DER SPIEGEL



ESSAY

EIN ARMER, AGGRESSIVER TROPF

VON PETER SCHNEIDER

Von Schneider, Peter

DER 2. JUNI 1967 IN NEUEM LICHT

Wie bitte? Der auch? Auch Karl-Heinz Kurras ein Stasi-Spitzel? Und nicht etwa ein gekaufter Agent, der nur sein Beamtengehalt aufbessern wollte, sondern ein Verräter aus Überzeugung, der schon in den Fünfzigern in das "Friedenslager" namens DDR übersiedeln wollte und sich stattdessen von der Abteilung IV des Staatssicherheitsdienstes anheuern ließ, um seine Kollegen in West-Berlin auszuhorchen. Ein Mann, der jahrelang vergeblich darum bettelte, in die SED aufgenommen zu werden und sein Mitgliedsbuch endlich, am 28. Juli 1964, erhielt.

Dass ausgerechnet Karl-Heinz Kurras, der es als "Mörder" des Studenten Benno Ohnesorg zu Weltruhm brachte und in den Augen der Linken wie kein anderer die Kontinuität faschistischer Traditionen in der West-Berliner Polizei verkörperte, sich nun als überzeugter Anhänger der DDR entpuppt, übersteigt die Phantasien aller Verschwörungstheoretiker. Es gab in den sechziger Jahren nur eine Hassfigur, die es an Prominenz mit Kurras aufnehmen konnte: den berüchtigten westdeutschen Legionär Kongo-Müller, der sich in einem erfolgreich vertriebenen DDR-Film damit brüstete, wie viele schwarze Rebellen er im Kongo abgeknallt hatte. Aber wer weiß: Vielleicht erfahren wir noch, dass auch Kongo-Müller auf der Gehaltsliste der Stasi stand.

Seit den Tagen des Mauerfalls und der Gründung der Gauck-Behörde war der Zeitungsleser in Sachen Stasi-Enthüllungen an

Überraschungen gewöhnt und hatte sich mit den Jahren ein dickes Fell zugelegt. Bei vielen war das Fell so dick geworden, dass sich höchst befangene Streiter aus der nicht grundlos mehrfach umbenannten Partei, die jetzt den hochtrabenden Titel "Die Linke" trägt, zusammen mit beflissenen mentalen Wiedervereinigern aus der SPD und CDU immer wieder für die Schließung der Gauck-Behörde starkmachen konnten. Der Bruder des Schriftstellers Hans Joachim Schädlich, der für seinen Führungsoffizier Hunderte von Berichten über Hans Joachim Schädlich verfasst hatte, bekam in der "Berliner Zeitung" einen gefühlvollen zweiseitigen Nachruf, nachdem er sich auf einer Parkbank erschossen hatte. Mit stoischem Humor merkte Hans Joachim Schädlich an, dass ihm nach seinem voraussichtlich natürlichen Tod wohl bestenfalls halb so viel Platz eingeräumt werden wird.

Von spektakulären Ausnahmen abgesehen hielt sich die Aufregung über erkannte Stasi-Spitzel bislang in Grenzen; die Aufarbeitung blieb weitgehend eine intime Angelegenheit. Es kam so weit, dass überführte Denunzianten und Peiniger dagegen klagten, dass ihre Taten und Namen von ihren Opfern öffentlich genannt werden - das Delikt sei inzwischen verjährt.

Wird der 81-jährige Karl-Heinz Kurras womöglich auch dagegen klagen, dass er auf der ersten Seite jeder deutschen Zeitung als ehemaliger Stasi-Spitzel vorgeführt wird? Was macht seinen Fall so anders? Verdient ein alter Mann und Waffennarr, der einmal der beste Schütze seiner Polizeieinheit gewesen war und sich rühmte, er hätte zwölf Demonstranten mit zwölf Schüssen niederstrecken können, wenn er wirklich hätte schießen wollen, so viel neue Aufmerksamkeit?

Die Reflexe des Pensionärs reichen kaum dazu aus, das ihm vorgehaltene SED-Parteibuch von 1964 wiederzuerkennen und auf die Frage: "Sind Sie das?", mit einem wackligen Nicken zu antworten. Wer die Szene im Fernsehen sah, ist nicht einmal sicher, ob der alte den jungen Kurras auf dem Foto identifizieren konnte.

