Tempo weiterwüten wird? Ob sie wenigstens für ein paar Monate Ruhe gibt?
Oder ist gar das Schlimmste schon überstanden, wie manche Börsianer zu meinen scheinen? Sie trieben den Deutschen Aktienindex in den vergangenen sieben Wochen wieder um 24 Prozent und den US-Index Dow Jones um rund 22 Prozent in die Höhe. Ist die Börse schlauer als all die Experten, die noch im vergangenen Jahr nichts von einer tiefen Rezession wissen wollten? Oder ist die Börse eher blind gegenüber den großen weltwirtschaftlichen Verwerfungen? Die Hauspreise purzelten schon seit Herbst 2007, da war man an der Wall Street noch lange guter Stimmung.
Jedes kleine Zeichen der Hoffnung wird begierig als Wende zum Besseren gedeutet. Als am vergangenen Freitag der Ifo-Geschäftsklimaindex stieg, legte prompt der Dax drei Prozent zu - obwohl die Mehrheit der befragten Unternehmer noch immer eine Verschlechterung der Lage erwartet.
Die Krise überfordert derzeit alle. Sie verhält sich wie ein aggressives, unbekanntes Virus. Sie verändert ihr Aussehen und ihre Geschwindigkeit von Woche zu Woche. Erst sah sie aus wie eine amerikanische Immobilienkrise. Dann wie eine Bankenkrise, eine Börsenkrise, eine Finanzkrise. Doch das Virus war stets schlimmer als die Worte, die man sich dafür ausgedacht hatte.
Am Anfang der Krise dachte jeder, nur der andere sei betroffen. Die Autobauer dachten, es sei eine Krise der Banken. Die Europäer dachten, es sei eine Erschütterung nur in Amerika. Die Reichen glaubten, es betreffe nur die Armen. Die Opposition meinte, es sei eine Krise nur der Regierung.
Heute wissen alle, dass sie zu klein gedacht haben. Das Virus wütet in allen Teilen der Welt, ohne Rücksicht auf oben und unten. Der Erreger hat sich schneller verbreitet als alle Erreger vor ihm. Er ist nicht zu sehen, aber die Spur, die er hinterlässt, sieht nicht schön aus.
Am Hamburger Containerhafen sind von 100 Parkplätzen für Lkw, die Container zum Kai fahren und abholen, in diesen Tagen nur 12 besetzt. "Noch vor einem Jahr mussten sie Schlange stehen, um einen Platz zu bekommen", sagt Hafenarbeiter Gerhard Hamann.
Noch schlimmer sieht es in Bremerhaven aus, wo deutsche Autos in alle Welt verschifft werden. Dieses Geschäft ist fast um die Hälfte eingebrochen, über 1000 der 2700 Mitarbeiter des Hafendienstleisters müssen gehen.
Deutsche Autos waren ein Renner in den Boomzeiten der Globalisierung, als Statussymbole der Gewinner in China, Russland und Indien. Deutsche Maschinen wurden gebraucht, als in den Aufsteigerländern kräftig investiert wurde. Und so profitierte der Exportweltmeister Deutschland am meisten von der Globalisierung - umso härter trifft es ihn nun, wenn weltweit die Wirtschaft schrumpft.
Das Virus wütet und hinterlässt bereits die ersten Toten. Der Industrielle Adolf Merckle warf sich vor einen fahrenden Zug, weil sein Lebenswerk, zu dem die Firmen Ratiopharm und HeidelbergCement gehören, ins Rutschen geriet.
In einem Vorort von Washington erhängte sich vergangene Woche der Finanzchef des zweitgrößten Immobilienfinanzierers, David B. Kellermann, 41, in seinem Privathaus. "Dieser Tod erinnert uns daran, dass es in dieser Krise Kräfte gibt, die auch den stärksten dahinraffen können", schrieb die "New York Times".
Es gibt derzeit keine Ruhezone, nirgends auf der Welt. Amerika, China, Deutschland: überall das gleiche Bild der Verwüstung. Den armen Ländern droht sogar ein dramatischer Entwicklungsnotstand, vor allem Afrika. Nach einem Bericht von Weltbank und IWF wird die globale Rezession bis zu 90 Millionen Menschen in schwere Armut stürzen und die Zahl der Hungernden über die Schwelle von einer Milliarde treiben.
Auch die aufstrebenden Staaten streben derzeit nirgendwohin. Sie gehen in die Knie. Weil die westlichen Konsumenten sparen, stehen große Teile der Exportindustrie still. Taiwan lieferte allein im März über 30 Prozent weniger Ware als im Vorjahresmonat, vor Singapurs Hafen dümpeln Hunderte leerer Frachter, Japans Premier Taro Aso sieht für seine Nation "kein Land in Sicht".
In Lateinamerika ziehen westliche Firmen im großen Stil ihre Investitionsgelder ab. In Brasilien wird die Hälfte der für 2009 und 2010 geplanten 35 modernen Ethanolfabriken nicht in Betrieb gehen. Das westliche Kapital fließt zurück in das Land, das die Krise ausgelöst hat. US-Staatsanleihen gelten derzeit als sicherer als das Geschäft mit der Bioenergie.
Zugleich verfielen die Preise für Soja (minus 40 Prozent) und andere Früchte, so dass die brasilianische Volkswirtschaft in eine gefährliche Zangenbewegung geraten ist. Das alte Geschäft funktioniert nicht mehr und das neue noch nicht.
Selbst dem Exportgiganten China geht derzeit die Puste aus. Die Ausfuhren brachen im Februar um 25 Prozent ein. "Das sind hässliche Zahlen", kommentiert die Bank of America.
