29.06.2009

GESELLSCHAFTHeimweh nach der Diktatur

Die Verklärung der DDR erreicht einen neuen Höhepunkt. Gegen eine Darstellung ihrer alten Heimat als „Unrechtsstaat“ wenden sich heute auch Jüngere und Bessergestellte.
Das Leben von Birger aus Mecklenburg taugt eigentlich zur gesamtdeutschen Erfolgsgeschichte: Die Mauer fällt, als der Junge zehn Jahre alt ist. Nach dem Abitur geht er nach Hamburg: Studium der Volks- und Betriebswirtschaftslehre, Aufenthalte in Indien und Südafrika, dann die Festanstellung in einem Duisburger Unternehmen. Heute ist Birger 30 Jahre alt und plant einen Segeltörn auf dem Mittelmeer. Die DDR ist für den Betriebswirt "ein negativ besetztes Label", mit dem sein richtiger Name nicht in Verbindung gebracht werden soll.
Trotzdem sitzt Birger an diesem Nachmittag in einem Hamburger Café und verteidigt den untergegangenen SED-Staat: "Die meisten DDR-Bürger hatten ein feines Leben", sagt er, und: "Ich denke keinesfalls, dass es hier besser ist." Mit "hier" meint er das wiedervereinigte Deutschland, das er fragwürdigen Vergleichen aussetzt: "Früher gab es die Stasi, heute sammelt Schäuble unsere Daten - oder die GEZ." Einen grundsätzlichen Unterschied zwischen Diktatur und Freiheit sieht er nicht. "Die Menschen, die heute am Existenzminimum leben, die haben doch auch keine Reisefreiheit."
Birger ist kein ungebildeter junger Mann. Er weiß von Bespitzelung und Repression und findet es "nicht gut, dass man da nicht rauskam und viele Leute unterdrückt wurden". Schnöde Ostalgie, sagt er, sei für ihn kein Thema: "Ich habe zu Hause keinen Schrein aus Spreewaldgurken stehen." Aber wenn die Heimat seiner Eltern kritisiert wird, dann regt sich in ihm Widerspruch: "Man kann nicht sagen, die DDR war ein Unrechtsstaat, und heute ist alles gut."
Der junge Mecklenburger macht sich zum Fürsprecher der untergegangenen ostdeutschen Diktatur - und vertritt damit eine Mehrheitsmeinung: 20 Jahre nach dem Mauerfall verteidigt heute eine absolute Mehrheit von 57 Prozent der Ostdeutschen den untergegangenen SED-Staat: "Die DDR hatte mehr gute als schlechte Seiten. Es gab ein paar Probleme, aber man konnte dort gut leben", sagen 49 Prozent. Weitere 8 Prozent der Ostdeutschen wollen schlicht gar keine Kritik an der alten Heimat gelten lassen, sie stimmen der Aussage zu: "Die DDR hatte ganz überwiegend gute Seiten. Man lebte dort glücklicher und besser als heute im wiedervereinigten Deutschland."
Diese Umfrageergebnisse wurden am Freitag vergangener Woche in Berlin vorgestellt; sie zeigen: Die Verklärung der DDR hat die Mitte der Gesellschaft erfasst. Längst sind es nicht mehr nur Ewiggestrige, die der DDR hinterhertrauern. "Es ist eine neue Form der Ostalgie entstanden", sagt der Historiker Stefan Wolle: "Die Sehnsucht nach der heilen Welt der Diktatur geht weit über die ehemaligen Funktionäre hinaus." Heute werde die DDR sogar von jungen Leuten idealisiert, die sie selbst kaum mehr erlebt haben. "Es geht um den Wert der eigenen Biografie", sagt Wolle.
So reden sich Menschen die Diktatur schön, als würden Vorwürfe gegen den Staat auch ihre Lebensgeschichte in Frage stellen. "Viele Ostdeutsche begreifen jede Kritik am System als Angriff auf ihre eigene Person", sagt der Politologe Klaus Schroeder, 59, Leiter des Forschungsverbundes SED-Staat an der Freien Universität Berlin.
