18.05.2009

Titel

Der dunkle Kontinent

Von Bönisch, Georg; Friedmann, Jan; Meyer, Cordula; Sontheimer, Michael; Wiegrefe, Klaus

Die Deutschen sind für den Holocaust, die industriell betriebene Massentötung der Juden, verantwortlich. Weitgehend unbeachtet blieb bisher, dass Hitlers Schergen auch im Ausland willige Helfer hatten - wie den KZ-Aufseher John Demjanjuk, dem nun der Prozess gemacht werden soll.

Hier, im Land der Täter, war er schon einmal. Und hier erlebte er, wie dieses Land zusammenbrach. Damals war er 25, mit Vornamen hieß er Iwan, noch nicht John.

Iwan Demjanjuk hatte als Wachmann bis kurz vor Kriegsende Dienst geschoben im KZ Flossenbürg, abkommandiert aus dem SS-Vernichtungslager in Sobibór im heutigen Polen, einer der Dunkelkammern der Geschichte. Er war Ukrainer, er war ein Trawniki, so hießen etwa 5000 jener Männer, die dem Nazi-Regime halfen beim staatlich angeordneten Jahrtausendverbrechen - der Vernichtung aller Juden in Europa, der "Endlösung".

Er war mit dabei, wenn auch nur ganz unten.

Sieben Jahre lang blieb Iwan Demjanjuk im neuen Deutschland, ehe er 1952 von Bremerhaven aus mit Frau und Tochter an Bord der "General Haan" in die Vereinigten Staaten übersetzte, dort nannte er sich John. Und ließ hinter sich eine Zeit als vermeintlich Versprengter, als Heimatloser, als Hilfsbedürftiger. Die angloamerikanischen Sieger des Krieges nannten solche Menschen "Displaced Persons", DP.

DP Demjanjuk hatte in Landshut und in Regensburg gelebt, wo er anheuerte bei der U. S. Army. In Ulm, Ellwangen, Bad Reichenhall - schließlich in Feldafing am Starnberger See. Und weil Feldafing zum Landgerichtsbezirk München gehört, sitzt er seit seiner Abschiebung aus den USA in der vergangenen Woche im Gefängnis Stadelheim ein, in einer Zelle in der Krankenstation, 24 Quadratmeter groß, für normale Knastverhältnisse somit äußerst geräumig.

Es war ein juristisches Tauziehen über Monate hinweg, Demjanjuk hatte die Gerichte in Deutschland bemüht und sämtliche Instanzen in seiner langjährigen Heimat, den USA. Fernsehbilder zeigten ihn als scheinbar kranken, leidenden Mann, Faktor Mitleid.

Als ihm am Dienstag vergangener Woche dann der Haftbefehl verkündet wurde, habe er "nur genickt", sagt sein Pflichtverteidiger Günther Maull, Demjanjuk weiß also Bescheid. Der Vorwurf wiegt schwer: Beihilfe zum Mord an mindestens 29 000 Juden in Sobibór; was er in Flossenbürg tat, spielt da schon keine Rolle mehr. Und so wird es auch in der Anklageschrift stehen, die alsbald vorliegen soll und über die das Schwurgericht vielleicht noch im Spätsommer verhandeln könnte - falls Demjanjuk gesundheitlich überhaupt dazu in der Lage ist, schließlich geht der Mann auf die 90 zu.

Zeugen werden dabei auftreten, allerdings keine, die ihn als Täter identifizieren könnten. Beweise sind nur in den Akten zu finden, und die Belege wiegen schwer. So hat zweimal, 1949 und 1979, der inzwischen verstorbene ehemalige Trawniki Ignat Daniltschenko bekundet, Demjanjuk sei ein "erfahrener und effizienter Wachmann" gewesen, der Juden in die Gaskammer getrieben habe - "das war tägliche Arbeit".

All dies hat Demjanjuk immer verneint. Nie sei er in Flossenbürg gewesen, nie im Lager Sobibór, nie habe er Menschen ins Gas geprügelt. In seiner Taktik des Abstreitens unterscheidet sich der Ex-Amerikaner nicht von den vielen anderen Angeklagten, die sich nach 1945 vor Gerichten verantworten mussten. Und dennoch ist jetzt schon klar, dass das letzte große NS-Verfahren auf deutschem Boden ein ganz außergewöhnliches sein wird.

Denn mit diesem Beschuldigten geraten erstmals die ausländischen Täter in den Fokus der Weltöffentlichkeit, also jene Männer, denen bislang erstaunlicherweise wenig Beachtung geschenkt wurde: ukrainische Gendarmen und lettische Hilfspolizisten, rumänische Soldaten oder ungarische Eisenbahner. Auch polnische Bauern, niederländische Katasterbeamte, französische Bürgermeister, norwegische Minister, italienische Soldaten - sie haben alle mitgemacht bei dem Verbrechen schlechthin, dem Holocaust.

Auf über 200 000 schätzen Experten wie Dieter Pohl vom Institut für Zeitgeschichte die Zahl der Nichtdeutschen, die die "Mordaktionen vorbereiteten, durchführten und unterstützten" - ungefähr genauso viele wie Deutsche und Österreicher. Und oft standen sie Hitlers Schergen an Grausamkeit in nichts nach.

Am 27. Juni 1941, ein Beispiel nur, kam ein Oberst im Stab der Heeresgruppe Nord im litauischen Kaunas an einer Tankstelle vorbei, die von einer dichten Menschenmenge umlagert war. Bravorufe, Händeklatschen; Mütter hoben ihre Kinder hoch, damit diese besser sehen konnten. Der Offizier trat näher und schrieb auf, was er sah:

"Auf dem betonierten Vorplatz stand ein mittelgroßer, blonder und etwa 25-jähriger Mann, der sich gerade ausruhend auf einen armdicken Holzprügel stützte, der ihm bis zur Brust reichte. Zu seinen Füßen lagen 15, 20 Tote oder Sterbende. Aus einem Schlauch floss ständig Wasser und spülte das vergossene Blut in einen Gully."

