22.06.2009

SPIEGEL-GESPRÄCH

Diktatur der Schlamperei

Von Oehmke, Philipp und Höbel, Wolfgang

Der Film- und Theaterregisseur Leander Haußmann über seine Freak-Jugend im Sozialismus, das Berufsverbot für seinen Vater und die Inkonsequenz des SED-Staats

SPIEGEL: Herr Haußmann, in Ihren Filmen "Sonnenallee" und "NVA" haben Sie sich intensiv mit der DDR-Geschichte beschäftigt. Jetzt arbeiten Sie neben Ihrem Regiejob an einer Autobiografie, die Ihr Leben in der DDR behandelt. Können Sie von dem Thema nicht lassen?

Haußmann: Doch, kann ich sehr gut. Die meisten meiner Arbeiten haben mit der DDR gar nichts zu tun. In der Biografie will ich jetzt aber erzählen, dass die DDR farbiger war, als es in den Geschichtsbüchern steht. Dass die jungen Leute, zu denen ich gehörte, 1980 oder 1985 wirklich cool waren. Und dass wir ein mindestens so subversives, unangepasstes und aufregendes Leben führten wie viele junge Westdeutsche damals. Im Westen gab es Punk, Friedensbewegung und Rebellion, im Osten aber auch.

SPIEGEL: Ihre Auflehnung wirkt weniger wie politischer Protest und mehr wie ein Kampf gegen die DDR-Spießigkeit.

Haußmann: Das kann man so nicht sagen. Wir waren in einer Szene, die sich hinter geschlossenen Türen traf. Wir fühlten uns als Bohemiens, als Freaks. Wir waren stark beeinflusst von der Beatnik-Literatur, von Kerouac und Ginsberg, von den Existentialisten, Sartre und Camus, denn nichts liest man so gern wie quasi verbotene Bücher. Wir hatten diese Theatergruppe, das Berliner Boheme Theater. Wir zogen spielend und musizierend durch das Land.

SPIEGEL: Es ging also vor allem ums Feiern?

Haußmann: Ja, stellen Sie sich vor! Was wollten Sie denn in diesem Alter? Zugegeben, wir waren eine merkwürdige Truppe, Außenseiter. Hedonistische Kasperköppe. Wir wollten Rock'n'Roll. Heute würde ich behaupten, das war ein wirkungsvoller Protest. Wir waren wie der Mörtel, der abbröckelte und am Ende das Haus mit zum Einsturz brachte. Wir lebten die offene Anarchie. Damit konnten die nicht umgehen. Es gibt ja nichts Blöderes für einen Geheimdienst als einen Gegner, der sich die ganze Zeit völlig unkonspirativ verhält.

SPIEGEL: Wie hat sich Ihre Untergrundtruppe damals zusammengefunden?

Haußmann: Wenn's mal echter Untergrund gewesen wäre - dann könnte ich heute schön damit hausieren gehen. Zusammengeführt hat uns der Staat. Ich bin hier im Südosten Berlins zur Schule gegangen, in Hirschgarten. Zwei Jahre vor dem Abschluss, mit 14, bekam man eine Berufsberatung. Da guckten Leute auf dein Zeugnis und sagten, was man damit so werden konnte: Bei mir war das nicht viel. Wir einigten uns auf Tiefdrucker. Ich las ja gerne. Zwei Jahre später kam ich in die Berliner Druckerei, wo man unter anderem "Neues Deutschland" druckte. Eine neue Welt. Kein Slade und Sweet mehr. Eine Welt voll mit Leonard Cohen, Bob Dylan, den Rolling Stones.

SPIEGEL: Wie kam das?

Haußmann: Weil in diese Druckereischule alle kamen, die bei der Berufsberatung gesagt hatten, sie läsen gerne oder wollten Schriftsteller werden. Also Verweigerer, Künstlertypen. Ich habe nicht einen getroffen, der Drucker werden wollte! Und plötzlich waren ganz andere Mädchen da als an der Schule. Plötzlich waren die hübsch.

SPIEGEL: Hatten Sie irgendetwas, womit Sie denen imponieren konnten?

Haußmann: Mit meiner "Leck mich am Arsch, ich hasse den Staat"-Haltung. Und damit, dass meine Großmutter mal drei Jahre lang mit Hermann Hesse verheiratet war, bevor sie meinen Opa traf.

SPIEGEL: Ihre Rebellion war also vor allem der Jagd auf Mädchen geschuldet?

