27.04.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH

Wow! Mehr davon

Von Gilbert, Cathrin

Die österreichische Triathletin und Kronzeugin Lisa Hütthaler, 25, über Epo im Kühlschrank, die Auswirkungen von Testosteron und die Angst, verrückt zu werden durch das Leben in einer Parallelwelt

SPIEGEL: Frau Hütthaler, Sie haben durch Ihr Geständnis und die Zusammenarbeit mit der Staatsanwaltschaft ein ganzes Dopingnetzwerk auffliegen lassen. Es folgten Razzien und Festnahmen, wie die des Sportmanagers Stefan Matschiner. Fühlen Sie sich befreit?

Hütthaler: In diesem Moment fühle ich mich einsam und irgendwie leer. Für mich ist eine Welt zusammengebrochen. Ich habe ausgesagt, weil ich einfach nicht mehr konnte. Matschiner hat eine Familie, ein kleines Kind, aber er hat sich, wie viele andere, strafbar gemacht. Auch ich habe eine Familie, ich habe Eltern und Verwandte, die mit den Konsequenzen leben müssen.

SPIEGEL: Nach dem Geständnis hat die Nationale Anti-Doping-Agentur Ihre Sperre von sechs Jahren auf 18 Monate verkürzt.

Hütthaler: Das ist nett, war mir aber egal. Als ich mich im Dezember entschieden habe, aus diesem Lügengebäude auszubrechen, stand für mich fest, dass ich meine Karriere danach beenden werde.

SPIEGEL: Warum?

Hütthaler: Weil das der einzige Weg ist, wieder halbwegs gesund zu werden.

SPIEGEL: Woran leiden Sie?

Hütthaler: Mein Körper und meine Psyche sind kaputt. Ich habe während der letzten drei Jahre ohne Gnade gelogen. Fängt man einmal damit an, kommt man da nicht mehr raus. Zum Schluss wusste ich nicht mehr, wem ich was erzählt habe. Das endete im psychischen Totalstress. Davon abgesehen wird sich mein Körper wahrscheinlich nie mehr erholen.

SPIEGEL: Wovon?

Hütthaler: Ich habe mir zwei Jahre lang Testosteron und Wachstumshormon gespritzt. Meine Periode setzte aus, meine Schultern wurden breiter. Männliche Hor-

mone verändern einen Frauenkörper extrem. Damit habe ich sehr zu kämpfen.

SPIEGEL: Wann hat das alles begonnen?

Hütthaler: Eigentlich bin ich, als ich meinen Ex-Freund kennengelernt habe, falsch abgebogen. Ich hatte gerade mit 17 Jahren meine Matura auf dem Sportgymnasium gemacht und begonnen, Informationstechnologie und Management zu studieren. Um ein bisschen Geld nebenbei zu verdienen, habe ich eine Fortbildung zur Spinning-Lehrerin im Fitnessstudio gemacht. Mein Ex-Freund besuchte denselben Kurs, er war schon damals ein erfolgreicher Hobbytriathlet. Eines Morgens stellte er mir ein Rad hin und sagte: Schatz, auf geht's! Die erste Fahrt war gleich 100 Kilometer lang. Am nächsten Tag liefen wir 18 Kilometer. Ich war überrascht, wie gut ich mithalten konnte. Nach drei Monaten setzte die Müdigkeit ein. Erst wurde ich schlapp vom Radfahren, erhöhte deshalb mein Laufpensum, und als ich davon müde wurde, steigerte ich mein Schwimmtraining. Als meine Schulter zu schmerzen begann, musste ich pausieren.

SPIEGEL: Das klingt nach übertriebenem Ehrgeiz. Wann hatten Sie den ersten Kontakt mit Doping?

Hütthaler: Damals habe ich noch nicht an Wettkämpfen teilgenommen, Sport war mein wichtigstes Hobby. Die Clique meines Ex-Freundes bereitete sich im Sommer 2001 auf den Ironman auf Hawaii vor. Beim gemeinsamen Training lernte ich schnell, dass es fünf entscheidende Faktoren im Sport gibt: Training, Ernährung, Umfeld, Regeneration - und Doping.