Alle schauen auf das Land, in dem das Unheil seinen Lauf nahm. Über die amerikanischen Konsumenten, einst der Wachstumsmotor der Welt, wird unter Kaufleuten derzeit geredet wie über Gemütsschwache. Sie seien verhalten, sie seien verunsichert, sie müssten angelockt werden. Ketten wie Pizza Hut bieten die zweite Pizza für einen Penny, Autohändler das zweite Auto für einen Dollar - wenn denn wenigstens eines gekauft würde.
Neue Geschäftsideen erblühen. Sie leben davon, dass die Sparsamen den schnellen Dollar verdienen können.
Phil Maher von der Website bloodbanker. com bietet Blut- und Spermaspendern die Chance zum Zusatzverdienst. Sein Geschäft habe in den vergangenen Monaten um über 50 Prozent zugelegt, sagt er. Bei Männern fließt vor allem Sperma: "Das kann man alle zwei bis drei Tage spenden", sagt Maher. "Wenn man sich da auf ein Jahr verpflichtet, wird es finanziell interessant."
Deutschland ist noch nicht so weit. Viele befinden sich in einer Art Angststarre vor dem, was da noch kommen mag. Der Arbeitsplatz ist noch da, das Gehalt läuft weiter, aber das mulmige Gefühl lässt sich nicht mehr verdrängen.
Mittlerweile misstrauen viele jener Wirklichkeit, die sie draußen sehen. Überall tauchen diese unheilvollen Wörter "noch" und "bisher" auf, die dem Leben die Sicherheit nehmen.
Der Lieblingsladen hat geöffnet, noch. Der eigene Arbeitgeber entlässt nicht, bisher. Den meisten geht es gut. Aber wie lange noch? Porsche ist eine starke Autofirma. Oder schon nicht mehr?
Der Mensch hat noch immer nicht die Krankheiten Aids, Alzheimer und Parkinson entschlüsselt. Dabei finden sich alle relevanten Daten für diese Krankheiten innerhalb eines einzigen Körpers.
Die Wirtschaftskrise aber findet zeitgleich in 6,5 Milliarden Köpfen statt. Es ist das größte Psychodrama der Weltgeschichte. Erlebnisse und Fernsehbilder verdichten sich zu Erwartungen, aus Erwartungen werden Ängste, diese prägen derzeit das Geschehen auf allen Märkten. Sie prägen es mehr als die Politiker und Notenbanker mit ihren Reden und ihren Programmen. Das Virus ist den Mächtigen entwischt.
Die ganze Welt trägt mittlerweile Gänsehaut. Man zögert und wartet ab. Die Hausfrau tut es, der Firmenchef auch, der Banker sowieso. Auch deshalb sagen Weltbank und IWF für 2009 erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg einen Rückgang der weltweiten Wirtschaftstätigkeit voraus.
Die OECD schreibt in ihrem jüngsten Report: "Die Weltwirtschaft befindet sich mitten in der tiefsten Rezession unserer Lebenszeit, verursacht von einer globalen Finanzkrise und vertieft durch einen Zusammenbruch des Welthandels." Die Lücke zwischen dem, was unser heutiges Wirtschaftspotential leisten könnte, und dem, was die Wirtschaftsmaschinerie derzeit an Waren und Dienstleistungen ausspuckt, sei 2010, so die OECD, doppelt so groß wie zu Beginn der achtziger Jahre, der für viele Staaten bisher schwersten Rezession der Nachkriegszeit.
Man muss noch weiter zurückgehen, um Vergleichbares zu finden - in eine Zeit, als die Bilder schwarz-weiß und das Leben düster war: in die zwanziger Jahre.
Die Große Depression ist das Urereignis des abgelaufenen Jahrhunderts, aus dem heraus sich alles Böse und Schreckliche entwickelte, Armut, Arbeitslosigkeit, Hitler, der totale Krieg. Der Vergleich schmerzt, weil er eine Zwangsläufigkeit unterstellt, die es natürlich nicht gibt.
Die historische Analogie sei gefährlich, warnte Frank Schirrmacher, Herausgeber der "Frankfurter Allgemeinen", im vergangenen Herbst. Sie schaffe jene Realität, vor der sie warne. Sie befördere "die Herrichtung eines sozialen Typus - den der eigenen Großeltern oder Urgroßeltern - in dem eine verunsicherte und deklassierte Gesellschaft zumindest Identifikation findet".
Vergleichen heißt nicht Gleichsetzen. Aber es hilft beim Verstehen. Die Vergangenheit beleuchtet das Gegenwärtige, hat der Philosoph Karl Jaspers einst gesagt. Und vielleicht zeigt der Vergleich ja, dass die Unterschiede größer sind als die Gemeinsamkeiten.
Ist 2009 ein neues 1929? "Ich glaube und hoffe: nein, wäre aber nicht überrascht, wenn ich unrecht hätte", sagt Robert Samuelson, ein führender Wirtschaftskommentator der USA.
Nobelpreisträger Paul Krugman sagte erst einmal gar nichts, als ihm vor kurzem dieselbe Frage gestellt wurde. Er dachte nach. Schließlich antwortete er in der ihm eigenen bedächtigen Art: "Es ist unmöglich, derzeit irgendetwas auszuschließen."
Noch sind die dramatischen, für viele auch traumatischen Wirtschaftsdaten von einst nicht erreicht. In den USA, dem Kernland der heutigen Krise, hatte die Arbeitslosigkeit auf dem Höhepunkt der Großen Depression ein Viertel aller Arbeitswilligen aus der Bahn geworfen. Heute sind erst 8,5 Prozent der arbeitsbereiten Amerikaner arbeitslos.
Die Aktienmärkte der damaligen Weltwirtschaftskrise verloren zwischen September 1929 und Juni 1932 bis zu 85 Prozent ihres Wertes, was eine gewaltige Vermögensvernichtung bedeutete.
Der Dow-Jones-Index unserer Tage hat erst rund 40 Prozent seines Wertes eingebüßt. Die Summe der vernichteten Werte allerdings übertrifft - auch inflationsbereinigt - die damalige um das mehrfache. Denn heute steckt mehr Geld in Aktien als vor 80 Jahren.
