29.06.2009

PRESSE„Meine große Liebe“

Die designierte „taz“-Chefredakteurin Ines Pohl, 42, über ihren neuen Job
SPIEGEL: Sie kommen nicht aus dem "taz"-Milieu, im Gegenteil: Bisher arbeiteten Sie für die konservative Ippen-Verlagsgruppe. Warum werden ausgerechnet Sie nun Chefredakteurin?
Pohl: Wer Stallgeruch hat, steckt ja auch immer tief in verkrusteten Strukturen. Meine Chance liegt darin, mit frischem Aufschlag zu beginnen und ohne Vorurteile schauen zu können, was wir als Team anders machen können.
SPIEGEL: Wie links stehen Sie denn?
Pohl: Ich verstehe mich als linke Feministin. Die "taz" ist mein Medium. Sie war die erste Zeitung, die ich mir von meinem eigenen Geld abonniert habe. Ich bin mit 42 Jahren bei meiner großen Liebe angekommen. Aber ich will sie wieder weiter links positionieren.
SPIEGEL: Hat die "taz" mit einer eher zahmen Berichterstattung zur Finanzkrise versagt?
Pohl: Die "taz" muss aufpassen, nichts zu verschlafen, und muss deutliche Positionen einnehmen. Sie muss dezidierter, frecher, mutiger sein und sich auf ihre Kerntugenden besinnen. Sie muss wieder die Machtfrage stellen.
SPIEGEL: In den vergangenen fünf Jahren verlor die "taz" 16 Prozent ihrer Auflage im Einzelverkauf und 6 Prozent der Abos. Wie kann man gegensteuern?
Pohl: Ich kann mir vorstellen, dass die Auflage der "taz" sogar wieder steigen kann. Das geht aber nur in Verbindung mit der Marke taz.de im Internet. Da steckt unglaubliches Potential, das bisher nicht genutzt wurde. An Online führt heute kein Weg mehr vorbei.
SPIEGEL: Trotzdem gilt das Blatt als unregierbar. Fürchten Sie den manchmal harten Gegenwind aus der Redaktion?
Pohl: Das ist doch das Tolle. Ich wage genau deshalb den Sprung raus aus der gutbezahlten Mainstream-Hängematte. Auch eine Chefin ist dort keine autoritäre Bestimmerin wie bei anderen Medien. Mein erster Platz wird deshalb auch am Schreibtisch in der Redaktion sein und nicht auf Podiumsdiskussionen quer durch die Republik. Viele fragten mich, ob ich denn des Wahnsinns sei, mich auf diesen Schleuderstuhl zu setzen. Ich will bewusst das Risiko eingehen.

DER SPIEGEL 27/2009
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DER SPIEGEL 27/2009
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