25.05.2009

TitelVerrat vor dem Schuss

Die Bundesrepublik stürzt in eine neue Geschichtsdebatte. Der Polizist Karl-Heinz Kurras, der Benno Ohnesorg erschossen hat, war nicht etwa ein faschistoider Kopf. Er war Mitglied der SED und Agent der Stasi. Muss sich nun der Blick auf die Bewegung der 68er ändern?
Der Mann, der eine Schlüsselfigur der Bundesrepublik ist, lebt so manche Stunde seines Lebens in einem Keller. Eine Nachbarin erzählt, dass er dann hinter einer Stahltür sitze, Radio höre und trinke, bis er sich übergeben müsse. Seine Frau wolle ihn, wenn er trinkt, nicht so gern in der Wohnung haben.
Karl-Heinz Kurras hat am 2. Juni 1967 den Studenten Benno Ohnesorg erschossen. Damals begann die Revolte, die unter der Chiffre "68" zusammengefasst wird. Kurras ist heute 81 Jahre alt und wohnt seit über 20 Jahren in Berlin-Spandau.
Das Haus ist beige verputzt, hat fünf Etagen und rote Balkone. Kurras wird hier manchmal mit einer Gehhilfe auf Rollen gesehen, er schimpfe viel und laut, vor allem gegen Ausländer, erzählt die Nachbarin. Bis vor kurzem sei er jeden Sonntag von zwei Männern mit einem grauen Mercedes abgeholt worden, ehemaligen Kollegen, die mit ihm spazieren gefahren seien.
Was für Kollegen? Von der West-Berliner Polizei, für die Kurras lange gearbeitet hat? Oder von der Stasi, für die Kurras ebenfalls lange gearbeitet hat?
Es war eine Nachricht, die den Erinnerungsschatz der Bundesrepublik wie eine Rakete traf. Karl-Heinz Kurras, in dem die 68er den typischen Charakter eines bundesrepublikanischen Faschismus gesehen hatten, war bei der Stasi, war Mitglied der SED. Der Mann, der vermutlich unbedroht auf einen harmlosen Demonstranten geschossen hatte, war beseelt von sozialistischen Ideen.
Plötzlich fragen sich eine Menge Leute, ob sie das falsche Leben gelebt haben. Ob sie genauso gehandelt hätten, wäre ihnen bewusst gewesen, dass Kurras nicht braunen Träumen nachhing, sondern roten?
Es geht um ein ganz großes Datum der Bundesrepublik Deutschland. Der 2. Juni 1967 markiert nicht nur den Beginn von 68, es ist auch der Tag, auf den sich der rote Terror bezog. "Die Kugel aus der Knarre von diesem Kriminalbeamten Kurras, die Benno Ohnesorg tötete - die hat wirklich alles verändert", hat später Bommi Baumann gesagt, der selbst in den Terrorismus abgedriftet war.
Aber der 2. Juni ist auch der Tag, mit dem eine Renovierung der Bundesrepublik verknüpft wird, mehr Demokratie, mehr Rechte für Frauen, mehr Freiheiten. Und an diesem Tag klebt nun das hässliche Wort Stasi.
Wieder einmal haben die Archivare zugeschlagen und Deutschland aus seinen Gewissheiten gerissen, diesmal die Archivare der Birthler-Behörde, die die Stasi-Akten auswerten und durch einen Zufall auf Karl-Heinz Kurras stießen.
Als der spektakuläre Fund am Donnerstag vergangener Woche im "heutejournal" des ZDF und dann auf der Internet-Seite der "Frankfurter Allgemeinen" publik wurde, begann eine Revision der jüngsten Geschichte. Das schlimmste Szenario dabei: Hat die Stasi Kurras möglicherweise einen Mord eingeflüstert, um die Bundesrepublik in Aufruhr zu stürzen?
Er selbst dementiert alles. Sein Führungsoffizier starb schon 1989. Und der Berliner Verfassungsschutz kann nicht sagen, ob er jemals von Kurras' Stasi-Tätigkeit wusste. Die Akten sind nicht mehr da - was der Berliner Staatsanwaltschaft die Arbeit erschwert. Nach einer Anzeige gegen Kurras muss sie prüfen, ob neue Ermittlungen einzuleiten sind.
Gerd Koenen, einst maoistischer 68er und heute moderater Buchautor, kann sich zwar einen direkten Mordauftrag nicht vorstellen, doch "die DDR-Organe wollten zweifellos anheizen, und insofern hatte ein Agent in den Reihen der West-Berliner Polizei auf jeden Fall den Scharfmacher vom Dienst und den harten Hund zu machen, schon aus Selbstschutzgründen".
Die Akten geben einen Mordauftrag bislang nicht her. Doch auch so zeigt sich einmal mehr, wie lückenhaft, vorläufig und relativ ein Geschichtsbild ist. Wenn Kurras in der SED war, wer war dann eigentlich Alexander der Große, für den die Quellenlage mäßig ist? Oder Julius Cäsar?
Auch wenn Kurras keinen Mordauftrag hatte, wird die Bundesrepublik neu über sich nachdenken. Bislang wurde nicht angezweifelt, dass es sich bei Kurras um ein "potentiell faschistisches Individuum" handele, dem der Philosoph Theodor W. Adorno einen "autoritären Charakter" attestierte. Er bleibt der Todesschütze, aber er kann nicht mehr die Marionette eines potentiell faschistischen Staates genannt werden. Er war die Marionette eines sozialistischen Staates, die des autoritären Charakters gleichermaßen bedurfte. Womit sich mal wieder in einer Volte die Nähe der beiden Ideologien zeigt.