Die US-Gesamtwirtschaft schrumpfte damals um fast ein Drittel; Fabriken, Einkaufscenter und Banken mussten zu Zehntausenden aufgeben. Zwischen 1929 und 1932 erklärten allein 5000 Banken den Konkurs, bevor 1933, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, der letzte große Schub weitere 4000 Geldinstitute dahinraffte. Damit war knapp ein Fünftel der amerikanischen Banken vom Erdboden verschwunden.
In der Krise unserer Tage sind erst mehrere Dutzend Geldinstitute in den Konkurs gegangen. Dabei stehen die Banken nicht deutlich besser da als damals. Die toxischen Wertpapiere in ihren Bilanzen verstrahlen sie. Doch der Staat schießt immer neues, sauberes Geld in den Kreislauf.
Die Banken werden davon nicht gesund, aber zumindest sterben sie auch nicht. In der Branche spricht man von "Zombiebanken", die wie Untote weiterleben.
Damals stand die Regierung, vor allem die in Amerika, wie ein Zuschauer am Wegesrand. Die Wirtschaft stolperte - und der Staat ließ sie fallen. Jeder musste allein sehen, wie er klarkam. Heute wird ihnen mit einer Billionen-Dollar-Infusion geholfen. Das ist ein wichtiger Unterschied, darauf legt die Obama-Beraterin Romer Wert.
Die deutsche Wirtschaft war 1930, im ersten Jahr der Krise, in einer Abwärtsspirale gefangen, und das Volk verarmte mit jedem Tag, der neu heranbrach. Nur wenige Bürger besaßen - im Gegensatz zu heute - Ansprüche auf nennenswerte Leistungen aus der Arbeitslosenversicherung, viele waren angewiesen auf die kärgliche kommunale Hilfe.
Zu den Krisenopfern zählten Personen, die, wie der damalige Kölner Oberbürgermeister Konrad Adenauer bemerkte, "in wirtschaftlich normalen Zeiten niemals auf öffentliche Hilfe angewiesen wären: Kleinrentner, Sozialrentner, selbständige Handwerker und Gewerbetreibende".
Die Deutschen schränkten ihren Konsum nach Kräften ein. In den Ausflugslokalen der Hauptstadt, so meldete der "Berliner Lokalanzeiger", würden Autobesitzer vorfahren, die oft "nur eine Flasche Selters bestellen und dazu von zu Hause mitgebrachten Kuchen verzehren".
Täglich annoncierten die Zeitungen Termine für Zwangsversteigerungen. Die Bäcker verzierten Pfefferkuchen mit Sprüchen wie "Dieser Kuchen ist nicht groß, denn auch ich bin arbeitslos!"
Die Caféhäuser sparten sich die Kapellen, die Musik kam nun aus dem Radio. Statt Sekt wurde Milch für zehn Pfennige ausgeschenkt.
In unserer Zeit ist die Angst größer als das Elend. In Deutschland steht mittlerweile ein relativ großer und stabiler Sozialstaat. Selbst das heutige Amerika ist mit dem Amerika der dreißiger Jahre nicht vergleichbar.
Damals war der Kapitalismus frei und urwüchsig. Die Staatsquote, also der Anteil des Staates am Wirtschaftsleben, betrug Ende der zwanziger Jahre in den USA gerade mal zehn Prozent.
Heute liegt der Staatsanteil in den USA bei 40 Prozent und in Deutschland bei 44 Prozent. Damit verfügt die Politik über Kräfte, die sie nun mobilisieren kann.
Damals endeten die von den Unternehmen entlassenen Arbeitskräfte meist direkt auf der Straße. Arbeitslosigkeit bedeutete Armut, lang anhaltende Arbeitslosigkeit Verelendung.
Der deutsche Sozialstaat hat aufgerüstet, der amerikanische auch. Es gibt in den USA eine kleine Arbeitslosenversicherung, eine obligatorische Rentenversicherung und eine Krankenversicherung für Rentner und Kinder. Zudem erhalten 32 Millionen Amerikaner, also mehr als zehn Prozent der Bevölkerung, staatliche Lebensmittelgutscheine.
Am größten sind die Ähnlichkeiten zwischen 2009 und 1929, wenn man sich die Ursachen der Krise betrachtet. Die Vorgeschichte der Großen Depression liest sich wie ein Rückblick auf das vergangene Jahrzehnt.
Die Menschen beider Epochen waren verliebt in die Gegenwart. Sie feierten sich selbst, sie konsumierten und investierten, sie taten beides mit Geld, das sie nicht besaßen. Sie spürten nicht, wie die ökonomischen Ungleichgewichte wuchsen. Sie überhörten, wie es im Gebälk der Weltwirtschaft zu knarzen und zu ächzen begann.
Die Menschen damals waren fasziniert vom Fortschritt und den schicken Produkten, die er hervorbrachte: von Automobilen und Flugzeugen, von Radiogeräten und Telefonen.
Endlich konnten sie teilhaben an den technischen Errungenschaften: Zwei Monatslöhne reichten aus, damit sich ein Arbeiter bei Ford das Modell "Tin Lizzy" kaufen konnte.
Der Zauber der Moderne übertrug sich auf die Aktienmärkte, mehr und mehr Bürger begeisterten sich für die Börse und legten ihre Ersparnisse dort an. Das Börsenfieber erfasste alle Schichten.
Unfassbare Geschichten machten die Runde, etwa die von einem New Yorker Kammerdiener, der an der Börse eine Viertelmillion Dollar gewonnen hatte, von der Krankenschwester, die dank eines Tipps um 30 000 Dollar reicher geworden war, oder vom Schuhputzer, der Aktien im Wert von 50 000 Dollar mit nur 500 Dollar in bar kaufte.
