15.06.2009

TitelDie Krisenprofis

Sie sind die Deutschen von morgen, die 20- bis 35-Jährigen - sie sind vernetzt, sie denken global, sie sind angepasst. Die Krise trifft sie härter als andere, aber nicht einmal das treibt sie zur Rebellion. Sie schäumen lieber Milch auf, als auf die Straße zu gehen. Wie sie denken und leben, zeigt die neue SPIEGEL-Umfrage unter den jungen Deutschen.
Der junge Mann, der am Anfang dieser Geschichte steht, will seinen Namen nicht preisgeben, und damit ist schon einiges erzählt über die Generation, um die es hier geht.
Der junge Mann, nennen wir ihn Oliver, ist 32, Architekt, war bis März 2009 angestellt im Berliner Büro des Stararchitekten Norman Foster. Er leistete vollen Einsatz für wenig Geld, so wie es von ihm erwartet wurde, wie es von ihnen allen erwartet wurde, den gut 60 jungen Architekten, die im Auftrag des Stars Entwürfe lieferten.
Sie wurden ausgebeutet, beuteten sich selbst aus, manche für nur wenig mehr als 2000 Euro brutto, 70-Stunden-Woche, ihr Job war ihr Leben. Im Februar lasen sie in der Zeitung, dass ihr Büro geschlossen werden solle, von einem Tag auf den anderen, Auftragsrückgang wegen der Wirtschaftskrise.
Man konnte sie rausschmeißen, weil sie jung waren, befristete Verträge hatten, die Tausende Überstunden bezahlte ihnen keiner. Sie hatten alles gegeben, jetzt nahm man ihnen alles weg.
Oliver sagt, viele seiner Kollegen seien Ameisen gewesen, die direkt von der Uni kamen, arbeitswillig, anspruchslos, zum Einstieg gab man ihnen Sechsmonatsverträge, die bis zu dreimal verlängert wurden. Vor 20 Uhr Feierabend zu machen, das trauten sich die wenigsten. Als mal einer der Jüngeren einen Versuch startete, etwas dagegen zu unternehmen, waren es nicht Chefs, die ihn in die Schranken wiesen, sondern Kollegen. Man muss sich durchbeißen, such dir halt ein anderes Büro, sagten sie.
Oliver und seine früheren Kollegen wollen darüber nicht unter ihren richtigen Namen reden. Sie haben Angst, dass es ihrer Karriere schaden könnte. Sie wollen nicht kämpfen, sie glauben, dass es ihnen nichts bringt. Sie wissen, dass das, was ihnen geschehen ist, vielen in ihrem Alter so geht.
Das Lebensgefühl der Unsicherheit nimmt jetzt, in der Krise, noch zu. Dieses Gefühl ist es, was diese Generation in allen Milieus verbindet, doch es verbindet sie nicht.
Die Menschen, die heute in Deutschland erwachsen werden, die Menschen zwischen 20 und 35 Jahren, empfinden sich nicht als Generation. Es gibt kein Protestgefühl, das sie eint, keine Wortführer, keine Ideologie. Sie sind nur Einzelne, die sich gleichen.
Sie sind die Deutschen von morgen, sie sollen einmal das Land gestalten und führen - aber sie sind Unsichtbare. Sie sind da, aber als Generation artikulieren sie sich nicht. Und doch sind sie eine Generation. Sie sind Krisenkinder.
Sie sind geprägt durch Krisen, den 11. September, die Bildungskrise, die Globalisierungskrise, die Umweltkrise.
Der 15. September 2008, die Finanzkrise, die mit dem Zusammenbruch der Bank Lehman Brothers begann, hat die letzte Gewissheit zerstört: dass auf die Herrschaft des Geldes Verlass ist und auf Banken.
Und nun ist sie da, die große Krise, die große Rezession, die Bestätigung all der Ahnungen, die sie schon lange mit sich herumtragen.
Regierungen in aller Welt machen Schulden in Billionenhöhe, um den Kapitalismus zu retten, und diese Generation erbt sie. So, wie sie die Last der Überalterung erbt. Sie nimmt zur Kenntnis, dass die Regierung Merkel beschlossen hat, das Rentenniveau für die Zukunft selbst bei sinkenden Löhnen zu garantieren - auf ihre Kosten.
Seit Jahren schwelt ein Krisengefühl in ihren Leben, schon vor drei Jahren fürchteten sich fast drei Viertel vor Jobverlust und Wirtschaftskrise. Es ist das Wissen darum, dass das Versprechen nicht mehr gilt, dass es ihnen später mal besser gehen soll als ihren Eltern.
"Das Prekäre ist das zentrale Merkmal dieser Generation", sagt Professor Ronald Hitzler, Soziologe an der Technischen Universität Dortmund. "Und zwar prekär nicht im Sinne von niedrigem Einkommen, sondern als Ausdruck von Unsicherheit. Materiell geht es dieser Generation nicht unbedingt schlechter. Das Prekäre an dieser Generation ist, dass die Lebensverhältnisse instabil sind und sich jederzeit ändern können."
Der Münchner Soziologe Ulrich Beck sagt, der Übergang zu unsicheren Arbeitsverhältnissen konstituiere eine neue Generation. Und der Soziologe Klaus Hurrelmann, Mitherausgeber der Shell-Jugendstudie: "Die Unruhe, eventuell nicht an der Gesellschaft teilhaben zu können, führt zu einem latenten oder offenen Krisengefühl."
500 junge Erwachsene im Alter von 20 bis 35 Jahren hat TNS Forschung für den SPIEGEL in diesem Frühjahr befragt. Die jungen Deutschen, so das Ergebnis, sehen die Lage pessimistisch: 30 Prozent glauben, dass sie wegen der Wirtschaftskrise Probleme haben werden, einen Job zu finden oder zu behalten. 58 Prozent befürchten politische Instabilität.
Es ist eine verunsicherte Generation. Auch eine Studie der Stiftung für Zukunftsfragen zeigt: 70 Prozent sehnen sich nach Sicherheit.
Natürlich waren es in den meisten Fällen keine existentiellen Krisen, um die es in bisher ging. Alles was sie wollen, ist anständig leben, so wie sie es von klein auf gewohnt sind. Ihre Träume sind klein. Sie wollen einen Job. Sie wollen dazugehören. Sie wollen irgendwann mal eine Familie. Sie wollen sich was leisten können.
Aber sie haben Angst, dass es dazu nicht mehr reicht.
Die große Wirtschaftskrise trifft die Jugend besonders hart, wenn sie nun keine Ausbildungsplätze mehr bekommt, nicht übernommen wird, wenn ihre Verträge jetzt als erste gekündigt werden. Wenn Unternehmen entlassen, kommen die Jungen ohne Kinder, die Neuen, zuerst dran - so funktioniert die Sozialauswahl im Kündigungsschutzgesetz. Im Mai war die Arbeitslosigkeit bei den unter 25-Jährigen im Vergleich zum Vorjahr schon mehr als dreimal so stark angestiegen wie bei den Älteren.
Mehr als die Hälfte der unter 30-Jährigen hatte laut einer DGB-Studie aus dem Jahr 2007 schon mindestens einen befristeten Arbeitsvertrag, fast ein Drittel der jungen Generation ist laut einer aktuellen IG-Metall-Studie prekär beschäftigt, das heißt: als Leiharbeiter, befristet, auf ABM-Stellen, dabei sind Praktikanten nicht mitgezählt.
