25.05.2009

UNGARNDer erste Stein

Im Frühjahr 1989 baut Budapest seine Grenzsicherung ab. Fast unabsichtlich wird später, im August, am Neusiedler See Europas Nachkriegsordnung zum Einsturz gebracht - als dort über 600 Ostdeutschen die Flucht in den Westen gelingt. Über heimliche Drahtzieher und stille Helden des historischen Grenzdurchbruchs kommen jetzt neue Einzelheiten ans Licht. Von Walter Mayr
Als der Eiserne Vorhang zerreißt, geht ein Bild um die Welt. Es zeigt zwei Herren in festlichem Anzug bei Knochenarbeit unter freiem Himmel: Mit Bolzenschneidern zwicken sie Löcher in einen Stacheldrahtzaun.
Die Außenminister Alois Mock aus Wien und Gyula Horn aus Budapest sind an diesem 27. Juni 1989 zur ungarischösterreichischen Grenze aufgebrochen, um ein Signal zu setzen: Die Teilung Nachkriegs-Europas soll ein Ende haben. Schulter an Schulter, mit klobigem Werkzeug im Drahtverhau, übermitteln sie bildgerecht die frohe Botschaft.
In Wirklichkeit, so spottet Miklós Németh, Ungarns Ministerpräsident der Wendezeit heute in seinem Haus am Nordufer des Plattensees, sei der Abbau der Grenzsicherungsanlagen damals schon seit Wochen in vollem Gang gewesen. Als Außenminister Horn ihm den Bildtermin an der Grenze vorschlug, habe er geantwortet: "Gyula, mach's, aber beeil dich - es ist kaum noch Stacheldraht übrig."
Anzeichen für Ungarns klammheimlichen Abschied vom Lager der Warschauer-Pakt-Staaten gab es seit Jahren. Wirklich ernst genommen wurden die Signale von Verbündeten wie auch den Nato-Staaten nicht. Viel zu viel sprach selbst im Sommer 1989 noch gegen eine Veränderung der Nachkriegsordnung. Noch immer waren Truppen Moskaus im Land. Die Restwelt stutzt erst, als am 19. August Hunderte Ostdeutsche mehr oder minder ungehindert durch ein morsches Holztor bei Sopron nach Westen schlüpfen - es ist der Anfang vom Ende der DDR. Gut drei Wochen später reisen, nun schon legal, binnen weniger Tage mehr als 10 000 Bürger des SED-Staats via Österreich in die Bundesrepublik aus.
Es sei Ungarn gewesen, wo "der erste Stein aus der Mauer geschlagen" wurde, ruft Helmut Kohl seinen Landsleuten am 4. Oktober 1990 in Berlin in Erinnerung, am Tag nach der Wiedervereinigung. Ungarn also, jenes Land, wo bis heute heimliche Drahtzieher wie stille Helden jener Tage sitzen, an denen dem Honecker-Regime der wohl entscheidende Stoß versetzt wurde - weil für Zehntausende DDR-Flüchtlinge das Tor zum Westen aufging.
Die Namen der Reformkommunisten und Bürgerrechtler, Grenzschutzoffiziere und Pfarrer, die Anteil daran hatten, dass im Grenzland hinter dem Neusiedler See vor einem Holztor mit Stacheldrahtkrone Geschichte geschrieben wurde, waren schnell in aller Munde.
Was sie antrieb, kommt dagegen nur langsam ans Licht.
Ungarns Probleme beginnen schon zwei Kilometer vor der Grenze zu Österreich. Auf Fluchtwillige warten hier, Ende der Achtziger, Stacheldraht und ein sowjetisches Signalsystem vom Typ SZ-100, das über 24-Volt-Schwachstromleitungen Alarm auslöst. Nach Jahrzehnten des Kalten Kriegs hat der Signaldraht Rost angesetzt. Der Chef der Grenztruppen klagt in einer Ministervorlage: "Das zum Drahtwechsel notwendige rostfreie Drahtmaterial beschaffen wir uns aus Westimport für Devisen" - Nachschub aus der Sowjetunion sei nicht mehr zu haben.
Mit vernehmlichem Murren hätten die Grenzschutzoffiziere der Gulasch-Kommunisten damals den Stein ins Rollen gebracht, schreibt der Historiker Andreas Oplatka in seinem kenntnisreichen Werk "Der erste Riss in der Mauer". Weil sie Berichte verfassten, in denen stand, dass Feldhasen, Vögel und verirrte Zecher bis zu 4000-mal im Jahr Fehlalarm an der Grenze auslösten. Und dass fast alle geschnappten Flüchtlinge Ausländer seien.
