08.06.2009

ZEITGEISTFreunde von früher

Der Prenzlauer Berg war Heimat einer legendären Boheme um Dichter wie Sascha Anderson oder die Malerin Cornelia Schleime. Die Szene ist zerbrochen, Ex-Spitzel Anderson ein Verstoßener. Heute prägt junger Schick das Viertel. Von Susanne Beyer
Sie waren die hoffnungsvollste Künstlergruppe, die es in Deutschland gab, vor 20 Jahren, als die Mauer fiel. Einige lebten da bereits im Westen, doch sie gehörten zu ihren Freunden im Osten, die noch am Prenzlauer Berg wohnten - in jenem Viertel Berlins, dem diese Künstlerverbindung ihren Namen zu verdanken hat: "Boheme vom Prenzlauer Berg".
Dort hatten sie sich in den achtziger Jahren zusammengefunden, sie kamen aus anderen Berliner Vierteln, aus Magdeburg, aus Dresden. Die Zugezogenen gaben dem Prenzlauer Berg eine faszinierende Identität. Auch heute sind es die Zugezogenen, die diesen Ort prägen. Diesmal aber sind es Westdeutsche aus Schwaben, Westfalen und Niedersachsen. Sie gelten als schick, ökobewusst und kinderfreudig, sie inszenieren ihren Alltag gern vor aller Öffentlichkeit.
Die Wohlstandswestdeutschen von heute zehren von dem Mythos, den die Boheme vom Prenzlauer Berg vor der Wende begründet hatte, indem sie sich nonchalant der DDR-Staatsmacht widersetzte. Die Künstler organisierten damals illegale Lesungen, Ausstellungen, Punkkonzerte, sie druckten in kleinen Auflagen aufrührerische Zeitschriften, sie besetzten Wohnungen, die in diesem elf Quadratkilometer großen Altbaudreieck na- he der Mauer völlig heruntergekommen waren.
Als die Grenze aufgemacht wurde, erwarteten alle, dass die entscheidenden Impulse in der gesamtdeutschen Kulturszene von dort ausgehen würden. Und es entstand tatsächlich etwas Neues, das mit dem Alten zu tun hatte, eine "Druck- und Verlagsgesellschaft" wurde gegründet, Galrev, dorthin gaben die Dichter ihre neuen Werke. Ein kurzes Aufblühen. Doch auf einmal war es mit der Künstlerboheme vom Prenzlauer Berg vorbei. Sie gab den Weg frei für die biedermeierliche Neudefinition des Viertels. Heute gilt der Stadtteil zwar wieder als Seismograf für deutsche Befindlichkeit, aber diesmal in einer modern-pittoresken Version.
Die meisten Künstler der einstigen Szene kämpfen nun allein. Was aus ihnen wurde, kann Aufschluss geben darüber, was passiert, wenn der gemeinsame Feind nicht mehr da ist, in diesem Fall die SED-Staatsgewalt. Man kann daran die Nachwirkungen von Diktaturen studieren, aber auch die Anziehungs- und Abstoßungsmechanismen im Kulturbetrieb des vereinten Deutschland - bis heute.
Der Ort ist zu einer Marke geworden. Und mit einer Marke identifiziert zu werden kann nützlich sein. Manchmal aber auch verheerend.
Wer sich aufmacht, um in verschiedenen Ecken Berlins und Deutschlands die Protagonisten der einstigen Prenzlauer-Berg-Boheme zu treffen und herauszufinden, was einmal war, warum es auseinanderfiel und wie es jetzt weitergeht, der bekommt immer wieder von diesem einen Tag zu hören: ein Tag im Oktober 1991 - der Anfang vom Ende.
Die Details in den Schilderungen der Zeitzeugen weichen voneinander ab, und es ist fast schon ein Kennzeichen dieser auseinandergefallenen Szene, dass die Einzelnen gar keine gemeinsame Sicht mehr anstreben, so als würde allein dadurch ihre in zwei Jahrzehnten mühsam erkämpfte Autonomie gefährdet.