Fast die Hälfte war laut SPIEGEL-Umfrage schon einmal arbeitslos. Zwei Drittel schaffen laut Arbeitsministerium keinen nahtlosen Einstieg von der Ausbildung in den Beruf. Die Hälfte hat schon drei oder mehr Praktika gemacht, ein Fünftel sogar fünf oder mehr.
Seit Jahren spricht man von der "Generation Praktikum", und es stimmt ja auch, dass diese Generation so viele Praktika macht wie noch keine vor ihr, die Geisteswissenschaftler, Ökonomen, Naturwissenschaftler, sogar die Juristen.
Es ist eine Generation, die stärker als die Generationen vor ihr mit unsicheren Arbeitsverhältnissen lebt.
Und das gilt nicht nur für die Studenten, für die Gutausgebildeten, für Oliver, den entlassenen Architekten, sondern genauso für einfache Arbeiter, für Menschen wie Hagen Thews.
Er ist 35, ein gelernter Maurer aus Sachsen mit Realschulabschluss, trägt ein rotes T-Shirt und einen Ohrring. Er war Leiharbeiter bei Audi, bis die Krise kam. Jetzt verschickt er wieder Bewerbungsmappen, hundert Stück sind schon raus.
Seit Jahren lebt er so, drei Monate hier, sechs Monate dort. In die Möbelfabrik, auf den Bau, überall ging Thews hin, arbeitete als Kurierdienst, Holzfäller, Lkw-Fahrer, als Schwangerschaftsvertretung beim Blumengroßhandel, zwischendurch machte er sich selbständig als Hausmeister und Autoreiniger.
Im März 2007 fing er bei Audi in Ingolstadt an, angestellt über die Zeitarbeitsfirma Adecco. Die Konditionen waren gut, die IG Metall hatte hier Stundenlöhne von über 14 Euro ausgehandelt, praktisch gleiche Löhne für Leiharbeiter und Festangestellte. Was blieb, war die "kleine Zwei-Klassen-Gesellschaft", so nennt Thews das.
"Du bist nur ein Adecco", hörte er von den älteren Festangestellten bei Audi. "Du hast mir gar nichts zu sagen." Dabei musste Thews sie anlernen, wenn sie aus anderen Abteilungen kamen. Wenn es darum ging, wer samstags arbeitete, waren meist die Adeccos dran.
Er hat sich, während er bei Audi arbeitete, bei Audi beworben. Für den gleichen Job, nur als Festanstellung. Er hat gesagt, er würde auch alles andere machen, aufräumen, schwere Autodächer vom Band nehmen, auch für weniger Lohn. Er wollte nur endlich Sicherheit, nicht mehr "diese Angst im Nacken".
"Im Januar", sagt er, "haben wir uns komplett aufgegeben." Da fragten sie den Chef nur noch: Sind wir nächste Woche noch hier? Am 19. Februar war für Thews Schluss. Seitdem sitzt er oft abends allein auf dem Balkon. Er hat jeden Tag diese Kopfschmerzen. Er sagt, die Leiharbeit sei "moderne Sklavenarbeit".
Für die jungen Arbeiter, sagt Eric Leiderer, Bundesjugendsekretär der IG Metall, hat die Krise nicht nur Zehntausende Arbeitsplätze gekostet. Sie hat einen ganzen Lebensentwurf zerstört.
Leiderer ist 36 Jahre alt, hat aber schon einen Bauch und eine kahle Stirn, auf der Schweißperlen stehen.
Früher ging das so, sagt Leiderer: Ausbildungsplatz, Übernahme in den Betrieb, Familie, Gewerkschaft, Rente. So funktionierte das System, selbst zu den Zeiten von Schröders fünf Millionen Arbeitslosen. Heute ist jeder dieser Schritte geprägt von Unsicherheit. Die Betriebe, sagt Leiderer, übernehmen die Auszubildenden nicht mehr, zumindest immer seltener. "Und dann geht es für die meisten gleich in die Leiharbeit. Wenn du da einmal drin bist, ist es schwer, wieder herauszukommen."
Ist es ein Wunder, dass jetzt Castingshows erfolgreich sind, die junge Menschen um Ausbildungsplätze gegeneinander antreten lassen?
Neulich stand Leiderer in Erfurt vor lauter jungen Arbeitern, und er rief ihnen zu: "Da ist mir einmal mehr verdammt klargeworden, wie tief unsere ganze Generation gerade in der Scheiße steckt!"
Es war ein Satz, den auch Bionade-Trinker im Prenzlauer Berg verstehen, auch wenn die es bizarr finden mögen, dass es überhaupt eine IG-Metall-Jugend gibt und dann auch noch einen Sekretär. Sie haben keinen Leiderer, die meisten wollen auch keinen, Gewerkschaft ist ihnen fern.
Aber auch für sie gelten nicht mehr die Lebensentwürfe, die für ihre Eltern galten. Auch für sie gilt, dass sie für Leistung keine Sicherheit erhalten. Nur sind viele von ihnen ganz ohne Lobby, als Freiberufler, als befristet Angestellte, als Banker.
Leiderer sagt, es habe viele Bezeichnungen gegeben für diese Generation, aber nur eine treffe: "Dies", sagt Leiderer, "ist die 'Generation Prekär'."
Eine Generation ist zunächst mal nur eine Gemeinschaft von Menschen im gleichen Alter. Ob aus ihnen auch so etwas wie eine gefühlte Generation wird, darüber entscheiden gemeinsame Erfahrungen, so sagt es der Soziologe Karl Mannheim. Die Kriegsgeneration erlebte es so, die Nachkriegsgeneration auch und die 68er.
Schon immer schien Jugend den Vorgenerationen verkommener und dümmer zu sein, immer waren sie zu egoistisch, zu konsumgeil, zu unpolitisch.
Die 68er wuchsen auf mit Vietnam-Krieg und Wirtschaftswunder, sie veränderten durch ihren Kampf für mehr Freiheit und gegen deutsches Spießertum das Land. Sie wurden zum Prototyp einer jungen Generation, zum Modell dafür, wie Jugend zu sein hat: wild, rebellisch, sexuell freizügig, zugedröhnt, idealistisch. Die 68er sind der Monolith, an dem alle folgenden Generationen gemessen werden. Nie mehr entwickelte ein Generationenbegriff eine solche Kraft. Weder die Generation X, die 78er, noch die MTV-Generation.
Die letzte Generation, die in Deutschland ins öffentliche Bewusstsein geriet, war die "Generation Golf". Ihre Vertreter, geboren zwischen 1965 und 1975, wurden groß in einer Welt der Sorglosigkeit und des Überflusses, und ihr Wortführer, Florian Illies, beschreibt sich und seinesgleichen als Hedonisten, "für die sich leider das ganze Leben, selbst an einem Montag, anfühlte wie die träge Bewegungslosigkeit eines gutgepolsterten Sonntagnachmittags".
Für die neue Generation fühlt sich das Leben, selbst an einem Sonntag, eher wie das Vibrieren eines frühen Montagmorgens an.
Sie kennzeichnet eine andere Erfahrung: der Bruch. Aufgewachsen in der Sattheit und Sorglosigkeit der achtziger und neunziger Jahre, erlebten sie, als sie erwachsen wurden, die Bedrohung dieses Wohlstandskokons. Sie erlebten am Ausgang ihrer Jugend Arbeitslosenzahlen von über fünf Millionen, die Geburt von Hartz IV. Der 11. September 2001, der Tag, an dem der Welt die Sicherheit abhandenkam, war laut SPIEGEL-Umfrage das historische Ereignis ihres Lebens, noch vor dem Mauerfall. Dass Terroranschläge jederzeit möglich sind, wurde ihnen ebenso zur Normalität wie das Wissen um den Klimawandel. Das Gefühl der Unsicherheit prägte ihr Erwachsenwerden.
