29.06.2009

KAUKASUS

Neue Strategie

Es sah aus wie eine Machtergreifung: Eine Kolonne schwarzer, gepanzerter Geländewagen jagte aus dem tschetschenischen Grosny über die Landstraße in die Nachbarrepublik Inguschien, angeführt von Gewaltherrscher Ramsan Kadyrow. Die Tschetschenen ignorierten Checkpoints und Polizisten; ihr Ziel war die Residenz des inguschischen Präsidenten Junus-Bek Jewkurow, der zwei Tage zuvor von einem vermutlich islamistischen Selbstmordattentäter schwer verletzt worden war und jetzt in Moskau um sein Leben ringt. Kadyrow, so zeigt dieser Auftritt, könnte vielleicht bald Herrscher über einen großen Teil des russischen Nord-Kaukasus sein. Dass sein Ehrgeiz weit über die Landesgrenzen hinausreicht, gab er in einem Interview mit dem russischen Nachrichtensender Westi-24 zu erkennen: "Wir werden niemandem erlauben, mit Russland Scherze zu treiben. Wir schaffen nicht nur Ordnung im Land, sondern auch in anderen Staaten, wenn es der Oberkommandierende befiehlt." Als Moskaus Statthalter hat Kadyrow mit Folter und Mord für Friedhofsruhe in Tschetschenien gesorgt. Ein Rezept, das jetzt auch in Inguschien Anwendung finden könnte, wo fast täglich Staatsbeamte, Richter oder Polizisten umgebracht werden. Es wäre die Abkehr vom Versuch Moskaus, die Kaukasus-Teilrepublik mit Hilfe einer lokalen Regierung zu stabilisieren, die tatsächlich gegen die Grundübel Korruption, Armut und Clanwirtschaft vorgeht - so wie es der erst im Herbst eingesetzte Jewkurow versucht hatte. Kadyrow dagegen brüstet sich, Präsident Dmitrij Medwedew habe ihm bei einem Treffen im Kreml wenige Stunden nach dem Anschlag freie Hand gegeben, um im Kaukasus endlich "aufzuräumen".


DER SPIEGEL 27/2009
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