Und dann ist da noch die schöne Frage: Was wäre gewesen, hätten die Studenten bald erfahren, dass Kurras in der SED und bei der Stasi war? Wäre ein wichtiger Teil der deutschen Geschichte ausgefallen? Kein 68, keine studentische Rebellion, kein Terror der "Bewegung 2. Juni" und der RAF?
Es gibt nun zwei Versionen einer Waswäre-wenn-Bundesrepublik. Die Linken sehen ohne 68 ein immer noch verknöchertes, steifes Land, höchstens knapp demokratisch, frauenfeindlich, sexuell verklemmt. Die Rechten sehen ohne 68 ein Land mit mehr Kindern, besseren Schulen, besserem Benehmen.
Aber Geschichte wird nicht zurückgedreht, nur der Blick darauf ändert sich. Und die Gegenwart. Denn 68 hört ja nicht auf, lässt dieses Land nicht los. Die einschlägigen Gedenktage sind immer noch große Debattentermine, zuletzt "30 Jahre Deutscher Herbst" im Jahr 2007.
Nun geht schon die nächste Debatte los, und es wird schwerer für die Anhänger eines "guten" 68, so viel ist gewiss. Mit der Enthüllung über Kurras haben sie einen wichtigen Baustein ihrer Begründung für die Rebellion verloren. Er war nicht der, der er praktischerweise sein sollte.
Dass die Akte Kurras jetzt gefunden wurde, ist einem Zufall zu verdanken. Denn die Stasi-Offiziere hatten schon kurz nach dem Tod von Benno Ohnesorg, spätestens als sie die Akte im Januar 1970 ins Archiv gaben, die Spur zu den 17 Bänden in ihren Karteien vernichtet. Der Name Kurras wurde aus der Klarnamenkartei F16 entfernt, und auch in der IM-Kartei F22 konnte bisher keine Karte mit dem Hinweis auf ihn entdeckt werden. Mit dieser inneren Konspiration war selbst für die meisten Stasi-Mitarbeiter und -Abteilungen Ohnesorgs Todesschütze unauffindbar.
Eine Mitarbeiterin der Behörde, die eigentlich nach Mauertoten suchte, stieß kürzlich bei ihren Recherchen auf eine Aktensignatur, die lediglich das Kürzel "GH 2/70" trug. GH steht für "Geheime Ablage". Dies interessierte sie, daher ließ sie nach der Akte in den Regalen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) suchen. Zu Ihrer Überraschung bekam sie 17 Bände über einen West-IM und ging damit zum zuständigen Mitarbeiter, Helmut Müller-Enbergs, der den Fall nun an die Öffentlichkeit brachte.
Das zweite, geheime Leben des Karl-Heinz Kurras begann am 19. April 1955. An diesem Dienstag machte sich der damals 27-jährige Polizeimeister in den Ostteil der Stadt auf, zum Zentralkomitee der SED in der Wilhelm-Pieck-Straße. Er meldete sich an der Wache am Eingang und bat, mit "einem Vertreter der Staatssicherheit in Verbindung gebracht zu werden", wie in einem Tagesprotokoll nachzulesen ist. Ein Offizier der Abteilung IV nahm den Besucher in Empfang, "Selbststeller", wie solche Besucher bei der Stasi heißen, waren in jener Zeit nicht ungewöhnlich.
Kurras trug vor, er sei enttäuscht über die politische Entwicklung in West-Berlin und würde seine Arbeitskraft lieber für das in seinen Augen bessere Deutschland einsetzen. Doch sein Gesprächspartner sah für den Charlottenburger Schutzpolizisten sofort höhere Aufgaben. In einem langen Gespräch überzeugte er Kurras, dass er der DDR weit besser dienen könne, wenn er im Polizeidienst im Westen bliebe, als zukünftiger geheimer Informator der Staatssicherheit. Kurras versprach, Stillschweigen über den Besuch zu bewahren.
Das war der Ausgangspunkt für die Verpflichtung und weitere Zusammenarbeit mit ihm, heißt es dazu in den Akten.
Wenige Tage später, am 26. April 1955, traf sich Kurras mit dem Offizier ein zweites Mal in Ost-Berlin, diesmal setzte der Polizist in ordentlicher Schrift auf feinliniertem Papier seine Verpflichtungserklärung auf: "Trotzdem ich politisch unbeschult bin, bin ich der Meinung, dass der Weg des Ostens die richtige Politik verkörpert", schrieb er. "Um bei dieser Entwicklung mitzuhelfen, bin ich bereit, dem mir bekannten Vertreter für Staatssicherheit Vorkommnisse aus der Polizei wahrheitsgemäß zu berichten. Ich erkläre mich bereit, gegenüber jedermann hinsichtlich meiner Tätigkeit größtes Stillschweigen zu wahren. Ich werde meine Berichte mit dem Decknamen 'Otto Bohl' unterzeichnen. Karl-Heinz Kurras."