Das Verblüffende an dieser Generation ist, wie unsichtbar sie ist. Es gibt keine Köpfe, an die man denken kann, wenn man an sie denkt, es gibt niemanden, der für sie spricht.
Keine Intellektuellen, keine Schriftsteller, keine Künstler, keine Musiker. Sie sprechen alle immer nur für sich selbst.
Das bekannteste Gesicht der Generation ist vermutlich Sarah Kuttner, 30, die Moderatorin, die als Praktikantin begann, deren Sendung bei MTV gestrichen wurde, die später bei Harald Schmidt saß und von ihrer Arbeitslosigkeit sprach und davon, wie gruselig das alles sei. Die jetzt ein Buch geschrieben hat über Depression.
Man kann Sarah Kuttner treffen, man kann mit ihr anderthalb Stunden sprechen, aber man erfährt nur, dass sie von Generation nichts wissen will, sie sagt, sie kenne diese Generation nicht, nur ihre Freunde, und von denen sei jeder anders.
Diese Generation kennt kein "Wir", sie kennt nur das "Ich".
Das Einzige, wodurch sie in der Öffentlichkeit überhaupt als Generation kenntlich wird, ist "Neon", das inoffizielle Generationsorgan. Eine Zeitschrift, die von normalen Menschen erzählt, die über Gefühle nachdenken und über Karriere.
Sarah Kuttner hat "Neon" abonniert.
"Neon" ist das Heft der Selbstbespiegelung, es geht immer ums Individuum. "Neon" fragt: "Magst du deine Geschwister?" "Kennst du zu viele Leute?", "Wie ehrgeizig bist du?"
Timm Klotzek, 36, ist der Chefredakteur von "Neon". Er ist der Mann, der die Generation verstehen muss, weil er mit ihr Geld verdienen will. Er sitzt beim Italiener am Reifencenter im Münchner Industriegebiet, er ist froh, hier zu sein, wo München nicht schick ist, sondern grau, weit weg von der "Hauptstadt-Blase" und der "Speerspitze des Webdesign in Berlin-Kreuzberg". Die Generation, um die es ihm geht, ist breiter.
Wie ist diese Generation? Klotzek überlegt. "Okay", sagt er, "aber jetzt wird's langweilig." Pragmatisch, nicht organisiert, visionslos, leidensfähig, unideologisch - das fällt ihm dazu ein.
Deswegen ist "Neon" ein "pluralistisches Magazin". Die alten Kämpfe, Beatles oder Stones, Techno oder Akustikgitarre, seien vorbei. Niemand werde heute aufgefordert: Sortiere mal deinen iPod. Auch mit politischen Luftschlössern müsse man "Neon"-Lesern nicht kommen. Drei moralische Grundsätze, sagt Klotzek, gebe es für sie: Folterverbot, Kampf gegen den Klimawandel, Ablehnung von Angriffskriegen.
Eigentlich wollten sie damals, im Jahr 2003, ein Heft für Menschen in den Zwanzigern machen, dann stellten sie fest: Das lesen auch die über dreißig, Entscheidungen fallen immer später, der erste Job, das erste Kind, alles verschiebt sich.
Wenn man Timm Klotzek fragt, was die große Frage dieser Generation ist, dann sagt der Generationenversteher mit dem grauen Haar und der schwarzen Jeans: "Die große Frage ist: Was wird aus mir?"
Aber diese Frage beschäftigt die Generation nur privat. Sie mobilisiert sie nicht, sie treibt sie nicht auf die Straße.
Die Bessergestellten wälzen beim Abendessen mit Freunden Begriffe wie Hyperinflation und Deflation, widmen sich der Frage, ob es nicht das Klügste wäre, jetzt eine Eigentumswohnung als Sicherheit zu erstehen, wissend, dass sie sich keine leisten können.
Wer war denn aus dieser Generation überhaupt schon mal auf einer Demonstration? Drei Viertel aller Befragten entweder noch gar nicht, oder es ist schon länger her als fünf Jahre.
Wenn in dieser Woche tatsächlich, wie angekündigt, Zehntausende an einem bundesweiten "Bildungsstreik" teilnehmen sollten, dann nicht, weil sie auf diesem Weg den großen Herausforderungen der Gesellschaft begegnen wollen, sondern weil sie gegen Studiengebühren und Bachelor-Abschlüsse protestieren, es geht um kleine Dinge aus ihrer eigenen kleinen Welt.
Wenn die Angehörigen dieser Generation etwas bewegt, treten sie eher einer Facebook-Gruppe bei als zu demonstrieren. Das geht mit einem Klick, hat aber meistens wenig Folgen. Es macht ja auch eigentlich keinen Unterschied, ob man der Gruppe "Finanzkrise? Was soll's, die hab ich jedes Monatsende!!!" mit ihren 419 Mitgliedern beitritt oder der Gruppe "Ich benutze mein Handy, um im Dunkeln zu sehen" (713 102 Mitglieder).
Gewiss, es gibt die Globalisierungsgegner, die radikale Minderheit. Es gab mal eine Zeit, Anfang des Jahrtausends, da sah es so aus, als ob sie eine Massenbewegung werden könnten. Der Traum war schnell ausgeträumt.
Die Generation findet die Welt so kompliziert, dass sie es vorzieht, nicht daran zu verzweifeln, die jungen Deutschen sind so individualisiert, dass der Blick aufs eigene Schicksal gerichtet bleibt: Die Welt mag untergehen, ich selbst komme irgendwie durch, und wenn nicht, dann war man eben selbst dran schuld und nicht das System.
Sie sind unpolitisch. Wenn man ihnen das sagt, empfinden es 83 Prozent es nicht einmal als Beleidigung. Die Parteiendemokratie interessiert sie nicht, und es fiele ihnen nun wirklich zuletzt ein, die Gesellschaft zu revolutionieren.
Bei der Bundestagswahl 2005 blieben aus der Gruppe der 18- bis 35-Jährigen besonders viele der Wahlurne fern. Bei der Europawahl in der vorvergangenen Woche schnitt die Union bei den unter 30-Jährigen schlechter ab als in anderen Altersgruppen (29 Prozent), die Grünen (16 Prozent) und die FDP (12 Prozent) deutlich besser.
Sie sind nicht politikverdrossen, sie wissen nur nicht, warum sie sich mit Dingen beschäftigen sollen, die offensichtlich mit ihrem Leben nichts zu tun haben.
Wer will schon Politiker werden? Unter den Jüngeren immer weniger, und es gibt ja auch kaum begeisternde Vorbilder: Wer schaut denn gern dem SPD-Kanzlerkandidaten Frank-Walter Steinmeier beim Versuch zu, vom Bürokraten zum Menschen zu werden?
Dafür finden sie Barack Obama gut, der soll die Welt retten und das Klima. 31 Prozent glauben, dass er die Welt "stark" oder "sehr stark" zum Besseren verändern kann, 59 Prozent "ein wenig".
Die großen globalen Fragen beschäftigen sie zwar, Umwelt, Entwicklungshilfe. 39 Prozent geben an, sie interessierten sich "stark" oder "sehr stark" für Politik. Das führt aber nicht dazu, dass sie sich engagieren. Nur 16 Prozent sind Mitglied einer politisch arbeitenden Organisation.
