27.04.2009

MYTHEN

Der Lokführer

Von Hoppe, Ralf und Kneip, Ansbert

Märklin, Schiesser, Karmann, Rosenthal - immer mehr Unternehmen, die nach alter Bundesrepublik klingen, sind zahlungsunfähig. Es ist die Hoch-Zeit der Insolvenzverwalter. Ein Star der Branche, Michael Pluta, soll nun die deutscheste aller Spielzeugfirmen retten. Von Ralf Hoppe und Ansbert Kneip

Die Einstiegsdroge ist ein Würfel, schwarz, Kantenlänge 185 Millimeter, innen Styropor, es knirscht, es quietscht beim Auspacken.

Zwölf zarte Schienenstücke, in knisternde Tütchen gepackt, feine Kabel, Transformator, eine winzige Lokomotive, zwei winzige Waggons, zum Preis von 129,95 Euro - so viel kostet diese Rolle rückwärts in die Kindheit, die Startpackung 81562 der Firma Märklin, insolvent seit dem 4. Februar 2009, 11.55 Uhr, und vielleicht findet sich in dieser schwarzen Box ein Hinweis darauf, was eigentlich geschehen ist mit diesem deutschesten aller Spielzeuge.

Der Zusammenbau: Die Blechzungen, mit denen die Schienen verbunden werden, verbiegen im Nu; die haarfeinen Kabelenden in den Federklemmbuchsen zu befestigen erweist sich als fürchterliche Fummelei; vier Broschüren liegen der Packung bei, die freundlichste beginnt so: "Für den Ausbau einer Märklin-Z-Startpackung stehen mehrere Alternativen zur Verfügung. Die komfortabelste Variante ist der Zukauf der Erweiterungspackungen E (Artikel 8190 mit Handweichen, 8191 mit elektromagnetischen Weichen), der Doppelgleispackung T1 (Artikel 8192), der Bahnhofsgleispackung T2 (Artikel 8193) ..."

Es ist ein Ton, bei dem man schlechte Laune bekommt. Ein Ton, bei dem man sich fragt, ob diese Firma noch zu retten ist. Und, falls ja - wie?

Noch im Untergang ist die Modellwelt Märklin ein Modell für die Krise in Deutschland, für jenen Teil der Wirtschaft jedenfalls, der nach alter Bundesrepublik klingt - so wie Schiesser, so wie Karmann, so wie Rosenthal, die großen Insolvenzen der letzten Monate. Insolvenz, das klingt endgültig. Aber womöglich ist die Insolvenz von Märklin auch das Modell für einen Neuanfang, für das Überleben einer Wohlstandsmarke in ungemütlicher Zeit.

Und in jedem Fall ist Märklin ein Hochamt für jeden Insolvenzverwalter.

Am Mittwoch, 4. Februar 2009, gegen halb zwölf, geht im Amtsgericht Göppingen, nicht weit von Stuttgart, ein vierseitiges Schreiben ein. Absender ist die Fa. Gebr. Märklin & Cie. GmbH, im Anhang eine Darstellung des Vermögens. Das Schreiben wird sofort in den zweiten Stock gebracht, zu Amts- und Insolvenzrichter Jan Bandszer. Der legt, woran er bis eben gearbeitet hat, augenblicklich beiseite, telefoniert seine drei Rechtspfleger herbei, es geht um Minuten, in dem Brief steht, sinngemäß: Hilfe.

Bandszer und sein Team haben die Tür hinter sich verschlossen, sie gehen eine Namensliste durch, da ist jener aus München, dieser aus Düsseldorf, neue Namen, abermals erwogen, ein Name bleibt übrig. Rechtspfleger Binder hastet zurück in sein Büro, eine Etage tiefer, mit den hellbraunen Sperrholzmöbeln, er öffnet die zweite Schublade rechts, zieht ein Verzeichnis mit 35 Telefonnummern hervor; eine Nummer davon ist die von Michael Pluta, Chef von Pluta Rechtsanwalts GmbH, Büros in 22 Städten Europas.

Pluta gehört zu den Stars der Szene, den vier, fünf Top-Kanzleien Deutschlands. Hier landen die Millionenfälle, die großen Namen, SinnLeffers, Schiesser, Qimonda, und mehr als hundert Mitarbeiter muss man schon haben, um im Spitzenfeld der Pleiteliga mitzuspielen. Pluta hat 235 Leute, er zieht rund 2000 Insolvenzen im Jahr durch, 21 Millionen Euro Umsatz, richtig gute Gehälter für alle.

