22.06.2009

ARGENTINIENFlucht nach Patagonien

Einmal mehr hat das Land abgewirtschaftet. Mit Hilfe von Ehemann Néstor, geschönten Zahlen und Freund Hugo Chávez kämpft Regierungschefin Cristina Kirchner um ihr politisches Überleben.
Die Geschäfte gehen schlecht in El Calafate. In den Schaufenstern kleben Ausverkaufsschilder, in den Touristencafés schlägt die Dorfjugend die Zeit tot. Der Himmel ist wolkenverhangen, nur ein paar brasilianische Rucksacktouristen trotzen dem Nieselregen. "Die Krise ist in Patagonien angekommen", sagt Cristiano Romero, 28.
Vor vier Jahren kam Romero aus Buenos Aires nach El Calafate tief im Süden Patagoniens. Er ist Fremdenführer und kutschiert Touristen zum 70 Kilometer entfernten Perito Moreno, dem berühmtesten der Gletscher des Landes. An den Touristen ließ sich viel Geld verdienen; seit die Regierung vor sieben Jahren den Peso massiv abwertete, strömten Besucher aus aller Welt zur Südspitze des Kontinents. Das ist fürs Erste vorbei. Die Touristen aus Europa bleiben weg, Argentinien ist ihnen zu teuer geworden, die Inflation hat die Vorteile des billigen Wechselkurses zunichte gemacht.
Das beste Haus am Platze, das Luxushotel Los Sauces am Ufer des Gletschersees Lago Argentino, steht leer. Nur vor einem Holzhäuschen daneben brennt Licht, zwei Polizisten halten dort Wache. Eine hohe Mauer und dichtgepflanzte Pappeln versperren die Sicht auf das Anwesen dahinter. In einer auberginefarbenen Villa residieren hier gern die prominentesten Einwohner von El Calafate: das Präsidentenehepaar Cristina und Néstor Kirchner. Der ganze Straßenblock gehört ihnen.
Wenn das Licht am Wachhäuschen brennt, wissen die Nachbarn, dass "la Presidenta" zu Hause ist. In den vergangenen Monaten leuchtete die Lampe ziemlich oft. Fast jedes Wochenende nutzte die Präsidentin zur Flucht in ihr Refugium 2700 Kilometer südlich von Buenos Aires.
In El Calafate haben die Kirchners in den vergangenen Jahren ein richtiges Immobilienimperium aufgebaut. Das halbe Städtchen gehört der Präsidentenfamilie, allein acht Hotels nennen sie ihr Eigen, darunter auch Los Sauces. Die Einrichtung der noblen "Evita-Suite" soll Cristina selbst ausgesucht haben. Evita, das war die Ikone der Argentinier, die Frau des Präsidenten Juan Domingo Perón, der wie ein Monarch über das Land herrschte. Manche Einwohner von El Calafate behaupten, die Präsidentin habe die Möbel für das Luxusappartement mit der Regierungsmaschine Tango 1 von Buenos Aires nach El Calafate transportieren lassen. Ihr Ehemann Néstor hat ein riesiges Gelände am Seeufer und dazu eine Asphaltfabrik erworben; weitere Häuser und Hotels gehören seinem ehemaligen Chauffeur und einer Schar von Freunden.
Dank der Touristen und der Kirchners ist aus El Calafate, dem gottverlassenen Dorf in der patagonischen Einöde, ein schmuckes Städtchen mit 20 000 Einwohnern geworden. Edelboutiquen säumen die Hauptstraße, die Restaurants verlangen europäische Preise.
Auch ihre Staatsbesucher nötigt Präsidentin Cristina meist zu einem Besuch von Perito Moreno, einem der wenigen noch wachsenden Gletscher, der zu den größten der Welt gehört und sich an seiner Abbruchkante zu einer imposanten Höhe von 60 Metern türmt. Brasiliens Präsident Lula war schon hier, auch das spanische Königspaar und zuletzt der venezolanische Staatschef Hugo Chávez samt Gefolge.
Diesmal schwebte "la Presidenta" aus Feuerland ein. In Ushuaia, am Südzipfel des amerikanischen Kontinents, hatte sie eine Elektrofabrik besucht, vor dem Abflug nach El Calafate den Erweiterungsbau des Flughafens eröffnet. Es ist Wahlkampf in Argentinien, kommenden Sonntag wählen die Bürger in weiten Teilen des Landes neue Abgeordnete für den Nationalkongress und fällen damit auch ein Urteil über die Amtsführung ihrer Staatschefin. "Wenn Cristina die Mehrheit verliert, droht uns eine Krise wie 2001", warnt ihr Mann Néstor, der ihr Vorgänger ist und als Erfinder der Idee gilt, dass dieses Amt in der Familie bleiben sollte. "Dann explodiert das Land."
Die schlimme Krise von 2001 haben die meisten Argentinier als Alptraum in Erinnerung. Damals kollabierte die Wirtschaft, der Peso verfiel, Hunderttausende verloren ihren Job. Innerhalb von zehn Tagen wechselten sich fünf Präsidenten im Amt ab, Buenos Aires stellte kurzerhand die Schuldenzahlungen ein und erhält seither kaum noch internationale Kredite.
Néstor Kirchner, der Peronistenführer aus Patagonien, führte das Land aus dem Chaos. Trotz seines Erfolgs verzichtete er 2007 auf eine Wiederwahl und schickte seine Frau ins Rennen, aber er scheint noch immer die entscheidende Instanz im Land zu sein. Er kandidiert als Abgeordneter für die wichtige Provinz Buenos Aires, in der Auseinandersetzung mit politischen Gegnern stilisiert er sich gern zum Retter der Nation.