Es muss ungefähr so gewesen sein: Der Lyriker Adolf Endler, damals 61, der ein Mentor der jungen Dichter war, fuhr mit seiner Frau Brigitte im Auto zum Galrev-Verlag. Endler bat den Verlagsgesellschafter und Lyrikerkollegen Alexander "Sascha" Anderson, damals 38 Jahre alt und - wie der heute selbstironisch sagt - auch "eine Art Obermacker" der Szene, für einen Moment auf die Straße. Er habe eine Frage. Sie standen sich gegenüber, vor Endlers Auto, aus dem dessen Ehefrau zuschaute.
"Es gibt da ein Gerücht", sagte Endler zu Anderson, "dass du deine Freunde bespitzelt hast." Der SPIEGEL wolle das enthüllen. Es dauerte ein paar Sekunden, bis Sascha Anderson reagierte. Dann antwortete er: "Nein, ich habe nie für die Stasi gearbeitet." "Dann ist es gut, dann werde ich dich verteidigen, gegen alles und jeden." Endler stieg erleichtert ins Auto und sagte zu seiner Frau: "Er war's nicht." Sie sagte: "Doch, er war's. Ich habe noch nie einen Menschen so erstarren sehen."
Dann trafen sie sich wieder, am selben Tag und in den nächsten Wochen. Sascha Anderson in Decken gehüllt, zitternd. Manchmal war auch Cornelia Schleime dabei, Andersons beste Freundin seit Jugendtagen. "Sascha, da läuft was gegen dich. Sag, wenn etwas dran ist." "Nein. Ich war kein Spitzel."
Er war es doch. Und heute scheint es, als wiege bei seinen versprengten Freunden dieses Leugnen schwerer als die eigentliche Tat, die 15 Jahre, die Anderson der Stasi zu Diensten war. Hätte er alles zugegeben, hätten sie ihm womöglich verziehen, weil damals alle auf Zusammenhalt aus waren. Doch dass er selbst im Chaos der Wende-Tage unaufrichtig blieb, das können sie nicht verwinden.
Sascha Anderson ist zu einem der verrufensten Menschen im deutschen Kulturbetrieb geworden. Wenn er Lesungen besuchte, am Prenzlauer Berg und anderswo, konnte es vorkommen, so wird erzählt, dass Unmut ausbrach - der "Spitzel" sei anwesend.
Als er vor sieben Jahren im Kölner DuMont Literatur und Kunst Verlag so etwas wie eine Autobiografie vorlegte ("Sascha Anderson"), die tatsächlich mehr verhüllte als aufdeckte, brach ein Höllensturm los: Die Rezensionen waren vernichtend. Von "Anmaßung und Selbstüberhebung" war in der "Frankfurter Allgemeinen" die Rede, er banalisiere "die Greueltaten der Stasi". Schon dass der Bucheinband, wie alle bei DuMont zu dieser Zeit, weiß war, galt als frevelhaft. Die Farbe der Unschuld - wie kann er nur!
Anderson lebt heute mehr als 500 Kilometer weit weg, in Frankfurt am Main. Seine Arbeit und seine neue Frau sind hier, sonst wäre er nicht weggezogen aus Berlin. Er ist im Bahnhofsviertel anzutreffen, in den Räumen des Gutleut Verlags, bei dem er arbeitet - bittere Scherze werden im Kulturbetrieb auch darüber getrieben: Der Bösewicht beim Gutleut Verlag, ausgerechnet. Der Verlag trägt den Namen der Straße, an der er liegt.
Anderson wartet in den Kunstausstellungsräumen, die zum Verlag gehören, in wenigen Tagen aber geschlossen werden, weil der Vermieter - ein Fleischer - den Raum als Lager nutzen möchte. Noch sind die Wände mit Bildern behängt, in einer Ecke steht ein altes Sofa. Anderson bittet, dort Platz zu nehmen.
Das Gespräch beginnt in angespannter Stimmung. Vielleicht wirkt es etwas sonderbar, dass ein Aufnahmegerät läuft, so wie früher bei den Stasi-Verhören. "Ist das okay mit dem Tonband?" "Ja klar, ist okay", sagt Anderson, und das wird ein Schlüsselsatz in diesem Interview. Seine Enttarnung, die Härte, mit der gegen ihn verfahren wird - alles okay und angemessen in Anbetracht seiner Vergehen. Sascha Anderson bereut.
Er spricht frei und präzise über damals und heute, überhaupt sind seine Worte viel klarer als seine oft hermetische Lyrik und Prosa. Unterbrochen wird sein leicht sächsischer Singsang vom intensiven Saugen an immer neuen Zigaretten. Er wirkt nicht so, als müsse er beim Reden etwas loswerden, eher, als sei er sich und der Welt Antworten schuldig.