Das Ministerium für Staatssicherheit sah in dem jungen Polizisten von Anfang einen Agenten mit erheblichem Potential. Die Stasi-Offiziere versprachen ihm, bei Ausbildung und Karriere im Westen behilflich zu sein. Die Hoffnungen wurden nicht enttäuscht: Anfang 1965 wurde Kurras in die Abteilung I der West-Berliner Polizei aufgenommen, eine Traumposition für jeden Ostagenten, denn die "Eins" war zuständig für Spionage, Überläufer und die Aufdeckung von Ostagenten. Sie kooperierte obendrein mit dem Landesamt für Verfassungsschutz und den Geheimagenten der amerikanischen, britischen und französischen Kommandanten der Westsektoren.
Ausgerechnet der Stasi-V-Mann Kurras gehörte bald zum engsten Kern einer Sonderermittlungsgruppe innerhalb der "Eins", die sich für den West-Berliner Senat mit der Suche nach Verrätern in den eigenen Reihen der Polizei beschäftigte. Kurras sollte seinesgleichen suchen, Stoff für einen Agententhriller - und Realität im West-Berlin der sechziger Jahre.
Die "Eins" war gefürchtet. Selbst die Beamten anderer Dienststellen blickten mit einer Mischung aus Faszination und Abscheu auf Männer und Methoden des Spezial-Kommissariats. "Wir werden zwar ganz schief angesehen", berichtete Kurras 1965 nicht ohne Stolz seinem Führungsoffizier, "aber wir genießen die allergrößte Unterstützung unseres Polizei-Präsidenten."
Die Truppe gab sich Spitznamen, die Mitarbeiter nannten sich "Bully", "Räuberstar", "Mize", "Banane". Kurras wurde im Kollegenkreis "Gendarm" genannt. Und die Frau im Vorzimmer des Abteilungschefs war für alle nur "Püppi".
An "Püppi" sollte sich Kurras einmal im Interesse des MfS heranmachen, ein sogenannter Romeo-Auftrag. Er sei nicht gänzlich abgeneigt, gab er nach einigen schüchternen Versuchen zu Protokoll, doch erbitte er derartige Aufträge nur "bei absoluter Notwendigkeit". Kurras begründete seine Zurückhaltung damit, dass er mit "Püppi" nicht so richtig warm geworden sei.
Kurras' Stärke lag im getreulichen Report, im Blick fürs Detail und in der absoluten Hingabe an die Geheimarbeit. Unter dem Decknamen "Bohl" lieferte er von 1955 an zwölf Jahre lang absolute Topware aus dem Westteil der Stadt. Durch ihn wusste die Stasi praktisch alles, was Polizei und Staatsschutz im anderen Teil Berlins gegen sie planten.
Als Agent lieferte er genaue Interna über Mitarbeiter, Personalveränderungen, die Arbeitsweise verschiedener Dienststellen; er berichtete von Geburtstagsfeiern und den Diskussionen in der Gruppe sozialdemokratischer Polizeibeamter, fertigte Skizzen von Bahnhöfen und Dienstzimmern. Immer wieder versorgte er die Auftraggeber im Osten auch mit hochvertraulichen Informationen, die auf keinen Fall für fremde Augen bestimmt waren: wie Daten von Ostflüchtigen oder Vorabtipps über geplante Durchsuchungen bei Leuten, die der Spionage verdächtigt wurden.
Kurras wurde dafür bezahlt, mit insgesamt knapp 20 000 D-Mark, für die damalige Zeit keine kleine Summe. Er lernte das Geheimschreibverfahren "Helin" und später die Variante "Achim". Er bekam ein Funkgerät und sogar Abhörtechnik, mit der er seine Vorgesetzten belauschen sollte: Ein Satz Mikrofone war für den Einbau im Dienstzimmer des Leiters der Kriminalinspektion Tiergarten bestimmt. Seine Privatwohnung richtete Kurras als Empfangsstation ein. Hinter einem Blumenbrett im Flur lag eine Minox-Miniaturkamera versteckt, mit der er nachts dienstliche Unterlagen fotografieren konnte. Weil der Polizist mit seinem nimmermüden Diensteifer einen guten Eindruck machte, hatte er die Erlaubnis erwirkt, Akten mit nach Hause zu nehmen.
Auch im Westen hielt man große Stücke auf den eilfertigen Mann. Bei einem Gespräch in der Personalabteilung im Jahre 1964 gab er an, sehr daran interessiert zu sein, "wo ich die Regierung noch besser schützen kann". Er erbitte "noch größere Aufgaben, die mich noch mehr befriedigen, weil ich meinem Senat meine Kräfte noch besser beweisen möchte". Ab 1965 war Kurras auch dafür zuständig, den Stasi-Funkverkehr abzuschöpfen.
Weil zum Agentenleben eine perfekte Tarnung gehört, war Kurras auf Anraten der Stasi in die SPD eingetreten. Fast zur gleichen Zeit, am 16. Januar 1964, war er jenseits der Mauer nach längerer Kandidatenzeit, in die SED aufgenommen worden. In seinem Aufnahmeantrag hatte Kurras geschrieben, "seine ganze Kraft für die Partei" einsetzen zu wollen. Für ihn bürgte seine Stasi-Agentenführerin "Lotti", eine Altkommunistin des Jahrgangs 1901, die schon in den dreißiger Jahren im geheimen Nachrichtendienst der Berliner KPD gekämpft hatte. Die resolute Stalinistin namens Charlotte Müller, wegen ihrer Gestalt einer Berliner Hauswartsfrau bei der Stasi auch "Pummelchen" genannt, nutzte Besuche bei ihrer Schwester Käthe in Spandau als Tarnung für ihre Gespräche mit Kurras. Sie trafen sich in einem biederen Café, Deckname "Trude", bei einer Schleuse im Berliner Tiergarten. "Lotti" vermittelte Kurras bei diesen Gelegenheiten auch das rechte Klassenbewusstsein, wenn er sich mal hängenließ, und natürlich die nötige antifaschistische Gesinnung, schließlich war sie im KZ Ravensbrück interniert gewesen.