Die Ungarn selbst dürfen bereits seit Jahresbeginn 1988 reisen, wohin sie wollen. Für Unmut in Budapest sorgen deshalb die Kosten zur Instandhaltung der maroden Grenzanlagen: Umgerechnet fast eine Million Dollar pro Jahr sind zwar, gemessen an den 17 Milliarden Dollar Auslandsschulden, die das Land angehäuft hat, nicht viel; aber doch genug, um als Argument ins Feld geführt zu werden für den Abbau der Grenzanlagen.
Kaum im Amt, streicht Ministerpräsident Miklós Németh Ende 1988 den Etatposten betreffs Instandhaltung des Signalsystems. Am 2. Mai 1989 werden erste Stacheldrahtzäune an der Grenze eingerollt. Als Außenminister Horn acht Wochen später öffentlichkeitswirksam mit dem Bolzenschneider anrückt, bessert Ungarns Armee ihr Budget bereits mit dem Verkauf rostiger Stacheldrahtstücke auf.
"Ich sehe da, ehrlich gesagt, gar kein Problem" - mit diesen Worten kommentierte, Protokollnotizen zufolge, der sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow beim Moskau-Besuch von Premier Németh im März 1989 die Pläne der Ungarn, den Eisernen Vorhang zu öffnen. Hat der Kreml-Herrscher, wie Németh heute annimmt, die Konsequenzen dieses Schritts unterschätzt?
In Ungarn ist ja zu diesem Zeitpunkt neben Németh bereits ein Häuflein Reformer am Werk, das sich von den Machthabern im restlichen sozialistischen Lager unterscheidet wie ein Pionierbataillon von der Kampfpanzertruppe. Der Lenker und Schutzpatron aller magyarischen Vor- wie Querdenker heißt Imre Pozsgay.
Pozsgay ist seiner Zeit stets voraus: 1968 bereits verfasst er eine Dissertation über "Möglichkeiten der Demokratie im Sozialismus"; 1981, inzwischen Mitglied des Zentralkomitees, warnt er als Erster vor Ungarns "Weg in die Schuldenfalle"; 1988 nennt er die Grenzanlagen "technisch, moralisch, historisch" überholt und wirkt mit beim Sturz des Langzeitherrschers János Kadár vom Thron der Partei; im Mai 1989 reist er nach West-Berlin, um die im DDR-Deutsch "antifaschistischer Schutzwall" getaufte Mauer eine "Schande" zu nennen. Sie müsse verschwinden.
Der von Pozsgay mit eingefädelte Beitritt Ungarns zur Genfer Flüchtlingskonvention wird am 12. Juni wirksam. Die Abschiebung von "Grenzverletzern" in ihre Heimatländer kann nun unter Verweis auf international bindende Vereinbarungen verweigert werden. Am Plattensee wie in Budapest füllen sich in den folgenden Wochen Campingplätze, Parkanlagen und das bundesdeutsche Botschaftsgelände mit Zehntausenden DDR-Bürgern.
Viele von ihnen wittern, wovon zu diesem Zeitpunkt offiziell noch keiner spricht:
dass sich in Ungarn die Tür nach Westen einen Spalt breit geöffnet hat.
Dicht an dicht liegen sie ab dem 14. August auf dem Boden der Kirche Zur Heiligen Familie in Budapest-Zugliget, unter dem Altarspruch "Alles, was nicht Gott ist, ist nichts" - die Männer und Frauen aus dem Staat des atheistischen Arbeiter-und- Bauern-Führers Erich Honecker. Pfarrer Imre Kozma kümmert sich um sie.
Am 13. August, dem Jahrestag des Mauerbaus ausgerechnet, war der deutsche Konsul in Budapest an Kozma herangetreten: ob der nicht auf dem Gelände der überfüllten Deutschen Botschaft festsitzende DDR-Bürger aufnehmen könne? Der Pfarrer willigte ein.
Er lässt in der Folge durch Helfer Zelte aufbauen und Essen verteilen. Er duldet, dass Mitarbeiter des Bundesnachrichtendienstes ihn am Eingang zu seinem eigenen Kirchengelände kontrollieren. Und dass im Kircheninneren, wo flugs eine "Konsularische Vertretung" eröffnet worden ist, Beamte von der Deutschen Botschaft die DDR-Bürger mit grünen bundesdeutschen Pässen versorgen.
