11.05.2009

„Du kannst dein Leben ändern“

Nahaufnahme: Wie ein ehemaliges Kreuzberger Gang-Mitglied seinen Ghetto-Mythos in eine Modemarke verwandelt hat
Sinan Tosun residiert da, wo Berlin hart und kaputt ist. Am Kottbusser Tor, etwas abgelegen und so unauffällig plaziert, dass nur Eingeweihte und Hartnäckige seinen Laden finden. Tosun verkauft hier T-Shirts, Trainingshosen und Kapuzenjacken. Nicht irgendwelche, sondern solche aus seiner eigenen Kollektion "36 Boys". Der Laden besteht aus nicht viel mehr als weißen Regalen, Neonlicht und klapprigen runden Kleiderkarussells.
Aber es geht hier auch nicht in erster Linie um die Mode. Es geht um Kreuzberg. Um HipHop. Und um die 36 Boys. So hieß die türkische Jugendgang, die in den späten achtziger Jahren zu einer der meistgefürchteten von ganz Berlin aufstieg. Tosun, gebürtiger Kreuzberger, hat sie mitgegründet, er war einer ihrer Köpfe.
Man könnte sagen, Tosun verkauft hier seine Vergangenheit. Und den Mythos der 36 Boys.
Er macht das sehr gut. Wer immer den Laden betritt, blasse Jungs mit Bartflaum, Großfamilien mit der Oma im Schlepptau oder coole Typen, die sich MC.Rex oder Killa Hakan nennen - Tosun empfängt sie alle gleich freundlich. Mal mit "Ey, was geht?", mal mit "Inschallah".
Er ist 36, ein wendiger, muskulöser Typ, einer von denen, die schlecht stillhalten können. Ein leichtes Wippen auf den Zehenspitzen, immer auf dem Sprung sein. Er spricht das typische Kreuzkölln-Deutsch so vieler Migrantenkinder: hohes Tempo, wenige Artikel, viele "sch"-Endungen. Tosun springt zwischen Deutsch und Türkisch hin und her, redet viel, bietet Instant-Mokka an, telefoniert, hat alles im Griff.
Und er hat Erfolg. Das Label "36 Boys" und der gleichnamige Laden erleben gerade ihren Aufstieg in der Szene, getragen von einem Trend, der seit einigen Jahren Berliner Mode als eigenen Look feiert.
Das hätte sich vor zwei Jahrzehnten niemand im Traum vorstellen können. Die 36 Boys benannten sich nach ihrem Heimatstadtteil Kreuzberg im alten Postzustellbezirk Südost 36, kämpften gegen West-Berliner Skinheads und um die Vorherrschaft auf der Straße. Sie galten als schnell, gefährlich und gewaltbereit. Als Tosun mit seinem Bruder die Gang gründete, war er 15, eines von fünf Kindern. Der Vater ein Migrant der ersten Generation, der in den sechziger Jahren als Zimmermann aus der Türkei nach Deutschland gekommen war. Er passte sich an, trainierte eine Fußballmannschaft, lebte ein ruhiges Leben.
Die Söhne wollten es anders. "Wir mussten ja unser Territorium verteidigen", sagt Tosun. "Na klar haben wir auch Scheiße gebaut. Aber wenn man jung ist, da versteht man das ja nicht. Wir waren eine Familie, wir haben alles zusammen gemacht. Musik, Breakdance, Graffiti, Kickboxen." Über die Schlägereien, die Messer spricht er nicht. Irgendwann in dieser Zeit tauchte auch die "36" zum ersten Mal als Logo auf, wie ein Graffito auf Jacken und Shirts gesprüht. "Ich hatte eine Bomberjacke mit unserem Zeichen. Aber einer von den Älteren kam und hat sie mir abgezogen. Er sagte: Du bist nicht 36. Diese Zahl musst du dir erst verdienen."
Ein 36 Boy zu sein, das war für Jungs wie Sinan ein Spiel um Ehre und Männlichkeit. Für die Behörden waren es Fälle von Sachbeschädigung und Körperverletzung, unerlaubtem Waffenbesitz und Diebstahl. Nicht alle Gang-Mitglieder haben es geschafft, sich vom Gesetz der Straße zu verabschieden. "Manche von uns sind auf Drogen oder im Knast. Das ist traurig. Aber die meisten machen gute Sachen", behauptet Tosun.
Tatsächlich sind unter den ehemaligen Angehörigen der 36 Boys heute Rapper, Musikproduzenten, Künstler, ein Regisseur.
Auch der Sternekoch Tim Raue steht auf
dieser Liste, er gehörte als einziger Deutscher zur Gang. Und Sinans Bruder Muci, der Welt- und Europameister im Kickboxen war. Für Tosun sind das Beweise, "dass du dein Leben auch ändern kannst, wenn du es wirklich willst". Für ihn selbst sah es eine Weile lang nicht so gut aus.
Er jobbte, landete schließlich als Fitnesstrainer in einer Sportschule. Und weil dort nicht allein das Outfit, sondern auch die Geschichte dahinter zählt, kam ihm eines Tages die Idee, aus seiner eigenen Biografie etwas zu machen. Sein Bruder Muci schoss 1000 Euro vor, davon haben sie die ersten T-Shirts und Hoodies, also Kapuzenpullis, gekauft und mit ihrem Logo bedruckt. Es war ein Experiment, das kaum schiefgehen konnte. Die Zielgruppe, das waren die Kids aus dem Kiez. Die Jüngeren, die vom Ruhm der Gang profitieren wollten, am besten, ohne sich selbst eine blutige Nase zu holen. Wer dazugehört hat, ist für viele hier immer noch ein Held.
Die ersten Entwürfe verkauften sich unter der Hand und über die Sportschule. Nicht lange, und man konnte die stilisierte "36" auch außerhalb von Kreuzberg und Neukölln sehen. HipHopper und Rapper wollten die Entwürfe, Teenager aus Westdeutschland auch. Ende 2007 eröffneten die Tosun-Brüder den Laden am Kottbusser Tor, und seitdem hat Sinan Tosun kaum eine freie Minute. Eine Kinderkollektion haben sie entworfen und eine "für die Girls".
"Aber weißt du, wenn so ein Kid extra aus Köln zu mir in den Laden kommt, um einen Hoodie zu kaufen, das macht mich wirklich stolz", sagt Tosun mit Augenaufschlag. Er weiß, dass diese Kids in den Kapuzenpullis weniger das Kleidungsstück als eine Sehnsucht suchen. Denn die gleichen Sachen gibt es ohne Aufdruck in jedem Sportgeschäft. Erst die verschiedenen Variationen der "36" - mal als Würfel, mal als Rapport am Ärmel, kombiniert mit den richtigen Turnschuhen und etwas Ghetto-Gold - verschaffen ihnen ihren Wert. Und man muss die Geschichte hinter der Zahl kennen, um ihre Bedeutung zu verstehen. "Unsere Sachen erzählen davon, wo wir herkommen und wer wir sind." SILJA UKENA
* Vor seinem Modegeschäft in Berlin-Kreuzberg.
Von Silja Ukena

DER SPIEGEL 20/2009
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