Nicht wenige spekulierten mit geliehenem Geld im Glauben, mit den Kursgewinnen ihre Schulden tilgen zu können. Der Hang der Amerikaner, auf Pump zu kaufen, war auch damals sehr ausgeprägt. Mehr als die Hälfte aller Autos und drei Viertel aller Möbel waren in den zwanziger Jahren auf Kredit finanziert.
John Kenneth Galbraith, der große Forscher der Weltwirtschaftskrise, sprach vom "Triumph der Phantasie", der die Märkte in Bewegung versetzt habe, "nicht in langsamen, gesetzten Schritten, sondern mit sprunghaften Sätzen". Eine Massenflucht in die ökonomische Scheinwelt habe eingesetzt.
Alle waren überzeugt: Der Aktienboom in God's own country sollte so weitergehen, vielleicht nicht ewig, aber ganz sicher viele Jahre noch. So dachten die Hauskäufer in den USA bis vor kurzem auch. Auch sie bewohnten eine Scheinwelt. Es waren die eigenen vier Wände.
Die Politiker haben in beiden Epochen ihren traurigen Auftritt. Sie befeuerten die Menschen, das Falsche zu tun.
"Kauft ein", rief George W. Bush den Amerikanern zu, nachdem der Terroranschlag vom 11. September 2001 das Land verunsichert hatte. Die Notenbank sorgte für niedrige Zinsen. Amerikas Wachstumsrate wurde getrieben - nicht von steigenden Exporten oder bahnbrechenden Erfindungen, sondern vom kreditfinanzierten Konsum. "Wir hatten das beste Wachstum, das man für Geld kaufen kann", sagt der Ökonom Kenneth Rogoff, einst Chefökonom des IWF.
In den zwanziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts herrschte ein ähnlich unverwüstlicher Zukunftsglaube. "In Amerika sind wir heute dem Triumph über die Armut näher als jemals zuvor in der Geschichte irgendeines Landes", jubelte US-Präsident Herbert Hoover im Wahlkampf 1928.
Die Harvard Economic Society erklärte noch im November 1929, dass eine ernsthafte Depression "außerhalb des Bereichs des Möglichen" liege.
Das Drama begann in unserer wie in der damaligen Zeit mit einem großen Rums. "Der Börsenkrach von 1929 und die Bankenkrise von 1931 gleichen bei aller Verschiedenheit im Detail weitgehend den Problemen von heute", sagt Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser.
So erinnert die Pleite von Lehman Brothers fatal an jene Vorgänge, die zum Untergang der deutschen Danat-Bank führten. Das Drama der Danat-Bank nahm am Abend des 11. Mai 1931 seinen Lauf, als Jakob Goldschmidt, Chef der Bank, bei einem Essen erfuhr, dass sein wichtigster Kunde, der Bremer Textilriese Nordwolle, die Bilanzen gefälscht hatte und hoffnungslos überschuldet war. "Die Nordwolle ist hin, die Danat-Bank ist hin, die Dresdner Bank ist hin, ich bin hin", rief er verzweifelt aus.
Mit der Einschätzung lag Goldschmidt nicht verkehrt. Die ganze Riege der Berliner Großbanken war geschwächt, die Danat-Bank am Ende. Was folgte, war ein Krisentreffen von Politikern und Bankern am Samstag und Sonntag, vom 11. auf den 12. Juli.
Der große Konferenzsaal der Reichskanzlei in der Wilhelmstraße 77 war voll von Würdenträgern aus der Welt der Politik und des Geldes, berichteten Zeitzeugen, die Atmosphäre äußerst gespannt. Die Bankdirektoren hätten sich gegenseitig "mit Vorwürfen über ihren finanziellen Stand und über ihre Geschäftsgebarung" überhäuft, erinnerte sich Notenbank-Präsident Hjalmar Schacht.
Gegenüber der Politik aber verharmlosten die Bankiers den Ernst der Lage, der Deutsche-Bank-Chef Oskar Wassermann versicherte gar, die Lage der Großbanken sei "nicht schlechter als sonst irgendwo auf der Welt". Sie wollten die Danat-Schieflage als Sonderfall darstellen und behandelten Goldschmidt "wie einen Pestkranken", so Reichskanzler Heinrich Brüning in seinen Memoiren.
Der Reichskanzler fragte, wie es denn um die Dresdner Bank bestellt sei: "Schon die Frage wurde als Beleidigung aufgefasst", erinnerte er sich. Drei Tage später war auch sie reif für die Rettung.
Die deutschen Vorgänge fanden ihr Spiegelbild in den USA. Erst fielen die Banken, und dann purzelten die Kunden der Banken, also Fabrikanten, Kaufhausbarone und Handwerker, hinterher. Es folgte der Niedergang der gesamten Wirtschaftstätigkeit, wie ihn die moderne Welt so noch nicht erlebt hatte.
Das globale Handelsvolumen sank drei Jahre in Folge um insgesamt 30 Prozent, die Industrieproduktion schrumpfte um 37 Prozent. Das war für alle Beteiligten - vom Bettler bis zum Unternehmer - eine Grenzerfahrung.
Die Zahl der registrierten Arbeitslosen in Deutschland wuchs bis Februar 1932 auf 6,1 Millionen; tatsächlich aber waren wesentlich mehr Deutsche ohne Job.
Die heutigen Schrumpfungsprozesse von Gesamtwirtschaft und Arbeitsmarkt nehmen sich dagegen bescheiden aus. In den USA wird mit einem Minus von drei Prozent für 2009 gerechnet, in Deutschland wird der Rückgang deutlich höher ausfallen.
Aber der Vergleich von gestern und heute hinkt. Denn was wird da eigentlich verglichen? Das eine ist die Endbilanz der Großen Depression, aber was ist das andere? Womöglich erst der Anfang der aktuellen Krise?