Der Soldat weiter: "Nur wenige Schritte hinter diesem Manne standen etwa 20 Männer, die - von einigen bewaffneten Zivilisten bewacht - in stummer Ergebenheit auf ihre grausame Hinrichtung warteten. Auf einen kurzen Wink trat dann der Nächste schweigend vor und wurde ... mit dem Holzknüppel zu Tode geprügelt, wobei jeder Schlag von begeisterten Zurufen seitens der Zuschauer begleitet wurde."

Als alle tot am Boden lagen, ermordet, stieg der blonde Mörder auf den Leichenberg und spielte Ziehharmonika. Seine Zuschauer sangen Litauens Hymne, so, als wäre diese Mordorgie ein nationales Ereignis.

Wie konnte so etwas geschehen? Diese Frage richtet sich längst nicht mehr ausschließlich an die Deutschen, deren zentrale Verantwortung für das Grauen unbestritten ist - sondern an die Täter aller Länder.

Was etwa brachte den rumänischen Diktator Ion Antonescu und seine Generäle, Soldaten, Beamte, Bauern dazu, wohl 200 000 Juden (möglicherweise sogar die doppelte Zahl) zu ermorden - "aus eigenem Antrieb", wie der Historiker Armin Heinen formuliert. Wie lässt sich erklären, dass baltische Todesschwadronen im deutschen Auftrag in Lettland, Litauen, Weißrussland und der Ukraine zuschlugen?

Und warum fiel es den deutschen Einsatzgruppen zwischen Warschau und Minsk derart leicht, die nichtjüdische Bevölkerung zu Pogromen anzustacheln?

Völlig unstrittig ist, dass es ohne Hitler, SS-Chef Heinrich Himmler und die vielen, vielen anderen deutschen Volksgenossen den Holocaust nie gegeben hätte.

Gewiss ist allerdings auch, "dass die Deutschen den millionenfachen Mord an den europäischen Juden nicht allein hätten bewerkstelligen können", konstatiert der Hamburger Historiker Michael Wildt.

Es ist eine Erkenntnis, an der viele Davongekommene nie gezweifelt haben. Als in München 1947 der Verband der überlebenden litauischen Juden zusammenkam, verabschiedete er eine Resolution, die einen eindeutigen Titel trug: "Über die Schuld eines breiten Teils des litauischen Volkes an der Ermordung der Juden Litauens".

Im "Dritten Reich" mit seiner gutfunktionierenden Verwaltung waren Juden über Jahre hinweg erfasst worden. Aber in den von der Wehrmacht eroberten Gebieten brauchten Hitlers Schergen Informationen, wie sie beispielsweise in den Niederlanden die Einwohnermeldeämter

lieferten, deren Mitarbeiter sich große Mühe gaben, ein exaktes "Judenregister" zu erstellen.

Und wie hätten SS und Polizei in den Städten Osteuropas mit ihren vielen Ethnien Juden aufspüren können ohne Unterstützung der Einheimischen? Nur wenige Deutsche seien in der Lage gewesen, "einen Juden in einer Menschenmenge zu erkennen", erinnert sich Thomas Blatt, ein Überlebender von Sobibór, der als Nebenkläger in einem Prozess gegen Demjanjuk auftreten will.

Blatt war damals ein Junge mit blondem Haar, er versuchte, in seinem polnischen Heimatort Izbica als Christenkind durchzugehen. Er trug keinen gelben Stern und gab sich selbstbewusst, wenn er Uniformierte traf. Doch mehrmals wurde er verraten - die Deutschen zahlten dafür - und entkam stets nur mit viel Glück.

Das Denunziantentum kam in Polen so häufig vor, dass sich für bezahlte Tippgeber ein besonderer Begriff einbürgerte: "Szmalcowniki" (womit ursprünglich Hehler bezeichnet wurden). Bedrückend oft kannten Täter und Opfer einander. Und während sich Franzosen, Niederländer oder Belgier der Illusion hingeben konnten, die irgendwohin in den Osten deportierten Juden aus Paris, Rotterdam oder Brüssel würden schon zurechtkommen, sprach sich zwischen Weichsel und Bug herum, was die Menschen in Auschwitz oder Treblinka erwartete.

Sicher, ohne große Mühen finden sich auch zahlreiche Gegenbeispiele. So klagte ein hoher Offizier der Einsatzgruppe C (verantwortlich für den Mord an mehr als 100 000 Menschen), dass den Ukrainern "ein ausgesprochener Antisemitismus aus rassischen oder ideellen Gründen" fremd sei: "Für eine Judenverfolgung fehlen die Führer und der geistige Schwung."

Und wie die kürzlich verfilmte Biografie des Literaturkritikers Marcel Reich-Ranicki zeigt, hat dieser die deutsche Besatzungszeit am Rande von Warschau überlebt, weil ein polnischer Schriftsetzer alles riskierte und ihn und seine Frau versteckte. Ranickis Eltern und sein Bruder hatten nicht dieses Glück. Historiker Feliks Tych schätzt die Zahl der Polen, die - ohne Gegenleistung - Juden retteten, auf 125 000.

Aber was belegen solche Beispiele mehr als die Erkenntnis, dass die Täter stets eine kleine Minderheit der jeweiligen Bevölkerung darstellten?

Die Deutschen waren auf eine solche Minderheit angewiesen. Denn SS, Polizei und Wehrmacht fehlte es an Personal, um die riesigen Gebiete zu durchkämmen, in denen die NS-Führung alle Menschen jüdischer Herkunft umzubringen suchte. Schließlich galt es, zwischen der Bretagne und dem Kaukasus - einer Strecke von fast 4000 Kilometern - die Opfer zu erfassen, in entfernte Vernichtungslager zu deportieren oder vor Ort zu den Todesstätten zu treiben, Fluchten zu verhindern, Massengräber auszuheben oder ausheben zu lassen und dann das blutige Handwerk zu verrichten.