Dieser Mann sitzt, als Binders Anruf ihn erreicht, in seinem Ulmer Büro: ein Herr von Ende fünfzig, ruhig und behäbig im Auftreten, er spricht ein mildes Schwäbisch. Wie jeden Tag trägt Pluta auch heute einen Anzug in gedecktem Blau, dazu hellblaues Hemd, blau ist auch der tiefe Teppichboden im Büro, ein Blumenstrauß auf dem Schreibtisch.

Als er den Hörer auflegt, hat Michael Pluta die Verantwortung übernommen für 1400 Mitarbeiter, zwei Produktionsstandorte, Warenlager, außerdem zwei Tochterfirmen, die LGB und die Trix, beide in Nürnberg. Er hat keine Ahnung, wie das Unternehmen Märklin dasteht, niemand hat zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung. Gut möglich, dass der Laden nicht mehr zu retten ist.

Am selben Tag, an dem Michael Pluta Insolvenzverwalter von Märklin wird, beginnt in Nürnberg die Spielwarenmesse, es ist der wichtigste Termin des Jahres. Gleich in der ersten Halle, links hinterm Eingang, stellen die renommierten Modellbauer aus, Trix, Fleischmann, Roco, den größten Stand nimmt traditionell Märklin ein. Diesmal ist auch ein Jubiläum zu feiern: "150 Jahre Märklin" steht auf den Stellwänden, davon weiß Pluta noch nichts, aber er weiß, wie wichtig die Messe ist, die Zulieferer, Händler, Käufer, Fans. Sie alle werden Fragen stellen über die Zukunft von Märklin, und keiner ist da, der eine Antwort wüsste.

Michael Pluta beschließt: Er muss als Erstes nach Göppingen, zum Firmensitz. Aber auf die Messe muss er auch, sich zeigen: Pluta, der neue Boss.

20 Minuten nach dem Anruf des Rechtspflegers Binder sitzt Pluta in seinem schiefergrauen BMW 730d, 245 PS, beigefarbene Ledersitze, er gibt Gas.

29 800 Firmenpleiten gab es 2008, und in diesem Jahr, der Finanzkrise geschuldet, können es noch weit mehr werden. In den ersten drei Monaten 2009 jedenfalls stieg die Zahl im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um rund 40 Prozent, ein schlimmes Jahr.

Oder ein gutes Jahr?

"Ja, ich denke, wir als Firma stehen vor einem Rekordjahr."

Herr Pluta, mögen Sie Ihren Job?

"Oh, ich liebe Insolvenzen."

Knapp 1900 Insolvenzverwalter sind in Deutschland registriert, Anwälte, auch Steuerberater, Wirtschaftsprüfer. Die wenigsten werden je einen der großen, spektakulären Fälle abwickeln dürfen, meist tragen sie kleine GmbH zu Grabe oder kümmern sich um überschuldete Handwerker. Einige bedienten sich schon mal selbst, statt der Gläubiger, und sorgen so für einen schlechten Ruf der Branche. Übrig bleiben zwei, drei Dutzend erstklassige Kanzleien für die großen Fälle. Der Niedergang des "Made in Germany", das Ende von Traditionsfirmen und -standorten, all das spiegelt sich in ihren Auftragslisten. Sie sind die diskreten Bestatter.

Oder eben die Retter. Früher war ein Konkurs tödlich, fast immer jedenfalls; das änderte sich 1999, als das Insolvenzrecht umgebaut wurde. Insolvent heißt seitdem nur: zahlungsunfähig.

Bei Märklin, das weiß Pluta bereits aus der Zeitung, hatten die Banken die Kreditlinien nicht verlängert, und die Eigentümer wollten kein Geld nachschießen. 2006 stand die Firma bereits vor der Pleite, die Erben und Gesellschafter, denen Märklin gehörte, hatten sich heillos verzankt. Dann kam eine "Heuschrecke" - aber eine gute "Heuschrecke", wie es anfangs hieß: ein Finanzinvestor, Kingsbridge, gemeinsam mit einer Investmentbank, Goldman Sachs. Es folgten zwei Jahre, in denen ständig Geschäftsführer ausgetauscht, neue und teure Berater angeheuert wurden - die alle kein Rezept fanden, bis zu jenem 4. Februar, an dem Pluta übernimmt.