Auch damals begann die Krise damit, dass man sie unterschätzte. Keiner sah den Ereignissen an, welche Zäsur sie am Ende bedeuteten. Was wurde da nicht alles beschwichtigt und schöngefärbt. Wenn die Spekulation die Mutter der Krise war, dann war ihr Vater die Naivität. Den Akteuren, sagt Wirtschaftshistoriker Abelshauser, mangelte es an "Katastrophenbewusstsein".
Der Dow-Jones-Index fiel am 24. Oktober zwischenzeitlich von 305 auf 272 Punkte. Am Folgetag jubelte die "New York Daily Investment News" bereits: "Börsenkrise vorbei". Und der Chef der New York Stock Exchange feierte weiter Flitterwochen in Honolulu.
Den tatsächlichen Tiefpunkt erreichte der Aktienmarkt erst drei Jahre später, im Juli 1932 verzeichnete der Index 41 Punkte. Es sollte 22 Jahre dauern, bis die Börse wieder das Vorkrisenniveau erreichte.
Die Politiker traten auch damals zunächst als notorische Optimisten auf. Präsident Hoover sprach von Aufschwung, da stand der eigentliche Abschwung erst noch bevor. Auch Nachfolger Roosevelt glaubte bei Amtsantritt 1933, das Ärgste sei überwunden. Er sollte sich ebenfalls irren.
Barack Obama konnte der Versuchung ebenfalls nicht widerstehen und nutzte die ersten halbwegs positiven Wirtschaftsdaten, um Zuversicht zu verbreiten. Er sah Mitte April einen "Hoffnungsschimmer", und sein oberster Berater, Lawrence Summers, sprach davon, der "freie Fall der Wirtschaft" sei beendet.
Das war, bevor der IWF seine Prognosen drastisch nach unten revidierte. Von einem Ende der Krise oder auch nur einer Trendumkehr könne keine Rede sein.
Als Obama am vergangenen Mittwoch im Bundesstaat Iowa vor Arbeitern auftrat, war denn auch von Hoffnungsschimmer nicht mehr die Rede. Man müsse geduldig sein und tapfer, nicht aufgeben und an die Zukunft Amerikas glauben, sagte der Präsident. Er sah müde aus. Die Europareise stecke ihm noch in den Knochen, entschuldigten ihn seine Mitarbeiter.
Immer wieder gab es auch in der Dekade nach 1929 Anzeichen für eine Erholung, die nicht nur von den Politikern begierig aufgegriffen wurden. Die Menschen glaubten fortwährend, das Gröbste überstanden zu haben - doch die Hoffnung trog: Es kam immer noch schlimmer.
Selbst John D. Rockefeller senior, der reichste Mann seiner Zeit, lag mit seiner Markteinschätzung daneben. Er stieg schon zum Ende der Crash-Woche wieder ein und kaufte Aktien, "im Glauben, dass die Situation des Landes gesund ist". Ähnlich vorschnell agierte vergangenen September Warren Buffett, einer der reichsten Männer der Gegenwart, als er nur gut eine Woche nach der Lehman-Pleite im großen Stil bei Goldman Sachs investierte. Er hätte ein gutes Geschäft machen können, wenn er gewartet hätte.
Als größter Schönfärber der damaligen Depression aber ging Herbert Hoover in die Geschichte ein. Er versicherte im Dezember 1929, dass es "die starke und gesicherte Lage der Banken" gewesen sei, die "das gesamte Kreditsystem ohne Schwächung des Kapitals sicher durch die Krise getragen hat" - da stand die wahre Bankenkrise noch bevor.
Und im Mai 1930 erklärte der Präsident kühn, dass "wir nun das Schlimmste ausgestanden haben und nun mit vereinter Kraft fortfahren werden, uns schnell zu erholen".
Angela Merkel tut einiges, ihm nachzueifern. Die Kanzlerin glaubte im Frühjahr 2008, die Krise werde "Deutschland vielleicht berühren". Daraus wurde dann ein Nackenschlag. Die deutschen Banken seien solide, sagte sie wenig später, bevor sie die ersten Institute retten musste.
Die klügsten Zeitgenossen sind womöglich jene, die sich der Wertung enthalten. Wirtschaftsnobelpreisträger Robert Solow schüttelt denn auch auf die Frage "Können Sie erklären, was passiert ist?" einfach nur den Kopf: "Nein", sagt er, "ich glaube nicht, dass normales ökonomisches Denken bei der Erklärung dieser Krise helfen kann."
Angesichts des schwierigen Vergleichs einer abgeschlossenen Depression mit einer Depression im Embryonalzustand lohnt es sich, die Geschwindigkeit der Zerfallsprozesse zu betrachten. Wer sich darauf einlässt, spürt die rohen Kräfte, die da walten.
Die derzeitige Abwärtsbewegung übertrifft alle bisherigen Abschwungkräfte an Härte und Schnelligkeit. Sieben Rezessionen haben die USA seit 1947 erlebt, die im Durchschnitt rund zehn Monate dauerten, und nur 1982 und 1983 stiegen die Arbeitslosenraten auf knapp oberhalb der Zehn-Prozent-Marke.
Diesmal aber werden die Arbeitsplätze vernichtet, als wäre in den Fabriken und Büroetagen die Pest ausgebrochen. 640 000 Arbeitslose zusätzlich gab es bereits im August, 629 000 im Oktober, 255 000 im November, 632 000 im Dezember, und bei diesem hohen Tempo blieb es bisher. Derzeit steuert die US-Ökonomie pro Monat rund 700 000 Arbeitskräfte aus. Die Zehn-Prozent-Marke wird so im Sturmlauf genommen.
Auch in Deutschland hat es einen solchen Rückgang der Wirtschaftstätigkeit noch nie gegeben. Mittlerweile rechnet die Mehrheit der deutschen Institute mit einem Minuswachstum von sechs Prozent in diesem Jahr, und auch 2010 wird die Wirtschaft nicht wachsen: Es geht weiter abwärts, nur weniger schnell.