Natürlich hätten nur Hitler und seine Entourage oder die Wehrmacht den Holocaust stoppen können. Dies entkräftet freilich nicht das Argument, ohne die ausländischen Helfershelfer hätten Zigtausende, vielleicht sogar Millionen von den ungefähr sechs Millionen ermordeten Juden überlebt.

Auf den Killing Fields in Osteuropa kamen auf einen deutschen Polizisten bis zu zehn einheimische Hilfskräfte.

Ähnlich zeigte sich das Zahlenverhältnis in den Vernichtungslagern. Zwar nicht in Auschwitz, das fast ausschließlich von Deutschen betrieben wurde, wohl aber in Belzec (600 000 Tote), Treblinka (900 000 Tote) oder eben Demjanjuks Sobibór. Dort standen einer Handvoll SS-Angehöriger ungefähr 120 Trawnikis zur Seite.

Ohne diese hätten es die Deutschen "niemals geschafft", in Sobibór 250 000 Juden umzubringen, urteilt Ex-Häftling Blatt. Es waren die Trawnikis, die das Lager bewachten, alle Juden nach ihrer Ankunft aus den Waggons und von den Lastwagen trieben, sie in die Gaskammer prügelten.

Angesichts einer solchen unfassbaren Opferdimension drängen sich beunruhigende Fragen auf, und der Berliner Historiker Götz Aly hat sie schon vor einigen Jahren gestellt: Handelt es sich bei der sogenannten Endlösung der Judenfrage womöglich um ein "europäisches Projekt, das sich nicht allein aus den speziellen Voraussetzungen der deutschen Geschichte klären lässt"?

Ein endgültiges Urteil über die europäische Dimension des Holocaust mit sechs Millionen ermordeten Juden steht noch aus. Erst spät - da waren die meisten Täter bereits verstorben - haben Franzosen oder Italiener begonnen, diesen Teil ihrer Geschichte umfassend aufzuarbeiten; andere, wie die Ukrainer oder Litauer, tun sich bis heute schwer mit dieser Aufgabe, oder sie stehen wie Rumänien, Ungarn und Polen noch am Anfang.

Kein Wunder, seit 1945 sahen die von Hitlers Wehrmacht Überfallenen sich und ihre vielfach verwüsteten Länder als Opfer - was sie ja ohne jeden Zweifel sind mit den Hekatomben an Toten, die zur Hinterlassenschaft des "Dritten Reichs" zählen. Umso schmerzhafter fällt da das Eingeständnis, dass viele Landsleute den deutschen Tätern zur Hand gingen.

Im größten Umfang wohl die Letten, die nach den Recherchen des amerikanischen Historikers Raul Hilbergs die meisten Täter pro Kopf der Bevölkerung stellten. Am anderen Ende der Skala stehen die Dänen, die in der Holocaust-Gedenkstätte Jad Vaschem in Israel kollektiv geehrt werden. Als 1943 die Deportation der dänischen Juden anstand, halfen große Teile der Bevölkerung bei der Flucht nach Schweden oder versteckten die Verfolgten vor den deutschen Häschern. Von den ungefähr 7500 dänischen Juden überlebten 98 Prozent den Zweiten Weltkrieg; zum Vergleich: Von den niederländischen Juden schafften es gerade einmal 9 Prozent.

Stellt der Holocaust also womöglich nicht nur den Tiefpunkt der deutschen, "sondern eben auch der europäischen Geschichte" dar, wie der Wissenschaftler Aly sagt?

Immerhin, einige Erkenntnisse zu den nichtdeutschen Tätern liegen vor, und sie stehen quer zu vielem, was lange als gesicherte Kenntnis galt: Etwa dass ausländische Täter aus Befehlsnotstand handelten. Sicher - einheimische Helfer riskierten tatsächlich ihr Leben, wenn sie sich den deutschen Besatzern verweigerten. Das galt für die Polizeieinheiten und Verwaltungsbeamte in Westeuropa ebenso wie für die neugebildeten Hilfspolizeitruppen im Osten des Kontinents. Aber zur Wahrheit zählt in gleicher Weise, dass sich vielerorts Menschen ohne Not zum Dienst bei den Deutschen meldeten oder sich direkt am Verbrechen beteiligten.

Auch ist immer wieder behauptet worden, dass die Regierungen der mit Hitler verbündeten Länder keine andere Wahl hatten, als Juden den Deutschen auszuliefern. Stimmt ebenfalls nicht. Gerade die Balkanländer hatten vielmehr schnell begriffen, welchen Rang Hitler und seine Diplomaten der "Lösung der Judenfrage" einräumten - und versuchten ihre Mittäterschaft möglichst teuer zu verkaufen.

Begründete Zweifel mehren sich auch an der Vermutung, bei den Tätern handele es sich in besonderem Ausmaß um Sadisten. Wenn dem so wäre, müssten pathologische Fälle ja leicht zu finden sein. Etwa unter jenen gut 50 Litauern, die zum Rollkommando des SS-Obersturmführers Joachim Hamann zählten.

Bis zu fünfmal die Woche fuhren die Männer über die Dörfer, um Juden zu ermorden, insgesamt mehr als 60 000 Menschen. Und stets reichten einige Kisten Wodka aus, um die Tötungshemmung zu überwinden. Abends kehrte die Truppe nach Kaunas zurück - in der Regel volltrunken - und prahlte dann in der Kantine mit ihren Untaten.

Aber: Keiner der Litauer war vorher straffällig geworden; sie waren, glaubt der Historiker Knut Stang, "ganz und gar normal".

Nach dem Krieg kehrten fast überall die Mörder in den Alltag zurück. So, als wäre nichts geschehen. Auch Demjanjuk wurde nie auffällig, man schätzte ihn in Cleveland, Ohio, als netten Kollegen und freundlichen Nachbarn.

