27.04.2009

DeutschlandRaus aus den Kartoffeln

CSU versus BASF - der Konflikt um die Gentechnik wird zur Grundsatzfrage
Dieser Kartoffelacker ist ein politisches Minenfeld. Die Erde ist frisch umgegraben, im Boden stecken ganz besondere Knollen. Auf dem 5000 Quadratmeter großen Acker im rheinland-pfälzischen BASF-Agrarzentrum Limburgerhof läuft seit vergangenem Dienstag einer der Freilandversuche mit gentechnisch veränderten Pflanzen, die BASF Plant Science 2009 in Deutschland durchführen will.
"Wir möchten hier vergleichen, ob das Bodenleben und die Insektenwelt auf unsere gentechnisch veränderten Kartoffeln anders reagieren als auf herkömmliche Kartoffeln", sagt Timo Böhme, 45, der alle europäischen Freilandversuche des Unternehmens leitet.
Es geht um eine Kartoffel, die mit Hilfe zweier Gene einer Wildkartoffel gegen den gefürchteten Erreger der Kraut- und Knollenfäule resistent gemacht wurde. "Damit können wir den Einsatz von Spritzmitteln deutlich reduzieren", sagt Böhme. Geplante Markteinführung: 2015.
Solchen Freilandversuchen stellt sich nun aber der bayerische Ministerpräsident entgegen. Mit wachsender Radikalität macht Horst Seehofer sich zu eigen, was bisher von Greenpeace, Grünen und Bürgerinitiativen zu hören war. "Kein Unternehmen hat das Recht, in die Schöpfung einzugreifen", heißt es aus München.
Grundsätzlicher geht es nicht.
Und Bundeslandwirtschaftsministerin Ilse Aigner soll den harten Kurs in Berlin durchsetzen.
Gegen das US-amerikanische Unternehmen Monsanto ist der Bannstrahl schon ergangen. Das vor zwei Wochen verkündete Verbot der Maissorte MON 810 hat zur Folge, dass die Bundesregierung ihr eigenes, seit 2005 laufendes Forschungsprogramm zur Koexistenz von Gentechnik und konventioneller Landwirtschaft vorzeitig abbrechen muss. Die Wissenschaftler fürchten, nun wichtige Erkenntnisse über den Gentechnik-Mais zu versäumen. Bei der BASF dagegen geht es nicht nur um Wissenschaft, sondern um Geld und um Arbeitsplätze inmitten einer schweren Rezession.
Dass ausgerechnet die traditionell wirtschaftsfreundliche CSU frontal gegen einen der größten Arbeitgeber Deutschlands vorgeht, findet Hans Kast, der Geschäftsführer der BASF Plant Science, schier unglaublich. "Wir haben in den vergangenen zehn Jahren eine Milliarde Euro in die grüne Gentechnik investiert", sagt er. Die nächsten Investitionen würden dorthin fließen, wo die Zukunftsmärkte seien, wo es möglich sei, "aus wissenschaftlicher Kompetenz wirtschaftlichen Erfolg zu machen".
Unverhohlen droht der BASF-Mann damit, dass das deutsche Traditionsunternehmen sein Gentechnik-Geschäft nach Amerika und vor allem nach Asien verlagert. "Wenn man sieht, wie viel dort in die Forschung investiert wird, weiß man, wo künftig die Musik spielt, wenn wir in Europa nicht aufpassen", sagt Kast. Wenn Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) gentechnisch veränderte Nahrungsmittel nicht essen wolle, sei das "eine Geschmackssache", so wie die Frage, ob man Lederhosen anziehe oder nicht. "Aber grüne Gentechnik zu verbieten, das wird nicht hinhauen", sagt Kast.
In der BASF wertet man die politischen Weichenstellungen dieser Wochen als Grundsatzentscheidung darüber, ob Gentechnik-Investitionen in Deutschland erwünscht sind oder nicht.
Am bayerischen Standort Möttingen will die BASF nun ebenfalls die pilzresistente Kartoffel auspflanzen. "Wir haben dafür eine gültige Genehmigung", sagt Kast. Die werde man nutzen - oder gegen ein etwaiges Verbot klagen. In Mecklenburg-Vorpommern soll derweil die "Amflora"-Kartoffel vermehrt werden. Nach langjähriger Vorbereitung und Sicherheitsprüfung will die BASF im kommenden Jahr ausreichend Saatknollen für die Stärkeindustrie im Angebot haben, falls die EU dann deren Verkauf erlaubt. Lehnt Aigner die Knollenvermehrung ab, "wäre das ein erheblicher wirtschaftlicher Schaden, gegen den wir uns zur Wehr setzen würden", warnt Kast.
Doch die grundsätzliche Zulassung von "Amflora" durch Brüssel ist unsicher. Die EU-Kommission möchte erst nach einer neuerlichen positiven Stellungnahme der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit grünes Licht geben. In einer Expertengruppe der Behörde haben jedoch einzelne Mitglieder Bedenken; deshalb wurde die Stellungnahme mehrfach verschoben.
Unsicher ist aber auch, ob das MON- 810-Verbot von Landwirtschaftsministerin Aigner durchkommt. Eine Woche vor der Bekanntgabe, heißt es im Agrarministerium, habe das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit die Studien, mit denen Aigner nun vor Gericht neue Risiken der Maispflanze belegen will, für wenig stichhaltig erklärt. Der bisher geheime Vermerk wird beim Gerichtsverfahren in Braunschweig auf den Tisch kommen müssen.
Das politische Minenfeld umfasst weit mehr als 5000 Quadratmeter.
CHRISTIAN SCHWÄGERL
Von Christian Schwägerl