SPIEGEL: Doping war ganz selbstverständlich ein Thema?

Hütthaler: Ja. Das war ein Gesprächsthema wie jedes andere. Meine neuen Freunde setzten sich die Spritzen locker in den Po.

SPIEGEL: Sie sprechen von Hobbysportlern?

Hütthaler: Vergessen Sie das Märchen, es werde nur unter Profis gedopt. Das beginnt schon bei ambitionierten Hobbysportlern.

SPIEGEL: Hatten Sie keine Zweifel?

Hütthaler: Am Anfang habe ich noch gefragt, womit die Spritzen gefüllt seien. Vitamin C oder so, sagten sie. Mit der Zeit habe ich kapiert, dass man nur gedopt Erfolg haben kann. Mein Ex-Freund lagerte die Spritzen im Kühlschrank, sie waren unsere ständige Begleitung.

SPIEGEL: Womit waren sie gefüllt?

Hütthaler: Das habe ich nicht gefragt. Vielleicht hätte er es mir sogar gesagt, aber in Wahrheit wollte ich es gar nicht wissen. Ich war naiv, für mich bedeutete diese Art des Lebens die große weite Welt. Ich war die einzige Frau in einer Männertrainingsgruppe. Ich dachte: Hey, wow, cool! Lauter Männer, und ich hielt mit.

SPIEGEL: Wann haben Sie sich die erste Spritze aus dem Kühlschrank genommen?

Hütthaler: So einfach geht das nicht. Gratis gibt dir in der Szene keiner was ab. Das erste Mal darüber nachgedacht habe ich im Herbst 2005. Ich wurde 22, hatte gerade mein Kollegstudium abgeschlossen und sehr hart trainiert. Bei den Österreichischen Staatsmeisterschaften im Juni 2005 wurde ich im Kurztriathlon Dritte. Das klingt zwar nett, ist aber Kleinkram. Damit wird man nicht reich. Ich wollte den eingebauten Epo-Motor spüren, von dem die anderen erzählten. Außerdem hatte ich immer Gewichtsprobleme.

SPIEGEL: Sie wollten dopen, um abzunehmen?

Hütthaler: Ich habe beobachtet, dass die anderen abnahmen, sobald sie ihre Spritzen setzten. Ich dachte, hey, das will ich auch. Endlich nicht mehr ständig gegen den Hunger ankämpfen müssen. Für mich stand fest: Dünner bedeutet schneller.

SPIEGEL: Wer hat Ihnen geholfen, die Dopingsubstanzen zu besorgen?

Hütthaler: Andreas Zoubek, der ehemalige stellvertretende Leiter des St. Anna Kinderspitals in Wien. Das erste Mal habe ich ihn 2003 auf Hawaii getroffen. Zoubek ist einer, der gern im Mittelpunkt steht und einem bei Wettkämpfen auf die Schultern klopft. Manchmal gingen wir gemeinsam joggen. Mit der Zeit vertraute ich ihm. Ich hatte gehört, dass er sich mit Doping sehr gut auskennt. Anfang 2006 war ich mir dann sicher, selber dopen zu wollen. Ich fragte ihn, ob er mir helfen könne. Ich konnte den Einstieg ja nicht ohne professionelle Hilfe durchziehen. Er hat mir in seinem Büro im Krankenhaus erklärt, dass ich für die Blutdopingeinnahme bestimmte Dinge beachten müsse.

SPIEGEL: Was?

Hütthaler: Man braucht einen erhöhten Eisenwert. Das Eisen ist für die Bildung der roten Blutkörperchen notwendig. Zoubek hat mir Eisen gespritzt, um meinen Körper auf das Epo vorzubereiten.

SPIEGEL: Hatten Sie ein schlechtes Gewissen?

Hütthaler: Nein, ich dachte, jetzt geht's endlich los. Da war auch keine Angst. Ich wusste ja, wann man sich wie was spritzt.

SPIEGEL: Hat Zoubek Ihnen auch Epo verabreicht?

Hütthaler: Ja, aber nach einigen Monaten sagte er, ich sei nun in einer Liga, in der ich aufpassen müsse, nicht erwischt zu werden. Er kenne sich da nicht gut genug aus, könne mich aber an jemanden vermitteln.

