06.07.2009

REITEN„Geld, Macht und Ruhm“

Der CHIO-Vermarkter Michael Mronz über dopende Reiter, den Einfluss der Zuschauer und die Notwendigkeit, Pferde wie Leistungssportler zu behandeln
SPIEGEL: Sie vermarkten seit zwölf Jahren das Weltfest des Pferdesports, den CHIO in Aachen. Das Turnier 2009 ging Sonntag mit dem Abschied der Nationen zu Ende. Am Samstag ist die Tour de France gestartet, das wichtigste Radrennen der Welt. Was haben die beiden Veranstaltungen gemeinsam?
Mronz: Der CHIO und die Tour stehen für Leistungssport auf höchstem Niveau. Alle Teilnehmer wollen eine tolle Performance abliefern - bei den Reitern bin ich davon überzeugt, dass der Großteil dies auf einer fairen Basis tut.
SPIEGEL: Da muss man derzeit einen anderen Eindruck haben. Fühlen Sie sich eigentlich mitschuldig an den zahlreichen Dopingfällen?
Mronz: Wieso sollte ich?
SPIEGEL: Sie haben Reiten in Deutschland populär gemacht, Sie haben dafür gesorgt, dass Springreiten zur besten Sendezeit live übertragen wird. Mehr Fernsehzeit bedeutet mehr Geld. Halten Sie es für möglich, dass damit auch die Versuchung größer wird zu betrügen.
Mronz: Den Zusammenhang sehe ich nicht. Ob einem das gefällt oder nicht: Wenn es um Geld, Macht und Ruhm geht, herrscht immer die Gefahr von Manipulation. Das ist in allen Gesellschaftszweigen so, auch im Sport. Das hat nichts mit dem Fernsehen zu tun oder mit Preisgeldern. Nehmen Sie Gewichtheben: Das ist ein Sport, in dem man relativ wenig verdienen kann, aber im Gewichtheben gibt es relativ viele Dopingfälle.
SPIEGEL: Meinen Sie, dem Pferdesport wird Unrecht getan?
Mronz: Ich will überhaupt nichts schönreden. Aber immer gleich das Damoklesschwert Doping zu beschwören ist nicht akzeptabel. Im Januar fand man den 800-Meter-Läufer René Harms tot in seiner Wohnung, viele Medien spekulierten, der Tod sei eine Folge von Doping. Die Obduktion ergab darauf keine Hinweise, er ist an einer virusbedingten Herzmuskelentzündung gestorben.
SPIEGEL: Nach dem Dopingfall des Radprofis Patrik Sinkewitz 2007 haben ARD und ZDF die Live-Berichterstattung von der Tour de France gestoppt. Haben Sie befürchtet, dass die öffentlich-rechtlichen Sender auf eine Übertragung des CHIO verzichten, nachdem das Pferd der fünfmaligen Olympiasiegerin Isabell Werth positiv getestet worden ist?
Mronz: Es hat nie Gespräche mit den Sendern in diese Richtung gegeben.
SPIEGEL: In der wettkampffreien Zeit dürfen Reiter ihre Pferde behandeln, wie sie wollen. Sie müssen doch gewusst haben, wie schamlos Reiter Medikamente einsetzen.
Mronz: Ich bin kein aktiver Reiter, ich habe da also keine Erfahrung. Und es ist auch nicht die Aufgabe des Veranstalters zu wissen, was im Stall passiert. Dafür ist der Reiter selbst verantwortlich.
SPIEGEL: Was können Sie denn tun, um Doping zu bekämpfen?
Mronz: Nach den Olympischen Spielen haben die Veranstalter auf freiwilliger Basis beschlossen, die Zahl der Tests zu erhöhen. Bei allen Prüfungen mit Weltranglistenpunkten werden die drei Erstplazierten plus ein ausgelostes Pferd kontrolliert. Die Kosten übernehmen wir. Darüber hinaus haben wir die Macht des Wortes, nein, das ist der falsche Ausdruck, wir haben die Möglichkeit des Wortes. Und wir haben das Publikum. Das sind unsere Mittel, die wir besitzen, um Einfluss auszuüben.
SPIEGEL: Was kann das Publikum tun?
Mronz: Es kann dem Reiter zu verstehen geben, dass er fehl am Platze ist, wenn er gegen die Regeln verstoßen hat. 1999 haben wir den Amerikaner McLain Ward von der Anlage verwiesen, weil er seinem Pferd Plastikspitzen in die Gamaschen gesteckt hat. Der Weltverband hat ihn für acht Monate gesperrt, wir haben dafür gesorgt, dass er fünf Jahre nicht in Aachen gestartet ist. Als er zum ersten Mal wieder beim CHIO war, wurde er von vielen Zuschauern ausgepfiffen.
SPIEGEL: Und wie setzen Sie das Wort ein?
Mronz: Zum Beispiel, indem wir der Reiterlichen Vereinigung klarmachen, dass es kein Turnier mehr geben wird, wenn wir den Zuschauern, den Sponsoren und den Medien nicht mehr sagen können: Wir sind überzeugt, dass wir sauberen Sport präsentieren. Ich habe im Moment das Gefühl, dass der Verband unsere Anregungen wahrnimmt.
SPIEGEL: Was für Anregungen sind das?