Wie bei den deutschen Tätern (SPIEGEL 11/2008) lässt sich bei deren Helfern kein eindeutiger Typus feststellen - ein besonders beunruhigender Befund der Forscher.

Unter den Mördern finden sich Katholiken und Protestanten, lebenslustige Südeuropäer und kühle Balten, glühende Rechtsextremisten und gefühlskalte Bürokraten, feingeistige Akademiker oder tumbe Proleten.

Ein Mann wie Viktor Arajs (1910 bis 1988) zählte dazu, studierter Jurist aus einer lettischen Bauernfamilie, der sich zeitweise den Kommunisten angeschlossen hatte und später für die Nazis mit seinem gut tausend Mann umfassenden Kommando mordend durch Osteuropa zog. Oder der Rumäne Generaru, Sohn eines Generals und Lagerkommandant im Ghetto Bersad in der heutigen Ukraine, der eines seiner Opfer an ein Motorrad binden ließ und dann Vollgas gab.

Und der Antisemitismus? In den dreißiger Jahren hatten dessen Anhänger überall in Europa Zulauf, weil die Umbrüche nach dem Ersten Weltkrieg und die Weltwirtschaftskrise die Menschen verunsicherten. Vor allem in Osteuropa war die Neigung groß, Juden zu Sündenböcken zu stempeln und sie als Konkurrenten auf dem Arbeitsmarkt auszuschließen.

In Ungarn durften Juden seit Ende der dreißiger Jahre öffentliche Ämter nicht mehr bekleiden und zahlreiche Berufe nicht mehr ausüben; Rumänien übernahm von sich aus die infamen Nürnberger Gesetze. In Polen begrenzten de facto viele Universitäten den Zugang für Juden.

Das Ausmaß des von Deutschland unabhängigen Judenhasses zeigt sich auch darin, dass der Mob in Polen noch nach Kriegsende 1945 mindestens 600, möglicherweise sogar Tausende Holocaust-Überlebende erschlug.

Dennoch scheint ein exzessiver Nationalismus der wichtigere Faktor gewesen zu sein, zumindest in Osteuropa. Denn viele träumten dort von einem Nationalstaat ohne Minderheiten. Das Ostjudentum bildete aus dieser Perspektive nur eine von mehreren Gruppen, die man loswerden wollte.

Während der Zweite Weltkrieg tobte, mordeten Kroaten daher nicht nur Juden, sondern - sogar in noch deutlich größerer Zahl - Serben. Polen und Litauer fielen übereinander her. Rumänen liquidierten auch Roma und Ukrainer.

Im Einzelnen lässt sich nur schwer bestimmen, was jemanden dazu brachte, Menschenleben auszulöschen. Häufig waren nationalistische Verblendung oder Antisemitismus wohl nur ein Vorwand. In Deutschland musste während des Krieges niemand hungern, in Osteuropa waren hingegen die Lebensumstände erbärmlich. "Für die Deutschen bedeuten 300 Juden 300 Feinde der Menschheit. Für die Litauer sind das 300 Hosen, 300 Paar Stiefel", beschrieb ein Zeitzeuge die allgemeine Gier nach der Habe der Opfer in kleinem Stil.

Und dann auch in großem Umfang: In Frankreich blieben 96 Prozent der arisierten Unternehmen in französischer Hand. Die ungarische Regierung konnte dank des den Juden abgepressten Vermögens das Rentensystem ausbauen und die Inflation bremsen.

Aber reichen solche Erklärungen aus, um die europäische Dimension des Holocausts zu erklären? Oder wird am Ende die Erkenntnis stehen, dass sich das Grauen in letzter Konsequenz einer Erklärung entzieht?

Hitlers Schergen rechneten jedenfalls von Anfang an fest mit der Unterstützung der Einheimischen. Reinhard Heydrich, Chef der Terrorzentrale Reichssicherheitshauptamt, gab beim Angriff auf die Sowjetunion 1941 seinen Männern Order, "Selbstreinigungsversuchen antikommunistischer oder auch antijüdischer Kreise in den neu zu besetzenden Gebieten keine Hindernisse" zu bereiten. Diese "Selbstreinigungsversuche" seien vielmehr "spurenlos auszulösen, zu intensivieren, wenn erforderlich in die richtigen Bahnen zu lenken".

Heydrichs Weisung bezog sich auf rechtsextreme Untergrundbewegungen in der Ukraine und dem Baltikum, die mit dem Vormarsch der Wehrmacht losschlagen sollten. Weite Teile Osteuropas waren damals von den Sowjets besetzt, nachdem Hitler und Stalin die Region 1939 unter sich aufgeteilt hatten.

Es lässt sich nicht mit letzter Gewissheit sagen, wie wichtig die Anstiftung durch deutsche Stellen im Einzelfall war. Vor und hinter der Front spielten sich jedenfalls im Sommer 1941 grauenhafte Szenen ab, etwa im ostpolnischen Jedwabne.

Mit nägelbeschlagenen Knüppeln und Rohren trieben dort ungefähr 40 katholische Polen am 10. Juli 1941 ihre jüdischen Nachbarn vor aller Augen auf dem Marktplatz zusammen, zwangen sie zum Tanzen, ermordeten einige sofort und sperrten alle anderen in eine Scheune, die sie dann in Brand steckten. Etwa 300 Männer, Frauen, Kinder starben, ohne dass jemand eingriff.

Der Fall Jedwabne sorgte im Jahr 2000 weltweit für Aufmerksamkeit, nachdem der polnische Historiker Jan Gross den Hergang aufgearbeitet hatte und viele Polen ihn als Nestbeschmutzer verunglimpften. Inzwischen hat eine polnische Historikerkommission die Untersuchung von Gross im Wesentlichen bestätigt und zudem die gesamte Region in den Blick genommen.

Und so ist heute ziemlich genau bekannt, was Menschen in Jedwabne und vielen anderen Orten 1941 zu Mördern werden ließ. Manchmal ging es um Geld. Einige Täter hatten offenbar Schulden bei Juden, derer sie sich durch das Verbrechen zu entledigen suchten. Vor allem aber scheint es sich bei den Pogromen um eine Art imaginäre Rache gehandelt zu haben.