Anderson sagt, es sei falsch gewesen, bei Galrev mitgemacht zu haben. Er hätte wissen müssen, dass seine Stasi-Verbindungen irgendwann auffliegen würden, dass dann alle anderen, die ihre Bücher in dem Verlag publizierten, schlecht dastünden, unter Generalverdacht - denn diese Differenzierungen, dass es nur ganz wenige waren, nur zwei Prozent der DDR-Gesamtbevölkerung, die mit der Stasi paktiert hatten, würden von Westdeutschen ja nur selten gemacht.
Anderson sagt, er sei darüber hinweg, in seiner Stasi-Tätigkeit im Nachhinein, als Versuch der Rechtfertigung, etwas anderes, Besseres zu sehen als das, was es war: "Das war ein ganz klares Arbeitsverhältnis, das war eine Entscheidung von mir."
Und er sagt, dass es schwer sei, eine neue Heimat zu finden, dass er auch deswegen noch lange nach seiner Enttarnung am Prenzlauer Berg gewohnt habe: "Ich hatte das Gefühl, ich muss da sein, wenn es um mich geht." Jetzt sei er glücklicher. "Ich bin ein Wende-Gewinnler, ich bin ein mich komplett belastendes Geheimnis losgeworden." Ja, er gelte als Unperson, "aber ich bin ja nicht im Leben, im Alltag eine Unperson. Ich habe Freunde, ich habe ein Arbeitsverhältnis, ich habe Familie".
Anderson antwortet diszipliniert, selbst auf die Frage, ob er je an Selbstmord gedacht habe, wie Karlheinz Schädlich, auch ein Intellektuellen-Spitzel aus der Ost-Berliner Boheme, der sich vor anderthalb Jahren auf einer Parkbank in Prenzlauer Berg erschoss. Nein, für Selbstmord sei er nicht der Typ. Das sei ihm auch zu theatralisch.
Was glaubt er, warum so viele vielversprechende Künstlerkollegen von damals keine Rolle im großen Kulturbetrieb mehr spielen? Andreas Koziol zum Beispiel oder Stefan Döring? Ob das nicht auch seine Schuld sei, hat er vielleicht die ganze Szene diskreditiert? Es liege auch an den Kunstformen, antwortet Anderson. Gerade mit Lyrik komme man auf dem Markt nicht mehr durch.
War es nicht dennoch sehr gewagt, in seinem autobiografischen Buch über die Leute herzuziehen, die ihn verantwortlich machen für das, "was ihnen an ihrem Leben als Defizit" erscheint? Anderson lässt sich das Buch geben, die Passage zeigen, liest und schaut dann ratlos: "Das ist ja ganz schön dicke", sagt er, als wäre er es gar nicht gewesen, der das geschrieben hat.
Immer wieder kommt es vor, dass Anderson solche Trennungen vornimmt: zwischen sich und dem Kulturbetrieb, zwischen seinem Namen und seiner Arbeit. Auch andere Autoren tun so etwas, bei Anderson aber scheint es mit seinem Leben als Unperson zu tun zu haben.
Er arbeitet in seinem erlernten Beruf als Typograf für einen großen Verlag - nennt aber von sich aus den Namen nicht. Er entwirft Umschläge für die Bücher berühmter deutscher Schriftsteller. Er sorgt dann dafür, dass immer nur der Name seiner Agentur und niemals sein eigener genannt wird. Er verkehrt mit bekannten (west-)deutschen Schriftstellern, möchte aber auch da nicht, dass Namen fallen. Er schützt die anderen vor seinem Image.
Er sagt, er habe einen einzigen Vorteil, verglichen mit vielen anderen Schriftstellern heute: Es mangele ihm nicht an Stoff. Seine Bücher, darunter ein neueres Prosawerk mit einem Spitzel als Hauptfigur, gibt er in einer von ihm betreuten Reihe im Gutleut Verlag heraus. Er verlegt sich quasi selbst. Diese Bücher werden kaum rezensiert. In diesem Segment seines Lebens erlaubt sich Sascha Anderson eine gewisse Nähe zu Sascha Anderson.
