11.05.2009

AUTORENAuf dünnem Eis

Dass Walter Kempowski einst Kontakte zum amerikanischen Geheimdienst hatte, war bekannt - nach Aktenfunden fragt sich jetzt: War er tatsächlich ein Spion?
Die zündende Idee hatte der amerikanische Germanist Alan F. Keele schon vor mehr als einem Vierteljahrhundert. Keele, ein Kempowski-Forscher und späterer Freund des deutschen Schriftstellers, fragte sich, was in den Archiven der U. S. Army wohl an Informationen über Kempowskis Gespräche mit dem amerikanischen Geheimdienst in den Jahren 1947/48 zu finden sein könnte.
Walter Kempowski (1929 bis 2007) hatte in seinen Romanen "Uns geht's ja noch gold" (1972) und "Ein Kapitel für sich" (1975) solche Kontakte geschildert - Vorgeschichte zu seiner Verhaftung in Rostock im März 1948 und der Verurteilung wegen Spionage durch ein sowjetisches Militärgericht. Zwar steht Kempowskis Romanzyklus unter dem Motto "Alles frei erfunden!", doch hat der Autor nie einen Hehl daraus gemacht, dass diese Werke weitgehend autobiografisch sind.
Unter dem Titel "Walter Kempowski als Spion" trug der Wissenschaftler aus dem US-Bundesstaat Utah in der vorvergangenen Woche die Ergebnisse seiner Recherchen in Rostock auf dem "Internationalen Walter-Kempowski-Symposium" vor. Außerdem gab Keele der "Frankfurter Allgemeinen" ein Interview, das unter der verwirrenden Überschrift "Walter Kempowski war doch ein Spion" veröffentlicht wurde.
Wieso "doch"? Der Kontakt des 18jährigen Kempowski zu den Amerikanern war nie ein Geheimnis. Jetzt fragt sich mancher Kempowski-Leser: Hat der Erfolgsautor etwas verschwiegen? War er vielleicht ein vom Geheimdienst ausgebildeter Spion? Ist er gar zu Recht zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt worden, von denen er 8 Jahre im berüchtigten Zuchthaus Bautzen absitzen musste?
Kopien von US-Dokumenten aus dem Jahr 1948 befinden sich in Nartum bei Bremen, im "Haus Kreienhoop", das Walter Kempowski nach eigenen Vorstellungen bauen ließ und das heute einer Stiftung gehört.
Dem Germanisten Keele wurden die Kopien im August 1982 auf Grundlage des "Freedom of Information Act" zugesandt, des amerikanischen Auskunftsgesetzes, das auch für ehemalige Staatsgeheimnisse gilt. Doch diese Unterlagen sind kaum geeignet, die These vom gewieften Spion Kempowski zu unterstreichen, im Gegenteil.
Das einst als "top secret" eingestufte Memorandum vom 20. April 1948 erwähnt zunächst die routinemäßige Befragung des "illegalen Grenzüberschreiters" - der junge Kempowski ("unverheiratet, schmales ovales Gesicht, blondes Haar, graue Augen") war Ende November 1947 auf eigene Faust aus der sowjetischen in die amerikanische Besatzungszone übergewechselt, wo er inzwischen Arbeit gefunden hatte.
Er bot den Amerikanern zwischen Dezember 1947 und Februar 1948 mehrmals Informationen an, zunächst wohl über die Verschiffung demontierter Anlagen aus der Sowjetzone. Allerdings schien das Counter Intelligence Corps (CIC) daran nicht besonders interessiert zu sein. Also wollte Kempowski, so das Memorandum, allgemeines Material ("general information") aus Rostock besorgen - und wurde darauf hingewiesen, dass er dabei nicht im Auftrag des CIC arbeite und sich nicht auf die Organisation berufen dürfe.
Anfang März 1948 wurde Kempowski in Rostock verhaftet. Der sowjetische Geheimdienst war über seine Gespräche mit dem CIC offenbar bestens informiert. Der jugendliche Leichtsinn brachte am Ende ihn und seinen Bruder Robert vor das stalinistische Militärtribunal, auch ihre Mutter wurde verurteilt. Ein Leidensweg begann, der zur rastlosen Kreativität des späteren Schriftstellers wesentlich beigetragen haben dürfte.
Der Germanist Keele trug in seinem Rostocker Vortrag für seine "spektakuläre Enthüllung" (faz.net) über den Spion Kempowski schwache Argumente vor. Der Autor habe das Ausmaß seiner Tätigkeit dadurch verschleiern wollen, dass in den Romanen nur von einer einzigen Begegnung mit dem amerikanischen Geheimdienst die Rede ist. Außerdem - so Keeles Spekulation - habe auch das CIC im April 1948 die eigene Rolle bei der Reise Kempowskis nach Rostock "vertuschen" wollen, indem es im Hinblick auf dessen Spionagetätigkeit tiefstapelte - immerhin war der junge Mann inzwischen im Osten inhaftiert worden. Keele bekannte selbst, mit seinen Thesen "auf sehr dünnem exegetischem Eis" zu schlittern.
Zugleich wurde eine wirkliche Entdeckung heruntergespielt: Tatsächlich wurden die im Roman "Uns geht's ja noch gold" erwähnten Frachtbriefe weder von Walter Kempowski noch von seinem Bruder jemals den Amerikanern übergeben.
Warum aber bat dann Kempowski den Germanisten 1982, als der ihn über seine Funde informiert hatte, alles erst nach seinem Tod zu veröffentlichen?
Dafür präsentierte Keele eine plausible Erklärung. Als die Brüder Kempowski nach ihrer Haftentlassung 1956 im Westen befragt wurden, ob es irgendwelche Geheimdienstkontakte gegeben habe, machten sie unterschiedliche Angaben. Walter schrieb "Ja". Robert Kempowski dagegen, der heute in einem Berliner Altersheim lebt und nicht mehr befragt werden kann, antwortete damals mit "Nein" - eine Falschaussage, wegen der er hätte Schwierigkeiten bekommen können. Der Schriftsteller wollte den Bruder durch das Hinauszögern der Veröffentlichung offenbar schützen.
Im Übrigen konnte Walter Kempowski sich genau ausmalen, wie ihn das linke "juste milieu" der Bundesrepublik attackiert hätte, wenn er als amerikanischer Spion gebrandmarkt worden wäre. Neu bewertet werden aber muss nichts im Fall des bedeutenden Schriftstellers Walter Kempowski. Ein gefährlicher Spion, der aus dem Westen kam, ist er nie gewesen.
VOLKER HAGE
Von Volker Hage

DER SPIEGEL 20/2009
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