Selbst wenn Kurras Urlaub in Österreich machte, traf er sich mit Stasi-Mitarbeitern auch schon mal in der CSSR. Aus Neapel meldete er "Flottenkonzentrationen im Hafen".
Seine Doppelrolle machte Kurras hin und wieder zu schaffen, wobei er vor allem darunter litt, dass er in seiner West-Uniform die eigenen Leute hart anpacken musste: Als geschätzter Mitarbeiter der "Eins" wurde er häufig zu Vernehmungen aufgeflogener Ost-Agenten hinzugezogen. "Lotti" musste ihn also öfters aufbauen.
Am 26. Januar 1965 protokollierte sie über ein Gespräch mit Kurras: "Er äußerte gewisse Bedenken, dass er mithelfen muss, Verhaftungen vorzunehmen von Leuten, die für die DDR arbeiten. Ich erwiderte darauf: Er soll seine Arbeit ordnungsgemäß durchführen, auch wenn Festnahmen notwendig sind, und erinnerte an Dr. Sorge, der auch gegen seine Einstellung Arbeiten durchführen musste, um wichtige Informationen zu erhalten." Die kleine Ansprache hatte offenbar Erfolg, wenig später schreibt die Agentenführerin über den IM Bohl erfreut: "Bohl hat auch keine Hemmungen mehr, wenn er Sachen bearbeitet, wo Personen verdächtigt werden, die für das MfS arbeiten." 1967 beteiligt sich IM Bohl sogar hemmungslos an der Suche nach "Schläfern" des MfS im Polizeiapparat-West.
Kurras wird mit Arbeit geradezu überhäuft: Ständig ordert das MfS bei ihm Personen- und Kfz-Daten, Mielke bedient sich über seine Top-Quelle praktisch der gesamten West-Berliner Polizeikarteien, inklusive Fahndungslisten. Zudem liefert sein IM bei Kurztreffs auf Toiletten Büchsen mit Minox-Filmen oder Nachschlüssel für Panzerschränke und Diensträume der Polizei. Sehr geschätzt sind naturgemäß auch Informationen über Fluchthelfer, mögliche Fluchttunnel oder unterirdische Schießanlagen der Alliierten.
Den Stress baut Kurras mit Saufen und Schießen ab. "Kurras gilt als Streber, häufige Alkoholexzesse", heißt es in Stasi-Kreisen. Zudem sei er "sehr verliebt in Waffen und hat einen übermäßigen Hang zum Uniformtragen und für den Polizeidienst. Er hat im Verlauf der Zusammenarbeit keinen Hehl daraus gemacht, dass er ein fanatischer Anhänger des Schießsportes ist. Desweiteren äußerte er den Wunsch, vom MfS bestimmte Waffen zu erhalten, die im westlichen Ausland sehr schwer käuflich zu erwerben sind. So bat er zum Beispiel um die Beschaffung einer P 38."
Kurras ist ein Waffennarr. Er besitzt eine umfangreiche Sammlung, auf dem Schießstand erzielt er hervorragende Ergebnisse. Mehrmals ist er Berliner Meister der Kriminalpolizei, "den überwiegenden Teil seiner Freizeit verbringt er auf dem Schießstand", notiert einer seiner Führungsoffiziere im Osten. So erfüllt der Zweitjob bei der Staatssicherheit auch die Funktion, das Hobby zu finanzieren: Allein für Munition gibt Kurras monatlich bis zu 400 Mark aus. Selbst die Losung, für den Fall, dass ihn ein unbekannter MfS-Mitarbeiter in West-Berlin kontaktiert, ist bezeichnend gewählt. Sie lautet: "Guten Tag, Herr Kurras, ich komme wegen der Schießabteilung."
Nach dem Schuss auf Ohnesorg räumt das MfS am 8. Juni 1967 intern ein, dass man von dieser "charakterlichen Schwäche" wohl gewusst, sie aber unterschätzt habe.
Es war ein Schuss in viele Köpfe, den der Beamte der politischen Polizei aus seiner Dienstpistole auf den Studenten Benno Ohnesorg abfeuerte - der Startschuss für die Studentenbewegung.
Bis dahin hatte der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS), der in Berlin nur rund 200 Mitglieder hatte, sich für eine Demokratisierung der Ordinarienuniversität engagiert und Proteste gegen den Krieg der Amerikaner in Vietnam organisiert. Brave Bürgerkinder probten die Demokratie.
Als der Schah von Persien Mohammed Resa Pahlewi zu einem Staatsbesuch erwartet wurde, waren sich die SDS-Aktivisten in Berlin zunächst nicht sicher, ob sie gegen sein Folterregime demonstrieren wollten. Ein Exil-Iraner, die Journalistin Ulrike Meinhof und die Kommune 1 forderten dann Protestaktionen. Das Bonner Innenministerium verhängte für die Visite des Diktators die Sicherheitsstufe I.