Ein Image, einmal festgefügt, lässt keine Komplexität zu. Doch wenn Sascha Anderson in den Augen der Welt der Bösewicht vom Prenzlauer Berg bleibt, dann wird die eigentliche Perfidie des SED-Staats übersehen: dass es nicht unbedingt die Verworfenen und Dämlichen waren, die als Spitzel auf die Kulturszene angesetzt wurden, sondern die Klugen, die Freundlichen. Diejenigen, die als Freunde taugen.
Die beste Freundin Sascha Andersons, Cornelia Schleime, 55, kann es bis heute nicht ertragen, dass es der Vertrauteste war, der sie verriet. Im vergangenen Jahr hat Schleime einen Roman veröffentlicht über die Nachwirkungen eines Verrats: "Weit fort". Sie hat nie verhehlt, dass sie darin ihre eigene Geschichte erzählt.
Die Literatur war für Cornelia Schleime nur ein Ausflug, bekannt ist sie als Malerin leuchtend-melancholischer und sehr sinnlicher Porträts. Sie lebt in einer Atelierwohnung mitten in Prenzlauer Berg, weswegen sie in den meisten Berichten über diese Gegend als eine der wenigen erwähnt wird, die das Flair der großen Künstlerzeit in die Gegenwart hinüberretten. Schleime hat Glück gehabt. Malerei hat heute Konjunktur, das war zur Wende-Zeit nicht abzusehen.
Sie wohnt viele Treppen hoch unter dem Dach. Jung sieht sie aus. Auch der fast gleichaltrige Sascha Anderson sieht viel jünger aus als Mitte fünfzig.
Über einem langen Tisch hängt eines ihrer besten Bilder, ein Frauenkopf mit magisch-desillusioniertem Blick. Dieses Bild ist auch auf dem Cover ihres Romans zu sehen. Niemals würde sie es verkaufen, selbst Ex-Bundeskanzler Gerhard Schröder, so erzählt sie, habe vergeblich darum gebeten.
Auf dem Tisch steht Gebäck, Berliner. Cornelia Schleime wird kaum dazu kommen, davon zu nehmen, sie raucht, so intensiv wie ihr Freund von früher.
"Ich soll Sie von Sascha Anderson grüßen." "Ach ja?", sagt Schleime und bricht in Gelächter aus, "das ist aber nett." Dann wird sie ernst. Er habe sich vor ein paar Monaten entschuldigt, "schriftlich". Wohl eine Reaktion auf ihr Buch.
Sie mag diese Entschuldigung noch nicht bewerten, doch sie redet anders über den früheren Freund als vor einem Jahr bei einem Interview über ihr Buch. Da wirkte sie unversöhnlich, heute ist sie milder.
Cornelia Schleime kann sich schnell aufregen, über diejenigen, die sich in ihrem Urteil immer sicher sind. Ohnehin mag sie es nicht, wenn sich Leute verhalten wie abgesprochen. Und deswegen geht ihr auch der Prenzlauer Berg, so wie es dort jetzt ist, auf die Nerven. Sie genießt die Blicke aus ihrem Fenster, auf den Wasserturm, aber sobald sie hinabsteigt in den Alltag des Viertels, wundert sie sich. Vor allem über den Kult ums Kind, den sie hier überall wahrnimmt. Mütter, nicht mehr jung, im Partnerlook mit ihren ganz kleinen Kindern, auf dem Weg zum gemeinsamen Yogakurs. Neulich hat sie auf dem Markt am Kollwitzplatz beobachtet, wie eine Mutter ihr Kind an einer Käsetheke hochhielt, das Kind war vielleicht ein Jahr alt; die edle Käsesorte, auf die es zeigte, wurde gekauft.
"Früher war das anders, unbeschwerter, Kinder liefen einfach so mit", sagt Schleime und erzählt, wie jung sie und ihre Freundinnen waren, als sie schwanger wurden. "Und wenn die Kinder dann kamen, war der Mann meist weg."
Sie hat ihren Sohn allein großgezogen in den achtziger Jahren am Prenzlauer Berg, oft war der Kleine auch bei der Oma. Männer, die sich um Kinder kümmern, waren die Ausnahme im Künstlerkosmos. In dieser Hinsicht waren die Rebellen konservativ. Und so legt Cornelia Schleime heute bei ihren Spaziergängen durchs Viertel Listen an mit zwei Kategorien: Väter mit Kinderwagen, Mütter mit Kinderwagen. Sie zählt und notiert die Ergebnisse. Bisher, so staunt sie, hätten die "schiebenden Väter" einen Vorsprung. Sie selbst hat keinen Zugang zu dieser Welt.