Sie sind für Kyoto, fliegen aber trotzdem nach Kyoto. Emissionsausgleich mit der Maustaste, Haltung durch korrekten Konsum, Fairtrade, Bio, die ganzen Ablasspraktiken, das muss reichen.
Das ist es aber auch, was sie vielen Älteren so verdächtig macht, die sich aus den wohligen Sesseln des Establishments an ihre eigene, im Rückblick immer noch wilder erscheinende Jugend erinnern. Sie fragen sich: Ist das nicht Opportunismus? Dieser Mangel an Haltung. Dieses Biegsame. Sollten die nicht lieber das richtige Leben suchen anstatt das bessere?
Von den Älteren kriegen sie vorgehalten, sie seien zu weinerlich, zu verwöhnt, zu angepasst. Je weniger diese Generation provoziert, desto mehr fühlen sich andere von ihr provoziert. "Traurige Streber", nannte sie Jens Jessen, Feuilletonchef der "Zeit" und löste damit eine Debatte aus. Er schrieb: "Die Praktikanten und Berufsanfänger akzeptieren bis zur Charakterlosigkeit jede Bedingung." Und: "Soll man staunen über die Studenten, deren Berufswünsche Geld und Sicherheit heißen?"
Und natürlich hatte er recht, und natürlich soll man staunen. Und natürlich verriet er sich damit als Angehöriger einer Generation, für die Geld und Sicherheit immer eine Selbstverständlichkeit waren. Und komisch ist es ja allemal, wenn ausgerechnet jene, die es auf die Spitzenplätze im System geschafft haben, den Nachfolgenden vorwerfen, dass sie genau dies anstreben.
Man kann das natürlich verurteilen. Studentinnen, die Entwicklungshelferinnen werden wollen und am Ende für Zigarettenfirmen arbeiten. Gibt es. Man kann sich streiten, ob das nun moralische Entleertheit ist, ökonomischer Anpassungsdruck oder ob beides zusammenhängt. Sicher ist, dass diese Generation wenig Lust verspürt, das System zu bekämpfen, sie hat große Lust, im System zu funktionieren.
Man nennt Wolfgang Gründinger den "Anwalt der Jugend". Er ist 25, Rentenexperte, er hat ein Buch geschrieben, das heißt: "Aufstand der Jungen. Wie wir den Krieg der Generationen vermeiden können". Er hat das Buch seiner Mutter gewidmet und stellt sich vor mit: "Wolfie".
Gründinger wohnt im 10. Stock eines Plattenbaus direkt am Alexanderplatz in Berlin, Weltzeituhr, Fernsehturm, das gefällt ihm. Er kommt aus Tirschenreuth, aus Bayern. Auf seinem Fensterbrett in der Küche liegt ein welker Brokkoli und das Buch "Gestatten: Elite". Julia Friedrichs, die Autorin, hat ihm reingekritzelt: "Für die Elite". Weil er in der "Jungen Karriere" genannt wurde als einer von 30 Vordenkern unter dreißig. Im Flur liegt "Neon".
Er hat eine Obama-Puppe, die "Yes, we can" sagt, wenn man ihr auf den Kopf haut. In seinem Zimmer hängt ein Poster von Willy Brandt. "Das ist unser Obama", sagt Gründinger. Manchmal fragen ihn die Leute, die in seiner WG rumhängen, ob der Mann auf dem Poster sein Vater sei.
Gründinger ist mit 16 in die SPD eingetreten, hat mit 17 seine erste Pressekonferenz gegeben beim Uno-Klimagipfel, er hat bestimmt tausend Konferenzen besucht. Er hat den Generationengerechtigkeitspreis bekommen und Angela Merkel einen offenen Brief geschrieben. "Die ökonomische Perspektivlosigkeit prägt das Lebensgefühl einer ganzen Generation", steht da.
Wenn man ihn nach seinen fünf radikalsten Forderungen fragt, fallen ihm nur drei ein: Wahlrecht ab null Jahre, 100 Prozent erneuerbare Energien, Abschaffung aller "Altersprivilegien" auf dem Arbeitsmarkt. Er sagt: "Ich hoffe, das ist radikal."
Doch, er kann sich aufregen. "Ungeheuerlich" sei es, wenn Kündigungsschutz für die Älteren zu Unkündbarkeit führe und nur die Jungen gehen müssten. Wieso steigen die Löhne mit dem Alter immer weiter? Warum müssen viele Ältere weniger arbeiten, bekommen aber mehr Urlaub?
Er hält Vorträge an Schulen, und hinterher, erzählt er, kommen die 15-, 16-Jährigen zu ihm und sagen: "Ich habe Angst. Wir kriegen eh keine Rente mehr."
Die Renten der Alten finanzieren und privat für die eigene Rente sparen, das nennt er einen "massiven Verstoß gegen die Generationengerechtigkeit". Er will das System nicht komplett umstellen, er ist für den Generationenvertrag, er will ihn nur irgendwie gerechter gestalten.
Den Titel für sein Buch, "Aufstand der Jungen", bestimmte der Verlag. Klar wolle er den Aufstand, sagt Gründinger, man dürfe nicht zur "vergessenen Generation" werden, nur weil es immer mehr alte Wähler gebe. Aber er sagt auch: "Ich bin doch so versöhnlich." Und: "Ich kann mit allen."
Er hat Freunde bei der FDP und bei den Linken. Er beurteile, sagt er, seine Positionen nicht nach links oder rechts. Im Februar war er auf der Demonstration "Atomforum umzingeln!", mit gelben Protest-Luftballons in der Hand, dann musste er rein, ins Atomforum, er wollte wissen, was die Gegenargumente sind. Hinterher war er mit den jungen Ingenieuren noch was trinken.
Gründinger ist ein politisches Talent, eine Karriere als Abgeordneter will er auf keinen Fall, "viel zu viel Stress", sagt er. Bei der großen Demonstration Ende März - "Wir zahlen nicht für Eure Krise!" - war er nicht. Er hatte einen "wichtigen Termin". Es war, Gründinger schaut in seinem Timeplaner nach, ein Geburtstagsfrühstück bei einem guten Freund, mit Bootsfahrt. Aufstand der Jungen?
Wohl wahr, diese Generation ist nicht sexy, dafür aber ist sie wenigstens nicht so anstrengend wie die, die immer genau wussten, was gut ist und was böse, was cool ist und was nicht. Die Popliteraten der Generation Golf waren stolz auf die Tyrannei ihrer Geschmacksurteile, die 68er hatten die Welt politisch in Richtig und Falsch aufgeteilt, in Ho Tschi-minh und USA. Diese Generation ist davon frei.
Sie ist aber auch unsichtbar, weil sie in der Welt aufgeht, die um sie herum existiert, weil sie sich zu nichts in Kontrast setzt, weil sich ihr Leben so aufs Harmloseste einfügt in die Gesellschaft, in der sie lebt.
Sie sind so verdammt pragmatisch. Schon in den großen Shell-Jugendstudien von 2002 und 2006 hießen sie so: die "pragmatische Generation". Pragmatismus gilt eigentlich als Zeichen von Reife, auch von Ernüchterung, als Merkmal des Alterns. Ist diese Generation also schon alt, während sie jung ist? "Alle gehen in die Mitte", sagt der Soziologe Klaus Hurrelmann. "Ideologie muss man mit der Lupe suchen."