Bereits am Vormittag des 2. Juni 1967 schlugen vor dem West-Berliner Rathaus Schöneberg persische Geheimdienstmänner und Schah-Anhänger, bald "Jubelperser" genannt, auf Demonstranten und Schaulustige ein. Am Abend sollten der Diktator und seine Gattin Farah Diba mit Mozarts "Zauberflöte" unterhalten werden. Die Planung für den Polizeieinsatz an der Deutschen Oper unterlag dem Kommandeur der Schutzpolizei, Hans-Ulrich Werner. Der Polizeiführer hatte im Zweiten Weltkrieg bei der "Partisanenbekämpfung" in der Ukraine seinen Beitrag zum Holocaust geleistet. Werner ließ "Hamburger Gitter" am Bürgersteig gegenüber der Oper aufstellen und schuf so einen engen Gehweg, der nach hinten durch einen Bauzaun abgesperrt war. In diesem nur wenige Meter breiten Schlauch sammelten sich am frühen Abend Demonstranten und Schaulustige.
Kurz vor acht rollte der Mercedes 600 mit dem Herrscherpaar an der Oper vor, die Sprechchöre "Mörder, Mörder!" schwollen an, Tomaten und ein paar Farbeier flogen. Den Kommunarden Rainer Langhans, der Farbeier geworfen hatte, griffen sich die Ordnungshüter. Er wurde im Mannschaftswagen zusammengeschlagen. Nachdem der Staatsgast in der Oper verschwunden war, kehrte Ruhe ein.
Gleichwohl startete die Polizei einen Großangriff, ohne vorher zur Räumung aufgefordert zu haben wie vorgeschrieben. Sie hätten die Demonstranten, so beschrieb es der Publizist Sebastian Haffner, "eingekesselt, zusammengedrängt und dann auf die Wehrlosen übereinander Stolpernden, Stürzenden mit hemmungsloser Bestialität eingeknüppelt und eingetrampelt".
Polizeipräsident Erich Duensing erläuterte die Taktik am nächsten Tag so: "Nehmen wir die Demonstranten als eine Leberwurst, nicht wahr, dann müssen wir in die Mitte hineinstechen, damit sie an den Enden auseinanderplatzt."
Als die Demonstranten - sofern sie aus dem Schlauch entkommen waren - flüchteten, setzten die Polizisten mit einem Wasserwerfer nach. Greiftrupps in Zivil versuchten unter der Devise "Füchse jagen", sich mutmaßliche Rädelsführer zu schnappen. Demonstranten und Polizisten liefen auf einen unter einem Haus gelegenen Parkplatz in der Krummen Straße.
An der nächsten Kreuzung stand ein junges Ehepaar, Benno und Christa Ohnesorg. Die beiden hatten erst sechs Wochen zuvor geheiratet und erwarteten ein Kind. Die Gewalt der Polizei hatte sie schockiert. Der 26 Jahre alte Germanistik- und Romanistik-Student wollte herausfinden, was auf dem Parkplatz geschah. Seiner Frau war die Lage zu bedrohlich; sie verabschiedete sich und ging nach Hause.
Zu einem der Greiftrupps zählte Kurras. Er trug einen graublauen Anzug und eine Pistole Walther PKK, Kaliber 7,65 Millimeter. Auch er lief auf den Parkplatz. Dort herrschte Chaos; Menschen schrien und rannten zwischen den Autos herum. Drei Polizisten traten und knüppelten auf einen am Boden liegenden Studenten ein. Auch Ohnesorg wurde geschlagen. Dann fiel der Schuss aus der Pistole von Kurras. Er traf Ohnesorg in den Hinterkopf.
Ein Richter sprach später in der Begründung des Freispruchs für Kurras von dem dringenden Verdacht, "dass auf Benno Ohnesorg noch eingeschlagen wurde, als er schon tödlich getroffen auf dem Boden lag". Zeugen hörten, wie ein Kollege Kurras anfuhr: "Bist du wahnsinnig, hier zu schießen?" Kurras antwortete: "Die ist mir losgegangen." Sein Vorgesetzter rief: "Kurras, gleich nach hinten! Los! Schnell weg!" Kurras erwies sich zumindest jetzt als Profi. Er ließ das Magazin seiner Waffe verschwinden und brachte seinen Anzug am nächsten Morgen zur Reinigung.
Während Ohnesorg schwerverletzt am Boden lag, hinderten Polizisten einen norwegischen Arzt daran, Erste Hilfe zu leisten. Ohnesorg wurde erst 15 Minuten nach dem Kopfschuss von Sanitätern abtransportiert, weitere 45 Minuten vergingen bis zu seiner Ankunft im Krankenhaus. Dass Ärzte ihm dort genau das Knochenstück mit der Einschussstelle aus der Schädeldecke sägten und wegwarfen, war kaum anders zu verstehen denn als ein Vertuschungsversuch.
Der Regierende Bürgermeister Heinrich Albertz (SPD) ließ noch in der Nacht erklären: "Die Geduld der Stadt ist am Ende." Die Zeitungen des Axel-Springer-Verlages trommelten im gleichen Tenor. "Wer Terror produziert", kommentierte die "B. Z." in grotesker Verkehrung des Geschehens, "muss Härte in Kauf nehmen." "Bild" beschuldigte die Studenten, "SA-Methoden" anzuwenden. Ohnesorg, so das Massenblatt, sei "nicht der Märtyrer der FU-Chinesen, sondern ihr Opfer".