Pluta donnert auf der A 8 Richtung Stuttgart. Er muss das Geld der Gläubiger sichern, dazu ist er verpflichtet. Gläubiger sind beispielsweise die Bank, aber auch die Lieferanten, die Angestellten.

Pluta hat dazu, grob gesagt, zwei Möglichkeiten: Entweder er verkauft alles, was einen Wert hat, und zwar so schnell wie möglich. Gebäude, Maschinen, das Lager, den klingenden Namen. Dann verteilt er die Einnahmen unter den Gläubigern, und das alte Märklin ist Geschichte. Oder er saniert. Er kürzt die Ausgaben, strafft den Betrieb, feuert Leute, senkt Kosten, beschwatzt Gläubiger, und später verkauft er ein Unternehmen, das aussieht, als wäre es intakt. Der Käufer macht da weiter, wo Pluta aufgehört hat. Pluta demonstriert, dass es möglich wäre - ein Wunder im Konjunktiv, das ist seine große Fähigkeit.

"Sanieren, das ist der schwerere Weg. Aber ich bevorzuge ihn", sagt Pluta.

Außerdem ist das Honorar besser. Plutas Bezahlung bemisst sich daran, was am Ende des Verfahrens an Masse übrig bleibt, was verteilt werden kann. Je besser er saniert, desto mehr verdient er. Es darf nur nicht lange dauern, weil sich der Aufwand sonst nicht rechnet. Die Vergütungsverordnung belohnt die Schnellen.

Aber Märklin, so sieht es am 4. Februar dieses Jahres für Pluta aus, wird ein schwieriger Fall. 20 Millionen Euro Verlust in 2008, mindestens, ein verheddertes Holding-Geflecht mit Anlagen in Ungarn und Zwischengesellschaften in Luxemburg. Über allem Kingsbridge, Goldman Sachs.

Pluta denkt nach über Märklin, während er abbiegt auf die Bundesstraße Richtung Göppingen, zum Hauptsitz.

Die erste Bahn, die die Brüder Eugen und Karl Märklin bauten - inwendig ein Uhrwerk, ratterte sie eine Acht auf Schienen -, war die Großmutter aller Starterpacks. Es begann eine Erfolgsstory, die Eroberung des Kinderzimmers währte bis in die sechziger Jahre.

Aber heute? Wer kauft heute noch Spielzeugeisenbahnen? Plutas Söhne nicht. Auch keiner seiner schneidigen Junganwälte, die für ihn arbeiten. Nein, Märklin-Männer sind über fünfzig, mit dem Produkt gealtert, seit Jahrzehnten über ihre Idyllen gekrümmt, die Marke ist wie aus der Zeit gefallen.

Andererseits - jeder Mann über dreißig hat irgendwann, irgendwo in seinem Leben andächtig Schienen zusammengesteckt, hat dabei zuschauen dürfen, beim Onkel im Keller, beim großen Bruder. Märklin ist zum Kulturgut gewordene Kindheit; und darum wird die Insolvenz auch beschrieben auf den Wirtschaftsseiten und beweint in den Feuilletons.

Als Pluta auf den Märklin-Hof einbiegt, unter der Schranke hindurch, als er aus dem Auto steigt, genießt er eine solche Machtfülle wie kein normaler Unternehmer. Ein Insolvenzverwalter kann schneller entscheiden, leichter entlassen, Verträge rückgängig machen. Der freieste aller Unternehmer kommt allerdings nur dann, wenn das Unternehmen gescheitert ist.

"Ich brauche diese Macht", sagt Pluta.

Für den Job als Henker?

"Henker ist kein schönes Wort. Gesundheitspolizei des Kapitalismus, das eher", sagt Pluta.

Drei Gebäude, gelb und weiß getüncht, umfassen den Hof, seit mehr als 50 Jahren wird hier verwaltet, produziert, mehrfach wurde die Architektur erweitert, umgebaut, die Wege sind kompliziert, man muss von einem Treppenhaus ins andere wechseln. Märklin ist ein Labyrinth, auf Schritt und Tritt wird Pluta hören: Haben wir hier schon immer so gemacht.

Pluta verlangt die Geschäftsführer, Abteilungschefs. Ein Teil der Mannschaft, erfährt er, ist in Nürnberg, auf der Messe. Zwei von drei Geschäftsführern haben erst in diesem Monat ihre Arbeit aufgenommen. Warum, fragt sich Pluta, braucht ein Betrieb wie Märklin drei Geschäftsführer? Den ersten der beiden Neuen schickt er gleich nach Hause.