Diese Annahmen basieren nicht etwa auf den Gefühlen von Unternehmern und Verbrauchern. Sie spiegeln den Rückgang der Aufträge wider. Der Maschinenbau meldet minus 50 Prozent, die Stahlindustrie auch, und es gibt weit und breit keine Branche, die nicht dramatisch schrumpft.
Die deutsche Nachkriegsgesellschaft hat ein vergleichbares Unwetter noch nie erlebt. Die großen ökonomischen Erschütterungen fanden stets in den Nachbarstaaten statt - Frankreichs Verstaatlichungspolitik in den Achtzigern, das Ausscheiden des britischen Pfunds aus dem Europäischen Währungsverbund, die italienischen Verhältnisse, die zum Aufstieg Berlusconis führten. "Dies ist die erste Nachkriegskrise, die wir nicht als Krise der anderen erleben", sagt Wolfgang Nowak, Geschäftsführer der Alfred Herrhausen Gesellschaft.
Die politischen Fernwirkungen der heutigen Krise lassen sich nur erahnen. Der Vergleich mit der Großen Depression ist ja gerade auch deshalb so erschreckend, weil die Weltwirtschaftskrise in Deutschland nicht nur zu einer Verelendung breiter Bevölkerungsschichten führte, sondern zu einer politischen Katastrophe.
In ihrem Gefolge fiel Deutschland in die Hände der Nationalsozialisten. "Unsere letzte Hoffnung - Hitler" stand in den dreißiger Jahren auf den Plakaten. So sahen es damals viele.
Eine skurrile Polit-Truppe, die sich um den ehemaligen Stadtstreicher und Kriegsgefreiten Adolf Hitler gebildet hatte, stand plötzlich im Zentrum des Geschehens. Am 2. Mai 1930 füllte Hitler auf einmal den Berliner Sportpalast. Eben hatte man ihn noch verspottet. Jetzt raste das Volk oder zumindest nicht unbedeutende Teile davon.
Mit den Reichstagswahlen im Spätsommer des Jahres 1930 war aus der Splittergruppe ein Machtfaktor geworden. Die NSDAP schloss mit 18,3 Prozent ab, schickte nunmehr 107 Abgeordnete in den Reichstag. Sie war zur zweitstärksten Partei im Lande geworden. Die Krise hatte sie innerhalb kürzester Zeit nach oben gespült.
Berlin ist nicht Weimar. Bisher jedenfalls hat die aktuelle Wirtschaftskrise keine spürbaren politischen Veränderungen produziert. Es gab allenfalls mäßig besuchte Demonstrationen und Proteste von Betroffenen, wie vergangene Woche vor der Conti-Hauptversammlung in Hannover (siehe Seite 44).
Das kann sich ändern, wenn die Krise sich zuspitzt und die Arbeitslosigkeit spürbar steigt. Aber wird es dann soziale Unruhen geben, wie DGB-Chef Michael Sommer warnt? Wird die Lage im Land gar explosiv und die Krise eine Gefahr für die Demokratie, wie die SPD-Präsidentschaftskandidatin Gesine Schwan mahnt?
Nichts spricht bisher dafür. Panikmache müssen sich die beiden deshalb vorhalten lassen, auch von Parteifreunden wie SPD-Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier.
Aber was ist realistisch? Wie wird die Krise das Land und die Welt verändern?
Wenn Experten nicht wissen, wie es weitergeht, arbeiten sie mit Szenarien. Und weil die weitere wirtschaftliche Entwicklung auch politisch so brisant ist, hat sich auch der Bundesnachrichtendienst (BND) der Sache angenommen.
Mitte April sprach BND-Chef Ernst Uhrlau im Präsidialamt vor und präsentierte Bundespräsident Horst Köhler seine Analyse der Auswirkungen der Situation. Von einer "Metamorphose der Geopolitik" war im Schloss Bellevue die Rede und von einer Welt, die nach dieser Krise auch politisch nicht mehr so sein wird wie vorher.
Kernbotschaft für die Bundesregierung: Europa und Amerika werden absehbar politisch unter Druck geraten, die Konkurrenz mit China wird sich verschärfen, Peking am ehesten zu den Profiteuren gehören.
Drei Szenarien hält Uhrlau für denkbar: Szenario eins geht davon aus, dass die Konjunkturprogramme wirken, es ist das optimistischste Szenario, der Glücksfall, bei dem es eine schnelle Trendwende an den Aktien- und Kreditmärkten gibt, das Vertrauen zurückkehrt und die Wirtschaft bald wieder an Fahrt gewinnt.
Die USA blieben zwar die dominante Supermacht, würden aber politisch geschwächt und mit weniger Geld für militärische Aktivitäten aus der Krise hervorgehen. Profitieren von dieser Entwicklung würde dagegen die Volksrepublik China als dann stärkste Exportnation.
Noch stärker gewinnen die Chinesen, wenn Szenario zwei, das beim BND das "China-Szenario" heißt, Wirklichkeit würde. Es beschreibt, was passiert, wenn die Milliarden aus den Konjunkturprogrammen des Westens vor allem in den asiatischen Ländern landen.
Das ausländische Geld würde dort den Binnenmarkt beleben, Peking könnte noch massiver in Hochtechnologie investieren, Filetstücke westlicher Industrie übernehmen und dadurch den Modernisierungsprozess beschleunigen.
Als Ergebnis stünde ein beschleunigter Aufholprozess gegenüber dem Westen. Die Krise wäre für Peking Katalysator einer Entwicklung, die bereits seit einigen Jahren läuft. "China würde sich verstärkt zur Ordnungsmacht in Asien und zur Orientierungsmarke für Länder wie die arabischen Golfstaaten und andere Rohstofflieferanten entwickeln", glaubt Uhrlau. "Die USA könnten dagegen einen Teil ihrer dominanten Stellung einbüßen."