Der West-Berliner Senat verhängte ein generelles Demonstrationsverbot über den "freien Teil" der Stadt; Polizisten belagerten den Campus der Freien Universität. Der Schah gab Bürgermeister Albertz beim Abschied noch den freundlichen Ratschlag: "Sie müssen viel mehr erschießen; dann haben Sie hier Ruhe."
Die meisten protestierenden Studenten verloren am 2. Juni 1967 nicht nur ihren Glauben an die Polizei, sondern bald auch das Vertrauen in die Justiz. Fritz Teufel von der Kommune 1, den Polizisten vor der Oper zusammengeschlagen hatten, wurde des schweren Landfriedensbruchs beschuldigt. Erst nach über zwei Monaten und einem Solidaritätshungerstreik von Studenten wurde er vorübergehend aus der Untersuchungshaft entlassen.
Der Todesschütze Kurras hingegen verbrachte keinen Tag hinter Gittern. Die Gewerkschaft der Polizei spendete ihm 60 000 Mark, damit er sich von einem Spitzenanwalt gegen den Vorwurf der "fahrlässigen Tötung" verteidigen lassen konnte.
Als er sich vor dem Berliner Landgericht zu verantworten hatte, sagte er aus, er sei "von zehn oder elf Personen brutal niedergeschlagen worden". Mit Messern sei er von zwei jungen Männer bedroht worden und habe daraufhin einen Warnschuss abgegeben. Im wilden Handgemenge habe sich dann wohl der fatale Schuss gelöst. Keiner der Zeugen konnte diese Version auch nur ansatzweise bestätigen.
Ein Gutachter befand, Kurras sei etwas labil, aber nicht über die Maßen aggressiv. Aus Mangel an Beweisen sprach das Landgericht Berlin den Todesschützen frei. Nach einer Revisionsverhandlung wurde er erneut freigesprochen und durfte vier Jahre nach der Tat wieder seinen Dienst bei der Kriminalpolizei antreten.
Christian Ströbele, heute für die Grünen im Bundestag, war damals einer der Nebenkläger der Familie Ohnesorg. "Ich verstehe bis heute nicht", sagt der Anwalt, "warum Kurras so konsequent gedeckt wurde." Es müsse jetzt aufgeklärt werden, ob DDR-Stellen sich in West-Berlin für Kurras eingesetzt hätten. Ströbele glaubt, dass es im Falle einer Verurteilung von Kurras "nicht eine so schnelle Radikalisierung auf Seiten der Studenten" gegeben hätte.
Kurras sorgte ungewollt dafür, dass der 2. Juni 1967 zur Initialzündung der Studentenbewegung und der Außerparlamentarischen Opposition wurde. Der SDS in West-Berlin konnte innerhalb weniger Wochen seine Mitgliederzahl um das Fünffache - auf rund 1000 - steigern.
Auf dem Foto, das zur zeitgeschichtlichen Ikone des 2. Juni 1967 wurde, kniet die Studentin Friederike Dollinger neben dem tödlich verwundeten Ohnesorg. "Ich dachte, ich schau dem Faschismus ins Gesicht", resümierte sie später ihr Erlebnis. Eine fatale Spirale der Gewalt setzte ein.
Am späten Abend des 2. Juni 1967 kamen aufgewühlte Demonstranten im SDS-Zentrum am Kurfürstendamm zusammen, um die dramatischen Ereignisse des Abends zu diskutieren. Eine junge Frau rief erregt: "Das ist die Generation von Auschwitz. Mit denen kann man nicht diskutieren." Ihren Vorschlag, eine Polizeikaserne zu stürmen und sich zu bewaffnen, lehnten Besonnenere ab.
Es war die Pfarrerstochter Gudrun Ensslin. Knapp drei Jahre später gehörten sie, ihr Freund Andreas Baader und der Anwalt Horst Mahler, der die Familie Ohnesorg vertreten hatte, zu den Gründern der Roten Armee Fraktion, RAF. Ihr Feldzug gegen die westdeutsche Republik kulminierte im Deutschen Herbst 1977 und kostete mehr als 50 Menschen das Leben.
Die zweite Gruppe des westdeutschen Terrorismus, die aus der Studentenbewegung kam, nannte sich gleich "Bewegung 2. Juni". Sie entführte den Berliner CDU-Politiker Peter Lorenz.
Ihr einstiges Mitglied Till Meyer sagt heute zu den Erkenntnissen über Kurras: Die Geschichte des 2. Juni müsse "kein bisschen umgeschrieben" werden. "Ein West-Berliner Polizist, der die Nerven verlor, hat den ersten Schuss auf uns abgefeuert." Das habe weder die Polizeiführung so gewollt noch die Stasi.
Meyers einstiger Kampfgenosse "Bommi" Baumann bucht den Stasi-Agenten Kurras als eine für alle Beteiligten nur peinliche Groteske des Kalten Krieges ab. "Ein SED-Kommunist ballert einen friedlichen Linken über den Haufen - und die West-Berliner Polizei deckt einen Stasi-Mann."
Stimmt das? Hätte sich wirklich nichts geändert, wenn die Studenten von Kurras' Hintergrund gewusst hätten?