Der zweite kommt zu spät in die Sitzung, er kennt die Rechtslage nicht genau und fragt irritiert: "Bin ich denn nun Geschäftsführer oder nicht?" Plutas Antwort: "Wenn Sie des net selber wissen, dann sind Sie des net." Mit dieser Antwort, wird Pluta später erzählen, hätte er ja eigentlich formal gar nicht gekündigt - aber er habe auch nichts dagegen gehabt, als der Mann daraufhin sein Büro geräumt habe.

"In den ersten Tagen müssen Sie Gas geben", sagt Pluta.

Jetzt hat Märklin nur noch einen Geschäftsführer. Pluta lässt sich von ihm die Bilanzen zeigen, Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Er muss so schnell wie möglich feststellen, wofür Geld ausgegeben wird: Was ist für den Betrieb nötig, was geht nur zu Lasten der Gläubiger?

Die Ausgaben fürs Marketing etwa: Im vergangenen Jahr von 10 auf 13 Millionen Euro gestiegen. Weg damit.

Kosten für externe Berater? Streichen.

Sobald ein Insolvenzverwalter durchs Firmentor schreitet, muss er mit allem rechnen. Versucht jemand, Geld zu verstecken? Kennen die Manager ihre Verbindlichkeiten? Wie groß ist die Vermögensmasse? Manchmal zeigen die Manager dem Verwalter nicht die echten Zahlen. Sie denken, der Insolvenzverwalter suche nach Schuldigen. Aber das stimmt nicht. Er sucht nach Werten, Vermögen. Das muss er sichern, bevor der Laden sich auflöst. Wenn erst eine Rette-sich-wer-kann-Stimmung entsteht, ist nichts mehr zu retten.

Am späten Nachmittag sitzt Pluta wieder im BMW, zurück nach Ulm, er lädt Hemden und Krawatten in den Koffer, dann nach Nürnberg, Spielwarenmesse. Von unterwegs, vom Handy aus, weist Pluta seine Leute an, Insolvenzgeld zu beantragen, das zahlt der Staat, für die Löhne. Bis dahin sollen die Banken Kredit geben. Pluta telefoniert mit ihnen, macht klar, dass Pluta und die Bundesrepublik Deutschland geradestehen.

Am Märklin-Messestand in Nürnberg findet Pluta eine verunsicherte Truppe vor. Überall ist die Insolvenz der Firma das große Thema, auf den Partys, in den Hotelbars - Pluta hält dagegen, bis er krächzt. "Wir schaffen das", immer wieder.

In Wahrheit weiß Pluta noch gar nicht, ob Märklin überhaupt zu retten ist. Möglich, dass er es glaubt. Viel wichtiger ist, dass die anderen es glauben.

Auf dem Messestand trifft Pluta auch auf Roland Gaugele, einen Herrn von 58 Jahren, freundlich, leise, bequeme Schuhe. Gaugele ist seit 30 Jahren bei Märklin, er war mal Produktmanager, er baute das Museum auf, er ist zuständig für die Familie der 70 000 organisierten Modelleisenbahnfreunde und mittlerweile auch Märklins Pressesprecher. Gaugele hat 20 Geschäftsführer überstanden, viele haben ihn getreten, alle haben ihn gebraucht. Er kennt die Länge der Puffer beim Modell 45260, bayerischer Güterwagen von 1896, er kennt Modell 36650, Diesellok Bombardier, vier Achsen über Kardan. Gaugele ist der eigentliche Mister Märklin, der Katalog im grauen Anzug. Plutas Durchhalte- und Trostparolen klingen für Gaugele beruhigend, er sieht in Pluta den Retter.

Tatsächlich trifft der erst mal strategische Entscheidungen: Der Märklin-Stand auf der Messe wird nicht abgebaut, Märklin wird nicht kneifen, sondern Geschäfte machen. Pluta bucht gleich für 2010 und sorgt dafür, dass sich das herumspricht.

Nach ein paar Tagen hat der Insolvenzverwalter die alte Geschäftsführung entmachtet, im Märklin-Werk in Ungarn einen Vertrauten installiert, die Mitarbeiter beruhigt, die Kunden besänftigt. Den Marketingchef hat er kaltgestellt. Er ist der Chef, unumstritten.