Sie lieben nicht die Utopien, sondern das Machbare. Sie haben keinen Entwurf von der Welt, wie sie sein sollte. Sie nehmen sie so hin, wie sie ist.
Das Bild einer Generation wird immer bestimmt von ihrer Avantgarde, von einer Minderheit, die steht für die Mehrheit.
An einem Samstag im April sitzen gut 30 junge Vertreter dieser Generation in einem Schloss am Starnberger See, in der Evangelischen Akademie Tutzing. Sie sind der Think Tank 30, der "junge Think Tank des Club of Rome", und sie wollen über die Probleme der Welt reden.
Sie sind gut ausgebildet, viele von ihnen sehen gut aus. Man kann sagen, dass sie zur Avantgarde ihrer Generation gehören.
Sie kommen aus ganz Deutschland, einer ist gerade aus den USA gelandet, zwei aus London, eine aus Mali. Bevor die Vorstellungsrunde losgeht: die Ermahnung, das Ganze möge nicht in eine Leistungsschau ausarten. Sie lachen, legen los: Einer hat neulich eine Weltreise gemacht, achteinhalb Monate, 25 Länder, und dabei Videokonferenzen mit Schulen organisiert, einer hatte mit 16 drei Angestellte, eine war 2008 Deutschlands Jugendvertreterin bei der Uno, fuhr durchs ganze Land, um herauszufinden, wie die Jugend tickt. Das Gefühl, das sie entdeckte war: Unsicherheit.
Es mögen nur fünf oder zehn Prozent dieser Generation sein, die ein wirklich globales Leben führen, sagt Jugendforscher Hurrelmann, "aber das strahlt auf den Rest der Generation aus und wird zum Modell".
Flexibilität, Mobilität, Globalität, das ist ihre Dreieinigkeit.
Und viele sind ja wirklich weit rumgekommen, kennen sich mit Bars in Bangkok aus, mit Mietpreisen in New York. Austauschjahr, Auslandspraktikum, Auslandssemester. 58 Prozent sagen, die Globalisierung bringe ihnen eher Vorteile, trotzdem sind drei Viertel stolz, Deutsche zu sein.
Heimat, das ist für mehr als die Hälfte nicht mehr der Ort, in dem sie aufgewachsen sind. Heimat ist dort, wo sie wohnen, wo ihr Partner lebt, wo ihre Freunde sind. Heimat ist verschiebbar. 54 Prozent würden für einen Job innerhalb Deutschlands umziehen, 42 Prozent weltweit. Die Hälfte hatte schon mal eine Fernbeziehung.
Die Mitglieder des Think Tank 30 reden an diesem Tag darüber, wie die Wirtschaftskrise ihre Leben berührt hat, in einem Stucksaal dieses bayerischen Schlosses, draußen glitzert der See, dahinter leuchten die Alpen. Der eine hatte Probleme, Risikokapital für sein Start-up aufzutreiben, dem anderen wurde das Auslandsstipendium gekürzt, eine Dritte erstellt beruflich Konjunkturprognosen. Manche haben Freunde, die ihre Jobs verloren haben. Sorgen machen sich alle. Sie haben Angst, dass das Schlimmste noch kommt.
Am nächsten Tag kommt Ex-Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin zum Kamingespräch.
Sie sind sich uneinig in vielen Fragen, ist der Kapitalismus in der Krise oder nicht? Es gibt den Manager, der 80 Untergebene hat, und die Grünen, sie reden freundlich miteinander, als ob sie eine gemeinsame Basis hätten. Sie wollen etwas tun, wollen aber in keine Partei, manche haben das zwar mal versucht, aber es hat sie frustriert. Und vielleicht spricht auch das gegen mehr Engagement: Viele von denen, die hier sind, die sogar auf der Web-Seite des Think Tank mit ihren Namen stehen, wollen lieber nicht zitiert werden. Eine verweist an die Pressestelle ihrer Unternehmensberatung.
Am Ende ist vielleicht die eigene Karriere doch wichtiger als die bessere Welt, zumindest darf politisches Engagement die Karriere nicht gefährden, und so bleiben auch viele Mitglieder des Think Tank wie die restliche Generation: unsichtbar.
Arbeit ist Sinngebung, gerade für die Gutausgebildeten dieser Generation. Arbeit ist, so sagt es der Soziologe Klaus Hurrelmann, für viele mehr als einfach nur ein Job. Arbeit ist alles. Für 39 Prozent ist sie in erster Linie Erfüllung, gar Spaß. Bereitwillig opfern sie dem Arbeitgeber ihren Feierabend, ihr Wochenende, und wenn der freie Wille abnimmt, fordert der Arbeitgeber auch mal mit Gewalt sein Recht.
Der Soziologe Ulrich Beck: "Sie sind Selbstunternehmer, Selbstausbeuter, die sich auch noch selbst anklagen, wenn etwas schiefläuft. Große Firmen nutzen das aus."
Ist es Abstiegsangst, die sie zu Höchstleistungen treibt? Sie leisten und leisten, und niemand garantiert ihnen, dass sie dafür je Sicherheit bekommen.
Noch ein Unsichtbarer, noch einer aus dieser Generation, der seinen Namen nicht nennen will, weil er Angst um die Karriere hat: Sven, 33, arbeitete bis vor kurzem als Investmentbanker, und als er seinen Job kündigte, trotz der Krise, sagte er seinen Kollegen, er habe Sorge, nicht gut genug zu sein. In Wahrheit wollte er nicht enden wie der Kollege, der oft nur zwei, drei Stunden schlief, in eine Decke gewickelt unterm Schreibtisch. Er wollte nicht enden wie der andere Kollege, Schlaganfall mit Mitte 30, teilweise gelähmt.
Sven ist jetzt Unternehmensberater, arbeitet nur noch 12 Stunden am Tag, so viel waren es früher am Wochenende, unter der Woche mindestens 15. Auch den Praktikanten geht es beim neuen Arbeitgeber besser. Sie sind nur bis Mitternacht da, nicht bis drei Uhr nachts für null Euro wie in der alten Firma. Das System ist das gleiche: "Jeder kriegt 'ne große Sache auf den Tisch und das Gefühl: Wenn ich die mache, bekomme ich einen Job." Wenn man ihn hat, den Job, wird man nach drei Jahren nicht besser, nur teurer. Also holen sie sich wieder "billiges, junges Blut".
Es ist wohl kein Zufall, dass in dieser Generation das Medikament Ritalin zur Modedroge werden konnte. Ein Mittel, das kein High verschafft, sondern das Gehirn aufputscht, um länger arbeiten und trotzdem feiern zu können. Koks für Vernünftige.
Gute Arbeitnehmer sind sie, brave Kinder sind sie auch. Der Normalfall, sagt die letzte Shell-Studie über die 12- bis 25-Jährigen, sei ein "partnerschaftliches und gutes Verhältnis zwischen Jugendlichen und ihren Eltern". Über 40 Prozent haben laut SPIEGEL-Umfrage täglich Kontakt zu den Eltern, obwohl sie schon ausgezogen sind, knapp die Hälfte einmal die Woche. Für eine Generation von Rastlosen ist das Wichtigste im Leben die Familie.
Da ist Konstanz, Beständigkeit, Bindung attraktiv, und so kommt es, dass Realisten Traumhochzeiten feiern. "Absichtliche Überinszenierungen" nennt Jugendforscher Hurrelmann die. Wer diese Generation für ihre Nähe zur Bürgerlichkeit verachtet, wird sie für ihre Hochzeiten hassen. Wenn die Jasager im Beruf als Jasager vor den Altar treten, wollen viele wieder Schloss, Kutsche und Hochsteckfrisur.