Denn die Annahme, dass "die" Juden eine Art Basis für die sowjetische Herrschaft bildeten, zog weite Kreise, weil Kommunisten jüdischer Herkunft zeitweise in einigen Bereichen des sowjetischen Apparats überrepräsentiert waren. Die Täter machten daher "die" Juden für jene Verbrechen verantwortlich, welche die Sowjets in den Jahren der Besatzung Ostpolens zwischen 1939 und 1941 begangen hatten.

Stalins Geheimpolizei NKWD hatte nämlich im Baltikum, in Ostpolen und der Ukraine vermeintliche und tatsächliche Gegner des Regimes erschießen oder in den Gulag deportieren lassen. Als die deutschen Truppen vorrückten, hinterließen die Sowjets zwischen Ostsee und Karpaten eine zutiefst traumatisierte Gesellschaft - und vielerorts frische Massengräber.

Im galizischen Zloczów etwa waren die NKWD-Opfer im Obstgarten der Zitadelle verscharrt worden - wenige Tage bevor deutsche Einheiten den Ort besetzten.

Der Abiturient Shlomo Wolkowicz saß gerade mit einem Verwandten beim Frühstück, als ein SS-Mann und ein Ukrainer eintraten: "Ihr seid Juden, nicht wahr? Also kommt mit!"

Oben auf der Zitadelle mussten die Juden von Zloczów die Leichen der NKWD-Opfer aus einer Grube bergen und auf

Pferdewagen laden. Ukrainer haben die Körper dann auf dem Friedhof bestattet. Anschließend zwangen die Ukrainer Wolkowicz und die anderen Juden in die gerade geleerte Grube. SS-Leute feuerten mit Maschinengewehren in die Menge, bis sich niemand mehr bewegte. Wolkowicz stellte sich tot und überlebte.

So funktionierte vielerorts die Kooperation zwischen Deutschen und Polen, Ukrainern und Balten.

Vor allem Angehörige der NKWD-Opfer und überlebende NKWD-Häftlinge scheinen das Morden vorangetrieben zu haben. Aber auch litauische und polnische Kollaborateure - offenkundig, um vom eigenen Verhalten abzulenken.

Und da die Sowjets meist die Intelligenzija der Vorkriegszeit - Bürgermeister, Lokalpolitiker, Offiziere - liquidiert oder deportiert hatten, fehlte es an moralischen Autoritäten, die sich dem Mob in den Weg stellen konnten.

Der nun expandierende Krieg bedeutete gleichzeitig eine Radikalisierung der Vernichtungspolitik, und dies wiederum bedeutete: Mord um jeden Preis.

Hitler hatte den Holocaust offenbar nicht von vornherein durchgeplant, sondern er ging davon aus, die Juden in seinem Machtbereich nach einem Blitzsieg über die Sowjetunion in Richtung Osten abschieben zu können. Was dort - weit weg - mit ihnen geschehen sollte, blieb vorerst dahingestellt.

Doch im Herbst 1941 stockte der Vormarsch, und es stellte sich die Frage, was mit den Menschen geschehen sollte, die man bereits in Ghettos zusammengepfercht hatte, insbesondere in Polen. Viele Gauleiter, SS-Führer, Verwaltungschefs drängten darauf, ihre Gebiete "judenfrei" zu machen - also Liquidierung. Bald begann der Bau der Vernichtungslager, erst in Belzec, dann in Sobibór und Treblinka.

"Aktion Reinhardt" lautete der Tarnname für jenes gigantische Menschentötungsprogramm, mit dem ein Großteil der polnischen Juden, insgesamt 1,75 Millionen Menschen, ermordet wurde.

Die SS rekrutierte ihre Helfer bevorzugt unter Ukrainern und Volksdeutschen in Kriegsgefangenenlagern, in denen Rotarmisten wie Iwan Demjanjuk vor der Wahl standen, für die Deutschen zu töten oder selbst zu verhungern. Später stießen in zunehmendem Maße auch Freiwillige aus der Westukraine und aus Galizien zu der Truppe.

Die Männer mussten eine Erklärung unterschreiben, dass sie weder einer kommunistischen Organisation angehört hatten, noch Juden zu ihren Vorfahren zählten. Dann kamen sie nach Trawniki im Distrikt Lublin, wo sie auf dem Gelände einer ehemaligen Zuckerfabrik fit gemacht wurden für den Todesjob.

Man kann das Gelände heute noch besichtigen, eine Trikotagenfabrik produziert dort Unterwäsche. Die Wache steht noch, auch das Haus des SS-Kommandanten. Mitte 1943 waren in Trawniki 3700 Mann stationiert, sie trugen anfangs schwarzgefärbte Uniformen der polnischen Armee, später erdbraune, die angeblich belgischen Beständen entstammten.

Das Training für den Holocaust dauerte einige Wochen. Die SS-Männer zeigten den Neuankömmlingen, wie man Razzien durchführt und Häftlinge bewacht - gern am lebenden Objekt. Dann fuhr die Truppe in eine der Kleinstädte des Umlands und prügelte Juden aus den Häusern. Auch wurden Erschießungen im nahen Wald durchgeführt, offenbar um sich der Loyalität der Neuen zu versichern.

Anfangs wurden die Trawnikis beim Objektschutz eingesetzt, vor allem sollten sie Nachschubdepots vor Plünderern und Partisanen schützen. Dann setzten ihre deutschen Chefs sie ein bei der Räumung der Ghettos in Lemberg und Lublin, wo sie sich am Zusammentreiben der jüdischen Opfer mit unnachsichtiger Härte beteiligten.

Und schließlich - in den Vernichtungslagern - funktionierten die Erfüllungsgehilfen rund um die Uhr, in Acht-Stunden-Schichten. "Jeder sprang da ein, wo er gerade benötigt wurde", sagte ein Oberscharführer der SS später. Alles hätte wie "ein Uhrwerk funktioniert".