Es wäre eine noch größere Sensation, wenn ein Beweis dafür auftauchen würde, dass Kurras im Auftrag der Abteilung IV der Stasi gehandelt hat, als er den tödlichen Schuss am 2. Juni 1967 abgab. Wahrscheinlich wird diese These von professionellen Verschwörungstheoretikern, die der CIA das Copyright für den Anschlag vom 11. September 2001 zugeschrieben hatten, in den nächsten Tagen "lückenlos bewiesen" werden. Aber was spricht dafür? Welches Interesse hätte die von Markus Wolf geführte Abteilung IV der Stasi haben sollen, bei der Demonstration gegen den Schah-Besuch in West-Berlin einen Studenten zu erschießen?

Die einzige, halbwegs einleuchtende Erklärung wäre, dass die Stasi damals bereits die Strategie der RAF antizipiert hätte: die "Klassenwidersprüche" in der alten BRD durch gezielte Aktionen verschärfen, damit das scheindemokratische "Schweinesystem" seine faschistische Fratze zeigt. Immerhin hat die Stasi der RAF in den achtziger Jahren Unterschlupf gewährt.

Aber ich bin schon dabei, mich zu verirren. Das Tückische an Verschwörungstheorien ist, dass sie immer einen Gran von Wahrscheinlichkeit enthalten und ihren Anhängern das Gefühl verschaffen, zehnmal klüger zu sein als der Rest der Menschheit. Dieses überwältigende Gefühl sorgt dann dafür, dass aus dem Gran von Wahrscheinlichkeit Gewissheit wird.

Ich glaube eher, dass Karl-Heinz Kurras der fürchterliche, arme und aggressive Tropf bleibt, der er immer war. Ein schießwütiger Polizist und Waffennarr, der seine Seele, wie wir jetzt erfahren, heimlich dem besseren deutschen Staat verschrieben hatte: dem "Friedenslager", dem einzigen "antifaschistischen Staat auf deutschem Boden". Vielleicht eine Romanfigur.

Der Waffennarr und Schützenkönig und der Friedensfreund - beide Passionen lagen offenbar völlig unbehindert nebeneinander. Und als es ernst wurde, im Hof des Hauses Krumme Straße 66/67, hat er sich spontan und wahrscheinlich völlig unbedroht für die Passion entschieden, die er im Schlaf beherrschte. Zu beantworten bleibt die Frage, ob Kurras, der Stasi-Spitzel, geschossen hat, weil er sich vor seinen West-Berliner Kollegen als ein verlässlicher Mann bewähren wollte.

Aber auch sein oberster Dienstherr in der DDR, der vielfach bewunderte Gentleman-Spion Wolf, erweist sich durch die Enthüllungen der letzten Tage als der fürchterliche, arme Tropf, der er immer war. Die angeblich brillanten Machenschaften dieses Handlangers von Erich Mielke, all die Romeos und Guillaumes, die er auf den Weg schickte, haben regelmäßig das Gegenteil von dem bewirkt, was den Interessen der DDR gedient hätte.

Sein "Meisterspion" Guillaume hat den Erfinder der Entspannungspolitik, Willy Brandt, gestürzt. Und nun stellt sich heraus, dass einer seiner besten Männer in der West-Berliner Polizei auch noch Benno Ohnesorg - einen Zuschauer eher als einen Aktivisten - bei einer von der DDR bejubelten Demonstration gegen den Schah von Persien über den Haufen geschossen hat.

Die Stasi, der Markus Wolf hingebungsvoll gedient hat, ist wohl die aufgeblasenste und die verrückteste Geheimdienstorganisation in der Geschichte der Menschheit gewesen. Seine wichtigste Aufgabe hat dieser Geheimdienst nicht erfüllt: den bevorstehenden Untergang der DDR vorauszusagen.

Vieles, was ich hier ausführe, konnte man bisher wissen oder ahnen. Dennoch haben die späten Enthüllungen über den Agenten Karl-Heinz Kurras eine unerwartete Qualität. Sie stürzen unser Bild von dem Ereignis des 2. Juni 1967 um. Die Frage stellt sich, ob die Geschichte der Bundesrepublik nach dem 2. Juni anders verlaufen wäre, wenn die Stasi-Identität von Kurras damals aus irgendeiner Quelle bekannt geworden wäre.