Der Prenzlauer Berg ist den Bewohnern von damals fremd geworden, er ist gleichzeitig da und nicht mehr da. Manchmal träumt Cornelia Schleime nachts von endlosen grauen Häuserreihen, es sind Alpträume. Sie hat aus Notwehr einen ausgeprägten Sinn für kraftvolle Farben entwickelt. Zu DDR-Zeiten durfte sie nicht ausstellen, sie fertigte sehr bunte Alltagsdinge aus Keramik an. Einige stehen in ihrer Wohnung: Tassen, Vasen, Aschenbecher. Die Wohnung liegt in einem Haus, das längst nicht mehr grau ist, sondern komplett saniert.
Die Ruinenlandschaft von früher, die sanierten Fassaden von heute - auch Adolf Endler, der schalkhafte Elder Statesman der versprengten Szene, hat Mühe, das eine mit dem anderen in Zusammenhang zu bringen.
Dabei hat er ähnliche Verwandlungen schon einmal erlebt, so erzählt er in seinen mit Bücherwänden vollgestopften Arbeitsräumen. 1930 wurde er in Düsseldorf geboren und empfand das Leben zwischen den Ruinen in der Nachkriegszeit als aufregend und bereichernd. Die saturierten fünfziger Jahre in Westdeutschland waren ihm fremd. Er ging 1955 in die DDR.
Heute lebt Endler im Ortsteil Pankow, der Prenzlauer Berg ist ihm zu teuer.
Wenn etwas von Endler erscheint, freuen sich Feuilletonisten. Es sind die Experten, die ihn schätzen, dem großen Publikum ist er kaum bekannt - modernes Dichterschicksal. Die Experten erklären jedes Mal, dass Endler der Humorist vom Prenzlauer Berg sei. Sein "Tarzan am Prenzlauer Berg. Sudelblätter 1981-1983" gilt als Standardwerk der Szene. Sein autobiografisches Buch "Nebbich" ist vor vier Jahren erschienen, ein Buch aus dem vollen Leben.
Endler ist kritischer mit sich als seine Fans vom Feuilleton. Er habe, seit es die DDR nicht mehr gibt, kein neues Thema mehr gefunden, bekennt er. Die DDR sei schrecklich gewesen, aber man habe sich immerhin an ihr reiben können.
Und jetzt - der Prenzlauer Berg als neues, eigenes Thema? Lieber nicht. Da sitzt der Schock noch tief über das, was nach der Wende geschah. Dass er Andersons Beteuerungen geglaubt hat, lässt ihn heute noch erschaudern.
Die Marke Prenzlauer Berg hilft Endler beim Feuilleton, doch ihn selber hemmen die Erinnerungen.
Über den Prenzlauer Berg sollen sich andere äußern. Endler ruft seine Frau Brigitte zu sich, die im Nebenzimmer bei angelehnter Tür zuhört und in seinem Auftrag aufpasst, dass er auch die richtigen Namen und Fakten nennt. Sie kommt herein, zeigt Bücher, die in den vergangenen Jahren über die Szene erschienen sind, überwiegend von Autoren, die nicht dazugehörten. Sie erzählt von einer Museumsausstellung, die für den Herbst vorbereitet wird, auch über die alte Szene. "Das alles wird immer mehr zum Mythos", sagt Endler und schüttelt den Kopf.
Erinnerung verstört - wenn sie nicht verklärt. In letzter Zeit rühren sich am Prenzlauer Berg ein paar altlinke Ost-Berliner und ziehen gegen die neu Zugezogenen, die westdeutschen Besserlebenden, zu Felde, hängen Plakate auf: "Ost-Berlin wünscht dir eine gute Heimfahrt." Dieser unfreundliche Wunsch gilt den Neu-Berlinern, den Westfalen, Bayern und vor allem den fleißigen Schwaben. Vom "Schwaben-Bashing" ist im Viertel viel zu hören.
Schwaben-Bashing? Es müssen selige Zeiten sein am Prenzlauer Berg.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 24/2009
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