SPIEGEL: Zoubek hat bisher alle Anschuldigungen abgestritten.

Hütthaler: Davon habe ich gehört. Dabei war er derjenige, der mein erstes Treffen mit dem Sportmanager Matschiner im Mai 2007 organisierte. Damals war ich schon im Elite-Kader des Österreichischen Triathlonverbandes.

SPIEGEL: Wo haben Sie Matschiner getroffen?

Hütthaler: In einem Hotel in einer kleinen Seitengasse neben dem Casino in Linz.

SPIEGEL: Sie hatten wieder keine Bedenken?

Hütthaler: Nein, es kribbelte richtig in mir. Ich fühlte mich wie eine Darstellerin in einem Spionagefilm. Ein geiles Gefühl, vergleichbar mit dem Moment, in dem man sich die Spritze setzt. Kurz kommen Zweifel auf, du denkst: Puh, ist das heftig, was du da gerade machst, und in der nächsten Sekunde hast du den Gedanken schon wieder verdrängt. Darin war ich perfekt.

SPIEGEL: Wie verlief der erste Deal?

Hütthaler: Matschiner kam an meinen Tisch und bat mich, ihm ins Hotel zu folgen. Draußen saßen ihm zu viele Gäste. Er hat mir dann die Tüte mit den Epo-Spritzen gegeben. Ich zahlte in bar.

SPIEGEL: Wie viel haben Sie für die Dopingmittel ausgegeben?

Hütthaler: Insgesamt rund 20 000 Euro innerhalb von zwei Jahren.

SPIEGEL: Woher hatten Sie das Geld?

Hütthaler: Es hat gerade so gereicht. Ich habe 2006 schon ein bisschen als Sportlerin verdient. Ein gewisses Niveau musst du schon erreicht haben.

SPIEGEL: Wann haben Sie den Epo-Motor, wie Sie es nennen, zum ersten Mal gespürt?

Hütthaler: Etwa zwei Wochen nach der ersten Injektion konnte ich Intervalle rennen, ohne einen Funken Müdigkeit zu spüren. Ich hängte meine Kumpel am Berg ab und dachte: Wow! Mehr davon. An den Staatsmeisterschaften 2006 nahm ich gedopt teil und wurde Zweite.

SPIEGEL: Hatten Sie keine Angst, erwischt zu werden?

Hütthaler: Nein. Ich dachte, wenn es jemanden erwischt, bestimmt nicht mich, sondern die Profis. Matschiner erstellte mir einen Dopingplan. Notierte, wann ich was nehmen muss, um beim Wettkampf fit zu sein, ohne überführt zu werden. Er sagte, dass man die Form von Epo, ich bekam Dynepo, noch nicht nachweisen könne. Trotzdem wusste ich, dass Blutdoping generell nicht so lange nachweisbar ist, wenn ich es mir intravenös spritze. Das war nicht so einfach, weil ich als Triathletin ja im Badeanzug antrat und man die Einstichstellen am Arm sehen würde. Deshalb habe ich manchmal eine Vene am Fuß genommen.

SPIEGEL: Matschiner hat bisher nur zugegeben, an Bluttransfers für den Radprofi Bernhard Kohl beteiligt gewesen zu sein, aber nicht, dass er mit Dopingmitteln wie Epo gedealt hat.

Hütthaler: Ich erinnere mich genau, dass er mich noch etwa fünfmal in Wien besucht hat, das konnte er mit seinen Reisen in den Osten verbinden. Dort ist er immer hingefahren, ich weiß auch nicht, warum.

SPIEGEL: Meinen Sie, er hat dort Dopingmittel gekauft?

Hütthaler: Ich weiß es wirklich nicht.

SPIEGEL: Wissen Sie von anderen Sportlern, die er mit Doping versorgt haben soll?

Hütthaler: Dazu kann ich nichts sagen. Mir übergab er in Wien Epo, Testosteron und Wachstumshormon und listete auf, wann ich wie viele Einheiten in welcher Kombination spritzen muss. Wachstumshormon in die Fettspalte am Bauch, das Testosteron in die Pomuskulatur.