Haußmann: Na und? Heute sehe ich in den Talkshows Typen, mit denen ich studiert habe und die stolz in ihren FDJ-Blusen herummarschierten. Die erzählen heute von ihrem Widerstand: Da staune ich. Nicht die großen Künstler und Staatsschauspieler, die bei der Demo auf dem Alexanderplatz mit getragener Stimme vor die Kameras traten, haben die Mauer zu Fall gebracht. Das waren außer den Bürgerrechtlern und den Ausgereisten eher die Punkmusiker und die Künstler. Die haben das System wirksam unterhöhlt.

SPIEGEL: Wie früh haben Sie Ihre Ablehnung des Spießerstaats DDR artikuliert?

Haußmann: Schon in der Schule und in der Armee. Überall habe ich gesagt, dass ich den Osten unerträglich finde. Man ließ mir das als Humor durchgehen. Viele Offiziere waren auch nur froh, dass sie mit Technik spielen durften.

SPIEGEL: Das haben Sie im Film "NVA" verarbeitet. Wie schon bei "Sonnenallee" wurde Ihnen Verharmlosung vorgeworfen.

Haußmann: Sehen Sie, 90 Prozent der männlichen Bevölkerung war bei der Armee. Wenn wir an der Grenze gestanden hätten - haben wir aber nicht, weil man uns da nicht hingeschickt hätte -, wir hätten nicht geschossen. Wir hätten das gar nicht gekonnt und haben das auch immer gesagt. Die NVA war eine demotivierte Gurkentruppe. Das habe ich versucht, in "NVA" zu schildern, aus meiner Sicht. Wir haben rumgehockt, Karten gespielt, onaniert und versucht, aus Pilzen Drogen herzustellen.

SPIEGEL: Wann immer Sie über die DDR reden, wirkt das Land rührend niedlich. Das Monströse verschwindet bei Ihnen völlig.

Haußmann: Interessant, dass Sie beide als Westdeutsche ständig das Monströse suchen. Was es natürlich gegeben hat. Diese Exempel, die der Staat an Menschen statuiert hat: Die haben uns natürlich eine Höllenangst gemacht. Bautzen und Hohenschönhausen waren die Begriffe dafür. Da wollten wir auf keinen Fall hin.

SPIEGEL: Immerhin ist Ihr Vater, der Defa-Schauspieler Ezard Haußmann, an der DDR beinahe zerbrochen.

Haußmann: Mein Vater war ein einziger lebender Widerspruch, weshalb er bei der Defa immer nur schleimige Adlige und Faschisten spielen durfte. Er war der Schurke, der in dem damals berühmten Film "Das Lied vom Trompeter" den Helden erschießt. Wenn bei uns zu Hause einer zufällig Ostfernsehen guckte, war mein Vater sofort zur Stelle und schaltete auf Westfernsehen um. 1968 hat er vor der tschechoslowakischen Botschaft einen Blumenkranz niedergelegt, um gegen den Einmarsch der Russen in Prag zu demonstrieren. Er bekam zehn Jahre Berufsverbot. Darauf reagierte er mit Humor, aber er bekam auch schwere Depressionen, die er mit Alkohol und Tabletten zu betäuben versuchte.

SPIEGEL: Und dann macht ausgerechnet sein Sohn "Sonnenallee", einen Film, der den Verdacht erregt, die DDR zu verniedlichen.

Haußmann: Tatsächlich war mein Vater anfangs nicht begeistert. Aber nach vielen gescheiterten Versuchen, die ostdeutsche Geschichte zu dramatisieren, war "Sonnenallee" überhaupt der erste erfolgreiche Film zu diesem Thema. Eigentlich handelt er gar nicht so sehr von der DDR, genauso wenig wie "Das Leben der Anderen". Beide Filme benutzen die DDR vor allem als Hintergrund und Metapher.

SPIEGEL: Sie meinen, der erste Erfolgsfilm über die DDR musste eine Komödie sein, so wie Charlie Chaplin es mit dem Dritten Reich in "Der große Diktator" schaffte?

Haußmann: Man muss sich erst lockern, bevor man sich den Greueltaten widmen kann. Und doch gibt es schon in "Sonnenallee" denjenigen, der den Freund an die Stasi verrät. Nur drücke ich da nicht drauf. Oder es gibt den kleinen Jungen, der unbedingt die Stones-Platte "Exile on Main Street" haben will - und deswegen fliehen möchte und erschossen wird.