Allmählich bekommt Pluta eine Idee davon, wo das Problem bei Märklin auch liegen könnte: Niemand in dem Laden kann ihm genau sagen, wie viele Produkte Märklin eigentlich herstellt. Nicht mal Roland Gaugele weiß das. Über 1000, heißt es, vielleicht aber auch 1400. Das Durcheinander kommt durch die Sondereditionen in geringer Auflage, durch Sammler-lokomotiven, Aktionswaggons, Wiederaufnahmen alter Baureihen, Teilesätze zur Selbstmontage, Schienenpackungen, Zubehör, Erweiterungssets - eine einzige Wirrnis.

"Dass der Überblick verlorengegangen ist, des haben Sie häufig", sagt Pluta.

Vor allem aber fehlen exakte Kostenrechnungen: wie teuer die Produktion einer einzelnen Lok ist, wie viel das Unternehmen bei welcher Auflage letztlich verdient - niemand weiß es. Die Firma macht Verluste. Herauszufinden, wo, das ist die Aufgabe von Plutas Mannschaft in den nächsten Wochen. Was bisher war, war die Erstversorgung, jetzt erstellt er einen Heilungsplan, der weh tun wird.

Das Wort eines Insolvenzverwalters gilt mehr als der Beschluss eines Finanzamts, eines Gerichtsvollziehers; er kann abfindungslos kündigen, kann Gelder zurückfordern, die sich Finanzamt oder Krankenkasse noch schnell gesichert hatten.

Pluta setzt drei Mitarbeiter zusätzlich an, sie sollen prüfen, welche Mittel wohin geflossen sind, was davon anfechtbar wäre, Tausende Einzelposten. Und so vergehen die Wochen, dieser unauffällige, behäbige Schwabe dirigiert ein 20-Mann-Team von Anwälten, Betriebswirten, Steuerberatern, sie wälzen Verträge, suchen Schlupflöcher, eröffnen neue Fronten oder schließen Frieden.

Die Bankiers von Goldman Sachs, fürchtet Pluta, versuchen eine Wende: vom Mitgesellschafter, der also eine Verantwortung am Unternehmen trägt, zum Gläubiger, der aus den Eingeweiden der Firma was haben will. Für eine Geldspritze, 41 Millionen Euro, wollte Goldman Sachs eine Sicherheit. Allein der Markenname Märklin hat einen Schätzwert von etwa 20 Millionen Euro, ältere Schätzungen gehen bis 40 Millionen. Zwei Banken hatten bereits Ansprüche auf den Markennamen angemeldet, Goldman Sachs stellte sich mit an.

Plutas Strategie: Goldman Sachs soll erst mal beweisen, dass sie überhaupt Ansprüche haben. Sie seien Gesellschafter, und deren Forderungen seien nachrangig.

Gleichzeitig wird gespart. Im ungarischen Werk werden die Schichten zurückgefahren. Die ersten Entlassungswellen werden vorbereitet. Pluta bleibt derweil ein sehr freundlicher Mann. Und doch schaut er sich Listen an, streicht Namen durch, es fällt ihm schwer.

"Das sind Schicksale, ich weiß", sagt er, "es geht nur mit absoluter Sachlichkeit."

Noch so ein Problem, hat Pluta erkannt, war, dass sich Märklin zu einer Fan-Firma wandelte. Ab und zu spricht er darüber mit Roland Gaugele, dem Mister Märklin im grauen Anzug. Gaugele ist in solchen Momenten Plutas Vertrauter, Pluta braucht Gaugeles Wissen. Die Firma, weiß Pluta nach solchen Gesprächen, hat Maschinen, die winzigste Nieten herstellen, 1,5 Millimeter lang, 0,3 Millimeter im Durchmesser, man braucht sie, um die Kupplungen der Waggons zu befestigen.

Aber sieht man das auch? Bei Märklin glaubt man an solche Details, und zwar aus Prinzip, wie Gaugele erklärt, "die Fans wollen es so". In solchen Momenten ist Gaugele Plutas Problem, die Fans sind tyrannisch, sagt Gaugele, sie maulen in Internet-Foren über angeblichen Zinkfraß und fordern eine idyllische Welt, wie ihre Landschaften im Keller.

