06.07.2009

ZEITGEISTBündnis für die Blume

In der Politik wird über schwarz-grüne Liaisons diskutiert - in ihrer Freizeit verbinden die Deutschen bereits traditionelle und links-ökologische Vorlieben: etwa bei ihrer neuen Lust aufs Gärtnern.
Stadtromantik - so muss sie aussehen: Julia Jahnke steht auf einer Wiese, umgeben von hohen Häusern, sie trägt ein Kleid über einer Hose, darüber eine Trainingsjacke, sie hat ihre roten Haare locker zusammengebunden, eine Strähne fällt über die Schulter. Sie bückt sich, pflückt Kräuter. Doch für Julia Jahnke hat das, was sie da gerade tut, nichts mit Anmut und Mädchencharme zu tun, sondern mit Politik und Protest.
Jahnke, 35, Gartenbauwissenschaftlerin und zurzeit Yogalehrerin, gehört zu einer besonderen Stadtguerilla - den "Gartenpiraten". Das sind Menschen aus allen möglichen Berufen und Studiengängen, die in ihrer Freizeit losziehen mit Eimern, Schaufeln und Gießkannen, um öffentliche Flächen zu begrünen: Erdansammlungen um Bäume herum, Verkehrsinseln, brache Böden in den großen Lücken, die manchmal zwischen den Häusern klaffen.
Die Gartenpiraten wollen die Städte grüner und schöner machen und damit ein Bekenntnis ablegen gegen die "Privatisierung und Kommerzialisierung des öffentlichen Raums", so jedenfalls drückt sich Jahnke aus, während sie über den Rasen in Berlin-Friedrichshain läuft.
Bald soll dieser Garten einem Mehrfamilienhaus weichen, wie schon das Nachbargrundstück; die Gartenpiraten hatten es von Schutt und Müll befreit, "Rosa Rose" genannt und aus pinkfarbenen Blumen einen Schriftzug gepflanzt: "Rosa Rose bleibt". Grünkohl, Rote Bete und Sellerie kamen dazu, gegen die anrückenden Bauarbeiter und die Polizei war jedoch die Menschenkette, die die Gartenpiraten vor dem Grundstück gebildet hatten, machtlos.
Am 20. Juli müssen die Piraten auch das Grundstück räumen, auf dem Jahnke jetzt steht. Doch bis dahin werden sie hier sein, weil sie zeigen wollen, dass es in diesen dichtbebauten, ehemals Ost-Berliner Straßenzügen freie Grünflächen geben muss, nicht nur Steine.
Julia Jahnke erzählt von Nachbarschaftsfesten mit Kaffee und Kuchen, zu denen Sympathisanten aus den umliegenden Häusern kommen, einige sind über 80 Jahre alt und leben seit Jahrzehnten hier in der Kinzigstraße.
Dann wird Jahnke wieder theoretisch. Es sei an der Zeit, "Systemdiskussionen über eine gerechtere Gesellschaft" zu führen: "Nur weil wir kein Geld haben, heißt das noch lange nicht, dass wir all das nicht haben dürfen", sagt sie und zeigt mit ausholender Geste auf die Blumen und Kräuter um sie herum.
Achtzehn Kilometer weiter südwestlich, immer noch Berlin, derselbe heiße Tag, diesmal Dahlem, ein Villenviertel. Hier gibt es seit einem Jahr wieder eine "Königliche Gartenakademie". Die preisgekrönte Gartenarchitektin Gabriella Pape, 46, hat sie eröffnet.
Die gebürtige Hamburgerin hat zwei Jahrzehnte im gartenverrückten England gelebt, mit dem Zuspruch der Queen auf der legendären Ausstellung "Chelsea Flower Show" sogar eine Medaille gewonnen (als erste Deutsche überhaupt). Nun möchte sie in Deutschland eine Mission erfüllen, im Land der düsteren Koniferenhecken eine neue Leidenschaft für alles Blühende wecken: "Mit dem letzten Krieg ist hier eine große Tradition verlorengegangen, die Leute waren lange nur am Status, an weiten Reisen und Autos interessiert, jetzt erst entdecken sie ihr Zuhause wieder."