Wirklich alles? Wissenschaftler schätzen, dass sich ein Drittel der Trawnikis trotz der Strafen absetzte, die ihnen dafür drohten. Manche kostete es sogar das Leben.

Und die anderen? Warum versuchten sie nicht, der Tötungsmaschine zu entkommen? Warum nicht Demjanjuk?

Ließ er sich wie viele andere vom Gefühl korrumpieren, "totale Macht über andere erlangt zu haben" (Historiker Pohl)? War es einmal mehr die Aussicht auf Beute? In Belzec und Sobibór trieben die Trawnikis einen regen Tauschhandel mit den Einwohnern der umliegenden Dörfer oder besuchten eifrig die örtlichen Bordelle. Bezahlt wurde mit Dingen, die sie den Häftlingen abnahmen.

Vielleicht ging es sogar um noch etwas anderes, noch Irritierenderes, das tief in der Psyche wohl vieler Menschen steckt: Nämlich Anweisungen von Autoritäten selbst dann Folge zu leisten, wenn sich das Gewissen eigentlich dagegen auflehnt. Also Gehorsamsbereitschaft, und zwar bis zum Letzten.

Um ein solches Verhalten zu erklären, hat viel später, 1961, der US-amerikanische Psychologe Stanley Milgram ein hochinteressantes Experiment durchgeführt. Probanden wurde der Eindruck vermittelt, sie seien "Lehrer" und müssten mit einem "Schüler", der im Nachbarraum saß (und eingeweiht war), einen Lerntest durchführen. Es ging um Banales, die korrekte Zusammensetzung von Wortpaaren.

Gab der "Schüler" falsche Antworten, dann sollte ihn der Proband mit immer stärker werdenden Stromstößen bestrafen. Zögerte dieser, drängte ihn der Versuchsleiter weiterzumachen. Und obschon der Proband das (simulierte) Schreien des "Schülers" hören konnte, stoppten fast zwei Drittel der Versuchspersonen nicht die vermeintliche Quälerei - sie steigerten die Stärke der virtuellen Stromstöße bis zur Endstufe, bei der der Tod des "Schülers" befürchtet werden musste.

Ein verstörendes Experiment, und doch in einer Hinsicht mit scheinbar beruhigenden Ergebnissen. Die Vorstellung, dass sich das Grauen durch den Mechanismus von Befehl und Gehorsam erklären lässt, legt ja den Umkehrschluss nahe, ohne Befehle würden entsprechende Verbrechen ausbleiben. In bestimmten Konstellationen genügt es offenbar, einen rechtsfreien Raum zu schaffen und eine Gruppe zu stigmatisieren. Nichtdeutsche Täter zeigen sich dann in ähnlicher Weise jener brutalen Sachrationalität zugänglich, die auch auf Nazi-Seite den Fortgang des Verbrechens bestimmte.

Den Beweis lieferten die Rumänen in der Gegend um Odessa am Schwarzen Meer, die unter rumänischer Verwaltung stand. 350 000 aus Rumänien abgeschobene Juden fristeten dort im bitterkalten Winter 1941/42 in Ghettos und Lagern ihr Dasein, weil sich aufgrund der Frontlage der Plan zerschlagen hatte, sie weiter Richtung Osten zu transportieren.

Bald brachen Seuchen aus. Etwas musste geschehen.

Ein deutscher Berater unterbreitete wohl den Vorschlag, die Juden einfach umzubringen. Die Rumänen machten sich das zu eigen, und eine "internationale Brigade von Henkersknechten" (Historiker Heinen) exekutierte den Massenmord an Zehntausenden: rumänische Gendarmen, ukrainische Polizisten, volksdeutsche Milizionäre und örtliche Freiwillige.

Sie sperrten Alte und Bettlägerige in Ställe, übergossen diese mit Benzin und steckten sie an. Wer noch laufen konnte, wurde in den Wald getrieben und dort exekutiert.

Für die Nationalsozialisten gab es zu diesem Zeitpunkt schon längst kein Zurück mehr, und sie wollten auch nicht zurück zu jener Zivilisation, für die sie nur Hohn und Verachtung übrighatten.

Die Inkarnation des Bösen - das sahen Erlösungsantisemiten wie Hitler oder Himmler im Judentum, das es daher zu vernichten galt, so rasch wie möglich. "Die Völkerwanderung der Juden werden wir in einem Jahr bestimmt fertig haben; dann wandert keiner mehr", verkündete Himmler im Sommer 1942.

"Völkerwanderung" zählte zu jenen Tarnwörtern, hinter denen die Nazis ihr Tun zu verbergen suchten.

Nun hielten aber die Truppen der Wehrmacht nicht ganz Europa gleichermaßen unter der Knute. Außerhalb des "Dritten Reichs" und der besetzten Gebiete benötigten die Deutschen bei ihrem monströsen Mordprojekt die Hilfe ausländischer Regierungen - im Westen wie im Süden und Südosten Europas (siehe Grafik Seite 84).

Doch solange Hitlers Truppen siegten, schien den braunen Horden die Zukunft zu gehören. Und so lange fanden seine Diplomaten in einem bis heute verstörenden Ausmaß Unterstützung, am meisten wohl bei Slowaken und Kroaten, denen der Diktator einen Staat geschenkt hatte.

Die kroatischen Ustascha-Faschisten errichteten eigene Konzentrationslager, in denen Juden "durch Typhus, Hunger, Erschießen, Folterung, Ertränken, Erstechen und Hammerschläge auf den Kopf" ums Leben kamen (Historiker Hilberg). Der Großteil der Juden in Kroatien starb durch kroatische Hand.