81 Prozent finden Treue gut, 70 Prozent wollen irgendwann heiraten, mehr als die Hälfte glaubt, die aktuelle Beziehung halte "für immer".
Der einzige unbefristete Vertrag, den diese Generation noch ohne Probleme bekommt, ist der Trauschein.
Der Angehörige dieser Generation, das ist die Schwierigkeit, muss eigentlich in jeder Hinsicht perfekt sein. Selbstoptimierung nennt man das. Nicht nur Karriere machen, auch toll aussehen, sich mit Musik auskennen, Partys feiern, den Körper stählen, sexuell performen und dann noch einen Partner finden, der so perfekt zu sein hat, wie man es selbst gern wäre.
Es ist, Krisengefühle hin oder her, eine sehr anspruchsvolle Generation.
Die es sich leisten können, bevölkern Altbauwohngebiete in Berlin, Hamburg oder München, in denen ihresgleichen wohnen. Der Prenzlauer Berg in Berlin ist das Zentrum der Jungbürgerlichkeit, bevölkert von generationstypischen Praktikanten und Kreativen, die tatsächlich Bionade und Latte trinken, ihre Kinder zum Yoga schicken und deren Vorreiter das Prekäre zum Lebensstil verklären: "Digitale Bohème" nennt sich das. Das Leben als freies Projekt.
Florian Illies begann sein Buch "Generation Golf" einst mit dem Satz: "Mir geht es gut." Das Buch dieser Generation heißt dagegen: "Wir nennen es Arbeit", stammt von Holm Friebe und Sascha Lobo, und trägt den Untertitel: "Intelligentes Leben jenseits der Festanstellung".
Sascha Lobo sitzt im Café Liebling in Berlin, am Helmholtzplatz, da wo er immer sitzt, hinter seinem silbernen Macbook. Hier ist sein Arbeitsplatz.
Lobo ist 33, er trägt einen roten Irokesenschnitt, Turnschuhe zum Anzug, es ist sein Markenzeichen. Er ist kein Punk, das Gute ist, dass man ihn so immer erkennt.
Krise kennt er, er war Partner einer Werbeagentur um die Jahrtausendwende, nach sechs Monaten 30 Mitarbeiter, Geld wie Heu, er kaufte sich den Audi A8 in Vollausstattung, dachte, wow, so einfach geht Business, dann kam der Dotcom-Crash, er saß da mit 50 000 Euro Schulden und fiel in ein Loch. Burnout für Fortgeschrittene nennt er diese Zeit. "Bis dahin war ich ein totales Glückskind gewesen", sagt er.
Dann schrieb er sein Buch, zusammen mit seinem Co-Autor, in dem er die Festanstellung zur Vergangenheit erklärt und das freie Arbeiten mit Laptop im Café zur Zukunft, es war ein Buch, das aus der Not eine Tugend machte. Ein optimistisches Buch, sagt er, "nur zu sagen, mir geht's schlecht, das ist keine Lösung". Lobo wurde zum Sprachrohr der Digitalen Bohème.
Die Digitale Bohème ist das Gegenmodell zum "miserablen Zustand" der Angestelltenwelt. Es geht so: Ende des Sicherheitsdenkens. Das Schicksal in die eigenen Hände nehmen. "Selbstprogrammierung" statt "karrierefördernde Anpassung". Man verdient weniger, dafür bleibt man im Bett liegen. Man ist ein glücklicherer Mensch.
Sascha Lobo weiß, dass dieses Modell für die Mehrheit der Menschen nicht funktioniert. Ein Revolutionär will er nicht sein, er weiß auch nicht, ob die Krise sein Modell hinwegfegt. Vielleicht ja, sagt er, aber vielleicht führt die Krise auch dazu, dass es noch mehr digitale Bohèmiens gibt.
Fühlt er sich als Teil einer Generation? "Als Teil einer Generation, die das Internet verstanden hat", sagt er.
Twitter ist sein Lieblingsbeispiel dafür, wie das Internet die Welt verändert. Jeder kann alles publizieren, seinen Nachrichten folgen schon knapp 9000 Menschen, er ist selber ein Internet-Star.
Er sagt, das Internet werde zum Herzen der Gesellschaft. "Man kann alles selber machen", sagt er, "Filme, Musik, programmieren, man kann seine eigene Welt schaffen."
Lobo sagt, dass das Internet für seine Generation die Chance zur Freiheit ist.
Es ist bestimmt kein Zufall, dass die "Piratenpartei", die gegen Zensur im Internet kämpft, in einigen Berliner Stadtteilen bis zu 3,4 Prozent Wähleranteil holte.
Das Internet ist der einzige Ort, an dem die Generation nicht unsichtbar, sondern durchsichtig ist. Wer etwas über sie wissen will, muss sie googeln, ganze Leben entblättern sich in Suchresultaten. Du bist deine Treffer. Hier hinterlässt sie ihre Spuren, nicht draußen in der Welt. Diese Generation ist die erste, für die das Internet immer schon selbstverständlich war.
Die "friends" sind bei Facebook versammelt, die sozialen Netzwerke sind das ganz selbstverständliche Tool, um Bekannte aus aller Welt zu managen - 59 Prozent sind Mitglied bei Facebook, studiVZ, MySpace oder ähnlichen Diensten, bei den 20- bis 24-Jährigen sogar 79 Prozent.
Wer im Netz dauernd von 200 Freunden umgeben ist, der fühlt sich niemals allein auf der Welt. Und chatten die Friends denn nicht? Kommentieren sie nicht? Werfen sie nicht alle paar Stunden neue Statusmeldungen ab? Die Älteren können sich gar nicht vorstellen, was für ein wohnlicher Ort das Internet längst geworden ist.
Den Platz, den früher das Fernsehen innehatte, nehmen immer mehr die kurzen Filmchen im Internet ein, auf YouTube etwa. Bei den 16- bis 19-Jährigen liegt das Internet in der täglichen Mediennutzung sogar schon einige Minuten vor dem Fernsehen.
Ohne Internet, ohne Handy wäre ihr Leben nicht denkbar, könnten sie sie gar nicht zusammenhalten. Die private E-Mail-Adresse ist das Einzige, was konstant bleibt, während sich Wohnorte dauernd ändern.
Und wenn es etwas Überraschendes gibt an dieser Generation, die so global ist, so vernetzt, dann, dass sie in ihrer Haltung auf seltsame Weise der Generation ihrer Großväter gleicht. Obwohl die Voraussetzungen so grundverschieden sind.
Die "skeptische Generation", so nannte der Soziologe Helmut Schelsky die Jahrgänge um 1930, die Kriegsjugend. Er beschrieb sie als misstrauisch gegenüber Ideologien, unauffällig, bindungslos, dem Praktischen zugewandt. Es sind Attribute, wie sie die Jugendforscher benutzen, wenn sie die Generation von heute beschreiben.
"Seit die jetzt 20-Jährigen denken können, ist Unsicherheit ihre normale
Daseinsform", schrieb 1954 schrieb der Literaturwissenschaftler Walther Killy.
Natürlich ging es damals um eine andere, eine gravierende Verunsicherung, eine Folge des Krieges. Jene Generation war im Totalitarismus aufgewachsen und hatte erlebt, wie ein Weltkrieg ihre Welt verwüstete. Dagegen wirkt das diffuse Krisengefühl ihrer Enkel lächerlich.