SPIEGEL: Wie hat ihr Körper reagiert?

Hütthaler: Die Veränderungen durch die männlichen Hormone habe ich schnell bemerkt. Trotzdem habe ich versucht, mir die Bestätigung von meinem Freund zu holen, dass alles okay ist. Er sagte, ich solle mir keinen Kopf machen. Außerdem war ich glücklich, tatsächlich abzunehmen. Wenn ich mit dem Zeug aussetzte, nahm ich nach nur wenigen Tagen sofort zu. Schauen Sie sich manche Ausdauersportler an, die sind im Winter immer viel dicker als im Sommer. Die Leute glauben, die Sportler legen zu, weil sie im Winter zu viel Süßes essen. Das ist Quatsch. Man ernährt sich genauso wie im Sommer, trainiert sogar noch härter im Trainingslager. Aber durch die Dopingpause nimmt man trotzdem zu.

SPIEGEL: Haben Sie andere Nebenwirkungen gespürt?

Hütthaler: Ich weiß bis heute nicht, ob es im Zusammenhang mit den Dopingsubstanzen stand, aber Ende 2006 begann mein Herz auf einmal wie verrückt zu pochen. In einem wahnsinnig hektischen Rhythmus. Die Ärzte stellten mit Hilfe eines EKG eine Tachykardie fest, eine Form von Herzrhythmusstörungen. Ich musste sogar operiert werden. Mittels einer Herzkatheteruntersuchung wurde Gewebe verödet, das die Rhythmusstörungen verursachte.

SPIEGEL: Wussten die Ärzte von den Medikamenten, die Sie spritzten?

Hütthaler: Das konnte ich ihnen unmöglich erzählen.

SPIEGEL: Wie hat Ihre Familie auf die Operation reagiert?

Hütthaler: Natürlich hat sich meine Mutter gesorgt. Aber ich habe immer weitergelogen. Die Familie hält man aus diesem Netzwerk raus.

SPIEGEL: Haben Sie auch Bluttransfusionen erhalten?

Hütthaler: Ja, zweimal hat mir Matschiner in einem Haus in Steyrermühl, in Oberösterreich, Blut abgenommen. Einmal hat er es zurückgeführt. Im Keller dieses Hauses stand die Blutzentrifuge, die die roten Blutkörperchen vom Plasma trennt. Auf meinem Blutbeutel stand "Cindy". Er sagte, du bist meine Cinderella.

SPIEGEL: Sie waren Matschiners Aschenputtel?

Hütthaler: Er sagte, Fuentes bezeichne seine Kunden mit Tiernamen, er dagegen benutze Märchenfiguren. Bei mir passte beides - der Hund meiner Mama heißt auch Cindy. Ich habe mich ehrlich gesagt ziemlich geekelt. Normalerweise wird mir schon übel, wenn ich mir meinen Zeh anstoße und es blutet. Eine Steigerung des Hämatokritwerts um vier bis sechs Prozentpunkte sollte das bringen, also dickeres Blut mit mehr roten Blutkörperchen, das mehr Sauerstoff transportiert - gespürt habe ich im Wettkampf nichts.

SPIEGEL: Wann wurden Sie zum ersten Mal kontrolliert?

Hütthaler: Im Winter 2004. Und danach immer im Dezember oder Januar, wenn ich eine Dopingpause einlegte. Perfekt wäre die Phase im Frühjahr gewesen, in der ich mich auf die Wettkämpfe vorbereitete.

SPIEGEL: Im Juni 2007 wurden Sie österreichische Triathlon-Staatsmeisterin. Konnten Sie Ihren Triumph mit ruhigem Gewissen feiern?

Hütthaler: Für mich war das eine Frage der Gleichberechtigung. Du weißt, dass es die anderen machen und willst die gleiche Erfolgschance haben. Ich entwickelte einen Blick dafür, welche meiner Konkurrentinnen welches Mittel genommen hat.

SPIEGEL: Woran können Sie das erkennen?

