22.06.2009

MOBILFUNKMauschelei um Mogelstudien

Der Skandal um mutmaßlich gefälschte Mobilfunkstudien an der Medizinischen Universität Wien (SPIEGEL 35/2008) findet zu keinem Ende. Wie gründlich die Aufarbeitung misslang, zeigt das Protokoll einer internen Sitzung, das dem SPIEGEL vorliegt. Es belastet sowohl den Rektor als auch den dreiköpfigen "Ethikrat" der Uni, der in der Sache ermitteln sollte. Unter Verdacht standen eine Reihe von Studien, die weltweit Aufsehen erregt hatten. Angeblich hatten Wiener Forscher um den Arbeitsmediziner Hugo Rüdiger herausgefunden, dass die Funkwellen von Handys menschliche Zellpräparate beschädigen. In Wahrheit hatte eine Laborantin die Daten offenbar einfach erfunden. "Alle acht Studien beruhen auf Daten, die nicht durch Messungen an echten Zellen entstanden sein können", urteilt der Bremer Biologe Alexander Lerchl, Mitglied der deutschen Strahlenschutzkommission. Lerchl, der den Fall aufgedeckt hatte, schickte den Wiener Ermittlern überdies eine Datei, in der die Autoren der Studie versehentlich verräterische Spuren hinterlassen hatten; daraus ging hervor, wie sie sich ihre Daten passend gerechnet hatten. Obwohl die Beleglage erdrückend war, bot der Rat dem Kollegen Rüdiger laut Protokoll der Ratssitzung vom 24. Juli 2008 eine "gütliche Übereinkunft" an, um dessen Ruf nicht "unangemessen zu beschädigen": Er möge eine der acht schwer verdächtigen Studien zurückziehen - und selbst diese nur aus formalen Gründen. Im Gegenzug versprach der Ethikrat, den Fälschungsvorwurf auf sich beruhen zu lassen und die übrigen sieben Studien nicht anzutasten. Pikantes Detail: Der Rektor Wolfgang Schütz war, wie das Protokoll belegt, mit dem krummen Handel einverstanden. Dazu passt, dass die Universität die Aufklärung der Vorwürfe nicht, wie in solchen Fällen üblich, an unabhängige Experten von außerhalb übergab. Als Gutachter kam ausgerechnet der Wiener Psychologe Michael Kundi zum Zuge, ein bekannter Mobilfunkkritiker, der an den Arbeiten seines Kollegen Rüdiger denn auch wenig auszusetzen fand. Rektor Schütz wendet ein, ein anderes Gremium hätte keine weiteren Beweise finden können. Aus seiner Sicht habe es auch keine gütliche Einigung gegeben; er habe nach der Sitzung öffentlich von einem "Verdacht auf schweres wissenschaftliches Fehlverhalten" gesprochen. Seine Einschätzung half aber nichts: Bis heute wurde keine Studie zurückgezogen - nicht einmal die, auf die sich die Mauschler zunächst geeinigt hatten. Und Hugo Rüdiger zitiert schon wieder öffentlich aus den inkriminierten Befunden, als wäre nichts geschehen.

DER SPIEGEL 26/2009
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MOBILFUNK:
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