In den fünfziger Jahren erholte sich das Land vom Krieg, es war eine Zeit der Unsicherheit, weil sich eine neue Gesellschaft bildete. Aber mit dem Land ging es aufwärts. Wenn 50 Jahre später Instabilität wieder das Lebensgefühl junger Menschen bestimmt, liegt das auch daran, dass der Kapitalismus, das Erfolgsmodell der Nachkriegsgesellschaft, in Frage gestellt ist.
Wird die Welt wieder so, wie sie mal war, oder ist die Welt, wie sie sie in ihrer Kindheit kannten, für immer vorbei?
Weltwirtschaftskrisen können entwicklungsgeschichtlich Endpunkte markieren, und dabei erfassen sie oft jene, die gerade erwachsen werden - das hat der britische Chronist Jon Savage jüngst in seiner 500-Seiten-Abhandlung "Teenage. Die Erfindung der Jugend" dargelegt. Schon der Börsencrash von 1929 suchte sich als Opfer vor allem die Jugend.
Es ist diese Angst, die heute die Generation verbindet: dass die Krise aus den Krisenkindern richtige Krisenopfer macht. Dass aus der Unsicherheit Unheil erwächst.
Und doch zeichnet sie eines aus: ein großer Glaube an sich selbst. Nicht an die Generation als Ganzes, nicht an die Gesellschaft. Es ist der Glaube, dass man es selbst schon irgendwie schaffen wird.
60 Prozent sehen die Zukunft der Gesellschaft "düster". Ihre eigene Zukunft sehen dagegen 73 Prozent "eher positiv".
David Schaffner, zum Beispiel, ist 19, und er hat in seinem Leben eigentlich alles richtig gemacht. Er war der Erste in seiner Klasse mit einer Lehrstelle, er fing im September 2006 beim Autozulieferer Federal- Mogul in Nürnberg an. Seine Ausbildung zum Industrie-Mechatroniker hätte dreieinhalb Jahre gedauert, aber weil David so gut war, verkürzte er die Lehre um ein halbes Jahr. Das war vor der Krise.
Jetzt muss er im Juli gehen, wegen der Krise. Er wird nicht, wie vereinbart, noch ein Jahr nach Ende der Ausbildung weiterbeschäftigt. Gut, Federal-Mogul hat ihm angeboten, ins Werk nach Friedberg zu gehen, in dieses "Dörfchen". Ein Jahr England, das hätte er gemacht, das hätte ihm was gebracht, sagt er, aber weg von der Freundin, von der Familie, in die Gießerei, wo es ohnehin nur "warm ist und stinkt"?
David hat sich lieber an der Berufsoberschule angemeldet, er will sein Fachabitur machen, vielleicht studieren.
Natürlich findet er ungerecht, was ihm passiert ist. Aber es nützt ja nichts, er ist jetzt ein Krisenopfer. Er hat sich daran gewöhnt, dass "Krise" das Normale ist, und "keine Krise" die Zeit, die die nächste Krise vorbereitet. PHILIPP OEHMKE,
MATHIEU VON ROHR, SANDRA SCHULZ

ARBEIT
Jakob Schrenk, 31, Autor
Manchmal hofft man auch an einem Sonntag auf Wolken: Es ist einer dieser ersten Sommertage, ein Nachmittag am See, die Sonne scheint hell. Zu hell für meinen Bildschirm. Ich wollte doch hier draußen den Artikel schreiben, den ich in bald abgeben muss.
Es ist ein Virus, das immer mehr Menschen meiner Generation befällt, die öfter eine Nacht vor dem Computer als im Club durchmachen und ihr Gehalt oder ihre Honorare als Flatrate interpretieren: Die Firma darf 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche auf ihren Vertragspartner zugreifen. Arbeit macht Spaß, deswegen wird auch mal das Freibad zum Büro umfunktioniert.
"Generation Praktikum", ich selbst habe vier Praktika absolviert, ehe ich meinen ersten festen Job hatte, ich kenne aber auch Menschen, die zehn Hospitanzen absolviert haben. Das Problem ist nicht die schlechte Bezahlung.
Das Problem ist, was Praktikanten lernen: "Gib alles, und verlange nichts. Sei dankbar, dass du überhaupt arbeiten darfst." Gerade in Krisenzeiten wie jetzt fühlen sich junge Angestellte wie Arbeitslose auf Bewährung.
Natürlich klingt das nach Gejammer. Ein Teil der Arbeitskrankheit meiner Generation ist ja auch, dass wir das Kämpfen durch das Klagen ersetzt haben. Die Männer von Ver.di oder der IG Metall, die manchmal mit ihren orangefarbenen Westen vor U-Bahn-Schächten stehen, wirken auf uns wie Standpuppen aus dem Museum. Dabei könnten wir viel von diesen alten Kämpfern lernen. Beispielsweise, dass es Mut erfordert, Privates über Berufliches zu stellen, oder dass ein Kollektiv stärker ist als ein Individuum.

EHRGEIZ
Arsalan Moradi-Chargari, 23, Student
Mit elf Jahren bin ich gemeinsam mit meiner Familie aus Iran nach Deutschland gekommen. In den ersten vier Jahren waren wir immer wieder von Ausweisung bedroht. Ich konnte kein Wort Deutsch, als ich anfing. Aber ich hatte ein Ziel. Ich habe angefangen, Tag und Nacht zu lernen, die Vokabeln, Grammatik, Aufsätze schreiben, alles. Eineinhalb Jahre später bin ich von der Hauptschule auf die Realschule gewechselt, eineinhalb Jahre später aufs Gymnasium. Bei jedem Wechsel sagten die Lehrer: "Arsalan, es bringt nichts, dein Deutsch ist nicht gut genug." Am Ende machte ich das drittbeste Abitur der Schule. Und in Deutsch hatte ich 13 Punkte - eine Eins minus.
Drei Dinge habe ich gebraucht, um das zu erreichen; erstens: ein klares Ziel, zweitens: die Leute, die mir Mut gemacht haben, und drittens, das Wichtigste: Ehrgeiz. Das ist der einzige Unterschied zu meinen Freunden aus der Hauptschule. Ich bin nicht schlauer als sie, ich hatte Ehrgeiz.
Kurz bevor ich ein Ziel erreicht habe, muss ich mir immer schon ein neues suchen. Ich studiere Wirtschaft, nebenbei Jura. Das erhöht meine Chancen, einen Job zu bekommen. Heute ist das System so aufgebaut, dass man sich mit Ellenbogen voraus durchschlagen muss. Auslandssemester, viele Praktika, sehr gute Noten. Anders funktioniert das nicht, friss oder stirb, du machst mit, oder du bist ausgeschieden.
Deshalb bringe ich diese Opfer. Ich habe nur Angst, dass sich dieser ganze Weg im Nachhinein mal als Misserfolg herausstellt. Dass ich es mal bereue, nicht nach dem Abitur einfach ein Jahr ins Ausland gegangen zu sein oder mehr Zeit mit meinen Freunden verbracht zu haben. Auch wenn ich das gern gemacht hätte.

SCHULDEN
Siiri Pflughaupt, 23, Friseurin
Nach der Meisterschule hatte ich 8000 Euro auf dem Konto und war arbeitslos. Beim Amt bieten die dir nur Zehn-Euro-Friseurjobs an. Ein Arschloch als Chef, unter den Kollegen nur Zickenterror?
Ich habe mich lieber selbständig gemacht. Keiner hat gesagt: "Das ist scheiße, lass das." Freunde und Familie fanden die Idee cool. 8000 Euro haben nicht gereicht, ich hab mir 12 000 von der Bank geliehen.
