27.04.2009

KulturVom Rand aus gesehen

Nahaufnahme: Die „Biennale am Ende der Welt“ zeigt auf Feuerland moderne Video- und Performancekunst zum Klimawandel.
Militärgeschichtlich gesehen lag die Marinebasis der argentinischen Streitkräfte in Ushuaia auf Feuerland immer nah an der Front. Bei klarem Wetter lassen sich die Inseln im Beagle-Kanal erkennen, derentwegen es in den siebziger Jahren fast zu einem Waffengang mit Chile gekommen wäre. Während des Falkland-Kriegs mit Großbritannien starteten von Ushuaia die Versorgungsflüge für die Truppen auf den Inseln im Südatlantik.
Doch für diese Invasion, die jetzt unter ihren Augen abläuft, sind die Soldaten nicht gerüstet. Die Skulpturisten kommen.
Staunend sehen die Militärs zu, wie Künstler den Flugzeughangar in einen Ausstellungsraum verwandeln. Erst einen Tag vor der Eröffnung rollten die Soldaten den letzten Hubschrauber aus der Halle. Jetzt amüsieren sie sich über Flugversuche einer Performancekünstlerin.
Adriana Bustos, eine kleine, durchtrainierte Dame mit Fellmütze und Sonnenbrille, steckt in einem Apparat, der an die ersten Flugmaschinen Otto Lilienthals erinnert. Sie nimmt Anlauf, sprintet hundert Meter weit, aber sie hebt nicht ab. Keuchend trabt sie zurück zum Hangar. "Zu wenig Wind", klagt sie.
"Intemperie", "Unwetter", heißt das Motto einer ungewöhnlichen Ausstellung in dieser unwirtlichen Gegend, der "Biennale am Ende der Welt". Doch das Wetter spielt an diesem Tag nicht mit - es ist zu schön. "Das gehört zur Performance", versichert Alfons Hug, der deutsche Kurator.
Hug liebt exotische Schauplätze. Er leitet das Goethe-Institut in Rio de Janeiro, für Kunstausstellungen reist er bis nach Australien und China, vor zwei Jahren holte er eine riesige Afrika-Schau nach Brasilien. Auch bei der Entstehung der gefeierten Tropen-Ausstellung in Berlin war er als einer der Leiter dabei. "Ich betrachte die Welt gern vom Rand aus", sagt er.
Vor anderthalb Jahren ereilte ihn der Ruf aus Ushuaia. "Eigentlich bin ich ja ein Tropenmensch", sagt Hug und schiebt sich ein Aspirin gegen Erkältung in den Mund. Er trägt Dufflecoat und Handschuhe, die hohe Stirn ist unter einer schwarzen Wollmütze verborgen. Im zugigen Hangar, dem Ausstellungszentrum, kriecht die Kälte in die Knochen. Das klamme Gefühl passt zu den beklemmenden Endzeitvisionen der Videokünstler in der Halle.
Es stürmt und zischt, es hagelt und knistert aus allen Ecken. Auf riesigen Bildschirmen flüchtet ein Mann vor einem Eisbrecher, eine einsame Schwimmerin durchquert den Rio Paraná, Robben erobern eine verlassene Fabrik auf einer Insel.
Zwischen den Bildschirmen hat der deutsche Skulpturist Björn Melhus einen Hochsitz aus Holz, Pappe und Plastik errichtet. Blitze zucken, Morsezeichen piepen; die Sturmgeräusche stammen aus der alten Hollywood-Verfilmung von "Moby Dick". In Anlehnung an Darwins Forschungsschiff heißt das Werk "Beagle 3".
Produktionen von 40 renommierten zeitgenössischen Künstlern aus aller Welt hat Hug nach Feuerland geholt. In einem Wäldchen formt der junge Argentinier Adrián
Villar Rojas einen riesigen Wal aus Lehm und Holz, im ehemaligen Gefängnis der einstigen Strafkolonie verbreitet sich eine einheimische Künstlerin über die auf Feuerland grassierende Biberplage. Doch die meisten Arbeiten sind Videoinstallationen und Performances zum Thema Klimawandel. "Video ist die Kunst der Krise", sagt Hug. "Sie entzieht sich der Spekulation."
Viele Künstler erkunden das Grenzland zwischen Kunst und Wissenschaft. Die Deutsche Agnes Meyer-Brandis erforscht die Tiefenschichten des Gletschers Perito Moreno in Patagonien, wo sich phantastische Kristalle gebildet haben.
In Rio de Janeiro, wo die "Biennale am Ende der Welt" Anfang des Jahres Station machte, ließ Hug eine Kältekammer errichten, in der normalerweise schwitzende Brasilianer das Überleben bei 40 Grad minus erproben.
Anschließend flog er in die Antarktis. Auf der südafrikanischen Forschungsstation unterhielt die Künstlergruppe "Ice Pack" die Wissenschaftler mit Installationen auf Gletschern.
Das Zelt, das sie bewohnten, steht jetzt auf einer Wiese vor dem Hangar in Ushuaia. Aus dem Innern dröhnt Elektromusik. Der CD-Spieler bleibt zwar immer mal wieder hängen, aber das zählt zu den kleineren Pannen, mit denen Hug zu kämpfen hat.
Auch die Performance des Brasilianers Ronald Duarte verläuft nicht ganz wie geplant. Auf der Biennale von Havanna hatte er wenige Wochen zuvor mit einer Kaskade von CO2-Feuerlöschern einen weißen Atompilz in den Himmel gezeichnet. Doch in der kalten Luft von Ushuaia steigt der Rauch nicht auf, Künstler und Zuschauer verschwinden im Nebel.
Die Soldaten an der Landepiste lachen laut, Hug schlüpft in sein Antarktis-Zelt. Er will es im nächsten Winter im Central Park aufschlagen: "Da liegt dann hoffentlich Schnee." JENS GLÜSING
* Flugmaschine der Argentinierin Adriana Bustos, Walskulptur des argentinischen Künstlers Adrián Villar Rojas.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 18/2009
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