Ohnmächtig observieren Mitarbeiter der DDR-Staatssicherheit von den Dächern gegenüberliegender Häuser aus das Geschehen. Ohnmächtig, weil sie sehen, wie Kozma, seit Februar Präsident des neugegründeten Malteser Caritas-Dienstes in Ungarn, nun den quasi neutralen Vermittler im deutsch-deutschen Ringen um die Zukunft Zehntausender DDR-Bürger spielt. Premier Németh hingegen steht schon im Verdacht, einen kürzeren Draht nach Bonn zu haben als nach Ost-Berlin: Helmut Kohl und sein Berater Horst Teltschik schätzen den 41-jährigen Wirtschaftsexperten. Kohl telefoniert mit Németh, Németh spricht mit Pfarrer Kozma.
Zehntausende DDR-Bürger mit abgelaufener Aufenthaltsgenehmigung sind im Land, sie wollen nicht nach Hause, eine Lösung muss her. Am 17. August verdichten sich Gerüchte, beim geplanten "Paneuropäischen Picknick" nahe Sopron bestehe die Chance zur Flucht: Vertreter der BRD-Botschaft, sagt Kozma heute, "wussten Bescheid, taten aber so, als ginge sie das alles nichts an".
In der Nacht vom 18. auf den 19. August, kurz bevor sich erste Trabis und Wartburgs in Richtung Westen bewegen, laufen in der Pfarrei Zur Heiligen Familie von Budapest-Zugliget die Vorbereitungen auf Hochtouren - ein deutschsprachiges Flugblatt ist aufgetaucht, angeblich weiß keiner, woher.
Eine stilisierte Rose im Stacheldraht ist darauf zu sehen, dazu die genaue Anfahrtsstrecke zum Picknick und als Dreingabe: der Verlauf der zwei Kilometer nördlich gelegenen österreichischen Grenze.
Hinter Sopronköhida, wo das seit der Kaiserzeit berüchtigtste Zuchthaus Ungarns steht, führt die Straße bergan Richtung Grenze. Kurz vor den Sperranlagen verstecken sich linker Hand in einer Senke Häuser und Ställe einer Kolchose: Hier, in der Sopronpuszta, soll das Paneuropäische Picknick stattfinden.
Die Organisatoren sind Mitglieder mehrerer Oppositionsparteien, die im einstigen Ein-Parteien-Staat Ungarn seit Februar 1989 erlaubt sind. Sie wollen das bis dato Undenkbare proben: eine auf drei Stunden befristete Öffnung der seit 40 Jahren verriegelten Grenze nach Österreich. Genehmigungen liegen vor, Delegationen von beiden Seiten sind geladen, es soll Stacheldraht zerschnitten, Speck gebraten und gute Nachbarschaft gefeiert werden.
Schirmherren der Veranstaltung sind der Reformer Pozsgay auf ungarischer und der Kaisersohn Otto von Habsburg auf österreichischer Seite. Beide sagen ihre persönliche Teilnahme noch im Vorfeld ab. Eine "große Menge von DDR-Staatsbürgern" als Trittbrettfahrer hat sich angekündigt. Das jedenfalls besagt ein Telegramm vom Grenzschutzoberkommando in Budapest, abgesandt am letzten Tag vor dem Picknick, morgens um zehn.
Oberstleutnant Arpád Bella, 43 Jahre alt und verantwortlich für den Einsatz in der Sopronpuszta, hat den Text des Telegramms gewissenhaft studiert. Auch die Passage, in der es heißt, dass er seine sechsschüssige Dienstpistole, Kaliber 9 Millimeter, nur dann einsetzen dürfe, wenn er oder einer der Kollegen angegriffen oder "mit physischer Gewalt" genötigt werde, seinen Posten zu verlassen. Es ist 14.55 Uhr an diesem sonnigen Samstag im August, als Oberstleutnant Bella hügelanwärts einen Tross Menschen auf sich zukommen sieht: Männer, Frauen, Kinder.
Binnen Sekunden, sagt Bella, sei ihm klar geworden, dass dies nicht die Delegation sein könne, die zum Grenzübertritt angemeldet war. Binnen Sekunden begreift Bella, dass nun alles aus dem Ruder zu laufen droht. Es ist sein Hochzeitstag, es ist der Tag vor seinem 20. Dienstjubiläum, er wollte zeitig zu Hause sein. Nun aber stürzen sie auf ihn ein, an die hundert, vielleicht mehr, drängen an ihm vorbei und drücken das alte Holztor mit Gewalt in Richtung Österreich.
Oberstleutnant Bella ist Karriereoffizier, einer, der seinen Dienst an der Ungarischen Volksrepublik anerkannt tadelsfrei verrichtet. Obwohl er insgeheim, wie er sagt, "nicht glaubt, dass der Sozialismus in der Lage ist, den Jenissej in die umgekehrte Richtung fließen zu lassen". Aufmucken aber war seine Sache nie, er ist kein Mann für "Kamikaze-Akte", er muss eine Familie ernähren.