Die Situation in der Bundesrepublik war Ende der sechziger Jahre so, dass viele auf ein Ereignis wie den Tod Ohnesorgs warteten. Eine Menge Studenten und Schüler nahmen ihr Land als eine Art wilhelminischen Obrigkeitsstaat wahr, in dem sich der Untertan schon dann rechtswidrig verhielt, wenn er sich öffentlich über einen Polizisten empörte, der sich rechtswidrig verhielt; als ein Land, in dem das Gitarrespielen an einem Brunnen ausreichte, um einen Polizeiaufmarsch auszulösen.
Studenten machten sich Anfang der sechziger Jahre schon dadurch verdächtig, dass sie Marx lasen, etwas, von dem der normale Student annahm, dass es sowieso verboten sei. Zwei Drittel der Studenten bezeichneten sich als apolitisch; die Hochschullehrer herrschten in ihren Talaren wie Fürsten über die Fakultäten, und wenn Studenten doch mal aufmuckten, konnte einem Professor herausrutschen: "Sie gehören alle ins Konzentrationslager."
Politische Betätigung an den Hochschulen war nicht üblich, es sei denn, es wurde des 17. Juni 1953 gedacht; Diskussionsforen gegen die Südostasienpolitik der USA wurden verboten; und gegen den Vietnam-Krieg demonstrierende Studenten mussten sich von Willy Brandt davor warnen lassen, "dass wir Deutsche uns in der Weltpolitik als Lehrmeister aufspielen". Für die Boulevardpresse waren Demonstranten sowieso "Rowdys" und "Krawallmacher", für die "Frankfurter Allgemeine" galten die Straßenumzüge Gleichgesinnter als "das dümmste und vergeblichste Mittel politischer Betätigung".
Um Distanz zu bekommen zu diesem Leben, das nicht ihr Leben war, sondern das Leben ihrer Eltern, zogen in den sechziger Jahren immer mehr junge Westdeutsche in die großen verlassenen Wohnungen West-Berlins und begannen, ein neues Zusammenleben auszuprobieren. Sie saßen in Clubs herum, sie lasen Sartre und Camus, sie verschlangen Marcuse, Marx und Freud, sie hörten Bob Dylan und die Doors, sie tranken Rotwein und Cola-Rum, sie schluckten Captagon und Rosimon Neu, sie empörten sich über das schlechte Mensa-Essen und die Bomben auf Hanoi, sie stürzten den Asta-Vorsitzenden Eberhard Diepgen, der Studenten in einer "freiwilligen Polizeireserve für Krisenzeiten" organisieren wollte, sie sprengten Vorlesungen in Polizeiuniformen und gingen dafür ins Gefängnis. Sie hatten ihren Spaß und brachten alle Autoritäten zum Tanzen.
Zwar trugen das "Attentat" auf Ohnesorg und der Prozess gegen Kurras dazu bei, dass sich Teile der Linken bis zur Gewalttätigkeit radikalisierten, aber auch das Attentat auf Rudi Dutschke, der VietnamKrieg, die Notstandsgesetze und andere Vorkommnisse bestätigten das Bild, in einer ungerechten Welt und einer halbfaschistischen Bundesrepublik zu leben.
Wie Vollstrecker des Weltgewissens fühlten sich die 68er, wie Partisanen einer neuen Weltordnung, die von Frieden, Liebe und Gleichheit zusammengehalten wird.
Sie lebten in einer heilen Welt und in der Gewissheit, den Sex, die Schule, das Wohnen, die Musik und die Demokratie neu erfinden zu dürfen; und nur eine Macht konnte sie daran hindern, ihren Menschenversuch zum glücklichen Ende zu bringen: das Kapital.
Es hätte also in jedem Fall einen Aufstand gegeben, eine Auflehnung gegen die verhassten Verhältnisse. Aber manches wäre wohl doch anders verlaufen, wenn damals im Zuge der Ermittlungen herausgekommen wäre, dass Kurras ein Kommunist war. Der Prozess gegen den Todesschützen wäre wahrscheinlich anders verlaufen, die Kollegen, die ihn durch Schweigen deckten, hätten ihn belastet. Er wäre verurteilt worden, das hätte die Wut gedämpft. Für viele Schüler und Studenten war der Prozess gegen Kurras mit seinem Freispruch ein Grund mehr, den BRD-Staat für faschistisch zu halten, bei einem anderen Urteil hätte sich der Blick auf den Staat verändert.
Ein Teil der deutschen Linken hätte sich wohl kaum der DDR und ihrer westdeutschen Partei DKP zugewandt.
Aber auch die Springer-Presse hätte nicht mehr die platte Formel Demonstrant=Kommunist=Handlanger der DDR anwenden können. Ein Kommunist erschießt einen Linken, diese Nachricht ist nicht zu instrumentalisieren.
Für Kurras bedeutete der Todesschuss in der Krummen Straße das Ende seiner lukrativen Beziehung zur Stasi. Zwar hielt sie den Kontakt zu ihrem Mann zunächst weiter aufrecht, aber nun erkennbar im Bemühen um Schadensbegrenzung. "Material sofort vernichten. Vorerst Arbeit einstellen", funkte Ost-Berlin am 8. Juni: "Nach Abschluss der Untersuchungen selbständig melden. Betrachten Ereignis als sehr bedauerlichen Unglücksfall." Kurras meldete zurück: "Zum Teil verstanden. Alles vernichtet. Treff bei Trude. Jetzt am 15. Benötige Geld für Anwalt."
