Von Beste, Ralf; Gebauer, Matthias; Stark, Holger; Szandar, Alexander
General Abdulmajid Azimi sitzt auf einem Sofa in seinem Büro in Kunduz, auf dem Tisch vor ihm liegt eine Liste mit zehn afghanischen Namen. Azimi zeigt die Liste voller Stolz, er hat sie schon mit seinen deutschen Geheimdienstkollegen besprochen. Es sind die Namen mutmaßlicher Taliban-Anführer aus der Region Kunduz, sie sollen verantwortlich sein für die meisten Anschläge auf deutsche Soldaten. Zehn Namen, zehn Probleme. "Wenn wir diese Männer fangen oder töten könnten", sagt der General, "wäre schnell Ruhe in Kunduz."
Azimi schwitzt, obwohl es erst sieben Uhr morgens ist. Es ist heiß in Kunduz, 30 Grad Celsius zeigt das Thermometer, und der örtliche Chef des afghanischen Geheimdienstes NDS ist schon seit einer Stunde in seinem Büro; er zählt zu den wenigen verlässlichen Freunden der Deutschen in der Region.
Zusammen mit Bundeswehrsoldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) haben Azimis Kollegen vom NDS Anfang Mai einen spektakulären Fang gemacht. 60 Kilometer südöstlich von Faizabad haben sie einen der Taliban-Kommandeure durch das Gebirge gejagt, einen Mann namens Abdul Razeq, der mehrere Bombenanschläge angeordnet haben soll. Nach stundenlanger Verfolgungsjagd konnten sie Razeq festnehmen.
Es gehört zu den Gepflogenheiten in Kunduz, dass Taliban wie Abdul Razeq entweder vor einer solchen Operation eine Warnung der lokalen Behörden erhalten oder nach ihrer Festnahme auf wundersame Weise wieder entlassen werden, weil der zuständige Gouverneur ein gutes Wort einlegt. Doch diesmal kam es anders.
Die KSK-Männer gaben Razeq nicht aus der Hand, sie flogen ihn direkt nach Kabul. Die Elitesoldaten flogen mit einer Transall-Maschine in die afghanische Hauptstadt und lieferten Razeq bei einem Sonderstaatsanwalt des Geheimdienstes ab. Der deutsche Verteidigungsminister Franz Josef Jung (CDU) übergab seinem afghanischen Amtskollegen persönlich ein Dossier, das vor allem auf den Erkenntnissen des Bundesnachrichtendienstes (BND) beruht, der den Taliban-Kommandeur seit Monaten überwacht hatte. Damit soll Razeq auf Jahre im Gefängnis verschwinden, er soll ein Beispiel werden für den deutschen Weg im Umgang mit afghanischen Terroristen.
Die Festnahme des mutmaßlichen Drahtziehers mit Hilfe der KSK-Soldaten und der anschließende Transport nach Kabul waren sorgfältig inszeniert. Der Einsatz soll eine Demonstration der Stärke und eine Botschaft an afghanische Behörden wie Aufständische sein: Wir sind nicht länger bereit, uns auf der Nase herumtanzen zu lassen. Wer uns angreift, muss damit rechnen, verfolgt zu werden.
Seit Monaten ist eine Runde von Spitzenbeamten der Bundesregierung damit beschäftigt, eine Antwort auf die zunehmende Zahl von Anschlägen auf deutsche Soldaten in Afghanistan zu finden. Es geht um eine effizientere Sicherheitsstrategie für den Großraum Kunduz, den die Deutschen militärisch kontrollieren sollen und in dem gut 600 deutsche Soldaten stationiert sind.
Jung und die Kanzlerin, die erst im April zum Truppenbesuch am Hindukusch war, sind es leid, den Soldaten immer wieder erklären zu müssen, warum die Behörden zwar wissen, wer sie beschießt, dagegen aber wenig tun können.
32 deutsche Soldaten sind seit 2002 in Afghanistan gestorben, rund 30 Angriffe hat es allein seit Jahresanfang gegeben. Am Tag, an dem die Bundeswehr Abdul Razeq nach Kabul flog, musste Minister Jung einem 21-jährigen Soldaten aus Baden-Württemberg das letzte Geleit geben. Der Hauptgefreite war am 29. April während einer Patrouillenfahrt in einem heftigen Feuergefecht tödlich verletzt worden.
In Afghanistan wird derzeit Tag für Tag Jungs Satz widerlegt, wonach "wir dort nicht im Krieg sind, sondern in einem Stabilisierungseinsatz". Die Aufständischen, eine Schar aus Taliban, Paschtunen-Clans und Kriminellen, haben die Bundeswehr in eine zermürbende Auseinandersetzung gezogen, in der die Soldaten schießen, töten, sterben. Aus einem Konflikt, in dem die deutsche Armee Brücken bauen, Bäume pflanzen und für Sicherheit sorgen sollte, ist ein Krieg geworden, der auch dem politischen Ansatz der Bundesregierung gefährlich wird. Angela Merkel hat das zurückhaltende deutsche Engagement stets als Vorbild gepriesen - auch, um damit Forderungen der Amerikaner nach mehr militärischem Engagement abzuwehren.