Höflich fragte das Berliner Auswärtige Amt in Zagreb an, was denn mit den wenigen im Deutschen Reich lebenden kroatischen Juden geschehen solle. Wolle die Regierung sie zurückholen? Oder könnten sie deportiert werden? Die kroatische Regierung zeigte sich dankbar angesichts dieser "Geste der deutschen Regierung" und erklärte sich mit der Deportation einverstanden.

Experte Hilberg, der sein Leben der Dokumentation des Holocaust gewidmet hat, sieht in diesem Vorgehen eine perfide Strategie der Deutschen, mit der sie die ausländischen Regierungen in die Kollaboration beim Massenmord verstrickten. "Bereits mit der Zustimmung zum Tod auch nur eines einzigen Opfers war die hemmende Schwelle überschritten", argumentiert er - und die "entscheidende Komplizenschaft" hergestellt worden. Hilberg: "Der Mörder eines einzigen Menschen ist um nichts weniger ein Mörder als der Mörder Tausender von Menschen."

Ende Juli 1942 befahl der kroatische Direktor für öffentliche Sicherheit, alle Juden müssten sich registrieren lassen. Keine zwei Wochen später verließ der erste Sonderzug der Reichsbahn mit 1200 Juden Zagreb, Endstation: Auschwitz.

Bei den Italienern, immerhin, schien der Antisemitismus nicht so tief verwurzelt, er war eher - aus Rücksichtnahme auf die Deutschen - staatlich verordnet. Deshalb blieb es kein Einzelfall, dass ein italienischer Militärkommandant in Mostar (im heutigen Bosnien) sich weigerte, Juden aus ihren Häusern zu jagen, weil solche Aktionen "mit der Ehre der italienischen Armee unvereinbar" seien. Fest steht jedoch auch, dass sich die Marionettenregierung Benito Mussolinis 1943 eifrig an der Judenverfolgung in Italien beteiligte. Über 9000 italienische Juden wurden in den Tod deportiert.

Die Nationalsozialisten hatten von allen verbündeten Regierungen erwartet, dass sie ihren Fahrplan für die Vernichtung übernehmen. Erster Schritt dabei war die amtliche Definition, wer Jude sei, so wie es das "Dritte Reich" in den Ausführungsbestimmungen der Nürnberger Gesetze vorgeführt hatte. Es folgten Berufsverbote, Sondersteuern, Enteignungen, der Entzug jeglicher Lebensgrundlage. Schließlich: Erfassung, Konzentrationslager, Ermordung.

Dies alles geschah so oder so ähnlich auch im Westen Europas, in den besetzten Ländern.

Hitlers Truppen hatten im Frühjahr 1940 die Nachbarn Deutschlands im Westen - Niederlande, Belgien, Luxemburg und Frankreich - binnen weniger Wochen überrollt. Ein Teil Frankreichs blieb zunächst unbesetzt, hier regierte jahrelang das den Nazis zugeneigte Vichy-Regime unter Marschall Philippe Pétain. Belgien war im Übrigen das erste okkupierte westliche Land, das jüdische Flüchtlinge, die aus Polen gekommen waren, zurückschickte, "unter dem Vorwand der Repatriierung", schreibt die Historikerin Juliane Wetzel.

Dennoch arbeitete die belgische Zivilverwaltung, so gut es eben ging, gegen die Besatzer. Flämische SS-Leute hingegen, Freiwillige, die im Durchgangslager Mechelen eingesetzt waren, zeichneten sich schnell als willfährige Handlanger des Holocaust aus. Sie seien "vielleicht noch gemeiner" gewesen als "die deutsche SS", erinnerte sich der Berliner Hans Cohn, der sich 1939 nach Belgien abgesetzt hatte. "Denn die hatten sich verkauft, und wenn sich jemand verkauft, dann ist er noch schlimmer als die, die ihn bezahlen."

Etwa 29 000 Juden aus Belgien wurden ermordet, unter ihnen mindestens 1000, die die belgische Staatsbürgerschaft besaßen, etliche waren denunziert worden gegen Bares. "Die Deutschen hatten überall Spitzel", berichtete Cohn, "bezahlte Spitzel."

Und dieses Prinzip des Anschwärzens geriet zum System, auch in den Niederlanden und in Frankreich. Genau wie der vorauseilende Gehorsam lokaler Behörden, dem Vollzug des Massenmordes nicht störend im Wege zu stehen, sondern zu handeln. Außerdem galt die Ausrede, vom Schicksal dieser Menschen nichts geahnt, geschweige denn etwas gewusst zu haben.

So redeten Schreibtischtäter, willfährige Handlanger und Opportunisten; und tatsächlich wurden diese Kategorien von Tätern gerade in Frankreich oftmals geleugnet. Weil hier der Mythos waberte, ein ganzes Volk habe sich heroisch in der "Résistance" befunden, wie es General Charles de Gaulle definiert hatte, der spätere Staatspräsident.

Frankreich war im Wesentlichen zweigeteilt; etwa drei Fünftel des Landes hatten Hitlers Truppen okkupiert, der südliche Teil blieb bis November 1942 unbesetzt - er unterstand einer rechtsgerichteten Regierung, die in Vichy saß. Die erste Riesenrazzia fand Mitte Juli im besetzten Paris statt. Knapp 13 000 Juden, die keinen französischen Pass besaßen, wurden aus ihren Häusern geholt und zusammengetrieben - von einheimischen Polizisten.

Mindestens zwei Drittel der in den Tod geschickten Juden Frankreichs waren Ausländer. Das übrige Drittel: naturalisierte Franzosen, auch alteingesessene Bürger, und auf französischem Territorium geborene Kinder, etwa staatenloser Juden. Auch diese Kinder sollten "mit ins Reich abtransportiert" werden, Polizisten hätten "wiederholt den Wunsch zum Ausdruck gebracht", notierte im Juli 1942 ein Obersturmführer der SS. Die Kleinen sollten niemandem zur Last fallen. Das Ziel fast aller Züge: Auschwitz.