Idyllisch ist Papes Akademie gelegen, in alten, restaurierten Gewächshäusern können Besucher Pflanzen kaufen, Kaffee trinken und Kurse besuchen, zum Beispiel den Lehrgang "Der Garten für Anfänger", zu dem sich diesmal 13 Teilnehmer angemeldet haben.
Bevor sie das Gelände erkunden und in einem abgedunkelten Gewächshaus einen Lichtbildvortrag über gekonntes "Gartendesign" anhören, sollen sie erzählen, was sie hierher geführt hat. Eine Kursbesucherin sagt, sie habe in Potsdam ein Haus geerbt, mit großem Garten, nun brauche sie Ideen dafür. Der nächste besitzt in Berlin-Heiligensee ein Dreißiger-Jahre-Gebäude: "Gibt es so etwas wie einen Dreißiger-Jahre-Garten?" Dann spricht ein Adliger, der den Park um seinen Familiensitz herum neu gestalten möchte.
In Dahlem ist die gesellschaftliche Gegengruppe zu den Friedrichshainer Gartenpiraten versammelt: die Wohlhabenden, die Erben, diejenigen, die nicht um einen Garten kämpfen müssen, sondern mit einem eigenen leben - oft Hunderte, eher noch Tausende Quadratmeter groß.
Auch wenn sich die Dahlemer Kursteilnehmer und die Friedrichshainer Gartenpiraten in ihren Vermögensverhältnissen erheblich voneinander unterscheiden, sind sie sich doch in einer Hinsicht ähnlich: in ihrer Hingabe an alles Grüne. In der Friedrichshainer Baulücke eilt Julia Jahnke zu einer fast verblühten Rose wie zu einem Kind, das sich weh getan hat, und richtet sie behutsam wieder auf. In Dahlem sorgt sich der Adlige mit großem Ernst um das Schicksal seiner Buchsbaumhecke.
Mögen Politiker klagen, dass die politische Mitte verschwimmt - in ihren Freizeitvorlieben scheinen die Deutschen den Mainstream gefunden zu haben, quer durch Generationen und soziale Schichten. "Gärtnern ist in", behauptet das Berliner Linksblatt "Neues Deutschland" und gibt sich lokalpatriotisch: "Berlin gilt als Hauptstadt der neuen Lust an der Gartenarbeit." Das ideologisch ziemlich anders gelagerte Münchner Magazin "Focus" legte zu Pfingsten eine Titelgeschichte zum Do-it-yourself-Trend vor, auch das Gärtnern kam mit ein paar begeisterten Bemerkungen vor.
In der Mai-Ausgabe des "Buchreports" wird verkündet, dass sich Gartenbücher glänzend verkauften und in den Buchhandlungen als "A-Thema" auf "A-Flächen" präsentiert würden. Entsprechend optimistisch lesen sich die Texte. Gabriella Pape schreibt in ihrem Buch "Gartenverführung": "Ein Garten bringt Sinnlichkeit und Zuversicht ins Leben." Woanders steht der Jubelruf: "Endlich gärtnern!" - "Wer keine Zeit hat, braucht umso dringender einen Garten" - "Sogar Rasenmähen ist die reinste Erholung im Vergleich zum ganz normalen Alltagsstress".
In Zeiten der Krise, des unabsehbaren Wandels, so die Verheißung, kann der Mensch wenigstens hinter dem Gartenzaun und dem Balkongeländer noch seine eigene Welt ordnen.
Nicht nur Bücher, auch Gartenzeitschriften sind beliebt, das Magazin "Landlust", seit vier Jahren auf dem Markt, gilt als erfolgreichste Neugründung in der Zeitschriftenbranche, die Auflage stieg auf über 450 000 Exemplare. Auch Architekturzeitschriften greifen immer wieder Gartenthemen auf.
