29.06.2009

„Das ist ein Desaster“

Der Klimaökonom Ottmar Edenhofer über die Vorteile der CO2-Speicherung im Tiefengestein und das Versagen der Regierung
Edenhofer, 47, ist Vorsitzender im Weltklimarat IPCC und Vizechef des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung.
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SPIEGEL: Energiekonzerne wollen Treibhausgase wie CO2 in den Untergrund entsorgen. Doch die Große Koalition kann sich nicht auf eine Rechtsgrundlage für diese "CCS-Technik" einigen. Umweltschützer feiern das Scheitern als Erfolg. Zu Recht?
Edenhofer: Das ist kein Triumph, sondern ein Desaster für das Klima. Ohne die Möglichkeit, CO2 aus Kohlekraftwerken abzuscheiden und im Untergrund zu lagern, ist globaler Klimaschutz kaum möglich.
SPIEGEL: Warum?
Edenhofer: Besonders in China, Indien, Russland und den USA bleibt Kohle der billigste und beliebteste Brennstoff. In der Erde lagern mehr als elf Billionen Tonnen Kohlenstoff, von denen bis 2100 aber nur 0,3 Billionen Tonnen in der Atmosphäre landen dürfen - sonst ist der Klimawandel nicht mehr beherrschbar. Die Kohle-Nationen werden nur dann bei einem Uno-Klimaschutzabkommen mitmachen, wenn sie davon ausgehen dürfen, dass sie Kohle zumindest noch teilweise nutzen und das entstehende CO2 entsorgen können. Dass man diese Option in Deutschland vorschnell ausschließt, ist unverantwortlich.
SPIEGEL: Warum ist es von so großer Bedeutung, was Deutschland macht?
Edenhofer: Wir gebärden uns als grünes Vorbild. Der drohende Ausstieg aus der Speichertechnik untergräbt unsere Glaubwürdigkeit und schmälert Exportchancen.
SPIEGEL: Unionspolitiker wie Ministerpräsident Peter Harry Carstensen wenden ein, die Entsorgung im Untergrund sei den Bürgern so schnell nicht zu vermitteln.
Edenhofer: Dazu müsste man es erst einmal ernsthaft versuchen - was nicht geschehen ist. Man muss mit der Bevölkerung offen über Risiken reden, aber auch durchsetzen, dass die offenen Fragen durch Forschung beantwortet werden.
SPIEGEL: Besteht durch CO2-Speicher eine Gefahr für die Anwohner?
Edenhofer: Die Erfahrungen mit dem Speichern von Erdgas stimmen optimistisch. Es ist sehr wahrscheinlich, dass das eingelagerte CO2 für Jahrtausende im Boden bleibt. Austretendes Gas verwirbelt sofort mit der Luft und ist damit unschädlich.
SPIEGEL: Können Sie verstehen, dass Bürger trotzdem beunruhigt sind?
Edenhofer: Ja, aber das Verständnis wächst, wenn die Verfahren transparent sind und die Haftung für die Risiken geklärt ist. Wenig hilfreich ist die Haltung: "lokal denken, lokal handeln".
SPIEGEL: Umweltschützer behaupten, die CO2-Speicherung verhindere Investitionen in Öko-Energien.
Edenhofer: Hier wird ein künstlicher Widerspruch aufgebaut. Wir müssen erneuerbare Energien ausbauen und CO2-Speicher erforschen. Der Zeitdruck ist gewaltig.
SPIEGEL: Sollte nicht eine Vollversorgung mit Öko-Energien das Ziel sein?
Edenhofer: Ja, aber niemand kann sagen, wann sich dieses Ziel erreichen lässt. Möglicherweise kommen wir bis 2020 auf einen Anteil von 40 Prozent Ökostrom. Das CO2, das weiter entsteht, muss in den Boden. Sonst verfehlen wir unsere Klimaziele.
SPIEGEL: Hat Kanzlerin Angela Merkel versagt?
Edenhofer: Sie will die Speichertechnik. Da wäre es sicher gut, wenn sie sich in der nationalen Klimadebatte ebenso stark engagieren würde wie in der internationalen.
INTERVIEW: CHRISTIAN SCHWÄGERL
Von Christian Schwägerl

DER SPIEGEL 27/2009
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