DER SPIEGEL 18/2009
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGEL-Verlag Rudolf Augstein GmbH & Co. KG.

Dieser Artikel ist ausschließlich für den privaten Gebrauch bestimmt. Sie dürfen diesen Artikel jedoch gerne verlinken.
Unter http://www.spiegelgruppe-nachdrucke.de können Sie einzelne Artikel für Nachdruck bzw. digitale Publikation lizenzieren.


DER SPIEGEL 18/2009
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Deutschland:
Raus aus den Kartoffeln

Video 03:43

Frauen ans Steuer Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?

  • Video "Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: Das amerikanische Volk muss das hören" Video 01:19
    Audio-Aufnahme von weinenden Kindern: "Das amerikanische Volk muss das hören"
  • Video "Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)" Video 01:32
    Seine Frau ließ ihn nicht: Mexikaner schleifen Kumpel zur WM (als Pappfigur)
  • Video "Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: Sie wollen, dass wir Angst haben" Video 02:58
    Geheimdienst bedrängt Moskauer Studenten: "Sie wollen, dass wir Angst haben"
  • Video "Russische Hooligans: Dieses brutale Image" Video 02:57
    Russische Hooligans: "Dieses brutale Image"
  • Video "Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut" Video 02:19
    Freigelassene Sexualstraftäter: Tausende Spanierinnen protestieren voller Wut
  • Video "Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: Ich würd's trotzdem kaufen" Video 01:38
    Umfrage zu Strafzöllen auf Harleys: "Ich würd's trotzdem kaufen"
  • Video "Melania Trumps #Jacketgate: Sie verhält sich wie ein Teenager" Video 01:45
    Melania Trumps #Jacketgate: "Sie verhält sich wie ein Teenager"
  • Video "US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto" Video 00:34
    US-Polizeivideo: Mutiger Cop befreit Bären aus Auto
  • Video "Fährunglück: Schiff kracht in Pier" Video 00:46
    Fährunglück: Schiff kracht in Pier
  • Video "Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren" Video 01:23
    Ehrgeizige Vision: Norwegen will Inlandsflugverkehr elektrifizieren
  • Video "Leben in Russland: Meine Kinder haben hier keine Zukunft" Video 03:33
    Leben in Russland: "Meine Kinder haben hier keine Zukunft"
  • Video "Wolkenbruch im Video: DAS ist ein Regenguss" Video 00:51
    Wolkenbruch im Video: DAS ist ein Regenguss
  • Video "Versteigerung Ferrari 250 GTO: Gebrauchtwagen für 39 Millionen Euro" Video 01:29
    Versteigerung Ferrari 250 GTO: Gebrauchtwagen für 39 Millionen Euro
  • Video "100-Tage-Bilanz der GroKo: Gibt es noch eine Union in 100 Tagen?" Video 03:17
    100-Tage-Bilanz der GroKo: "Gibt es noch eine Union in 100 Tagen?"
  • Video "Migranten vor der US-Grenze: Ich habe Angst" Video 02:17
    Migranten vor der US-Grenze: "Ich habe Angst"
  • Video "Standpauke von Macron: Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!" Video 00:55
    Standpauke von Macron: "Du sprichst mich bitte mit 'Herr Präsident' an!"
  • Video "Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?" Video 03:43
    Frauen ans Steuer: Wahrer Fortschritt in Saudi-Arabien?