Die Bilanz einer gewöhnlichen Woche Anfang Mai dokumentiert, wie ernst die Lage derzeit ist. Die internationale Schutztruppe Isaf wurde innerhalb von sechs Tagen in 138 Schusswechsel und Gefechte
verwickelt, Aufständische verübten 41 Sprengstoffanschläge und feuerten 57-mal mit Mörsern und Raketen. Der Krieg hat auch den einst friedlichen Norden Afghanistans erfasst, in dem es inzwischen ganze Landstriche gibt, in denen die Taliban faktisch die Kontrolle ausüben. Im Distrikt Chahar Darreh, einer Hochburg der Steinzeit-Islamisten, und in drei weiteren Gebieten wurden jüngst zehn Mädchenabteilungen von Schulen geschlossen, nachdem Drohbriefe die Schülerinnen und Lehrer abgeschreckt hatten. Die Schließung hat Symbolwert: Dass afghanische Mädchen wieder zur Schule gehen dürfen, war in Deutschland bislang eine der zugkräftigsten Begründungen für den Militäreinsatz.
Die Bestandsaufnahme ergibt ein düsteres Bild - und fordert die Frage heraus, wie mögliche Gegenstrategien aussehen können. Anders als die Amerikaner sind die Deutschen noch nicht bereit, ihre bisherige Strategie aufzugeben und sich an die mühevolle Bekämpfung des Aufstands von Dorf zu Dorf zu wagen. Seit Ende vergangenen Jahres treffen sich Spitzenbeamte regelmäßig im Verteidigungsministerium, auf Einladung von Peter Wichert, Staatssekretär bei Jung. Zu den Teilnehmern gehören Innenstaatssekretär August Hanning, ein Diplomat aus dem Auswärtigen Amt und BND-Vizepräsident Armin Hasenpusch. Die Kanzlerin schickt ihren Geheimdienstkoordinator Klaus-Dieter Fritsche.
Als Erstes besprach die Runde eine Erhöhung des Drucks, mit militärischen wie diplomatischen Mitteln. Als Problem gilt vor allem der Gouverneur der Provinz Kunduz, Mohammed Omar. Der BND hat Omar mehrfach dabei beobachtet, wie er lokalen Taliban-Größen vertrauliche Informationen weiter-
gab, er soll außerdem tief in den Drogenhandel verstrickt sein. Teile seiner Polizei stehen im Verdacht, Taliban-Sympathisanten zu sein. "Auf der einen Seite bilden wir afghanische Polizisten aus, auf der anderen Seite arbeiten sie gegen uns", klagt ein Berliner Spitzenbeamter. "Das kann so nicht weitergehen."
Ende Oktober vergangenen Jahres flogen die beiden Staatssekretäre Wichert und Hanning nach Kabul und baten im Palast von Präsident Hamid Karzai um eine Audienz. Im Gespräch mit Karzais Sicherheitsberater Zalmay Rassul wurden die Staatssekretäre deutlich: Man habe Rassul "mit der Frage konfrontiert, aus welchen Gründen bekannte Hintermänner der Anschläge auf deutsche Polizisten und Soldaten nicht zur Rechenschaft gezogen würden", heißt es in einem internen Vermerk der Delegation. Der Präsidentenberater habe versprochen, "auf die Einleitung notwendiger Schritte zu drängen".
Mittlerweile hat der deutsche Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) den Druck noch einmal verstärkt. Bei seinem Besuch in Kabul Ende April signalisierte er der Regierung, dass die Deutschen mit dem Provinzgouverneur nicht mehr zusammenarbeiten wollen. Ganz offen sagte Steinmeier dem afghanischen Innenminister Mohammed Hanif Atmar, man wünsche die Abberufung des Provinzfürsten.
Der Wunsch wird wohl demnächst in Erfüllung gehen. Omar werde noch in diesem Sommer ausgetauscht, signalisierten Karzais Leute den deutschen Diplomaten unlängst. Dann, das hofft die Bundesregierung, könne auch Teil zwei der Strategie aufgehen: die militärische Verfolgung der Hintermänner. Der Fall von Abdul Razeq gilt als Blaupause. Der BND soll in Afghanistan, so weit möglich, wie eine Polizeibehörde arbeiten und Beweise zusammenstellen, Gefangene will die Bundeswehr künftig immer nach Kabul fliegen.
Von fünf aktiven Terrorzellen im Raum Kunduz gehen die Bundeswehr und der BND derzeit aus. Auf einer seit 2007 geführten, den Isaf-Truppen übergebenen Wanted-Liste der deutschen Sicherheitsbehörden stehen rund zwei Dutzend Namen. Platz eins ist einem Mann vorbehalten, der in Nordafghanistan einen legendären Ruf besitzt: Mullah Salam.
Der Paschtune ist etwa 40 Jahre alt, ein neues Foto, das General Azimi präsentiert, zeigt einen milde lächelnden bärtigen Mann mit Geheimratsecken und einem Handy in der Hand. Es ist das erste Bild, das es von Salam gibt, es wird bald alle Fahndungsmappen zieren.