Er warnt vor der Verharmlosung der SED-Diktatur durch Jugendliche, die ihr Wissen über die DDR eher aus Familiengesprächen als aus dem Schulunterricht bezögen. "Nicht einmal die Hälfte der ostdeutschen Jugendlichen bezeichnet die DDR als Diktatur, eine Mehrheit hält die Stasi für einen normalen Geheimdienst", zu diesem Ergebnis kam Schroeder 2008 in einer Schülerstudie: "Diese jungen Leute können und wollen die Schattenseiten der DDR gar nicht kennen."
Mit Äußerungen wie diesen hat sich der Wissenschaftler Feinde gemacht. Mehr als 4000 teils wütende Zuschriften erhielt Schroeder als Reaktion auf die Berichterstattung über diese Studie. Auch der 30jährige Birger hatte sich ursprünglich in einer E-Mail an Schroeder gewandt. Eine Auswahl typischer Zuschriften hat der Politologe nun zusammengestellt, um das Meinungsklima zu dokumentieren, in welchem in Ostdeutschland über die DDR und das vereinigte Deutschland diskutiert wird. Das Material bietet teilweise erschreckende Einblicke in die Gedankenwelt enttäuschter und wütender Bürger. "Aus heutiger Sicht glaube ich, wurden wir mit dem Mauerfall aus dem Paradies vertrieben", heißt es da etwa; ein 38-Jähriger schreibt beispielsweise, "Gott sei Dank" habe er die DDR noch einige Zeit erleben dürfen, Existenzangst, Bettler und Obdachlose habe er schließlich erst nach der Wende kennengelernt.
Das heutige Deutschland wird als "Sklavenstaat" oder "Diktatur des Kapitals" bezeichnet, einige Briefeschreiber lehnen die Bundesrepublik ab, weil sie kapitalistisch oder diktatorisch, jedenfalls nicht demokratisch sei. Schroeder hält solche Äußerungen für bedenklich: "Ich befürchte, dass sich eine Mehrheit der Ostdeutschen nicht mit dem heutigen gesellschaftspolitischen System identifiziert."
Es sind Wendeverlierer und Ewiggestrige, die sich zu Wort gemeldet haben, aber auch Menschen wie Thorsten Schön.
Nach 1989 reihte sich für den Handwerksmeister aus Stralsund zunächst ein Erfolg an den anderen. Den Porsche, den er sich nach dem Mauerfall leisten konnte, hat er zwar längst ausgemustert. Aber die Löwendame liegt noch auf dem Wohnzimmerboden. In Südafrika hatte er das Fell damals erworben, auf einer der Urlaubsreisen, die den Parkettlegermeister in den vergangenen 20 Jahren durch die ganze Welt geführt haben. "Ich habe Glück gehabt, keine Frage", sagt der 51-Jährige heute. Ein Großauftrag hatte in der Wendezeit den Sprung in die Selbständigkeit erleichtert. Aus dem Fenster seines Reihenhauses blickt Schön direkt auf den Strelasund.
Im Wohnzimmer hängt Wandschmuck aus Bali, neben dem DVD-Spieler hat eine Miniatur der Freiheitsstatue ihren Platz gefunden. Auf dem Sofa sitzt Thorsten Schön und schwärmt von alten DDR-Zeiten: "Früher war der Zeltplatz ein Ort, an dem alle gemeinsam ihre Freiheit genossen", sagt er. "Diese Menschlichkeit" sei es, was er heute am meisten vermisse, "und der Zusammenhalt". Die Mangelwirtschaft samt Tauschgeschäften sei "eher wie ein Hobby gewesen". Ob er eine Stasi-Akte habe? "Das interessiert mich nicht", sagt der Handwerksmeister, "die Enttäuschung wäre auch zu groß."
Sein Urteil über die DDR steht fest: "Für mich war das damals weniger Diktatur als das, was wir heute haben." Gleiche Löhne und gleiche Renten fordert er für den Osten. Und wenn Thorsten Schön dann beginnt, über das vereinigte Deutschland zu schimpfen, schwingt in seiner Stimme auch die Begeisterung über den eigenen starken Auftritt mit: Gelogen und betrogen werde hier allerorts, Unrecht werde heute nur hinterlistiger begangen als in der DDR, Hungerlöhne und zerstochene Autoreifen habe es dort jedenfalls nicht gegeben. Von eigenen schlechten Erfahrungen im heutigen Deutschland kann Schön nicht berichten. "Es geht mir heute besser als früher", sagt er, "aber zufriedener bin ich nicht."