SPIEGEL: Der sieben Jahre später entstandene Film "Das Leben der Anderen" von Florian Henckel von Donnersmarck zeichnet die DDR als monströse Diktatur. Nichts ist da lustig, alles ist beklemmend.

Haußmann: In Donnersmarcks Film geht es, salopp gesagt, um jemanden, der anderen beim Geschlechtsverkehr zuhört und dadurch ein besserer Mensch wird. Was für ein Stoff für ein Komödie! Ich hätte eine daraus gemacht, aber wahrscheinlich hätte ich keinen Oscar dafür bekommen.

SPIEGEL: Offenbar kann jemand, der wie Sie unter der DDR gelitten hat, heute eher über diesen Staat lachen als ein West-Regisseur wie Donnersmarck, der ja einen sehr ernsten Film gedreht hat.

Haußmann: "Das Leben der Anderen" ist in seinem Humanismus interessant: der Annahme, dass Menschen sich ändern können. Wenn aber ein solcher Film zum Schulstoff wird, müssen wir anders diskutieren. Da geht es um historische Genauigkeit, da werde ich zum Korinthenkacker. Mich stört schon der leere Dachboden, den es in der DDR nirgends gab, und die harmlose Strafe, die der Stasi-Offizier für seinen Hochverrat bekommt. Als Metapher ist das okay, im historischen Kontext aber Unsinn.

SPIEGEL: Was halten Sie von dem Ostalgiker-Argument, das politische System der DDR sei menschenverachtend gewesen, der Alltag im Land aber lebenswert?

Haußmann: Wegen des bezahlten Mutterjahrs? Derlei hat den Staat doch in den Bankrott geführt! Oder wegen der berühmten Kinderbetreuung? Durch sie hielt der Staat vor allem die Kinder unter Kontrolle. Meine Kindergartenzeit war schrecklich. Mich hat die Kindergärtnerin mal gefragt, warum ich nicht im Westen sein möchte. Ich spürte, dass von meiner Antwort etwas abhängt. Ich dachte eine Weile nach und antwortete dann: weil dort der Straßenverkehr so durcheinander ist. An der Reaktion der Kindergärtnerin konnte ich sehen, dass sie sich über meine Antwort freute. Später im Staatsbürgerkunde-Unterricht habe ich mir den Satz angewöhnt: "Wir befinden uns in der Epoche des Übergangs vom Sozialismus in den Kommunismus." Das kam immer sehr gut an.

SPIEGEL: Sie können nun hier den Gesine-Schwan-Fehler vermeiden und sagen, dass die DDR ein Unrechtsstaat war.

Haußmann: Sie war ein Unrechtsstaat. Aber - Pech für die DDR, Glück für uns: Sie war nicht wirklich konsequent, sie schmückte sich mit menschlichen Facetten. Und sie schreckte am Ende vor Gewalt zurück. Dafür hat sie meine Sympathie. Gerade im Vergleich zu Nordkorea. Oder China, wo sie sich keinen Kopp machten und Demonstranten einfach niederschossen.

SPIEGEL: Was die Widerständler dort zu Märtyrern macht.

Haußmann: Ja, wäre ich ein Zyniker, würde ich sagen: Am Ende hätten wir es gern ein bisschen härter gehabt.

SPIEGEL: Das meinen Sie bitte nicht ernst.

Haußmann: Eine Revolution, die so glimpflich abläuft, bringt natürlich keine echten Helden hervor. Die Deutschen haben sich

in der Geschichte der Revolutionen ja nie hervorgetan. Wenn man zum Beispiel den

spärlichen Widerstand gegen die Nazi-Gewaltherrschaft betrachtet: Da hätte es sich doch wirklich gelohnt. In der DDR wurde Gewalt nach dem 17. Juni 1953 öffentlich nie mehr sichtbar. Und so hatte das Leben dort viele rührende Momente.

SPIEGEL: Zum Beispiel?

Haußmann: Zum Beispiel Milchtüten: Sie lagen morgens um sechs vor den Kaufhallen in blauen Plastikbehältern. Vollkommen ungesichert. Jeder konnte sich bedienen. Was wir nach Suffnächten auch regelmäßig taten. Unglaublich. Ein Staat, der wertvolle Milch einfach so vor den Kaufhallen herumstehen ließ, musste sich ja irgendwann in Luft auflösen. Das hatte nichts mit Sozialismus zu tun. Es war einfach nur Gleichgültigkeit, eine Diktatur der Schlamperei. Nur die Maueropfer sind mit Präzision und Hingabe abgeknallt worden.

