22.06.2009

ENTWICKLUNGSHILFE„Vieles läuft gut“

Microsoft-Gründer Bill Gates, 53, über seine Mission als Wohltäter in Afrika und die Selbstkontrolle seiner Stiftung
SPIEGEL: Mr. Gates, Ihre Stiftung will in diesem Jahr den Armen weltweit mit 3,8 Milliarden Dollar helfen. Die Summe entspricht etwa einem Drittel der deutschen Entwicklungshilfe. Sind Sie sicher, dass das Geld die Hilfsbedürftigen erreicht?
Gates: Absolut, ich habe Karriere in einem Geschäft gemacht, in dem man nur erfolgreich ist, wenn man weiß, welche Produkte die Kunden wollen. Meine Frau Melinda, mein Freund Warren Buffett und ich führen die Stiftung. Für uns ist es fast ein heiliges Versprechen, darauf zu achten, dass die Hilfe nicht missbraucht wird. Wir investieren vor allem in neue Impfstoffe und Aids-Medikamente, die Leben retten.
SPIEGEL: In den vergangenen 50 Jahren flossen mehr als 500 Milliarden staatliche Hilfsdollar nach Afrika. Die Erfolge sind bescheiden, Ruandas Präsident Paul Kagame sieht es so: "Die Hilfen haben für unsere Wirtschaft nichts bewirkt."
Gates: Man sollte die Erfolge nicht kleinreden. Die Kindersterblichkeit hat sich in der Zeit halbiert, die Alphabetisierungsrate bei Mädchen ist von 20 auf 50 Prozent angestiegen. Daran haben Regierungen natürlich ihren Anteil. Allerdings war die staatliche Hilfe des Westens während des Kalten Krieges poli-
tisch motiviert und nicht daran orientiert,
ob sie langfristig Nutzen bringen könnte. Jetzt geht es darum, den Ländern zu helfen, sich aus eigener Kraft zu entwickeln.
SPIEGEL: Die Menschheit weiß, wie Hunger, Krankheit und Armut zu beseitigen wären. Auch die Mittel sind vorhanden, globale Chancengleichheit zu schaffen. Was läuft falsch?
Gates: Schauen Sie lieber auf das, was gut läuft. Es geht der Welt bedeutend besser als früher. Wir sind absolut nicht am Ziel, aber der Planet ist nicht mehr in Arm und Reich geteilt. Staaten wie die Schwellenländer China, Brasilien oder Mexiko rücken auf, und wir können unsere Hilfen auf die härtesten Fälle, besonders in Afrika, beschränken.
SPIEGEL: Einige afrikanische Regierungen überlassen das Elend ihrer Bevölkerung Philanthropen wie Bill Gates und der Hilfsindustrie. Was tun Sie dagegen?
Gates: Hilfe funktioniert ja nicht so, dass man einen Scheck für eine afrikanische Regierung ausstellt. Wir finanzieren die Entwicklung und den Kauf neuer Impfstoffe. Das wird alles geprüft, da kann kein Regierungsbürokrat entscheiden, bremsen oder umlenken. Neben Gesundheit sind Bildung und Landwirtschaft wichtig; ohne Infrastruktur kann kein Land wirtschaftlich selbständig werden. Das muss unterstützt werden. Es misslingen immer mal Projekte, aber vieles läuft gut. Afrika hatte zuletzt Wachstumsraten von knapp sechs Prozent. Wenn jetzt aber die Entwicklungshilfe gekürzt oder gar eingestellt würde, dann wären Fortschritte schnell zunichte.
SPIEGEL: Wie fördern Sie die Eigeninitiative und verhindern, dass Afrika von Hilfe abhängig bleibt?
Gates: Gegenfrage: Blieb Deutschland nach dem Marshallplan abhängig? Bekanntlich nicht. Wenn wir beispielsweise demnächst einen Durchbruch mit dem neuen Impfstoff gegen Malaria erzielen, dann stärken wir umfassend die Fähigkeiten der afrikanischen Gesellschaft, ihre Gesundheit und Produktivität.
SPIEGEL: Ihre Stiftung ist der mit Abstand reichste und mächtigste Hilfskonzern der Welt. Wer kontrolliert eigentlich die Gates-Foundation?
Gates: Weltweit fließen jährlich 120 Milliarden Dollar an Entwicklungshilfe, die Gelder unserer Stiftung machen nur ein paar Prozente aus. Die USA, der größte Geber, setzen zehnmal so viel ein wie wir. Wir sind nur ein Player, der mit anderen zusammenwirkt. Meine Frau Melinda, Warren Buffett und ich haben als Treuhänder der Stiftung entschieden, dass wir uns auf die Bedürfnisse der Ärmsten konzentrieren. Dafür geben wir unser Geld, unsere Energie und unsere Stimme.
SPIEGEL: Sie kontrollieren sich und die Ausgaben respektive das gewaltige Vermögen Ihrer Stiftung also selbst?
Gates: Wir veröffentlichen auf unserer Website für jede Ausgabe, was wir erreichen wollen, und später, was mit dem Geld erreicht wurde. Mit Fehlern können wir offen umgehen.
SPIEGEL: Weil Sie im Unterschied zu gewählten Politikern Ihre Entscheidungen nicht rechtfertigen müssen?
Gates: Ich muss nicht mein Büro räumen, wenn wir einen Fehler gemacht haben. Zum Beispiel bin ich überzeugt, dass man die Kinderlähmung ausrotten kann, wir müssen nur dranbleiben. Man wird es erfahren, ob wir erfolgreich waren oder nicht. That's it.
SPIEGEL: Niemand hat Sie gedrängt, als Philanthrop zu wirken. Warum behalten Sie Ihren Reichtum nicht für sich?
Gates: Natürlich hätte ich das Geld, das ich durch meinen Erfolg mit Microsoft verdient habe, meinen Kindern schenken und es für Yachten oder andere Dinge ausgeben können. Aber ich habe mich entschieden, das Geld für die Ärmsten zu verwenden. Das ist die Freiheit unseres ökonomischen Systems. Und ich hoffe, dass mehr Menschen meinem Beispiel folgen. Mit anderen reichen Spendern teile ich ein wunderbares Gefühl: Ich genieße es zu helfen. Diese Aufgabe ist sehr erfüllend.
INTERVIEW: PETRA BORNHÖFT
* Beim Besuch des Manhica-Gesundheits- und Forschungszentrums in Mosambik.
Von Petra Bornhöft

DER SPIEGEL 26/2009
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