Jetzt steht er da, überrumpelt vom ersten Schub der DDR-Flüchtlinge, der nächste kommt näher. Der Oberstleutnant denkt an seinen Dienstbefehl, erst Warnschuss, dann Schäferhunde, dann wird es ernst. Zehn Sekunden, sagt Bella heute, habe er gebraucht bis zum Entschluss: "Ich will kein Massenmörder werden." Seinen vier Kollegen gibt er den Befehl: "Gesicht nach Österreich, Pässe kontrollieren, falls von dort einer kommt; was hinter uns passiert, das sehen wir nicht."
Auf österreichischer Seite, zwischen weinenden, wortlosen DDR-Bürgern, steht Johann Göltl. Er ist Chef der Zollinspektion Klingenbach und Arpád Bellas Widerpart an der Grenze seit zwei Jahrzehnten. Man kennt sich, duzt sich, nimmt die Jause in der gleichen Kantine. Jetzt ist Göltl außer sich: "Hast du einen Vogel", brüllt er den Ungarn an, "alles war doch besprochen, und dann schickst du mir 600 Leute aus dem Kukuruzfeld." Oberstleutnant Bella schwört, er habe nichts geahnt.
Bis zum Abend des 19. August überqueren mehr als 600 Ostdeutsche die Grenze nach Österreich - eine einzigartige Massenflucht im Europa des Kalten Kriegs nach dem Mauerbau. Dass dabei kein Schuss fiel, kein Mensch starb, ist nach Einschätzung von Oberstleutnant Bella zuallerletzt Ungarns Regierung zu verdanken: "Ministerpräsident Németh sagt heute, es habe damals einen Befehl gegeben. Nur, wo ist der geblieben?"
Ein Stein sei da wohl "in die Befehlskette" geraten, sagt Miklós Németh, bei der streng vertraulich zu behandelnden Kommandoaktion. Und dann erzählt der Ex-Premier, wie die Sache mit dem Picknick in Wirklichkeit gedacht war.
Ein General aus dem Innenministerium sei ausersehen gewesen, dem Oberkommando der Grenztruppen diskret, aber im Namen der ungarischen Regierung Folgendes zu bestellen: "Wenn es im Verlauf des Picknicks ein paar hundert Deutsche über die Grenze schaffen sollten, hätten wir nichts dagegen." In der Sprache der Politiker sollte das den Offizieren bedeuten: Augen zu und durchlassen.
Das ehemalige Politbüro-Mitglied Pozsgay beschreibt den im kleinen Kreis beschlossenen Kurs so: Der Durchbruch von DDR-Bürgern beim Picknick sollte den ungarischen Staat nach Möglichkeit nicht "als Mitwirkenden, sondern als Leidtragenden" dastehen lassen. Mit den Maltesern und Kirchenvertretern habe man sich in einer Art Verschwörung geeinigt, diese Botschaft in Umlauf zu bringen.
Im ungarischen Innenministerium allerdings kommt, was als Befehl gemeint ist, als unverbindliches Geschwurbel an. Und wird ignoriert. Die daran Schuldigen vermutet Ex-Premier Németh, ohne Namen zu nennen, in Kreisen, denen Sicherheit im Staat über alles geht. Und die ihn bis heute als "Verräter an der internationalen proletarischen Freundschaft" handeln.
Zum Glück habe Oberstleutnant Bella erkannt, "was die Geschichte von ihm forderte", wie Németh das nennt. "Der Bella hatte so viel Ahnung wie das Kaninchen vom Ziel des Laborversuchs", sagt Imre Pozsgay. Das "Pilotprojekt", mit dem erprobt werden sollte, ob die Sowjetunion eine Bresche an der Westflanke des Warschauer Pakts hinnimmt, ist auf dem Rücken von fünf Grenzschutzbeamten und etwa 30 ahnungslosen Picknick-Organisatoren ausgetragen worden.
Am 25. August fliegt Németh samt Außenminister Horn zum Geheimtreffen mit Kohl und Genscher. Auf Schloss Gymnich soll geklärt werden, wie die Ausreise der in Ungarn verbliebenen DDR-Bürger in die Bundesrepublik zu bewerkstelligen sei. Das Gesprächsklima ist freundlich, die Stimmung angespannt. "In Gymnich muss alles verwanzt gewesen sein", sagt Németh, "obwohl nur eine ungarische Dolmetscherin dabei war, habe ich später alle meine Aussagen wörtlich in Kanzler Kohls Biografie wiedergefunden." Man einigt sich am Ende auf eine Evakuierung der Ausreisewilligen. Der Termin bleibt offen.