Geschönte Statistiken spielen eine Hauptrolle im Wahlkampf. Die Regierung gaukelt den Wählern ein idyllisches Bild der wirtschaftlichen Entwicklung vor. "Sie belügt das Volk über das wahre Ausmaß der Inflation", sagt der Wirtschaftsexperte José Luis Espert. Er prophezeit, dass die landwirtschaftliche Produktion im zweiten Halbjahr um neun Prozent schrumpfen werde: "Unsere Rezession ist hausgemacht, sie hat nichts mit der Weltfinanzkrise zu tun. Die Regierung versucht, die Bauern zu erpressen, unseren wichtigsten Wirtschaftszweig."
Schon Ehemann Néstor hatte sich mit den mächtigen Bauernverbänden angelegt, unter Cristina eskalierte der Konflikt zu einer Staatskrise. Die Regierung wollte den Landwirten vergangenen Sommer eine Erhöhung der Exportsteuer für Agrarprodukte aufzwingen, daraufhin traten die Farmer wochenlang in Streik.
Der Konfrontationskurs der Regierung riss eine Kluft in den eigenen Reihen auf: Vizepräsident Julio Cobos stimmte bei der entscheidenden Abstimmung im Kongress gegen die Regierung, die geplante Steuererhöhung scheiterte. Doch der Streit mit den Farmern ist damit nicht beigelegt. Die Regierung bestimmt die Fleischpreise, immer mehr Rinderzüchter steigen deshalb auf den lukrativeren Anbau von Soja um. Die hohen Steuern für die ölhaltigen Hülsenfrüchte sind ein zentraler Streitpunkt zwischen den Farmern und den Kirchners. Gleichzeitig peinigte zuletzt eine Jahrhundertdürre die Bauern. Zehntausende Rinder sind verdurstet, das Getreide vertrocknet auf den Feldern. Jetzt droht der Nahrungsmittel-GAU: Experten rechnen damit, dass die Steak-Nation Argentinien ab 2012 Fleisch einführen muss.
Der Konflikt spaltet inzwischen auch die Peronisten: Mehrere abtrünnige Abgeordnete haben sich zu einer Dissidentenfront zusammengeschlossen und treten gemeinsam gegen die Kirchner-Fraktion an. Senator Carlos Reutemann, der peronistische Ex-Gouverneur der Agrarprovinz Santa Fé, hat der Präsidentin ebenfalls seine Unterstützung entzogen. Der ehemalige Rennfahrer und Sojapflanzer liebäugelt selbst mit einer Kandidatur bei den Präsidentschaftswahlen 2011.
Erstmals verspürt auch die nichtperonistische Opposition Aufwind. Sie setzt auf ei-
nen berühmten Namen: Ricardo Alfonsín,
der Sohn des im März verstorbenen ehemaligen Präsidenten Raúl Alfonsín, soll die traditionsreiche Bürgerpartei UCR (Radikale Bürger-Union) wieder mehrheitsfähig machen. Mit seinem Schnurrbart und den dicken Tränensäcken sieht er aus wie eine jüngere Kopie seines berühmten Vaters. "Wir können das Monopol der Peronisten brechen", versichert er.
Nach dem unrühmlichen Rücktritt des bürgerlichen Präsidenten Fernando de la Rúa, der während der Krise 2001 mit dem Hubschrauber aus dem Regierungspalast flüchtete, war die älteste Partei des Landes in der Bedeutungslosigkeit versunken. Doch der Tod ihres Idols Alfonsín hat die Nation tief gerührt. Zehntausende weinten am Sarg des verehrten Ex-Präsidenten, der das Land in den achtziger Jahren aus der Diktatur führte. Politiker aller Schattierungen berufen sich jetzt auf sein politisches Erbe.
Die Kirchners suchen unterdessen Rückhalt bei der alten Garde der Peronisten. Die Bosse der mafiösen Gewerkschaften und populäre Volksmusiker wie die Sängerin Nacha Guevara ziehen für sie in den Wahlkampf. Jüngst sprang Venezuelas Caudillo Hugo Chávez, ein Bewunderer Peróns, der bedrängten Regierung bei. "Ich wünsche ihm Glück, er ist mein Freund", kommentierte er die Kandidatur Néstor Kirchners.
Chávez hatte dem Ehepaar schon einmal aus der Klemme geholfen: Während des Präsidentschaftswahlkampfs 2007 schickte er einen Koffer mit 800 000 Dollar nach Buenos Aires, die für Cristinas Kampagne bestimmt waren. Für insgesamt sieben Milliarden Dollar kaufte er argentinische Staatsanleihen und rettete das Land vor einem erneuten Staatsbankrott. Geld hatte Chávez bei seinem jüngsten Besuch nicht dabei, der vorübergehende Verfall der Ölpreise hat ihm schwer zu schaffen gemacht. Mit den Kirchners versteht er sich dennoch prächtig. In El Calafate bewirteten sie Freund Hugo mit Lammbraten und gefüllten Teigtaschen.
Chávez war bester Stimmung. Er ließ sich mit Köchen und Kellnern fotografieren, vergab Autogramme wie ein Popstar und bewunderte den Gletscher. Zum Abschied bat er um zwei Flaschen von Cristinas patagonischem Hauswein. Der Tropfen sei "für einen besonderen Freund" bestimmt, so Chávez: Kubas kranken Staatschef Fidel Castro. JENS GLÜSING
* Beim Besuch des Perito-Moreno-Gletschers bei El Calafate am 16. Mai.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 26/2009
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