22.06.2009

THRILLERUnser Mann in der Gefahrenzone

Ein Toast zum 100. Geburtstag von Eric Ambler, der den Polit-Krimi und das moralische Zwielicht zur Kunstform gemacht hat. Von Matthias Matussek
Lasst uns das Glas erheben auf Arthur Abdel Simpson, den staatenlosen Kleinganoven und Chauffeur, der zum Juwelenraub im Topkapi-Palast gezwungen wird; auf Mr. Foster, den feinsinnigen Theaterautor, der über den Schauprozess gegen Deltschev berichten soll und um sein Leben rennen muss; auf Joseph Vadassy, den ungarischen Exilanten, der am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in einem kleinen Hotel an der Côte d'Azur in eine Spionageaffäre schlittert.
Lasst uns trinken auf all die Amateure und Ahnungslosen, die strampeln müssen, um nicht vom Räderwerk der Geschichte zermalmt zu werden.
Ein Toast vor allem aber auf Eric Ambler, den Mann, der uns diese Helden auf der Flucht und unverwüstlichen Improvisationstalente geschenkt hat; er würde jetzt 100 Jahre alt werden.
Sein Werk umfasst 18 Romane, einige Kurzgeschichten, fast zwei Dutzend Drehbücher und eine Autobiografie mit dem Titel "Here lies Eric Ambler". Was heißt: Hier liegt Ambler. Was auch heißen kann: Hier lügt Ambler. Sein abenteuerliches Leben überspannte fast das ganze blutige 20. Jahrhundert, von den Roaring Twenties über den Wahnsinn der Kriege und Diktaturen bis zu den allmächtigen Strategen, die Menschen und Völker durcheinanderwürfelten.
In diesem Schüttelsieb verlor Ambler den Einzelnen, den Mann in der Gefahrenzone, nie aus dem Auge, und er wusste, wie man seine Geschichte erzählt. "Amblers Werk ist die Quelle, aus der wir alle schöpfen", sagte John le Carré. Und Graham Greene telegrafierte einst: "An den Meister, von einem seiner Schüler."
"Ich versuche, den Leuten zu erklären, wie es zugeht auf der Welt", sagte Ambler einmal. Und das tun seine Romane nach wie vor, denn einige Konstanten sind offenbar ewig: Waffenhandel, Korruption, Machtpolitik, aber auch Flucht und Elend und die Erkenntnis, dass die Hilflosen und Erpressbaren die Zeche bezahlen.
Ambler wuchs in einer Londoner Kleine-Leute-Gegend auf. Sein Vater war Klavierbegleiter, seine Mutter Sopranistin. Eines der ersten Wörter, die sein Großvater ihm beibrachte, hieß Ka-pi-ta-lis-mus. "Merk es dir gut, mein Junge", schärfte er ihm ein, "denn nach dem Krieg wird es das nicht mehr geben." Das war das Milieu, die Heilsversprechung jener Zeit.
Anderes brachte er sich selber bei. Etwa, dass Lehrer lieber eine interessante, neue Ausrede schätzen als eine abgedroschene. Er studierte Ingenieurwissenschaften (was seinen präzisen technischen Beschreibungen zugutekommen sollte), doch seine Zeit verbrachte er lieber im nahe gelegenen Schwurgericht (was seine Menschenkenntnis befeuerte).
Er probierte sich aus. Arbeitete als Werbetexter für eine Glühbirnenfirma, schrieb "deprimierende Theaterstücke über missglückte Selbstmorde", begeisterte sich, sehr Boheme, für den deutschen Expressionismus und ging ein Verhältnis mit einer verheirateten Frau ein.
Als er für seine Werbefirma Wahlkampf für Churchill machen sollte, erkannte er: "Ich war ein enthusiastischer Parteigänger von niemandem." Churchill gewann auch ohne seine Unterstützung.
Schon sein erster Roman verblüffte, denn "Der dunkle Grenzbezirk" beschrieb - 1936! - den Wettlauf nach der Atombombe, halb düstere Irrnis, halb Science-Fiction. In kurzer Folge entstanden bis 1940 weitere fünf Romane, die eine enorme Produktivität beweisen - und ein verheerendes Gespür für Timing.