Erst zweieinhalb Wochen später setzen sich die Busse mit den ostdeutschen Flüchtlingen in Bewegung. Am 11. September, kurz nach Mitternacht, passieren sie die Grenze zu Österreich.
Es ist ein Nine-Eleven der anderen Art - ein Tag der Freude, auch und vor allem für Helmut Kohl. Ausgerechnet am Vorabend des CDU-Parteitags in Bremen, wo eine Gruppe um Heiner Geißler und Rita Süssmuth gegen ihn putschen will, kann er einen historischen Triumph vermelden. Kohl bleibt an der CDU-Spitze und Kanzler für weitere neun Jahre.
Ungarns Helden des Wendesommers 1989 ernten wenig Lohn in der Heimat. Ministerpräsident Miklós Németh bleibt das Amt des Staatsoberhaupts versagt. Er flüchtet daraufhin für neun Jahre nach London und wird Vizepräsident der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung. Heute blickt er ohne Illusion aufs neue Ungarn.
Auf einen Staat, der - schon wieder - so gut wie bankrott ist. Auf eine tief zerklüftete politische Landschaft, in der sich die einst am runden Tisch vereinten Oppositionellen erbarmungslos ans Leder gehen. Und auf eine begüterte Clique an der Regierung, über die einer der Picknick-Organisatoren von 1989 sagt: "An der Macht sind nun genau jene Ex-Führer des kommunistischen Jugendverbands, die dort auch ohne die Wende gelandet wären."
Der Reformer Imre Pozsgay hat sich mit alten Weggefährten über die Frage zerstritten, wem das Verdienst an den Umwälzungen von 1989 gebührt. Politisch ist er auf Umwegen inzwischen im Dunstkreis des Rechtspopulisten Viktor Orbán gelandet. Umzingelt von Bücherwänden in seinem Haus am Budapester Sternenberg, sitzt der Vordenker von einst und beschreibt, wie die Ungarn 1989, quasi unabsichtlich, Europas Nachkriegsordnung zum Einsturz brachten: "Es war eine starke Absicht, die sich verselbständigt hat."
Pfarrer Kozma kümmert sich vom Budapester Vorort Zugliget aus weiter um Arme und Sieche. Den Gram darüber, dass die Deutschen noch nicht einmal, wie versprochen, für das Massenfluchtdenkmal in seinem Garten bezahlt haben, lässt er sich nicht anmerken. Bei der ungarischen Ordensverleihung zum zehnten Jahrestag der Wende ist Kozma leer ausgegangen.
Und Arpád Bella? Der pflegt seine Rebstöcke und kümmert sich um seine kranke Mutter, mehr als um das Geschwätz alter Kameraden, die ihn bis heute einen Verräter nennen. Bisweilen fährt er auch über die Grenze, wo nun nichts mehr an den Eisernen Vorhang erinnert, und steuert in Apetlon, nah am Ufer des Neusiedler Sees, das Haus von Johann Göltl an.
Dann trinken sie "Spritzer" zusammen, Weißweinschorle, die beiden Frontmänner an der Grenze im Kalten Krieg, und reden über die neue wie die alte Zeit. Sie mögen sich, nur traut der Johann dem Arpád bis heute nicht wirklich. Weil er überzeugt ist, dass die Sache mit den DDR-Flüchtlingen damals am Holztor in der Sopronpuszta, ein "von den Kommunisten drüben" straff durchgeplantes Störmanöver war.
"Zehn Hektoliter G'spritzte haben wir bestimmt schon miteinander getrunken", stöhnt Oberstleutnant a. D. Arpád Bella, "und noch immer glaubt er's mir nicht: Ich hatte keine Ahnung."

Gleich drei Jubiläen feiert Deutschland in diesem Jahr: die Gründung der Bundesrepublik, das Grundgesetz, vor allem aber die deutsche Einheit - oder vielmehr jenes Ereignis, das dazu führte: den Mauerfall am 9. November 1989. 20 Jahre ist es her, dass in Europa der Eiserne Vorhang zerriss, aber sind wirklich schon alle Geschichten von damals erzählt? SPIEGEL-Redakteure sind noch einmal auf Zeitreise gegangen, sie haben alte Akten gesichtet und Akteure von damals besucht. Und dabei auch zwei Jahrzehnte später noch überraschende Entdeckungen gemacht - der SPIEGEL wird in den nächsten Monaten in loser Folge darüber berichten.
* Am 19. August 1989, rechts am Tor der ungarische Grenzschützer Arpád Bella.
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 22/2009
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