Um kühle Logik geht es bei diesem Auftritt weniger, eher um Abrechnung. Denn unzufrieden macht Thorsten Schön vor allem "das falsche Bild vom Osten, das der Westen heute verbreitet". Die DDR, das sei für ihn "kein Unrechtsstaat" gewesen, sondern "die Heimat, in der meine Leistung anerkannt wurde". Beharrlich wiederholt Schön, wie er sich jahrelang durchgeboxt habe, um sich 1989, wohlgemerkt vor der Wende, selbständig machen zu können: "Wer sich angestrengt hat, konnte es auch in der DDR zu etwas bringen", dies sei eine der Wahrheiten, die in den Talkshows kaputtgeredet werden, wenn Westler so täten, "als wären die Ostdeutschen alle etwas dämlich und müssten zum Dank für die Wiedervereinigung heute noch einen Kniefall machen". Was es da überhaupt zu feiern gebe, fragt sich der Handwerksmeister.
"Der besonnte Blick der Erinnerung ist stärker als die Statistiken über Republikflucht und Ausreiseanträge, stärker sogar als die Akten über Todesschüsse an der Mauer und politische Unrechtsurteile", sagt der Historiker Wolle.
Es sind Erinnerungen von Menschen, deren Familien im SED-Staat nicht verfolgt und schikaniert wurden. Menschen wie dem 30-jährigen Birger, der heute sagt: "Wenn die Wende nicht gekommen wäre, hätte ich auch ein gutes Leben gehabt."
Nach dem Studium hätte er sicher eine "Leitungsfunktion in irgendeinem Unternehmen" übernommen. Ähnlich wie der Vater vielleicht, der LPG-Vorsitzender war. "Die DDR hat im Leben eines DDR-Bürgers keine Rolle gespielt", fasst Birger zusammen. Diese Sichtweise teile sein gesamter Freundeskreis, allesamt Zonenkinder mit Hochschulabschluss, Jahrgang 1978. "Wende oder nicht Wende", so hätten sie neulich gemeinsam festgestellt, das sei für sie doch im Grunde egal gewesen. Die Reiseziele wären dann eben nicht London und Brüssel gewesen, sondern Moskau und Prag. Und der eine Kumpel, der heute Beamter in Mecklenburg ist, der wäre in der DDR wohl einfach ein linientreuer Parteisoldat gewesen.
Nüchtern und wortkarg trägt der junge Mann seine Meinung vor. Nur gelegentlich guckt er etwas trotzig und sagt: "Ist nicht so interessant, was ich erzähle, ich weiß. Opfergeschichten lassen sich besser darstellen."
Normalerweise spricht Birger nicht über seine Herkunft. In Duisburg, wo er arbeitet, weiß kaum jemand, dass er aus Ostdeutschland stammt. Aber an diesem Nachmittag möchte Birger der "Geschichtsschreibung der Sieger" einmal widersprechen: "In der öffentlichen Wahrnehmung gibt es nur Opfer und Täter, aber die breite Masse fällt hinten runter."
Hier spricht einer, der sich persönlich betroffen fühlt, wenn Stasi-Terror und Repression beim Namen genannt werden. Ein Akademiker, der zwar weiß, "dass man die Mauertoten nicht gut finden kann", dem zum Schießbefehl an der Grenze allerdings auch einfällt: "Wenn da ein großes Schild steht, sollte man da auch nicht hingehen. Grob fahrlässig war das doch."
Und so stellt sich eine alte Frage neu: Gab es ein richtiges Leben im falschen? Die Verharmlosung der Diktatur wird in Kauf genommen als Preis für die Wahrung der eigenen Selbstachtung. "Die Menschen verteidigen ihr eigenes Leben", so beschreibt der Politologe Schroeder die Tragik eines geteilten Landes. JULIA BONSTEIN
Von Julia Bonstein

DER SPIEGEL 27/2009
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