Eine eigens gebildete "Section anti-juive" konnte sich im okkupierten Teil bei exekutiven Maßnahmen aller Polizeieinheiten bedienen, viele Beamte, konstatierte der Politikwissenschaftler Alfred Grosser, seien für die Bürger durchweg "freundliche und vernünftige Leute" gewesen. "Wenn die einen vorluden, dann konnte das doch gar nicht tragisch sein. Dass die einen dann aber den Deutschen ausliefern würden, daran hat natürlich niemand gedacht."

Auslieferung - das war der sichere Tod. Und für den sorgten auch in Vichy-Frankreich französische Zivilisten, gierig auf eine Prämie, die die Besatzer dort ausgelobt hatten, um "versteckte und getarnte Juden" aufzuspüren. Geld dürfe "hierbei keine Rolle spielen", hieß es in einem Vermerk des Befehlshabers der Sicherheitspolizei, "Vorschlag: pro Jude 100 frs".

Die Vichy-Vasallen hatten anfangs auch gut kooperiert, bei ihnen gab es seit Oktober 1940 bereits ein Judenstatut, freiwillig, ohne deutschen Druck. Doch sie weigerten sich beständig, den NS-Besatzern französische Juden auszuliefern, und damit durchkreuzten sie schlussendlich das von den Deutschen geplante große Deportationsprogramm. Fast 76 000 Menschen wurden abtransportiert, kaum mehr als drei Prozent von Ihnen überlebten die Schoa. Wie viele dieser Opfer an die Nazis verraten worden waren, ist nicht bekannt.

Für die Niederlande allerdings gibt es eine Zahl, die das Ausmaß der Denunziation erahnen lässt. Denn hier existierte eine Behörde, die im Auftrag der NS-Invasoren Hab und Gut untergetauchter oder schon deportierter Juden auflistete - und deren Mitarbeiter auch Jagd auf versteckte Menschen machten.

Für jeden Juden, der dingfest gemacht werden konnte, zahlte die "Hausraterfassungsstelle", die dem "Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg, Hauptarbeitsgruppe Niederlande" zugeordnet war, 7,50 Gulden, das wären heute um die 40 Euro.

Der Publizist Ad van Liempt hat Akten ausgewertet und errechnet, dass allein in den Monaten März bis Juni des Jahres 1943 über 6800 Juden auf diese Weise aufgespürt werden konnten, mindestens 54 Personen, sagt er, hätten sich "einmal oder mehrmals" an dieser Jagd beteiligt. "Die meisten von ihnen machten dies monatelang zu ihrem Hauptberuf."

Der Chef der Truppe hieß in jener Zeit Wim Henneicke, Autoschlosser von Beruf, Taxifahrer ohne Lizenz, offenbar kannte sich der 33-Jährige gut aus in der Amsterdamer Unterwelt. Er hatte sich ein umfangreiches Netzwerk an Informanten aufgebaut, die ihm Hinweise auf versteckte Juden zukommen ließen, schriftlich und telefonisch.

Rund 100 000 Juden aus den Niederlanden wurden im KZ ermordet, in Relation zur Zahl der jüdischen Bevölkerung viel mehr als in Belgien oder in Frankreich.

Männer wie Henneicke waren die kleinen Nutznießer des Systemwandels; die Großen verdienten Millionen an den Enteignungen der Juden und der Arisierung - der Stuttgarter Historiker Gerhard Hirschfeld listet sie auf: "niederländische Banken, Händler, Museen, sogar die Amsterdamer Börse".

Freilich, im Gegensatz zu Frankreich ging die juristische Abrechnung mit den "politischen, militärischen und ökonomischen Kollaborateuren", so beschreibt sie das Autorenteam Dick de Mildt/Joggli Meihuizen, nach Kriegsende schnell und konsequent voran. Im Sommer 1945 saßen etwa 100 000 von ihnen in 130 Internierungslagern, bis 1951 kamen 16 000 vor Gericht - die meisten wurden verurteilt.

Demjanjuk ist der andere Tätertypus, er gehört nicht zu den Kollaborateuren, nicht zu den Kopfgeldjägern, nicht zu den Polizisten, die alle fernab der Vernichtungsmaschinerie ihren Beitrag zur Auslöschung der Juden leisteten. Er war unmittelbar vor Ort; so sehen es die Staatsanwälte, so steht es im ausführlichen Haftbefehl.

In den nächsten Tagen werden Mediziner in Gutachten erklären, ob - und wie lange am Tag - gegen Hitlers wohl letzten noch lebenden Schergen aus Sobibór verhandelt werden könnte.

Es wäre gut, wenn Demjanjuk jetzt vor seine Richter treten müsste, heißt es auch aus der Bundesregierung. "Das sind wir den Opfern des Holocaust schuldig", sagt Vizekanzler Frank-Walter Steinmeier.

Diejenigen, die in den Lagern unter Trawnikis wie Demjanjuk litten, empfinden keinerlei Rachegefühle, wenn sie über ihn reden. Es reiche ihm, sagt der amerikanische Psychoanalytiker Jack Terry, wenn Demjanjuk "auch nur für einen Tag in einer Zelle hocken müsste", Terry saß als ganz junger Bursche im KZ Flossenbürg, als Demjanjuk dort Wache schob.

Und dem Sobibór-Überlebenden Thomas Blatt ist es "egal, ob er ins Gefängnis muss oder nicht, der Prozess ist mir wichtig. Ich will die Wahrheit".

Demjanjuk könnte Auskunft geben über Sobibór - und damit über die schreckliche Welt der Holocaust-Helfer.

GEORG BÖNISCH, JAN FRIEDMANN,

CORDULA MEYER, MICHAEL SONTHEIMER,

KLAUS WIEGREFE

* Mit Militärs bei einer Besprechung im Führerhauptquartier Wolfschanze 1942.* Plakat in kyrillischer Schrift, um 1943.* Im Krankenwagen bei der Ankunft im Gefängnis Stadelheim vergangene Woche.

DER SPIEGEL 21/2009
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Der dunkle Kontinent