Im Windschatten der Chinesen würde auch Indien wachsen, aber weniger dynamisch. Der BND hält es für wahrscheinlich, dass in einem solchen Fall zentrale Institutionen wie der IWF Konkurrenz bekämen, beispielsweise durch einen Asia Monetary Fund.
Am düstersten sieht Szenario drei aus. Es beschreibt die Folgen, wenn die Konjunkturprogramme nicht greifen, und es wird umso wahrscheinlicher, je länger die Erholung auf sich warten lässt. Es ist ein Katastrophenszenario für halb Afrika, aber auch für Länder wie Argentinien, Venezuela, Iran, Kasachstan und Teile der Europäischen Union, die massiv unter Druck geraten würden.
Länder wie Jemen könnten zum "failing state" werden, in dem die Regierung kaum noch als Ordnungsfaktor wirkt, Staaten wie Jordanien würden die fehlenden Hilfszahlungen aus anderen Ländern an die Grenze zur Zahlungsunfähigkeit bringen. Die Flüchtlingsströme nach Europa würden anschwellen, Islamisten weltweit profitieren.
Für China sieht der BND in diesem Fall Massenarbeitslosigkeit, innere Unruhen und einen Verlust der Monopolstellung der KP voraus - eine beinah revolutionäre Entwicklung mit Gefahren für die globale Stabilität, denn außenpolitisch würde die Regierung in Peking deutlich aggressiver auftreten, um die inneren Spannungen zu kompensieren.
Der BND erwartet eine Mischung aus Szenario eins und zwei - keine sanfte Landung, aber auch keine Katastrophe. Allen Szenarien gemein ist die These, dass die Welt nach dieser Krise eine weniger auf Amerika zugeschnittene sein dürfte und Asien eine größere Rolle spielt als bislang. "Es wird eine Entwicklung hin zur Regionalisierung geben", glaubt Uhrlau "und wir werden uns künftig auf ein selbstbewussteres China einstellen müssen."
Doch ist es wirklich ausgeschlossen, dass Szenario drei eintritt? Dass all die Billionen, die derzeit in die Wirtschaft gepumpt werden, wirkungslos versickern, weil das Fundament nach Jahren der Schuldenwirtschaft so porös ist?
Es gibt immerhin Indizien, dass dieses Szenario nicht ganz so unwahrscheinlich ist, wie gern behauptet wird. Denn die schwere Krise trifft auf Amerika, das geschwächt dasteht. Die Krise könnte den vor langer Zeit schon begonnenen relativen Abstieg der Supermacht USA beschleunigen.
Die amerikanische Industrie, oder was von ihr übrig blieb, befindet sich heute schon in einem bemitleidenswerten Zustand. Die Autobauer aus Detroit, GM, Ford und Chrysler, kränkeln bereits seit langem und sind nun in der Todeszone angekommen. Allein in den letzten drei Jahren sind 110 Milliarden Dollar Verluste angefallen.
Die Geschichte der US-Autoindustrie ist, und das gibt dem aktuellen Geschehen seine Dramatik, die Geschichte der Wirtschaftssupermacht Amerikas, vom großartigen Aufstieg bis zum quälend langsamen Abstieg. Das GM-Modell - viel Marketing, wenig Substanz und eine exzessive Schuldenpolitik - ist auch das Modell Amerikas geworden.
So hemmungslos hat noch nie ein Land auf Kosten der Zukunft gelebt. Die USA sind heute eine Volkswirtschaft, die das Ersparte anderer Völker ansaugt. Mehr als die Hälfte der weltweiten Ersparnisse benötigt Amerika derzeit, nur um gegenüber früheren Jahren nicht abzufallen. An jedem Werktag leihen sich Staat und Privathaushalte rund eine Milliarde Dollar im Ausland. Vor drei Jahren wurden erst zwei Drittel dieser Summe benötigt.
Selbst gemessen an der Größe der Volkswirtschaft übertreffen die heutigen Schulden deutlich diejenigen während der Großen Depression. Aus der Supermacht ist ein Schuldenimperium geworden.
Diese Schulden, das ist das Bedrohliche am Krisenmanagement des Barack Obama, werden nicht abgebaut, sondern ausgeweitet. Das Staatsdefizit der USA für 2009 wird laut Schätzungen 1,8 Billionen Dollar betragen und sich von dort weiter steigern, vielleicht sogar verdoppeln. Rund 40 Prozent des Staatshaushalts sind derzeit schon durch keine Einnahmen gedeckt.
Wenn es nur Amerika wäre. Aber an der Peripherie der Krise hat sich ebenfalls eine Lage zusammengebraut, die deutlich dramatischer ist als die von 1929.
Das liegt vor allem daran, dass die moderne Globalisierung damals erst begonnen hatte. Viele heutige Industrieländer waren seinerzeit Agrarstaaten und an das Weltwirtschaftssystem noch gar nicht angeschlossen.
Länder wie Rumänien, Ungarn, Russland, Lettland oder die Ukraine spielten damals keine bedeutende Rolle. Heute stehen sie am Rande des Bankrotts, oder sie befinden sich wie Russland in ernsten Schwierigkeiten, weil der Ölpreis verfällt und westliche Investoren ihr Geld abziehen.
In diesem Jahr werde der Kapitalstrom in die Schwellenländer Osteuropas, Lateinamerikas und Asiens nur noch 165 Milliarden Dollar betragen, erwartet das Institute of International Finance. Vor zwei Jahren war er noch fast sechsmal so hoch.
Vor allem Osteuropa leidet unter massivem Geldentzug. Der ungarische Forint hat seit Juli vergangenen Jahres mehr als 20 Prozent verloren, die ukrainische Griwna sogar ein Drittel. Der Absturz trifft Banken in Österreich, Deutschland und Italien, die in der Region engagiert sind. In manchen Ländern wurden mehr als die Hälfte aller Kredite in Fremdwährung vergeben.