Hütthaler: An der Konsistenz der Haut. Nach der Einnahme von Wachstumshormon wird die Haut dünner, das Testosteron macht sie unrein. Man weiß also Bescheid, man findet alles normal. Trotzdem bekam ich mit der Zeit Angst vor den Kontrollen. Jedes Mal, wenn ich vor dem Training mein Haus verließ, stellte ich mir vor, dass ein Dopingkontrolleur im Wagen vor meiner Tür sitzen könnte, der mich überrascht.

SPIEGEL: Sie mussten ja bei Ihrer Nationalen Anti-Doping-Agentur angeben, wo Sie sich befinden.

Hütthaler: Ja, Trainingsort und -zeit musste ich mitteilen. Auf dem Weg zur Schwimmhalle bekam ich oft weiche Knie. Ich erinnere mich noch genau, dass mir beim Radfahren einmal ein Mann und eine Frau entgegenkamen, normale Spaziergänger. Ich hielt sie für Kontrolleure, und es schauerte mir über den ganzen Körper. Heute weiß ich, dass dieses System, bei dem man am Computer angeben muss, wo man sich wann befindet, ein richtiger Schritt ist, um den Sport zu retten.

SPIEGEL: Warum?

Hütthaler: Wer nicht dopt, also nichts zu verbergen hat, der akzeptiert das Kontrollsystem. Sogar Hobbysportler notieren sich täglich Abläufe, Zeiten, Einheiten, Orte. Da kommt es auf ein Formular mehr auch nicht an. Außerdem geraten die Informationen ja nicht in die Öffentlichkeit. Informiert ist nur die Anti-Doping-Agentur. Den dopenden Sportler machen jedoch der Druck und die ständigen Kontrollen nervös, und er begeht Fehler.

SPIEGEL: Nur einmal wurden Sie zum richtigen Zeitpunkt getestet.

Hütthaler: Ja, am 22. März 2008. Das war perfektes Timing. Fünf Tage später bin ich nach Australien geflogen, acht Tage später habe ich an einem Triathlon teilgenommen. Ich war randvoll mit Epo.

SPIEGEL: Sie wussten, es ist aus?

Hütthaler: Nein, ich war total entspannt. Ich dachte, dass man mir diese Epo-Form nicht nachweisen könne und dopte weiter.

SPIEGEL: Als Sie erfuhren, dass die A-Probe positiv war ...

Hütthaler: ... habe ich trotzdem die Öffnung der B-Probe beantragt.

SPIEGEL: Aber Sie waren doch überführt.

Hütthaler: Schon zu Beginn meiner Dopingkarriere ist mir vermittelt worden, dass immer irgendetwas geht, um aus einer positiven eine negative Probe zu machen. Ich hatte in der Vergangenheit von so vielen Sportlern aus der ganzen Welt gehört, die zwar positiv getestet wurden, bei denen aber nie eine positive B-Probe herauskam.

SPIEGEL: Bei der Öffnung der B-Probe sollen Sie versucht haben, eine Laborantin mit 20 000 Euro zu bestechen.

Hütthaler: Ehrlich gesagt, es waren 50 000 Euro. Es erschien mir der einfachste Weg zu sein, heil aus der Nummer rauszukommen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon so viel gelogen, dass ich kein Unrechtsbewusstsein mehr hatte. Ich stand also vor meiner Probe in diesem Labor in Seibersdorf und habe in einer Kurzschlussreaktion die Laborantin gefragt, ob sie mir helfen kann.

SPIEGEL: Wie hat sie reagiert?

Hütthaler: Es traf genau das ein, worüber sie mich vor der Öffnung belehrt hatte: Jeder Versuch der Manipulation werde sofort gemeldet.

SPIEGEL: Sie hätten also wissen müssen, dass in diesem Moment alles zu Ende war.

Hütthaler: Manchmal frage ich mich immer noch, warum bei mir eine positive Probe herausgekommen ist und bei anderen, von denen ich definitiv weiß, dass sie gedopt haben, nicht.

SPIEGEL: Wie lautet die Antwort?

Hütthaler: Ich weiß es nicht. Vielleicht spielte ich noch nicht in der wahren Profiklasse mit. Aber das ist Spekulation.

SPIEGEL: Wie ging es weiter?