Ich bejahe diese Frage, aber kann sie nur durch Spekulationen stützen.

Am wenigsten überrascht von den Enthüllungen über Karl-Heinz Kurras wäre wahrscheinlich Rudi Dutschke gewesen. Dutschke, der ebenso wie Bernd Rabehl aus der DDR geflohen war, hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass er die DDR für eine autokratische Fehlentwicklung des Sozialismus gehalten hat. In einem Artikel, den er 1967 mit Gaston Salvatore in der Szene-Zeitung "883" veröffentlichte, wollte er ganz Berlin - nicht nur West-Berlin - in einer Rätedemokratie vereinigen. In den Jahren nach dem Attentat hat er in seinen Tagebüchern und in Briefen an seine Frau immer wieder die Befürchtung geäußert, dass er durch einen Anschlag der Stasi beseitigt werden könnte. Überraschenderweise - oder eben gar nicht überraschend - ist die DDR-kritische Seite von Dutschkes Befreiungs-Ideologie in der westdeutschen Linken nie populär geworden. Sie stand unter dem Verdacht des Nationalismus.

Der Trauerkonvoi von Berlin nach Hannover nach dem Tod von Benno Ohnesorg, der von den Grenzbehörden ohne die Erhebung von Visa-Gebühren und ohne Einsicht in die Pässe durchgewinkt wurde, wäre nicht als eine noble solidarische Geste, sondern als zynisches Ablenkungsmanöver wahrgenommen worden. Womöglich hätten sich die Trauernden zu einem Sit-in auf der DDR-Autobahn versammelt.

Der auch von Dutschke entfachte Hass der Studenten auf die Symbolgestalt des West-Berliner Polizeiterrors, Karl-Heinz Kurras, hätte eine doppelte Richtung genommen. Die DDR-Führung hätte ebenso am Pranger gestanden wie der West-Berliner Senat. Die Führer der Studenten hätten ihre Argumente gegen den "faschistoiden Staat" breiter anlegen müssen und hätten sich vielleicht nie in ihre Träumereien von der DDR als dem "besseren Deutschland" verirrt.

Die Idee von der DDR als dem besseren Deutschland wäre am Tag nach der Enthüllung von Kurras' Stasi-Identität kontaminiert gewesen. Zigtausende von westdeutschen linken Intellektuellen hätten ihre besten Jahre nicht in einer der von der DDR ausgehaltenen Parteien DKP oder SEW vertrödelt. Martin Walser und Uwe Timm hätten womöglich zweimal nachgedacht, bevor sie mit der DKP anbändelten.

Wie hätten sich die Anführer der Hatz auf die Studenten - die "B.Z." und die "Bild" - nach einer solchen Enthüllung verhalten? Schließlich hatten sie den Tod Benno Ohnesorgs als eine Folge von studentischen Ausschreitungen dargestellt. Hätten sie Ohnesorg nicht an das Herz ihrer Leser gedrückt, wenn er als "Opfer eines kommunistischen Agenten" hätte Schlagzeilen machen können?

Und die Berliner selber? Hätten sie die "Radaubrüder und Maojünger" mit mehr Respekt angesehen, vielleicht sogar umarmt - diese anfangs doch witzigen Chaoten, die mit ihren Plakaten und Erfindungen die Bürger zur Weißglut reizten.

Die Bewegung 2. Juni hätte über eine Doppelstrategie nachdenken müssen. Vielleicht hätte es sie nie gegeben.

Alles Spekulation. Aber die Chaos-Theorie lässt uns vermuten, dass es die von Marx verkündeten ehernen Gesetze der Geschichte gar nicht gibt. Der Flügelschlag einer rechtzeitigen Enthüllung über die Stasi-Mitgliedschaft eines armen Tropfs namens Karl-Heinz Kurras hätte womöglich ganz andere Gewitter erzeugt.

* Beim Springer-Hearing im Ernst-Reuter-Haus; am Mikrofon Fritz Teufel, am Tisch Peter Schneider (3. v. r.).

DER SPIEGEL 22/2009
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