Als etwa "Nachruf auf einen Spion" erschien, marschierte Hitler in Österreich ein. Mit der Veröffentlichung von Amblers Meisterwerk "Die Maske des Dimitrios" begann der Zweite Weltkrieg. Der Thriller "Die Angst reist mit" hatte es mit der weltgeschichtlichen Konkurrenz von Dünkirchen zu tun.
Mit den herkömmlichen Spionagereißern hatten die raffiniert konstruierten Ambler-Alpträume nichts zu tun. Sie waren neu, weil sie sich an ein intelligentes Publikum richteten. In "Nachruf auf einen Spion" diskutiert der Held wider Willen mit einem von der Gestapo gejagten Prager Kommunisten und Juden über Nietzsche und die Faszination kühner Amoralität.
"Die Maske des Dimitrios" ist formales Neuland. Hans C. Blumenberg nannte das Werk "den elegantesten Kriminalroman des 20. Jahrhunderts". Die Hauptfigur, ein Drogenhändler und Mörder, dem ein eher biederer Krimi-Autor durch mehrere Balkanstaaten hinterherrecherchiert, wird bereits auf Seite 25 für tot erklärt.
Doch die Jagd auf Dimitrios erzählt von sehr viel mehr: von der Irrfahrt durch eine zerbrechende Ordnung. Gut und Böse sind darin obsolet geworden und durch "gute Geschäfte" und "schlechte Geschäfte" ersetzt. "Dimitrios war nicht böse", schreibt Ambler. "Er war logisch und konsequent, so logisch und konsequent im europäischen Dschungel wie das Giftgas Lewisit und die Leichen von Kindern, die bei einem Luftangriff auf eine offene Stadt umkommen."
Ambler hasste Gewalt. "Aber es gibt Zeiten", schrieb er, "da müssen selbst die friedliebendsten Menschen aggressiv werden." 1940 meldete er sich zunächst zur Marine, landete schließlich in einer Propaganda-Einheit, wo Aufklärungsfilme für die kämpfende Truppe entstehen sollten - und wo er auf Carol Reed, David Niven und John Huston traf.
Im italienischen San Pietro geriet er mit Huston unter Beschuss. Der wies den Fahrer an: "Na schön, du dreckiges Arschloch, bleib ganz ruhig. Fahr zurück, du verdammter Hurensohn, ganz ruhig." So nah war Ambler dem Tod noch nie gekommen.
Amblers großes Thema ist Angst. Es ist das Grundgefühl der Epoche. Ambler war 15, als Kafkas "Prozess" erschien, und 23, als Hitler zur Macht kam. Es ist die Angst vor den Grausamkeiten undurchschaubarer Bürokratien, vor Verfolgung, vor der Polizei, vor dem Tod.
Insgesamt acht Jahre verbringt er auf der Couch von Analytikern. Eine Zeit, in der er, wie er sagte, viel über sich herausfand, bis auf eines: warum er Schriftsteller geworden sei. "Ich weiß nur, dass dieser Beruf mit Angst zu tun hat."
Zu dieser Grundangst, die in fast allen seinen Thrillern spürbar ist, steht seine klare, durchsichtige Prosa in merkwürdigem Kontrast. Sie verzichtet auf manierierte Abgebrühtheiten wie die eines Raymond Chandler oder das Pathos eines John le Carré. In gewisser Weise bleibt er der Mann der Werbung, der lernte: Wenn du etwas zu sagen hast, dann sag es klar und deutlich. Am besten gleich im ersten Satz.
Ambler ist ein wahrer Meister erster Sätze, die den Leser hineinziehen. Etwa so: "Der Brief mit der Warnung traf am Montag ein, die Bombe selbst am Mittwoch. Es wurde eine ereignisreiche Woche."
Seiner politischen Maxime, "enthusiastischer Parteigänger von niemandem zu sein", ist er treu geblieben. Anfang der dreißiger Jahre war er aus moralischen Gründen links, doch mit den kommunistischen Schauprozessen war er, aus den gleichen Gründen, davon kuriert. Um Moral geht es im Zwielicht der Ambler-Thriller immer.