Der Mullah gilt als Hintermann fast aller Angriffe auf die Bundeswehr, er soll seine Anweisungen aus Pakistan bekommen, direkt von der Taliban-Führung. Er werde für jeden getöteten Afghanen Rache nehmen, "bis wir die Deutschen aus Kunduz und auch alle anderen Besatzer aus Afghanistan vertrieben haben", hat Salam vergangenes Jahr gegenüber dem SPIEGEL gedroht. KSK-Soldaten haben ihn bereits mehrfach gejagt, aber stets verpasst. Sein Name findet sich auch auf der "Joint Priority Effects List" der Isaf, im Soldatenjargon auch "Capture or kill"-Liste genannt. Wer auf dieser Liste steht, soll dingfest gemacht werden, tot oder lebendig.
Salams Männer beobachten genau, was sich in Kunduz tut. Die Festnahme von Abdul Razeq und eine weitere Operation des KSK mit der afghanischen Armee, bei der sieben Aufständische erschossen wurden, haben sich ebenso herumgesprochen wie diverse Zugriffe durch amerikanische Einheiten in Nordafghanistan. Die Taliban sind vorsichtiger geworden, Salam selbst soll sich nach Kandahar zurückgezogen haben, aber sein Stellvertreter ist noch in Kunduz, Mullah Shamsullah.
Der Paschtune empfängt in einem schmutzigen Hotelzimmer im Ariana Guesthouse, Mobiltelefone sind verboten. "Wenn ich mein Telefon benutzen würde", sagt er bei der Ankunft, "hätten sie mich innerhalb von wenigen Stunden entweder gefangen oder getötet". Sein Mund ist regungslos, aber die Augen verraten, wie sehr Shamsullah auf der Hut ist. Sein Name findet sich auf jener Top-10-Liste, die General Azimi führt. Neulich hatten sie Shamsullah schon einmal arrestiert, aber dank der Hilfe der Polizei kam er wieder frei. Er sagt, er wechsle jetzt aus Sicherheitsgründen jede Nacht seinen Schlafplatz, vor der Tür warten zwei seiner Männer und beäugen das Geschehen rund um das schäbige Hotel.
Auf maximal 15 Minuten ist das Treffen angesetzt, es wird dann doch länger. Shamsullah erzählt ungewöhnlich offen, wie strikt die Order von der Taliban-Führung aus dem pakistanischen Quetta sind, nur nicht nachzulassen im Kampf gegen die Deutschen. Er habe sich eigentlich nach Pakistan absetzen wollen, doch die Oberen der Taliban hätten die lokalen Kämpfer in den letzten Wochen stark unter Druck gesetzt, die Zahl der Anschläge zu erhöhen. "Viele von uns sind müde vom Kampf und der ständigen Jagd auf uns", sagt der Paschtune, "doch der Druck aus Pakistan ist extrem hoch."
Mullah Shamsullah ist zuständig für die Taliban-Hochburg Chahar Darreh, jenen Distrikt, in dem die realen Herrscher gegen die Mädchenschulen vorgehen. Wenn man so will, sind der Kommandeur der Taliban und der deutsche Außenminister Gegenspieler. Shamsullah und seine Leute haben in Kunduz eine Task-Force gegen die Mädchenschulen gegründet. Steinmeier hat in Berlin eine Task-Force gegründet, die darauf eine Antwort finden soll; sie ist Chefsache, doch bislang haben die Diplomaten keine Lösung gegen Shamsullahs Offensive parat.
Zu den Notmaßnahmen, die die Staatssekretäre bei ihren Treffen im Verteidigungsministerium beschlossen haben, zählt die Schaffung eines Stabilisierungsfonds für Chahar Darreh. Das Außen- und das Entwicklungsministerium haben eine halbe Million Euro bereitgestellt, um nach zu erwartenden Kämpfen für gute Stimmung bei den Dorfältesten zu sorgen. Das Geld ist für konkrete Aufbauprojekte gedacht, Schulen und andere öffentliche Einrichtungen können damit gebaut werden. Die Bauern sollen die Aufbauhilfe als eine Art informelle Entschädigung dafür bekommen, dass die Bundeswehr beim Kampf gegen die Taliban womöglich etwas kaputtmachen wird. Die Idee ist nicht schlecht, aber sie zeigt auch, wie hilflos die Bundesregierung derzeit in Afghanistan agiert.
Im deutschen Camp in Kunduz stellen sich die Soldaten ohnehin darauf ein, dass Notfallhilfen, diplomatischer Druck und militärische Härte keine entscheidende Entlastung bringen. Für rund 130 Millionen Euro hat die Bundeswehr bei der Rüstungsfirma Rheinmetall gerade zwei Abwehrsysteme bestellt, die aus jeweils sechs automatisch gesteuerten 35-Millimeter-Kanonen bestehen. Mit 1000 Schuss pro Minute, verspricht der Hersteller, können sie heranrasende Raketen "in der Luft zerstören, bevor sie ihr Ziel erreichen".
RALF BESTE, MATTHIAS GEBAUER,
HOLGER STARK, ALEXANDER SZANDAR
DER SPIEGEL 22 / 2009
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