Pluta hat Gaugele in den vergangenen Wochen überallhin mitgenommen, er hat ihn als treuen Begleiter an seiner Seite, als die Wanderausstellung "150 Jahre Märklin" in der badenwürttembergischen Landesvertretung in Berlin eröffnet wird. Pluta weiß, Gaugele steht für Tausende Hobbyeisenbahner, für die Qualität, die Marke. All das kommt in Plutas Ansprache vor. Was nicht vorkommt: dass Gaugele vielleicht auch für den Niedergang von Märklin steht.

Pluta macht jetzt immer öfter ein nachdenkliches Gesicht, wenn von Tradition die Rede ist. Gaugele ist froh, einen Zuhörer zu haben oder sogar einen Verbündeten, der ihn schätzt, versteht, endlich. Er erzählt gern, wie er Märklin immer schon verteidigt hat, gegen die gierigen Finanzmenschen. Bei Märklin gibt es ein "Turmzimmer", das die historischen Loks beherbergt - unter Sammlern sind sie Hunderttausende Euro wert. Gaugele verwaltet dieses Turmzimmer. Für einen der Berater waren diese Loks nur Krempel, totes Kapital. "Welche davon lässt sich denn versilbern?", fragte er. Gaugele, so erinnert er sich, war entrüstet: "Keine, nur über meine Leiche!"

Die 150-Jahr-Feier in Berlin kommt nicht in Schwung. 300 Leute, im Vorraum stehen Vitrinen mit alten Eisenbahnen, am Buffet gibt es schwäbische Maultaschen, schwäbischen Saft, ein Fernsehteam, Pluta muss sich immer wieder vor die Vitrinen stellen und zuversichtlich gucken, der wackere Gaugele steht daneben, falls Fachfragen kommen, es kommen aber keine.

"Die Frage ist", sagt Pluta, "kann Märklin im heutigen Kinderzimmer bestehen?"

Die beliebtesten Spielzeuge der neuen Zeit sind die VTech Kidizoom Digitalkamera beispielsweise, die Nintendo DS-Spielkonsole, die Wii-Konsole. Man kann digital Loks bauen, man kann sie kreuz und quer durchs Netz fahren lassen. Warum also sollte ein Kind eine Spanplatte mit Sommerwiesengras-Imitat, Artikel 50190, bekleben? Natürlich ist eine Modelleisenbahn genau genommen auch kein Spielzeug - es ist Material, um eine Welt zu erschaffen, zu industrialisieren, zu kolonialisieren, um zum Allmächtigen im Hobbykeller zu werden, der Weg ist das Ziel. Eine schön vertrackte Rangieranlage zu ersinnen, das ist die perfekte Multiplikation: Zen-Buddhismus mal Niedervolt mal Sorgfalt, das ergibt Glück.

Käufer, die an diese Gleichung glauben, sind treu; aber auch sie leben nicht ewig. So steht Märklin zuletzt vor dem Problem, die letzten treuen Sammler nicht zu verschrecken - denn die wollen zart angefasst

sein - und nebenbei neue Käuferschichten zu erschließen, mit einem Produkt, dessen Glanz aus den Sechzigern stammt.

Kann das funktionieren?

Nach einem Tag voller Akten und Konferenzen steigt Pluta vor seinem Hamburger Büro ins Taxi und lässt sich zur Speicherstadt fahren, zum Miniatur-Wunderland, die touristische Attraktion Hamburgs, eine Märklin-Welt - aber was für eine.

Das Miniatur-Wunderland ist, auf drei Etagen, die phantastischste Modelleisenbahn der Welt, das größte Kinderzimmer aller Zeiten, alles im Kleinstformat. Die Rocky Mountains, die Alpen, eine Goldgräberstadt, das HSV-Stadion, ein winziger Beischlaf, ein Open-Air-Konzert mit 21 000 Zuschauern, und es sind tatsächlich so viele, alle aufgeklebt, perfekt, und kreuz und quer, auf 12 000 Gleismetern, rattern, schnauben, tuten, zischeln die Züge - Plutas Gesicht nimmt, auch nach diesem harten Tag, einen verzückten Ausdruck an.

Er ist der Ehrengast, als mutmaßlicher Retter von Märklin. Die Erfinder und Betreiber des Wunderlands sind ein Brüderpaar von Anfang vierzig, klar, dass sie Märklin-Fans aus Kindheitstagen sind. Deshalb war die Ausstellung "150 Jahre Märklin" hier im Wunderland bereits geplant, bevor Märklin in die Insolvenz taumelte.