SPIEGEL: In Ihrer gerade entstehenden Autobiografie heißt es, Sie schämten sich, in einem Land zu leben, in dem es Woodstock nie geben würde. Wieso gerade dafür?

Haußmann: Weil etwas wie Woodstock nur ohne die Mauer und die Toten dort möglich gewesen wäre. Im Übrigen wären wir bis zu einem gewissen Grad zu kaufen gewesen. Mit gutsortierten Platten- und Bücherläden, mit einem bestimmten Maß an scheinbarer Freiheit, wie sie in Jugoslawien existierte, hätte der Staat vielleicht überlebt. Aber die waren eben blöde.

SPIEGEL: Fühlten Sie sich nie bedroht?

Haußmann: 1988 habe ich einen Ausreiseantrag gestellt, zusammen mit meiner damaligen Frau. Sie wurde in der Folge offen observiert. Du solltest spüren, sie haben dich im Visier. Wir hatten unzählige Vorladungen, wo einem gedroht und das Blaue vom Himmel versprochen wurde. Das war Psychoterror, aber auch ein Witz. Bei einer der frühen Demos im Herbst 1989 waren wir dann bei einer Kirchenbesetzung im Prenzlauer Berg dabei, hinter uns schlossen sich die Polizeiketten. Kaum waren wir in der Kirche, gingen die Türen zu. Meine damalige Frau meinte: Leander, das wird zu brenzlig. Da habe ich komischerweise gesagt: Nee, ich bleibe hier. Irgendwann wurden wir in Hinterhöfe getrieben und waren in der Falle. Und ich habe mir in dem Moment gewünscht, dass man mich zuführt.

SPIEGEL: Zuführt?

Haußmann: Ja. Ein Begriff aus der Volkspolizeisprache. So etwas wie eine vorübergehende Festnahme. Das hieß, alle werden in einen Wagen gesperrt, weggefahren und müssen dann mit gespreizten Beinen in den Gängen stehen. Ich wollte das! Weil ich wusste: Das Ding ist sowieso am Zusammenbrechen. Und ich sah mich schon als romantischen Helden, dem von einer schönen Frau die blutende Nase abgetupft wird.

SPIEGEL: Bekamen Sie Ihre Zuführung?

Haußmann: Nein. Wir rannten ein Treppenhaus hoch und klopften an eine Tür.

SPIEGEL: Waren Sie erleichtert, als im November 1989 alles vorbei war?

Haußmann: Es war mal wieder komisch. Als man dann die Deutschlandfahnen rausholte und das DDR-Emblem rausschnitt, traten viele Intellektuelle zurück. Das wurde eine Straßenfestgeschichte. Wir fühlten uns, als bekämen wir ein Weihnachtsgeschenk, das man schon kennt. Der andere erwartet, dass man sich freut. Doch die Freude stellte sich nicht wirklich ein. Blödes Gefühl.

SPIEGEL: Hält dieses Gefühl bis heute an?

Haußmann: Für mich ist die Geschichte gut ausgegangen. Ich bin mit großer Erleichterung in den Westen gegangen. Ich kann heute machen, was ich will. Im nächsten Film, den ich mache, geht es um das Moskauer Hotel Lux, in dem die Komintern logierte. Er wird ein 13-Millionen-Euro-Budget haben. Was soll ich jammern? Aber für andere ist es eben nicht gut ausgegangen. Die DDR hat gegen viele Menschen eben doch gesiegt: gegen Maler, die nicht mehr gemalt haben, gegen Regisseure, die nicht mehr inszenierten, gegen Schriftsteller, die sich totgesoffen haben.

SPIEGEL: Herr Haußmann, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.

LEANDER HAUSSMANN

wurde 1959 in Quedlinburg geboren. Er studierte nach gescheiterten Berufsanfängen als Drucker Schauspielerei, wurde noch zu DDR-Zeiten von Frank Castorf gefördert. Von 1995 bis 2000 war er Intendant in Bochum, arbeitet inzwischen aber fast ausschließlich als Kinoregisseur ("Sonnenallee", "Herr Lehmann"). Im Dezember soll sein jüngstes Werk "Dinosaurier" anlaufen, eine Finanzkrisen-Komödie über Senioren, die gegen ihre Bank kämpfen.


* Mit den Redakteuren Philipp Oehmke und Wolfgang Höbel am Müggelsee in Berlin.

DER SPIEGEL 26/2009
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