Mronz: Ein Pferd sollte als Leistungssportler betrachtet werden, und die Dopingkontrollen sollten der Nationalen Anti-Doping-Agentur übertragen werden. Kontrolliert wird nicht nur im Turnier, sondern auch während der wettkampffreien Zeit. Das Problem dabei ist: Der Kontrolleur kennt vielleicht den Reiter. Aber zu erkennen, ob der Max im Pferdestall wirklich der Max ist, der getestet werden soll, und nicht der Moritz, das ist schwieriger. Stallbücher sind wichtig, jeder Reiter muss eins führen, muss alle Medikationen eintragen. Der Verband muss sich dem Internationalen Sportgerichtshof unterwerfen, die Reiter verpflichten sich, den ordentlichen Gerichtsweg auszuschließen. Und bei einem Dopingfall wird nicht nur der Reiter gesperrt, sondern auch das Pferd. Das wäre eine Drohung, bei der ein Reiter, der auf dem falschen Pfad unterwegs ist, ins Grübeln kommt.
SPIEGEL: Und die Trennung von Medikation und Doping?
Mronz: Die gehört abgeschafft. Diesen Unterschied gibt es schließlich in keiner anderen Sportart. Wir müssen festlegen, welche Medikamente erlaubt sind und welche nicht. Die Nulllösung im Wettkampf allerdings halte ich nicht für zeitgemäß. Ich finde, dass ein Pferd im Turnier ein Recht hat auf bestimmte Behandlungen, wenn sie nicht leistungssteigernd sind. Ein Sprinter darf sich zwischen zwei Läufen ja auch mit einer Salbe massieren lassen.
SPIEGEL: Tierschützer sagen, ein Pferd, das Medikamente bekommt, gehört nicht in einen Wettkampf.
Mronz: Bei der Handball-WM vor zwei Jahren in Deutschland wurde die Leistung unserer Nationalspieler bewundert, da sie jeden zweiten Tag gespielt haben. Sie waren Stars, weil sie Voltaren geschluckt haben, um ihre Schmerzen zu unterdrücken. Letztes Jahr, kurz nach den Olympischen Spielen, schrieb eine Sonntagszeitung über drei Kölner Fußballer mit Verletzungen, sie seien wahre Männer, weil sie sich für ein Spiel fitspritzen ließen und Tabletten nahmen.
SPIEGEL: Ein Handballer kann nein sagen, ein Fußballer auch. Ein Pferd nicht.
Mronz: Deshalb brauchen wir eine Wertediskussion im Reitsport. Schmerzlindernde Mittel, damit das Pferd starten kann, das darf nicht sein. Und soweit ich das beurteilen kann, gehört ein Pferd mit Zitterkrankheit nicht in den Spitzensport, egal, was es sonst für Fähigkeiten hat. Da sind die Veterinäre gefragt, da können wir als Veranstalter nichts tun.
SPIEGEL: Wie könnte man dieses Problem lösen?
Mronz: Mein Vorschlag lautet, und die Reiter werden darüber nicht glücklich sein: Der Verband sollte einen Kreis von Tiermedizinern definieren, eine Liste erstellen von 20 Veterinären. Ein Reiter muss dann mit dem Kreis dieser Ärzte zusammenarbeiten. Die Mediziner könnten dann sagen, dieses oder jenes Medikament ist zwar in Amerika erlaubt, aber in Deutschland verboten. Die Ärzte müssen mit dafür haftbar gemacht werden können, wenn sie den Pferden etwas geben, das nicht regelkonform ist. Dann würde es endlich aufhören, dieses: Das wusste ich nicht, darüber habe ich mich mit meinem Veterinär nicht unterhalten. Es darf nicht sein, dass jeder versucht, Schuld von sich wegzuschieben.
SPIEGEL: Kommenden Montag beginnt die Befragung der früheren A-Kader-Reiter vor der unabhängigen Kommission, jeweils in 45-minütigen Gesprächen. Was erwarten Sie?
Mronz: Ich habe die Hoffnung, dass die Aktiven und die Vertreter des Verbandes sehr offen reden. Im Moment habe ich den Eindruck, dass sie eher aneinander vorbeireden. Wir als Veranstalter empfinden es als wichtig, auch die Verbandsvertreter mit einzubeziehen. Ich tue mich schwer damit, dass bestimmte Leute sagen, sie hätten bestimmte Dinge nicht mitbekommen, obwohl sie so eng an der Mannschaft waren.
SPIEGEL: Ist es für Sie schwieriger, in der aktuellen Situation Sponsoren zu finden?
Mronz: Nein, wir haben in Aachen vorige Woche mit drei großen Wirtschaftspartnern neue Verträge abgeschlossen.
SPIEGEL: Telekom und Gerolsteiner sind aus dem Radsport ausgestiegen, sind Reitsportsponsoren schmerzfreier?
Mronz: Ich habe den Sponsoren unsere Position erklärt, dass wir Transparenz wollen und klare Regeln. Vieles haben wir bereits umgesetzt - und das nicht erst seit kurzem. Die Sponsoren honorieren das. Wenn die Dopingdiskussion sich aber über die nächsten Jahre hinzieht, könnte die Situation eine andere werden.
INTERVIEW: MAIK GROßEKATHÖFER

Michael Mronz
ist seit 1997 Geschäftsführer der Aachener Reitturnier GmbH und damit Vermarktungschef des CHIO, der größten Reitveranstaltung der Welt. Mronz, 42, organisiert und vermarktet seit fast 20 Jahren Sportveranstaltungen. Zu seinen Auftraggebern gehören der TV-Entertainer Stefan Raab sowie das Organisationskomitee der Leichtathletik-Weltmeisterschaft, die im August in Berlin stattfindet.
Von Maik Großekathöfer

DER SPIEGEL 28/2009
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