Österreich, so glauben Experten wie der Wirtschaftsnobelpreisträger Krugman, könnte dem Staatsbankrott entgegensehen, wenn es in Osteuropa zu keiner spürbaren Verbesserung der Lage kommt. Richtig ist: Das österreichische Wohlergehen hängt am Wohlergehen der Osteuropäer. Und dieses wiederum ist aufs Engste mit dem Zustrom ausländischen Investitionskapitals verbunden.
Wenn einige der Staaten Osteuropas zu "failing states" würden, zu Staaten ohne Ordnung, hätte das gravierende politische Folgen. Das europäische Einigungswerk geriete womöglich in Gefahr. Ein geteiltes Europa ist kein friedliches Europa. Radikale Strömungen am Rande des Kontinents wirken schnell auch ins Zentrum Europas zurück, da, wo Deutschland liegt.
Der IWF versucht den Kollaps dieser Länder derzeit mit allen Kräften zu verhindern. Sondereinheiten wurden gebildet, Ungarn und Lettland werden gestützt, Rettungsprogramme für andere Länder sind bewilligt.
Die Industriestaaten der G 20 beschlossen auf ihrem Gipfel in London, den IWF mit zusätzlich 500 Milliarden Dollar an Kreditmitteln auszustatten.
Auch in Deutschland bereitet man sich gedanklich auf härtere Zeiten vor. Denn natürlich sinken bei steigender Arbeitslosigkeit die Steuereinnahmen und die Einnahmen der Sozialversicherungen. Deutschland würde weiter in die roten Zahlen abgleiten.
Schon schlägt die Nürnberger Arbeitslosenversicherung Alarm. Zum Herbst seien die Rücklagen aufgebraucht. Für die hohe Zahl der Kurzarbeiter sind für 2009 bereits 2,1 Milliarden Euro bereitgestellt.
Und es drohen weitere Belastungen für die Sozialkassen - auch um eine politisch explosive Stimmung zu verhindern. Denn die Verabschiedung der Arbeitsmarktreformen unter Gerhard Schröder, bekannt unter dem Namen Hartz-Gesetze, hat zwar geholfen, die Kosten des Sozialstaats zu begrenzen. In einer Krise dieser Größenordnung bedeuten diese Gesetze aber auch die schnelle Verarmung von Menschen, die heute noch zur Mittelschicht gehören.
Wer es innerhalb weniger Monate nicht schafft, einen neuen Job zu finden, wird zum Sozialfall. Früher bekam ein Arbeitsloser im Alter von 57 Jahren noch 32 Monate lang 60 Prozent seines letzten Nettogehalts. Erst danach rutschte er in die Arbeitslosenhilfe. Sein Eigenheim und seine Lebensversicherungen blieben ihm erhalten. Sie halfen ihm, den Abstieg zu verlangsamen.
Heute stellt die Arbeitslosenversicherung nach spätestens 18 Monaten für ihn die Zahlungen ein. Wenn er danach immer noch keinen Job hat, stürzt er ab. 351 Euro Stütze gewährt der Staat einem ledigen Langzeitarbeitslosen, zuzüglich Miete für "angemessenen" Wohnraum, in der Regel nicht mehr als 45 Quadratmeter, und diese Hilfe bekommt er nur, wenn der Arbeitslose über lediglich geringe Ersparnisse verfügt.
Deutschland dürfte damit erneut eine Debatte über die Zukunft des Sozialstaats bevorstehen. "Wir müssen die drohende Verelendung als Thema offensiv angehen", sagt ein SPD-Kabinettsmitglied.
Die Revision der Hartz-IV-Reform stehe ganz oben an. Die Sozialdemokraten dürften nicht zulassen, dass ihre Stammklientel in die Armutsfalle gerate.
Doch laut reden will derzeit darüber niemand in Berlin. Keiner will in den Verdacht geraten, die Angst noch zu schüren. Noch hoffen die Politiker, dass es doch nicht so schlimm kommt wie befürchtet. Noch hoffen alle, dass die Unterschiede zur Großen Depression größer sind als die Parallelen.
Anders als 1929 scheinen die Regierungen der großen Industrieländer sich weitgehend einig und bekämpfen gemeinsam die Krise. So haben sie es auch auf dem Londoner Gipfel Anfang April verabredet.
Anders als 1929 federt das soziale Netz vor allem in Deutschland die größten Härten für die Menschen ab. Auch im Amerika des Barack Obama wird das soziale Netz gerade enger geknüpft.
Anders als 1929 fluten die großen Staaten die Wirtschaft mit Geld, um eine Deflation und damit eine Abwärtsspirale aus sinkenden Preisen und Einkommen zu verhindern.
Aber niemand weiß, ob das reicht. Oder ob das viele Geld das aggressive Krisenvirus sogar noch füttert, weil derzeit Schulden mit Schulden bekämpft werden und am Ende nicht nur die Banken, sondern auch die Staaten pleitegehen könnten. Womöglich wird die Krise bekämpft, in dem man die nächstgrößere vorbereitet.
Wirtschaftshistoriker Abelshauser gehört zu denen, die nichts mehr ausschließen. "Geschichte wiederholt sich nicht", sagt er. Und fügt schnell hinzu: "Oder doch? MARKUS DETTMER,
RÜDIGER FALKSOHN, ALEXANDER JUNG, ALEXANDER NEUBACHER, GREGOR PETER SCHMITZ, HOLGER STARK, GABOR STEINGART
* Bei der Eröffnung der Hannover-Messe am 20. April.
* Beim Konjunkturgipfel im Kanzleramt am Mittwoch vergangener Woche.
Von Dettmer, Markus, Falksohn, Rüdiger, Jung, Alexander, Neubacher, Alexander, Schmitz, Gregor Peter, Stark, Holger, Steingart, Gabor

DER SPIEGEL 18/2009
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