In der Akte befindet sich noch ein leerer Briefumschlag. Er enthielt einen Funkspruch vom 17. Juni. Kurras hatte etwa tausend Zeichen gefunkt, außergewöhnlich lang, doch der Text wurde entfernt.
Erst neun Jahre danach, am 24. März 1976, weist die Akte noch einmal ein Treffen zwischen Kurras und dem MfS in Ost-Berlin aus. Sein langjähriger Führungsoffizier Werner Eiserbeck notierte: "Der Kurras verhielt sich so, als ob das letzte Zusammentreffen erst vor wenigen Tagen stattgefunden hat." Der Ohnesorg-Schütze, nun bei der Kfz-Fahndung abgestellt, will wissen, ob er nicht wieder mit der Stasi zusammenarbeiten könne. Seine Entwicklung sei "durch das damalige Vorkommnis nicht mehr beeinträchtigt", er sei inzwischen sogar befördert worden, demnächst werde er wohl Oberkommissar. Er habe "sich nichts vorzuwerfen und bereue nichts", heißt es im Treffbericht noch. Sein Leben sei "durch das Angreifen der Radikalen mit einem offenen Messer gefährdet" gewesen. Zum Schluss sagt Kurras noch, er habe seit der Erschießung Ohnesorgs "alte Gönner verloren, aber neue gewonnen" - für das MfS gilt der Mann als Problemfall, damit endet die Akte.
Auch die Partei, die Kurras einst so glühend verehrt hatte, ging auf Distanz zu dem emsigen Zuträger. Nach dem ersten Prozess gegen Kurras empörte sich die SED-Zeitung "Neues Deutschland" über den Schützen, der seiner Partei jahrelang mit Schwert und Schild zu Diensten war. "Zufrieden grinst der Mörder" titelte das Blatt im November 1967, sein Freispruch sei "einer der ungeheuerlichsten politischen Justizskandale seit dem Ausbau West-Berlins zur Frontstadt des kalten Krieges". Auch den zweiten Freispruch im Dezember 1970 kommentierte das "Neue Deutschland" scharf: Das Urteil werfe "ein bezeichnendes Licht auf die ganze antidemokratische Politik" des West-Berliner Senats.
Nach dem Ende seiner Suspendierung fasste Kurras nie wieder richtig Tritt bei der Polizei. Von der Abteilung I, dem polizeilichen Staatsschutz, wurde er zur "normalen" Kripo versetzt. Man habe "eine innerdienstliche Beschäftigung" für ihn finden müssen, erinnert sich der ehemalige Berliner Polizeipräsident Klaus Hübner.
Der ehemalige Dienstherr zeichnet das Bild eines "traumatisierten Mannes": Kurras sei ein "überforderter Polizist" gewesen, der im entscheidenden Augenblick "die Hosen voll gehabt" und deshalb geschossen habe. Danach sei er "kaum mehr eingliederungsfähig" gewesen. Die Kollegen seiner neuen Dienststelle, der Fahndungskartei, "hätten Abstand zu ihm gehalten und Kurras zu ihnen".
Von Alkoholproblemen ist die Rede; im Sommer 1971 wird Kurras betrunken auf einer Parkbank aufgegriffen, in der Aktentasche ein Stichmesser und seine Dienstwaffe, die er eigentlich nicht mehr tragen darf. Eine zweite Suspendierung folgt und ein zweiter Wiedereintritt in den Dienst.
Öffentlich tritt Kurras meist nur noch dann in Erscheinung, wenn ein Jahrestag des Todes von Benno Ohnesorg ansteht. Im Mai 1977 spürt ein Fotoreporter des "Stern" Kurras in Spandau auf. Als der Journalist die Kamera zückt, kommt es zum Handgemenge. Kurras schreit: "Früher, da konntet ihr mich fotografieren, die Zeiten sind vorbei, Gott sei Dank."
Auf der Arbeit schleppt sich Kurras irgendwie durch. Als er 1987, im Dienstrang eines Oberkommissars, pensioniert wird, seien bei der Berliner Polizei "eigentlich alle froh gewesen, dass er weg war", erinnert sich Ex-Polizeichef Hübner.
Reue bleibt Kurras bis heute fremd. Auf seine folgenreiche Tat angesprochen, bellte er im Dezember 2007 einen Reporter an: "Fehler? Ich hätte hinhalten sollen, dass die Fetzen geflogen wären, nicht nur einmal; fünf-, sechsmal hätte ich hinhalten sollen. Wer mich angreift, wird vernichtet. Aus. Feierabend."
Als ihn jetzt ein Reporter des "Tagesspiegel" in seiner Wohnung aufsuchte, saß dort ein alter Mann mit schütterem Haar. "Da steckt bestimmt der Ströbele hinter", sagte er zur Enthüllung seiner Stasi-Akte. Benno Ohnesorg habe er "aus Spaß" erschossen. DIRK KURBJUWEIT, SVEN RÖBEL,
MICHAEL SONTHEIMER, PETER WENSIERSKI
* Am 13. Mai 1968 im Auditorium Maximum der Freien Universität Berlin.
Von Dirk Kurbjuweit, Sven Röbel, Michael Sontheimer und Peter Wensierski

DER SPIEGEL 22/2009
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