Eine große Untersuchung im Auftrag der Zentralen Markt- und Preisberichtsstelle in Bonn erforscht die Befindlichkeiten der deutschen Gartenbesitzer und kommt zu dem Ergebnis, dass es "eine distanzierte Betrachtung des eigenen Gartens nur vereinzelt" gibt.
Die Marktforscher diagnostizieren eine "starke emotionale Bindung" an das Stück Grün. Der Garten werde als "Kokon" verstanden, als Ort weit weg von den Unannehmlichkeiten des Alltags. "Für viele Gartenbesitzer
ist es unvorstellbar, in einer Wohnung ohne Garten zu leben."
Allerdings bestätigt die Studie auch Gabriella Papes Beobachtung, dass die Deutschen mit Komplexen zu kämpfen haben, wenn es um das Aussehen ihrer Gärten geht: Nur 30 Prozent sind "sehr zufrieden" mit ihrem Garten, die übrigen 70 Prozent haben die Idealvorstellung von ihrem Garten noch nicht erreicht. Je höher das Einkommen, desto größer die gestalterische Unsicherheit. Jüngere Gartenbesitzer kennen überdurchschnittlich oft die Namen ihrer Pflanzen nicht.
Immerhin bewerben sich wieder viele junge Familien mit Eifer um Schrebergärten. Ob sich darin das Ende des Spießertums oder der Anfang einer neuen Biedermeierlichkeit ankündigt, ist ungewiss. Noch gibt es kein passendes Etikett, weil sich in der Sehnsucht nach dem Gartenidyll links-ökologische und konservativbürgerliche Traditionen zu vereinen scheinen. Jedenfalls passt es zu aktuellen politischen Diskussionen: Die Grünen aus den jungen, aufstrebenden urbanen Schichten sind in der Mitte der Gesellschaft angekommen; wenn "links" und "bürgerlich" keine Gegensätze mehr sind, erscheint eine schwarz-grüne Polit-Liaison auf Bundesebene genauso wenig absurd wie Garten- statt Hausbesetzungen.
Selbst Amerikas First Lady Michelle Obama nutzt ja den Garten des Weißen Hauses, um zugleich bürgerliche und progressive Botschaften auszusenden. Die emanzipierte Präsidentengattin lässt sich bei einer traditionellen Hausfrauentätigkeit fotografieren: dem Anlegen eines Gemüsebeets. Die Obamas ziehen Grünzeug, weil sie damit eine Haltung popularisieren möchten: zurück zu den Wurzeln, öko ist gut, Gärtnern ist Politik.
Tatsächlich spiegelt die grüne Bewegung nicht eine Renaissance deutschnationaler Gemütlichkeit, sie ist global verbreitet. Die Guerillagärtner haben eine eigene Homepage, Guerrillagardening.org, auf der Gartenkämpfer aus Dublin, Rom und Kapstadt grüßen. In der britischen Zeitung "The Garden" rüttelt Autor John Walker die eher traditionelle Leserschaft mit politischen Botschaften auf: "Um die Treibhausgase zu reduzieren und zur Stabilisierung des Klimas beizutragen, müssen wir Gärtnern als Akt zur Rettung der Umwelt sehen."
Das Bündnis steht, auch zwischen den Friedrichshainer Gartenpiraten und den Dahlemer Luxusgärtnern. Angesprochen auf Julia Jahnke und ihre grüne Guerillatruppe sagt Pape überschwänglich: "Denen habe ich versprochen, eine Samenmischung für eine Saatbombe zu mixen."
Saatbomben bestehen aus Samen, Mutterboden und Tonpulver, sie werden von Gartenpiraten irgendwo in den Städten auf freie Flächen geworfen. Dann hoffen sie auf Regen, eine prachtvolle Blüte und eine bessere Welt. SUSANNE BEYER
* In dem von ihr angelegten Gemüsegarten des Weißen Hauses.
Von Susanne Beyer

DER SPIEGEL 28/2009
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