Vor anderthalb Jahren habe ich den Laden eröffnet. Am Abend zuvor bekam ich Zweifel. "Was, wenn du krank wirst, wenn keiner kommt? Du hast einen Berg Schulden! Was, wenn du den nicht abbezahlen kannst?" Ich fand mich richtig hohl, hab nur noch geheult.
Der Laden läuft, ich bin ausgebucht. Ich lebe nicht sparsamer als vorher, leiste mir Klamotten, mal am Wochenende feiern oder nach London fliegen. Trotzdem gehen die Schulden mit jedem Tag zurück. Ich hab jetzt schon ein Drittel abbezahlt. In drei Jahren bin ich durch.
Es belastet mich nicht. Ich hatte nie viel Geld. Ich bin nicht stolz auf meine Schulden, aber wenn ich mir Gleichaltrige angucke, freu ich mich, so viel erreicht zu haben. Vielleicht bin ich erwachsener geworden durch den eigenen Laden und die Verantwortung, die er bringt.
Ich leih mir von keinem Freund Geld. Habe aber schon oft welches verliehen und musste darauf Monate warten oder hab es nie zurückbekommen - wie bei meinem Ex-Freund. Streiten wegen Geld? Bei der Bank leidet keine Freundschaft.
Ich kann das empfehlen: Geld aufzunehmen, um einen Traum zu verwirklichen. Heute kann ich machen, was ich will. 12 000 Euro für Freiheit? Das find ich wenig.

SEX
Katharina K., 24, Studentin
Ich hatte das erste Mal Sex mit 18. Die anderen waren schon mit 15 oder 16 dran. Und dann bin ich auf so einen blöden Schwätzer reingefallen. Ich habe schon während des ersten Mals gemerkt, das ist ein Dummblödel. Alles war halb gelogen, er hatte es nur drauf angelegt. Ich hab gesagt, er solle aufhören, er hat gesagt, es sei gleich vorbei.
Wenn ich heute mit jemandem Sex habe, muss ich den anderen Menschen einfach zu 100 Prozent fühlen. Wenn irgendwas im Kopf sagt, dies oder das finde ich eigentlich gerade nicht gut, dann geht das auch sexuell nicht.
Wenn ich wüsste, dass ein Mann viele Frauen hatte, würde ich den nicht anfassen, das ist so. Das ist wie so ein hygienisches Ding, wie so ein benutztes Taschentuch. Wenn da jeder schon mal reingerotzt hat, dann fasse ich das nicht an einfach. Ich sag immer, wenn ein Mann nicht küssen kann, dann ist er auch nicht gut im Bett. Und wenn er schlecht küsst, dann kann man es gleich lassen, braucht man gar nicht erst alles versuchen.
Die jüngere Generation hat heute mit 13, 14 schon Sex. Das sind Kinder. Es ist egal, dass die Röckchen tragen, so dass man alles sieht, sich den Bauchnabel piercen lassen und Alkohol trinken mit 13. Es sind trotzdem Kinder. Was machen die denn bitte im Bett?
Youporn finde ich nicht schlimm. Ich habe mit meinen Kumpels früher Pornos geschaut, es hat mich jetzt nicht gerade super erregt, aber es war auch nicht unangenehm. Ich habe mit alldem gar kein Problem, für mich gilt nur eins: Ich möchte nicht von mir selbst denken, das war billig, oder das war nuttig. Ich muss immer mit mir selbst im Reinen sein.

ANGST
Marc Kemper, 29, Berufsschullehrer
Kindheit und Jugend waren schön und klar. Der Klassiker. Landleben, Spielen auf der Straße, Vater leitender Angestellter, intakte Familie. Westdeutsche Provinz. Dann wurde ich älter. Bloß weg hier, auf nach Berlin.
So viel Freiheit. Ein Studium, tausend halbgare Pläne, was ich danach machen würde. Gleichzeitig die Rechtfertigung, nichts anzupacken, ich musste ja studieren.
Nach vier Semestern die Zwischenprüfung, ich konnte allen erzählen, dass sie mich wahnsinnig aufrieb. Die Angst vor dem Ende des Studiums stieg. Dann das Hauptstudium, mies organisiert, ein Staatsexamen, das noch mal zwei Jahre dauerte, wieder konnte ich allen sagen: O ja, stressig, und wie. Keine Zeit, sich um die Zeit nach dem Studium zu kümmern.
Es kam die Angst. Der Vater wollte nicht mehr zahlen. Rote Zahlen schrieb ich schon lange. Wie alle anderen würde ich arbeiten müssen, fünf Tage die Woche. Das gruselte mich. Wo eigentlich? Die Eifrigen hatten Praktika absolviert.
Ich hingegen fuhr gern mit dem Rad durch die Stadt und genoss die Sonne. Die Angst vor der Unentschlossenheit wurde immer mehr zur Angst vor der Realität.
Je näher die letzten Prüfungen rückten, umso exzessiver versuchte ich, die Angst zu vergessen. Noch mehr radeln.
Endlich machte ich mein Examen, ich bestand es. Ich arbeite, ich ernähre mich, es geht mir gut. Ich habe die Angst nicht besiegt, mich nur gefügt. Gerettet habe ich mich nicht, ich hatte Glück. Und die Liebe der rechten Frau zur rechten Zeit.

HANDY-FOTOS
Dana Boenisch, 26, Doktorandin
Arm ausstrecken, Freunde um sich scharen, ein Augenaufschlag von unten, das von Sounddesignern hergestellte Klacken, das das Auslösen simuliert, dann das sofortige Einziehen des Arms und der Blick auf den kleinen Bildschirm, um eingefroren zu sehen, was eben noch da war: Das ist die definierende Bewegung dieser Jahre, wiederholt vor allem in den Nächten.
"Früher", also noch bis vor drei Jahren, hätte man sich eher ein Bein abgehackt, als auf der Tanzfläche eines Clubs zu fotografieren. Fotografieren bedeutete, außerhalb zu sein.
In der Sprache der Zeitungen gehört "flüchtig" zu "Disco-Bekanntschaft" wie "tragisch" zu "Unfall", weil das Dunkle einer Ausgehnacht als dubiose Schattenversion des "echten" Lebens gewertet wird, als oberflächliches Übersprungsverhalten, als Verschwendung von Zeit.
In Wirklichkeit markiert das Ausgehen eher eine Art Loch in der Zeit. Regelmäßig fragt man sich, was man eigentlich hier macht, wenn man sich wieder schreiend unterhält. Später, wenn es so weit ist, fällt es einem meistens wieder ein: Es geht um den Moment, alle warten nur auf den Augenblick, in dem etwas passiert.
Das Foto konserviert diesen Moment aber nicht; es versucht, ihn zu machen. Es zerteilt die Nacht in kleine, arrangierte Euphorie-Standbilder. Und weil spätestens seit Twitter Disco-sein nicht mehr Offline-sein heißt, werden die Bilder ohne Verzögerung in die totale Gleichzeitigkeit eingespeist. Fotos sind schön, weil sie dokumentieren, worauf alles menschliche Wursteln heimlich ausgerichtet ist: den rührenden Versuch, Spuren zu hinterlassen, wo alles überschrieben wird.
* Beim Public Viewing während der Fußballweltmeisterschaft 2006.
Von Oehmke, Philipp, Rohr, Mathieu von, Schulz, Sandra

DER SPIEGEL 25/2009
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