25.05.2009

Der König der Kassetten

Global Village: Ein Asiate erobert den Pazifik - mit Musik vom Band.
Das Reich von Raymond Chin besteht hauptsächlich aus Wasser, aber es ist so groß wie Europa und Asien zusammen. Er regiert dieses riesige Gebiet aus einem schwerbewachten Flachbau im Stadtzentrum von Port Moresby, der Hauptstadt von Papua-Neuguinea, der Zentrale seiner Firma CHM Supersound.
CHM ist die südpazifische Antwort auf Universal und Sony BMG. Mit ihrer Hilfe hat Chin die Musik in den Südpazifik gebracht, nach Papua-Neuguinea, Vanuatu, Neukaledonien, Fiji, Tonga, auf die Salomonen. 300 000 Songs sind in seinem Besitz, täglich werden es mehr, seine Musik läuft auf allen Radiokanälen, er hatte die erste Website des Landes, er denkt jetzt über eine Art iTunes nach. Sogar aus Samoa und Tahiti, mehr als 5000 Kilometer entfernt, kommen die Musiker, um ihre Alben aufzunehmen.
Chin ist 58, er verkauft Hunderttausende Kassetten jedes Jahr, und nicht nur das, er hat um die Musik herum ein Imperium aufgebaut, zwölf Firmen stehen auf seiner Visitenkarte. Er ist damit Millionär geworden, was er gern zeigt. Er trägt eine randlose Brille, Seidenhemd, einen weintraubengroßen Saphir am Ringfinger und um den Hals eine Kette mit einer goldenen 100-Kina-Münze aus dem Jahr 1979. Kina ist die Landeswährung, 55 Millionen Kina setzt er im Jahr um, etwa 15 Millionen Euro. Und 1979, das ist das Gründungsjahr seiner Firma CHM Supersound.
CHM, das steht für Chin Hoi Meen, so hieß die Fotohandlung von Raymond Chins Vater. Bei der Übergabe an die Söhne kam es zum Streit, der Ältere wollte verkaufen, der Jüngere, Raymond, hielt dagegen. Schließlich zahlte er dem älteren Bruder 180 000 US-Dollar und bekam dafür das Geschäft. Bis dahin war Raymond Chin vor allem Musiker, spielte Bass und Schlagzeug in mehreren Bands, für CHM gab er sein Künstlerleben auf. "Ich musste meinem Vater und meinem Bruder beweisen, dass ich es packen kann." Und er überlegte: Womit kann man Geld verdienen, hier in Papua-Neuguinea?
Die Antwort lautete: mit Batterien. Man könnte sagen, er machte sich die Defizite seiner Heimat zunutze. Denn Batterien brauchen die Menschen hier, über 80 Prozent der Bevölkerung in Papua-Neuguinea leben in Dörfern ohne Strom.
Die Batterien waren Chins erster Coup. 1984 übernahm er den Vertrieb für Panasonic in Papua-Neuguinea. Heute ist Chin der größte Abnehmer von Panasonic-Batterien außerhalb Japans, er verkauft 70 Millionen Stück pro Jahr.
Als er den Batterienmarkt beherrschte, überlegte Chin, was die Bewohner sonst noch brauchen könnten. Er begann, Kassettenrecorder zu importieren, bald war er auch hier Marktführer. Nach den Recordern waren die Kassetten dran, denn CDs kauft fast keiner in Papua-Neuguinea. Chin lässt die Plastikteile aus Indonesien einfliegen und in seiner Kassettenfabrik in Port Moresby zusammensetzen.
Zum Schluss fehlte nur noch eines: die Musik.
Raymond Chin eröffnete sein erstes Tonstudio, gleichzeitig mit einem Freund aus seiner Heimatstadt Rabaul auf dem Bismarck-Archipel. In Papua-Neuguinea, wo zuvor nie Musik professionell aufgenommen worden war, gab es damit Ende der achtziger Jahre plötzlich zwei Studios. "Bald war das Land geteilt, ich kontrollierte das Festland, er die Inseln", erinnert Chin sich. "Als Kinder hatten wir zusammen Murmeln gespielt, als Jugendliche spielten wir zusammen in einer Band, aber nun war die Freundschaft vorbei."
Zehn Jahre lang lieferten sich die beiden ein Wettrüsten mit ihrer Studiotechnik und kämpften erbittert um jeden Musiker. Für die Musikszene war es ein Segen, aber die ehemaligen Freunde ruinierten sich dabei fast. Am Ende entschied die Natur. Am Morgen des 19. September 1994 explodierten innerhalb von zwei Stunden zwei Vulkane und begruben Rabaul unter meterhoher Asche. Das Studio des Konkurrenten war zerstört. Raymond Chin hatte sein Elternhaus verloren, den Kampf um die Musik aber gewonnen.
Heute sind fast alle Musiker im Südpazifik bei CHM unter Vertrag. Im ersten Stock der Zentrale in Port Moresby wird die Musik produziert, im Erdgeschoss wird sie verkauft. Ton-, Foto- und Videostudio liegen nebeneinander, Menschen in blauen CHM-Hemden wuseln umher, am Treppenabsatz warten Musiker mit Rastazöpfen auf ihre Audienz beim Kassettenkönig.
Die Firma macht kulturelle Fließbandarbeit, die Lieder klingen oft ähnlich, aber es ist für viele die einzige Aussicht auf eine Karriere. Denn in Inselstaaten wie Tonga oder Vanuatu gibt es kein Urheberrecht. Jedes Album wird noch am Tag des Erscheinens raubkopiert und zum Schleuderpreis verkauft. Da hilft es, bei Chin zu sein, denn der bekämpft die Produktpiraten, schaltet Anwälte ein und hebt Fälscherwerkstätten aus. Dazu zahlt er Tantiemen, 15 Prozent von jedem verkauften Tonträger, eine Kassette kostet umgerechnet 3,80 Euro. Manche Musiker verdienen gutes Geld, aber Millionär ist noch keiner geworden. Außer Raymond Chin.
Der Erfolg der Chinesen - auch Chins Vater wanderte einst von China hierher aus - weckt Neid in Papua-Neuguinea. Vor einigen Tagen zogen Demonstranten durch die Hauptstadt. "Raus mit den Chinesen!" und "Weg mit der asiatischen Mafia" stand auf ihren bemalten Pappkartons. Sie griffen asiatische Läden und Supermärkte an, Scheiben zersplitterten. Die Welle der Gewalt hat inzwischen auf alle großen Städte übergegriffen. Wer Asiate ist oder auch nur so aussieht, bleibt besser zu Hause.
"Ich fühle mich nicht bedroht", sagt Raymond Chin, seine Läden seien nicht geplündert worden: "Die Hälfte der Demonstranten sind ja meine Musiker!" Er lacht kurz auf. Als er später mit seiner Frau den Laden durch den Hinterausgang verlässt, warten drei Wachen mit Pumpguns und Kampfhunden auf ihn. Chin steigt in seinen Jeep und verschwindet im Dunkeln. FELIX ZELTNER
Von Felix Zeltner

DER SPIEGEL 22/2009
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