Die Wunderland-Betreiber haben alle Beteiligten eingeladen, eingeschworene Sammler, Journalisten, Sekt wird gereicht, Orangensaft, später Würstchen, und die Botschaft gilt Pluta: Schauen Sie, wie treu diese Fangemeinde ist. Wie einzigartig das Produkt. Und wie rettenswert Märklin.

Leider kommt es ein bisschen anders.

Was Pluta sieht, sind einerseits ein paar Vitrinen, in denen zwei Dutzend Lokomotiven stehen, hinter Glas. Das ist also Märklin heute, es ist, als würde man in die Vergangenheit blicken. Und dann spaziert Pluta durch das entzückende, schnuffende Liliput, viel Platz, keine musealen Vitrinen und Absperrungen, und der Wunderland-Chef erzählt, dass Investoren aus Japan und Korea ihn besucht hätten, um das Konzept zu kaufen, und Pluta lässt sich nichts anmerken; aber es ist, als würde man in die Zukunft blicken. Eine Zukunft - die aber nicht von Märklin erfunden wurde.

Warum haben die Märklin-Leute nicht solch ein Wunderland kreiert? Weil sie ihr eigenes Produkt nicht mehr verstanden?

Etwa eine Woche später, an einem Dienstagmorgen im März, 7.30 Uhr, sitzen rund 500 Märklin-Mitarbeiter in der Göppinger Stadthalle. Offiziell lädt der Betriebsrat ein - aber es ist Plutas Show. Er übergibt rasch an den von ihm, Pluta, eingesetzten Geschäftsführer, bitte, Herr Doktor Seitzinger. Der holt tief Luft, er hat eine Menge Zahlen vorzulesen, und mit zwei Zahlen macht er den Anfang: Den Ausgaben in Höhe von 146 Millionen hätten nur 125 Millionen an Einnahmen gegenübergestanden. Die dritte Zahl können sie im Saal leicht ausrechnen: 21 Millionen. So viel muss eingespart werden.

Nun, fürs laufende Jahr, peile man ein Umsatzziel von 120 Millionen an, sagt Seitzinger. Einsparungen: nur noch fünf oder sechs Bereichsleiter statt, wie bisher, zwei Dutzend Führungskräfte. Gemurmel. Nur noch einen Geschäftsführer statt derer drei. Mehr Gemurmel. 397 Entlassungen. Schließung der Tochterwerke in Nürnberg, 51 Stellen werden dort eingespart. Und in Göppingen würden 166 Mitarbeiter entlassen werden, von 651 auf 485.

Jetzt herrscht Stille.

Wiedereinführung der 40-Stunden-Woche. Abbau der Lager. Lohnverzicht. Keine Vesperpause bei der Betriebsversammlung. Keine drei Betriebsversammlungen im Jahr, jede kostet 70 000 Euro, dafür müssen fünf Millionen Umsatz erwirtschaftet werden, und das sei Irrsinn.

Die Versammlung endet um neun Uhr, betreten schieben sich die Mitarbeiter durch den Ausgang. Gaugele ist einer von ihnen. So schnell, denkt er, ging's noch nie. Er hat den Ablauf protokolliert, falls jemand ihn, Gaugele, fragen sollte.

Bei Pluta gehen mittlerweile fast täglich Kaufangebote ein, 110 sind es bisher. Davon sind 5 bis 7 für Pluta ernst zu nehmen, er antwortet jedoch allen und fordert zunächst einen Banknachweis über rund hundert Millionen Euro als Sanierungs- und Investitionsgeld - mit weniger muss man sich nicht melden. Es kann noch Monate dauern, bis Pluta das Geschäft übergibt. Aber Märklin wird nicht dasselbe Unternehmen sein, Roland Gaugele etwa wird dann nicht mehr dazugehören.

An einem Montag im April, zwei Monate nachdem Pluta zum Insolvenzverwalter bestellt worden ist, gegen halb zwölf, klingelt in Donzdorf, 15 Kilometer von Göppingen entfernt, der DHL-Bote an Gaugeles Bungalow. Ein Einschreiben mit Rückschein. Gaugele schließt die Haustür, öffnet den Brief, zieht ein DIN-A4-Blatt heraus, er liest: "... kündige ich Ihnen betriebsbedingt ... wünsche ich Ihnen für Ihren weiteren Lebensweg alles Gute, mit freundlichen Grüßen, Ihr Michael Pluta."


DER SPIEGEL 18/2009
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