Das heißt nicht, dass er damit der Verführung zu Versimpelungen erliegt: In "Der Fall Deltschev", 1951 veröffentlicht und als Beschreibung des Stalinismus unmissverständlich, ist der von der Terrorjustiz Angeklagte durchaus schuldig.
Ambler hasste wohl die einfachen Erklärungen, sein Leben lang, auch aus künstlerischen Gründen: Sie waren ihm zu langweilig.
In Los Angeles lernte er seine zweite Frau, die Hitchcock-Produzentin Joan Harrison, kennen. Ansonsten dachte er mit Grauen an Hollywood zurück. "Ich verbrachte die Zeit damit, die historischen Fakten so weit umzuschreiben, dass die kindischen Phantasien von Marlon Brando darin Platz fänden." Er war für das Dreh-
buch von "Meuterei auf der Bounty" angeheuert worden - nach ihm wurden neun weitere Autoren verschlissen.
Auch über das Verlagsgeschäft machte er sich keine Illusionen. Mal wurde ein Titel geändert, mal schlug ihm sein Verleger Knopf vor, ein ganzes Kapitel zu streichen ("die Amerikaner mögen es direkter"). Als sein britischer Lektor das Motto strich, das er einem seiner Romane vorangestellt hatte, verbot Ambler alle weiteren Ausgaben in England. Bereits seit 1969 betreut der Diogenes-Verlag in der Schweiz sein Gesamtwerk.
Ambler war zweifellos ein Exzentriker. Er schrieb mit der Hand und arbeitete im dreiteiligen Anzug. Eine mögliche Assistentin unterzog er einer geheimdienstlichen Untersuchung. Er liebte schummriges Ambiente und hatte eine ätzende Charlton-Heston-Parodie auf Lager. Über den homosexuellen Annäherungsversuch eines Schriftstellerkollegen notierte er trocken: "Wenn er nicht diese süßlichen Liebeserklärungen gemacht und besser ausgesehen hätte" - wer weiß?
In den letzten Jahrzehnten weiteten sich Amblers Themen. Seine genau recherchierten Geschichten nahmen die Geschäfte von Multis und Geldwäschern ("Bitte keine Rosen mehr") oder Gangstersyndikaten ("Topkapi") unter die Lupe. Mit dem "Levantiner" (1972) thematisierte er früh den Nahost-Konflikt.
Für seinen gelungensten Roman hält er selber "Doktor Frigo". Frigo, eigentlich Ernesto Castillo, Sohn eines ermordeten Volkshelden und Arzt, gerät in den Irrsinn eines Staatsstreichs auf den französischen Antillen, in einen Reigen aus Putschisten, Anwälten von Ölkonzernen, amerikanischen und französischen Agenten.
Ungewöhnlich: Frigo ist ein Held, der den Überblick behält, während sich die Gauner ringsherum gegenseitig vernichten. Und noch in einem anderen Punkt unterscheidet er sich von seinen Vorgängern: Die waren alle Kettenraucher. Hier bietet jemand Frigo einen Zigarillo an mit den Worten: "Ich vermute, Sie rauchen nicht."
"Stimmt", sagt Doktor Frigo.
Amblers letzte Besucher, vor seinem Tod am 22. Oktober 1998, erinnern sich an einen Mann, der stets korrekt gekleidet war und von ausgesuchter Höflichkeit. Er saß an seinem 19. Roman. Der Mann, der die zentrale Figur des 20. Jahrhunderts (und wohl auch des 21.) porträtiert hat - den Flüchtling, den Staatenlosen, den Erpressbaren -, war ein Mann mit trockenem Witz und traurigem Blick hinter seiner Hornbrille. Einer, der wie seine Helden zu viel gesehen hat von einem äußerst blutrünstigen Jahrhundert.
* Oben: 1944; unten: mit Robert Morley, Maximilian Schell, Gilles Ségal, Jess Hahn, Melina Mercouri, Peter Ustinov, 1964.
Von Matthias Matussek

DER SPIEGEL 26/2009
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