Hütthaler: Zehn Tage später erfuhr ich, dass die Probe positiv ist. Es war wie ein Riesenknall. Alles brach zusammen. Meine Beziehung hatte sich schon vorher aufgelöst. Der Freundeskreis fiel auch auseinander.

SPIEGEL: Warum?

Hütthaler: Ich konnte mit all diesen Menschen nichts mehr anfangen. Ich wollte niemanden bis auf meine Eltern sehen und verlor die Freude am Leben.

SPIEGEL: Wie hat Ihre Familie reagiert?

Hütthaler: Meine Eltern haben mich in den Arm genommen und mich festgehalten. Ich habe sie skrupellos angelogen, und sie haben mir verziehen.

SPIEGEL: Haben Sie mehr Unterstützung erwartet?

Hütthaler: Ich hätte mich darüber gefreut. Ich habe schwere Fehler gemacht. Aber wir Sportler sind auch Kinder eines kranken Systems. Ohne die richtigen Leute im Hintergrund, die Ärzte und Manager, würde das Netzwerk nicht funktionieren. Ich habe alles gestanden. Aber Hilfe bekomme ich keine. Niemand sagt mir, was ich tun soll, wie es weitergeht. Doper werden geächtet, packen wir aus, stehen wir alleine im Regen. Ich habe Fehler gemacht, aber ich bin keine Verbrecherin.

SPIEGEL: Glauben Sie, Dopingnetzwerke sind ein österreichisches Problem?

Hütthaler: Nein. In allen Ländern und allen Sportarten wird gedopt. Bist du in dem System drin, ist es das Normalste der Welt.

SPIEGEL: Was hat denn dazu geführt, dass Sie im Dezember 2008 vor der Staatsanwaltschaft ausgepackt haben?

Hütthaler: Nachdem mich die Nationale Anti-Doping-Agentur im Oktober 2008 sperrte, war ich mir zuerst sicher, weiter für meinen Traum, die Olympia-Teilnahme, zu trainieren. Natürlich gedopt, nur vorsichtiger als vorher. Aber ich spürte immer mehr, dass ich langsam verrückt werde in dieser Parallelwelt. Ich musste meine Eltern ja wieder anlügen. Mir wurde immer klarer, wie wahnsinnig das alles ist, und brach psychisch unter diesem Druck zusammen. Als einzigen Ausweg sah ich das Geständnis und den kompletten Ausstieg aus dem Profisport. Deshalb habe ich nach meinem Geständnis meine Karriere öffentlich beendet.

SPIEGEL: Sie wollen mit Ihrem Geständnis andere Sportler animieren auszupacken. Glauben Sie wirklich, dass sich dadurch etwas ändern wird?

Hütthaler: Auf längere Sicht vielleicht. Wer lebt schon gern immer in der Angst, erwischt zu werden? Wer will sein ganzes Geld in den Mist investieren?

SPIEGEL: Haben Sie bereits zurück in Ihr altes Leben gefunden?

Hütthaler: Nein. Dafür werde ich noch zu oft an das letzte Kapitel erinnert. Ich kann mich zum Beispiel so gesund ernähren, wie ich will, und trotzdem zeigt meine Kilokurve ohne Doping nach oben. Ich mache jetzt eine Ausbildung zum Ernährungsvorsorge-Coach und will später Kindern helfen, die richtige Einstellung zu ihrem Körper zu entwickeln, damit sie nie in eine solche Abhängigkeit geraten wie ich.

SPIEGEL: Frau Hütthaler, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

Lisa Hütthaler hat mit ihren Aussagen bei der Staatsanwaltschaft einen der größten Dopingskandale in der Geschichte des österreichischen Sports ausgelöst. Insgesamt wurden acht Personen verhaftet, darunter der Sportmanager Stefan Matschiner, dem neben Kinderarzt Andreas Zoubek vorgeworfen wird, gegen das Anti-Doping-Gesetz verstoßen zu haben. Sie sollen mit verbotenen Substanzen gehandelt haben. Matschiner sitzt in U-Haft. Die Staatsanwaltschaft will gegen 20 Personen Strafanträge stellen.


Das Gespräch führte die Redakteurin Cathrin Gilbert.

DER SPIEGEL 18/2009
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